Toyota Prius Plug-in Hybrid Fahrbericht

Im Gegensatz zum Vorgänger-Duo hat Toyota beim neuen Prius Wert
darauf gelegt, dass sich der normale und der Plug-in-Hybrid bereits
von außen deutlich unterscheiden.
Bild 1 von 25

Im Gegensatz zum Vorgänger-Duo hat Toyota beim neuen Prius Wert darauf gelegt, dass sich der normale und der Plug-in-Hybrid bereits von außen deutlich unterscheiden.

© Toyota
Wed Feb 08 14:07:17 CET 2017 - Wed Feb 08 14:07:17 CET 2017 Uhr von Torsten Seibt

Toyota bringt den neuen Prius nun auch als Plug-in-Variante. Wir sind für den ersten Fahrbericht schon einmal damit herumgestromert und haben überprüft, ob der den versprochenen Einliter-Verbrauch auch wirklich schafft.

Es ist, so scheint es, ein Fall von Liebe auf den zweiten Blick. Der erste Plug-in-Versuch von Toyota, mit dem Vorgängermodell des heutigen Prius, war weder von überragendem Verkaufserfolg noch besonderer Leidenschaft der Produktverantwortlichen geprägt. Man hatte ihn halt gebaut, weil einige Märkte danach gefragt hatten. Unter heutigen Ansprüchen an solche Fahrzeuge war der erste Prius Plug-in im Wortsinne halbherzig. Bei Außerorts-Tempo sprang fast unvermeidlich der Benziner zu Hilfe, die elektrische Reichweite war mit rund 20 Kilometer ausgesprochen überschaubar. Aber jetzt soll alles anders werden.

Die zweite Generation Plug-in trifft auf ein inzwischen recht munteres Konkurrenzfeld, wo der Vorgänger noch Pionier war. Doch da vor allem die Premium-Hersteller inzwischen die Plug-in-Medizin zur Verarztung ihrer Flottenverbräuche entdeckt haben, ist richtig Betrieb bei den Teil-Elektrikern.

Deutliche Unterschiede in der Optik

Im Gegensatz zum Vorgänger-Duo hat Toyota beim neuen Prius Wert darauf gelegt, dass sich der normale und der Plug-in-Hybrid bereits von außen deutlich unterscheiden. Eine dynamischere Frontschürze, eine geänderte Heckpartie, zu alledem ist der Plug-in länger: 10,5 Zentimeter hat er vor allem nach hinten angebaut, um das Batteriepack mit 8,8 kWh Kapazität im Gepäckraum unterbringen zu können. Das Mehrgewicht durch die große Traktionsbatterie wurde zumindest teilweise bekämpft. So ist die Heckklappe des Prius Plug-in aus Kohlefaser, selbst an einer elektrischen Sitzverstellung wurde gespart – keine Stellmotoren, weniger Gewicht. Im Ergebnis bringt der Prius Plug-in 150 Kilo mehr auf die Waage als sein konventionelles Hybrid-Brüderchen.

Technisch hat Toyota diesmal richtig ausführlich getüftelt, obwohl viel davon dem Besitzer verborgen bleiben wird. So verfügt das optionale Solardach, das unter Idealbedingungen pro Jahr Energie für 700 - 1.000 Kilometer gewinnen soll, über eine eigene Pufferbatterie, die ihrerseits die Traktionsbatterie mit gezielten Ladezyklen beaufschlagt. Ganz besonders tüftelig war die Entwicklung der Klimatisierung. Um den Prius Plug-in bei kalter Witterung schnell vorzuheizen, hat Toyota eine Wärmepumpe entwickelt. Hierbei handelt es sich nach dem Funktionsbetrieb um eine „umkehrbare“, elektrisch betriebene Klimaanlage, die je nach Schaltung von Kompressor und Verdampfer den Innenraum kühlen oder heizen kann. Die Konstruktion ist zwar teuer, aber erheblich effektiver als die üblichen simplen elektrischen Zuheizer in Batteriefahrzeugen. Und: Sie funktioniert im Stand bei angeschlossenem Ladekabel, der Wagen kann so zum Beispiel für den morgendlichen Start im Winter vorgeheizt werden, ohne die Fahrzeugbatterie zu beanspruchen. Hat die Traktionsbatterie noch genug Strom, funktioniert das übrigens auch ohne Ladekabel, dann eben auf Kosten der Reichweite. Start: Ganz einfach per Knopfdruck auf der Fernbedienung.

