Der Fünfkampf im F1-Mittelfeld: Es geht um 31 Millionen Dollar

Der Fünfkampf im F1-Mittelfeld: Es geht um 31 Millionen
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Der Fünfkampf im F1-Mittelfeld: Es geht um 31 Millionen Dollar

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Der wahre Grand Prix findet zwischen Platz vier und 14 statt. Der Fünfkampf zwischen McLaren, Racing Point, Renault, Ferrari und Alpha Tauri spitzt sich zu. Wir haben die Zahlen analysiert und verraten, wer die besten Karten hält.

Bei den Diskussionen um das Qualifikationsrennen mit umgekehrter Startreihenfolge als künstlichen Spannungsmacher, meinten jüngst viele Fahrer: "Wozu brauchen wir das? Nehmt die zwei Mercedes und Verstappen raus, und wir haben ein super Rennen."

Tatsächlich geht es hinter dem Spitzentrio rund. McLaren, Racing Point, Renault, Ferrari und Alpha Tauri stecken in einem Fünfkampf, an dem auch noch der zweite Red Bull-Fahrer Alexander Albon teilnimmt. Für die Teams geht es in der Konstrukteurs-WM um die Plätze drei und sieben. Oder um einen Preisgeldbonus zwischen 77 und 108 Millionen Dollar, vorausgesetzt 2021 stehen wieder 100 Prozent der Ausschüttung zur Verfügung.

Ein klarer Favorit ist in dem dicht gedrängten Feld noch nicht auszumachen, höchstens eine Tendenz. McLaren, Racing Point und Renault werden den Kampf um Platz drei wohl unter sich ausmachen. Sie liegen nach zehn Rennen gerademal sieben Punkte auseinander. Zwischen Ferrari und Alpha Tauri geht es darum, wer Letzter in dieser Gruppe wird. Die 14 Punkte Vorsprung von Ferrari sind kein Ruhepolster. Ein Chaosrennen wie Monza kann alles auf den Kopf stellen.

Racing Point trotz 15 Punkten Abzug Zweiter

McLaren startete mit einem kleinen Vorteil in die Saison. Doch der hielt nicht lange an. Je besser Racing Point seine Mercedes-Kopie verstand, desto mehr musste McLaren um die Vorherrschaft in der Formel 1B zittern.

Seit dem GP Belgien gehört auch noch Renault zu den Kandidaten für die Bronzemedaille. Die Franzosen haben in den letzten Rennen am besten gepunktet und den großen Rückstand, den man sich im ersten Saisondrittel eingehandelt hat, praktisch wettgemacht. Auch bei Renault dauerte es eine Weile, bis die Ingenieure ihr Auto verstanden.

Wenn man aus Startplätzen, Rennergebnissen, WM-Punkten und Abstand zu Mercedes die Quersumme zieht, dann hat McLaren die beiden Rennen in Spielberg und Monza dominiert. Ungarn, das zweite Silverstone-Rennen, Spanien und Toskana gingen an Racing Point. Renault war beim ersten Rennen in England, in Belgien und Russland die stärkste Kraft.

Ferrari und Alpha Tauri schwammen immer nur mit, aber nie ganz vorne. Dank günstiger Umstände sahnte Ferrari beim Saisonauftakt und in Silverstone 1 kräftig ab, während Alpha Tauri in Monza den ganz großen Coup landete. Ginge es nach tatsächlich erzielten Punkten, läge Racing Point jetzt in Führung. Doch nach dem erfolgreichen Protest von Renault gegen die Raubkopie der Bremsbelüftungen vom Mercedes, wurden dem derzeitigen WM-Vierten 15 Punkte abgezogen.

