Benzin-Affäre um Ferrari und Leclerc

Charles Leclerc - Ferrari - GP Abu Dhabi 2019 - Formel 1
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Charles Leclerc - Ferrari - GP Abu Dhabi 2019 - Formel 1

© xpb

Ferrari steht wieder unter Verdacht, getrickst zu haben. Prüfungen vor dem GP Abu Dhabi ergaben, dass die Benzinmenge im Auto von Charles Leclerc höher war, als bei der FIA angegeben. Leclerc drohte die Disqualifikation. Doch die Sportkommissare entschieden sich für eine Geldstrafe.

Es ist die unendliche Geschichte dieser Saison: Ferrari und seine Betriebsstörungen. Beim GP Abu Dhabi hat der erfolgreichste Rennstall der Formel 1 ein weiteres Kapitel dazu geschrieben. Knapp 50 Minuten vor dem Rennstart versendete Jo Bauer Post. In Dokument 34 des GP-Wochenendes beanstandete der FIA-Technikkommissar, dass es Unregelmäßigkeiten bei einer Stichprobe bei Ferrari gegeben habe.

Konkret bedeutet das: Ferraris Angaben zum Füllstand des Benzintanks in Charles Leclercs Auto haben signifikant von den Messungen der FIA abgewichen. Die Proben ergaben, dass Ferrari 4,88 Kilogramm zu viel aufgetankt haben. Das entspricht 6,66 Liter. Damit verstießen die Italiener gegen die Technische Direktive TD/14-19.

Wieder einmal geriet Ferrari in Verdacht, bewusst geschummelt haben zu wollen. Leclerc drohte die Disqualifikation. Gut dreieinhalb Stunden nach Rennende fällten die Stewards ihr Urteil. Leclerc darf seinen dritten Platz behalten. Ferrari muss eine Geldstrafe von 50.000 Euro bezahlen. Das ist für einen Rennstall mit einem Jahresbudget von etwa einer halben Milliarde eine Kleinigkeit.

PS-Delta schrumpfte

Die Verdachtsmomente gegen Ferrari gab es nicht das erste Mal in dieser Saison. Mercedes und Red Bull war Ferraris Leistungsvorteil beim Motor suspekt. Deshalb bombardierten sie die FIA mit Anfragen.

Red Bull präsentierte dem Weltverband vor dem GP USA detailliert, wie man den Sensor des Benzindurchflussmengenbegrenzers (Fuel Flow Meter) manipulieren könne, um die Durchflussmenge von 100 Kilogramm pro Stunde zu umgehen. Es folgte eine Technische Direktive und die Klarstellung, dass es verboten sei, die Frequenz des Sensors zu stören. In Brasilien folgte die nächste Technische Direktive, die untersagte, Kühlflüssigkeiten mit in den Verbrennungsprozess zu mischen.

Plötzlich stellten Mercedes und Red Bull in ihren GPS-Messungen nicht mehr Ferraris Leistungsexplosion von zeitweise mehr als 50 PS fest. Das Delta schrumpfte stattdessen auf etwa 15 Kilowatt, was 20 PS entspricht.

Ferrari innerhalb der Durchflussmenge

Im Qualifying zum GP Abu Dhabi war Ferrari zwar auf den Geraden zusammengerechnet viereinhalb Zehntel schneller als Mercedes und Red Bull. Aber nicht verdächtig schnell. Man konnte es auf den Abtriebslevel schieben. Ferrari fuhr mit den Austin-Flügeln, also nicht mit maximalem Anpressdruck. Dieser Hintergrund ist wichtig, um die Tragweite der Benzinaffäre in Abu Dhabi einordnen zu können. Denn nicht wenige im Fahrerlager sahen sich bestätigt, dass Ferrari trickst.

Die FIA macht vor dem Start immer wieder Stichproben. Dabei wird der komplette Kraftstoff abgepumpt, das Auto leer gewogen, danach wieder eingefüllt und noch einmal auf die Waage gestellt. So kennt man die tatsächliche Spritmenge im Auto. Die muss mit der übereinstimmen, die vor dem Rennen vom Team angegeben wird.

Die FIA macht diese Checks, um später die Gesamtbenzinmenge zu messen, die vom Start bis ins Ziel nicht 110 Kilogramm überschreiten darf. Vorher ist natürlich mehr im Tank. Man braucht das Benzin für die Runden in die Startaufstellung und die Ehrenrunde nach dem Rennen. Die verbrannte Menge Benzin nur über den Fuel Flow Meter hochzurechnen, wäre zu ungenau, und würde Möglichkeiten zum Betrug offerieren. Die Messungen während des Rennens ergaben, dass Ferrari zu keiner Zeit gegen die maximale Durchflussmenge von 100 Kilogramm pro Stunde verstieß. Außerdem wurde Leclercs SF90 nach dem Rennen erneut mit dem Restsprit gewogen.

Ferrari zehn Mal kontrolliert

Die Technikkommissare machen diese Stichproben in der Regel bei den Topautos. Mercedes wurde in diesem Jahr vier Mal kontrolliert. „ Bei uns waren es glaube ich zehn Checks in dieser Saison“, sagt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. „Und es gab nie etwas zu beanstanden.“ Der Mann, der Harry Potter ähnlichsieht, setzte seine Unschuldsmiene auf. „Wir glauben, dass alle unsere Messungen korrekt sind. Nur eine ist nicht schlüssig. Wir sind froh, dass wir mit der FIA, den Technikexperten und den Sportkommissaren bei dieser Frage ins Detail gehen können.“

Es gab nicht wenige Experten, die nach der Unregelmäßigkeit einen Ausschluss des Autos mit der Startnummer 16 noch vor dem Rennen forderten. Die Rennkommissare entschieden sich dagegen. „Es ist eine komplexe Sache. Die Überprüfung des Tankinhalts dauert an sich schon sehr lange. Die Inspektoren haben ihre Mitteilung zum frühestmöglichen Zeitpunkt versendet. Man muss Ferrari die Zeit einräumen, sich zu erklären. Und das konnten sie in diesem Fall erst nach dem Rennen“, erklärt FIA-Rennleiter Michael Masi.

Ferraris Glück war es in diesem Fall, dass sich die FIA auf die Technik-Direktive bezog. Es gab keinen Verstoß gegen das technische Regelwerk, sondern gegen Artikel 12.1.1 des FIA Sportcodes. Das ist eine Art Verhaltenskodex.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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