Erster Toyota mit Matrix-LED

Ganz nebenbei führt Toyota beim Prius Plug-in exklusiv das erste Matrix-Licht der Marke ein. Die komplex ansteuerbaren LED-Spots der Hauptscheinwerfer klammern entgegenkommenden Verkehr automatisch aus, streuen das Licht je nach Tempo in die Breite oder fokussiert nach vorne und leuchten bei Kurvenfahrt den Fahrbahnrand aus. So kann der Prius Plug-in-Besitzer (das Matrix-Licht ist in allen Ausstattungsvarianten serienmäßig) nachts praktisch komplett mit Fernlicht unterwegs sein

Dass der Toyota Prius der vierten Generation verbindlich federt, lenkt und fährt, haben wir bereits im ausführlichen Test festgestellt und können uns daher beim Erstkontakt mit dem Plug-in dessen speziellen Eigenheiten widmen. 63 Kilometer elektrische Reichweite verspricht die Normmessung, realistische 50 die Toyota-Techniker – die letztendlich ausweislich der ersten Testfahrt Recht behalten sollen. Nach dem Start per Knopfdruck surrt der Prius Plug-in – das ist ebenfalls neu – automatisch im vollelektrischen Modus davon und schaltet erst bei Bedarf in den regulären Hybrid-Betrieb in Kooperation mit dem Benzinmotor. Vorwählen lässt sich das wie auch drei verschiedene Fahrprogramme (Sport, Normal, Eco) per Knopfdruck, ein weiterer rein elektrischer Betriebsmodus mit reduzierter Leistung lässt sch speziell für den innerstädtischen Verkehr aktivieren.

Prius Plug-in: Bis zu 135 km/h rein elektrisch

Interessant: Mit reinem Elektroantrieb wirkt der Prius subjektiv spontaner und antrittsfreudiger als bei zugeschaltetem Benziner. Das liegt an der unmittelbaren Umsetzung von Pedalbefehl in Vortrieb. Bis zu 135 km/h können erreicht werden, dann allerdings natürlich mit drastischem Stromverbrauch. Ist der Verbrenner beteiligt, kommt das berühmt-berüchtigte Gummibandgefühl des stufenlosen Planetenradgetriebes zum Tragen, das Prius-Neulinge stets irritiert. Mit diesem kann man sich im Alltag jedoch nach etwas Eingewöhnung anfreunden, da der neue Prius seltener die Stimme erhebt und eine etwas kommodere Getriebe-Abstimmung als der Vorgänger hat. Nur bei Überholvorgängen oder nennenswerten Steigungen wird es laut – verhältnismäßig. Denn die erstaunlich effektive Dämmung des Prius Plug-in macht den Benzinmotor im Normalbetrieb zum leise brummenden Hintergrundgeplänkel, die nicht besonders lauten Abrollgeräusche übertönen ihn bei weitem.

In rund zwei Stunden ist die Traktionsbatterie vollgeladen, sofern eine Wallbox mit entsprechend Ladestrom verfügbar ist. Fern der Heimat lassen sich außerdem reguläre Haushaltssteckdosen anzapfen, der Ladevorgang zieht sich dann allerdings bis zu drei Stunden. Ein relatives Alleinstellungsmerkmal des neuen Prius Plug-in Hybrid ist seine sehr offensive Rekuperation. Schon im normalen Einsatz wird die Traktionsbatterie an Gefällen durchaus nennenswert wieder aufgefüllt, um fünf bis sechs Prozent steigt die Kapazität bereits an einem durchschnittlich langen Autobahngefälle. Noch praktischer und beileibe nicht von jedem Plug-in-Hybrid auf dem Markt beherrscht ist die gezielte Aufladung während der Fahrt. Ist der Akku leergefahren, aber am Zielort wird elektrischer Antrieb benötigt, kann die Traktionsbatterie auf Knopfdruck geladen werden. Das geht ziemlich zügig. 30 Prozent Akkuladung oder umgerechnet rund 15 Kilometer elektrische Stadtreichweite lassen sich bereits in zwanzig Minuten Fahrt bereitstellen. Das ist zwar längst nicht so effektiv wie die Beladung an der Steckdose, aber ein sehr praktisches Feature.

