04.08.2009 - 13:17 Uhr von Dr. Nina Mann

Nägelkauen

Nägelkauen
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Nägelkauen

 © Getty Images

Psychologen bezeichnen Nägelkauen als Ersatzhandlung, eine Angewohnheit, die bei verschiedensten Anlässen auftreten kann und den inneren Handlungsdruck senken soll. Meist ist es eine Reaktion auf Stress und Überforderung. Mit Geduld, Willenskraft und ein paar Tricks ist das Knabbern an den Nägeln in den Griff zu bekommen.

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Anne, eine sehr gute Freundin, sitzt vor mir und erzählt von ihrem Vorstellungsgespräch. Es sei nicht gut gelaufen, sagt sie und kaut an ihren Fingernägeln. Ich nehme ihr ohne Worte ihre Hand aus dem Mund, woraufhin sie sie ballt und wegzieht. Das einzig Hässliche an Anne sind ihre Fingernägel. Sie sind beinahe nicht mehr vorhanden. Bei dem Gespräch sei es ihr peinlich gewesen, ihre Hände zu zeigen. Am liebsten hätte sie sich draufgesetzt. Sie hatte gelesen, dass bei Einstellungsgesprächen auf solche äußerlichen Details geachtet wird.

Das Rumkauen an den Nägeln sei immer schon so gewesen, erklärt sie. Schon in der Schule und sogar noch früher habe sie dies getan. Eigentlich tat sie immer so, als sei es ihr egal, reagierte aber ärgerlich, wenn ich sie darauf aufmerksam machte. Ich glaube, sie steht oft unter großer Anspannung. Aber auch ich bin nicht immer entspannt und kaue trotzdem nicht an den Nägeln. Ich habe mir vorgenommen dieser seltsamen Angewohnheit auf den Grund zu gehen.

10 bis 15 Prozent Prozent der Erwachsenen kauen an den Nägeln
Dass man ab und an zum Nägelkauer wird, ist ganz normal. Nach Expertenschätzungen kauen allerdings 30 Prozent der Kinder und zehn Prozent der Erwachsenen regelmäßig an den Nägeln. Bei Kindern ist dieses Verhalten nach der Pubertät rückläufig, hält sich aber in einigen Fällen hartnäckig. Es kann sich aber auch erst im Erwachsenenalter ausbilden.

Vielleicht aus einem urtümlichen Putzverhalten entstanden, stellt es eine Ersatzhandlung dar, genauer eine Übersprungshandlung, die aufgrund eines inneren Handlungsdrucks vollzogen wird. Nicht immer wird eine Motivation der Handlung für den Außenstehenden und auch für die betreffende Person sichtbar. Man muss einfach etwas machen und kaut daher erst mal an den Nägeln, am Nagelbett und der umgebenden Haut herum.


Wenn Nägelkauen zum Problem wird
Wenn dieses Verhalten sich verstärkt, kann es zu einem Zwang werden. Meist unbewusst und in allen möglichen Situationen wird dann an den Nägeln gekaut. Bei diesem exzessivem Kauen wird dann der Nagel so weit abgebissen, dass das Nagelbett verletzt wird und Entzündungen entstehen – das Verhalten bekommt etwas Selbstverletzendes und Aggressives. In dieser Situation, in der zwanghaft an den Nägeln gekaut wird, muss man sich Gedanken über die Ursachen machen.

Der Alltag fordert eine ständige Entscheidungs- und Handlungsbereitschaft. Durch die unentschiedenen und unerledigten Dinge entsteht ein innerer Handlungsdruck, auch Mitmenschen wie Eltern, Partner, Chefs und Kollegen können einen enormen Druck erzeugen. Um diesen Druck zu senken, kauen manche an den Nägeln. Man zieht sich mit dieser Handlung zurück, bezieht sich auf sich selbst: Erst pflegt, dann verletzt, in jedem Fall spürt man sich. Doch die Wirkung ist nur vorübergehend, da diese Handlung natürlich nicht die eigentlich geforderte Handlung ersetzt.

Und warum kauen andere nicht?
Es ist nicht genau erforscht, warum manche Menschen an den Nägeln kauen und andere nicht. Es gibt eine ganze Palette von Übersprungshandlungen, und es spielen viele Faktoren beim Herausbilden dieser einen speziellen Handlungsweise eine Rolle. Nägelkauen gehört sicher zu einer der harmloseren Varianten der Ersatzhandlungen. Viel schlimmer ist es, wenn potentiell suchterzeugende Substanzen herangezogen werden wie Zigaretten oder Alkohol.

Der Kreislauf aus Stress, Reaktionsdruck und Nägelkauen kann sich so sehr verselbständigen, dass die Betroffenen wie unter Zwang kauen. Kinder knabbern eher an den Nägeln als Erwachsene, da sie mit Stressoren im Allgemeinen weniger umgehen können. Bei Schulproblemen oder Stress zu Hause nutzen Kinder weit häufiger die Möglichkeit, sich durch das Nägelkauen zurückzuziehen, bis dahin sich zu verletzen.

Dazu kommen, im fortgeschrittenen Fall, die ständige Ermahnung der Umwelt und die Scham wegen der heruntergenagten Nägel als weitere Stressfaktoren. Die Betroffenen merken es zunächst meist nicht, wenn sie an den Nägeln kauen und sind manchmal dabei wie abwesend. Werden sie unterbrochen durch einen erhobenen Zeigefinger, sind sie erschrocken und verärgert und entwickeln mit der Zeit ein Schuldgefühl, das den Druck noch weiter erhöht.

Die beste, da nachhaltige Therapie, ist die Beseitigung oder wenigstens Verminderung von Überforderung und Stress. Gerade Kinder brauchen viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das regelmäßige Nägelkauen ist ein eindeutiges Zeichen, dass das Kind überfordert ist. Wo drückt der Schuh, wo sitzt die Enttäuschung, die Angst, gibt es Unstimmigkeiten zu Hause, in der Schule, fühlt sich das Kind irgendwo ausgeschlossen? Die Eltern sollten dem Kind helfen, diese Fragen zu klären.

Bestrafung ist nicht der richtige Weg
Ist die Stresssituation aufgespürt, kann man beispielsweise durch Nachspielen der Situation andere Lösungsstrategien finden, als die bisher erfolglos angewendeten. Drohungen oder gar Strafen beenden das Kauen an den Nägeln nicht. Im Gegenteil, es wird noch mehr Druck aufgebaut, was wiederum das Nägelkauen verstärken kann. Auch sollte das Nägelkauen nicht ständig erwähnt werden.

Zudem sollte sich das Kind oder der Erwachsene nicht vor anderen schämen müssen, da die Hände ohnehin schon oft genug vor Scham versteckt und zu Fäusten geballt werden. Entspannungsverfahren sind von großem Nutzen, beispielsweise Autogenes Training oder Hypnose. Dabei geht es zum einen um die Körperwahrnehmung und zum anderen um die gezielte Stressreduktion.

Ein paar Tricks: Tinkturen, lackierte Nägel, Belohnung
Hat sich das Fingernägelkauen bei einem Erwachsenen derartig verselbständigt, dass die Finger wie von Geisterhand getrieben auch während entspannter Ferienmomente unbewusst in den Mund wandern, kann man sich durch ein paar Tricks die schlechte Angewohnheit immer wieder bewusst machen: Schlecht schmeckende Tinkturen mit denen die Nägel eingepinselt werden wie ein Wermutkraut-Aufguss oder ein Fertigpräparat aus der Apotheke können einen daran hindern, unbewusst zu kauen.

Auch können manikürte und lackierte Nägel wie ein Stop-Signal wirken. Man kann sich auch teure künstliche Fingernägel anmodellieren lassen. Ein Vertrag, in dem man festlegt, sich nach einer längeren, nägelkaufreien Zeit, gebührlich zu belohnen, kann ein positiver Anstoß sein. Im Vergleich zu anderen Ersatzhandlungen ist Nägelkauen mit Geduld und etwas Willenskraft gut in den Griff zu bekommen.

Ich spreche Anne schon seit langem nicht mehr auf ihre Nägel an. Überhaupt versuche ich, ihre Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die sie bestärken. Ich habe ihr im Zusammenhang mit unseren Schlafstörungen, unter denen wir beide von Zeit zu Zeit leiden, vorgeschlagen, mit mir zusammen Autogenes Training zu erlernen und seit einigen Wochen praktizieren wir diese Technik.

Mir scheint, dass Annes Finger nun während unserer Gespräche öfter ruhig in ihrem Schoß liegen, statt im Mund zu verschwinden.

Quelle: freenet.de
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