Toyota Prius Plug-in extrem sparsam

Der Fabel-Verbrauch von einem Liter Benzin auf 100 Kilometer Fahrstrecke ist wie bei Plug-in-Hybriden üblich dem Labor-Prüfzyklus zu verdanken, bei dem zusätzlich 7,2 kW Stromverbrauch zu Buche schlagen. Auf der ersten Testfahrt zeigte sich, dass der Prius Plug-in jedoch auch auf längeren Etappen sehr sparsam unterwegs sein kann. Nach 180 Kilometer Fahrstrecke mit ausgewogenem Stadt- und Überland-Anteil samt Autobahn warf der Bordcomputer ein Verbrauchsmittel von 2,7 Liter aus, die zum Start voll geladene Traktionsbatterie hatte dank Rekuperation auf der Strecke noch über 30 Prozent Restkapazität. Das ist durchaus eine Ansage. Je nach Fahrprofil lassen sich diese Werte entsprechend variieren. So ist auf Langstrecke eher ein Vierliter-Verbrauch zu erwarten, während im häufigen Kurzstreckeneinsatz bei optimaler Ladeversorgung die Eins vor dem Komma tatsächlich keine Utopie sein dürfte. Natürlich stets unter Einbeziehung der „Tank“-Kosten für den Ladestrom.

Nur unter Sparsamkeits-Aspekten werden nüchterne Rechner jedoch keine Begründung zum Kauf des Toyota Prius Plug-in herleiten können, denn das Preisniveau ist beachtlich. Wenigstens 37.550 Euro sind für den Prius Plug-in Comfort fällig, das sind laut Liste 7.650 Euro mehr als für den normalen Prius ohne Plug-in. Den vermarktet Toyota aktuell mit einem eigenen Bonusprogramm mit 3.000 Euro Nachlass, sodass die aktuelle staatliche Prämie für den Plug-in-Hybrid von ebenfalls 3.000 Euro den Abstand nicht reduziert. Diese Differenz lässt sich über die Benzin-Ersparnis selbst im jahrelangen Einsatz praktisch kaum hereinfahren. Plug-in-fahren ist daher auch beim neuen Toyota Prius in erster Linie ein Statement, das dem Käufer nun allerdings mit erweiterter Ausstattung (Matrix-Licht) und expressiverer Fahrzeug-Optik leichter gemacht wird.

Fazit

Technisch ist der neue Prius Plug-in faszinierend, im Gegensatz zum Vorgänger funktioniert nun auch das elektrische Fahren mit praxistauglicher Reichweite und höherem Tempo. Bemerkenswert ist die effektive Rekuperation und der hohe Entwicklungs-Aufwand, der speziell für dieses Nischen-Modell betrieben wurde. Der hohe Preisunterschied zum normalen Prius macht den Plug-in trotz seiner technischen Vorzüge jedoch zu einem Fall für Überzeugungstäter, rechnerisch ist er kaum zu begründen.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
Kommentare
Top-Artikel
In Stuttgart beginnt der beschränkte Zugang für Autos mit Diesel-Motor bereits ab dem kommenden Jahr. Weitere deutsche ...mehr
Walter Röhrl, gerade 70 geworden, ist für gute Auto-Sprüche bekannt. Doch auch andere äußerten sich humorvoll zum ...mehr
Mercedes räumt ab, der VW-Konzern bleibt stark: Bei der Leserwahl "Best Cars 2017" wurden die Top-Modelle in allen ...mehr
Anzeige
Auto Motor und Sport
Anzeige
Auch interessant
Anzeige
Anzeige
Anzeige