Ferrari verfehlte drei Mal das Q3

Legt man den Rückstand zur Pole Position als absoluten Maßstab an, dann hat Racing Point klar die Nase vorn. Der Abstand schwankt relativ konstant zwischen 0,8 und 1,2 Sekunden. Einziger Ausreißer war der GP England, wo man mit der Abstimmung verwachste. Die Ingenieure setzten auf zu viel Abtrieb. Das brachte Racing Point einen Rückstand von 1,536 Sekunden auf Mercedes ein. Eine Woche später verlor man auf der gleichen Strecke mit besser abgestimmten Autos nur noch 0,928 Sekunden.

McLaren schwankt da deutlich mehr. Es gibt Lichtblicke wie die 0,687 Sekunden Rückstand beim ersten Rennen, dann aber auch wieder Rückschläge wie die Differenz von 2,726 Sekunden beim GP Toskana in Mugello. Renault robbte sich im Verlauf der Saison langsam aber stetig an die Mercedes heran. Es begann mit einem durchschnittlichen Delta von 1,5 Sekunden und bewegt sich nun langsam auf eine Sekunde zu.

Ferrari sieht dank einiger Chaosrunden von Charles Leclerc in der Statistik besser aus als das Auto ist. Der tatsächliche Abstand zu Mercedes schwankt zwischen 1,5 und zwei Sekunden. Drei Mal schaffte es der Vize-Weltmeister des Vorjahres nicht einmal ins Q3. Alpha Tauri verfehlte vier Mal die Runde der Top Ten. Wenn eines der Autos ins Q3-Finale aufsteigt, dann fehlen zwischen 1,2 und 1,8 Sekunden auf den Trainingsschnellsten.

McLaren 18 Mal in den Top Ten beim Start

McLaren machte über die ersten zehn Rennen am Samstag die beste Figur. Carlos Sainz und Lando Norris qualifizierten sich 18 von 20 Mal in den Top Ten. Die Racing Point-Piloten schafften das 16, Renault 13, Ferrari neun und Alpha Tauri sechs Mal.

Drei Mal stand ein McLaren-Fahrer auf dem dritten Startplatz. Racing Point gelang das zwei Mal, den anderen aus dem Club nie. Im Rennen schneidet Racing Point mit 16 Punkteplatzierungen am besten ab vor McLaren und Renault mit je 13, Alpha Tauri mit elf und Ferrari mit zehn. Mit Ausnahme von Renault schaffte es jedes Team aus dem Mittelfeld wenigstens ein Mal auf das Podium.

Das einzige Team ohne Nullrunde ist Racing Point. Bei Ferrari stehen schon drei Nuller in der Tabelle, bei McLaren, Renault und Alpha Tauri je einer. Ein Totalausfall tut weh, weil unter normalen Umständen alles ab Platz vier möglich ist. Da kann der Gegner unter günstigen Umständen auch mal 22 Punkte gutmachen.

Ein Vorsprung ist aber auch schnell wieder verspielt. McLaren seilte sich in Monza mit 30 Zählern um 16 Punkte von seinem nächsten Verfolger ab. Zwei Rennen später beträgt der Vorsprung zu Racing Point nur noch zwei Punkte.

Ferrari hat nicht nur an Speed verloren, sondern auch an Zuverlässigkeit. Fünf Mal schafften die roten Autos nicht die Distanz. Drei Mal wegen Unfall, zwei Mal aus technischen Gründen. McLaren beklagte zwei Unfälle und einen Defekt.

Bei Racing Point war zwei Mal die Technik schuld. Die beiden Unfälle von Lance Stroll liegen nicht in der Verantwortung des Fahrers. Einmal platzte ein Reifen, einmal half Leclerc nach. Renault beklagte drei Defekte. Alpha Tauri landete drei Mal in den Absperrungen und muss sich ein technisches Problem mit dem Getriebe ankreiden lassen.

Renault profitiert von neuer Motor-Regel

Der Streckentyp spielt für das Kräfteverhältnis eine geringere Rolle als man glaubt. McLaren und Racing Point sehen ihre Schwächen zwar eher in langsamen Kurven, Renault und Alpha Tauri in schnellen, doch die Ergebnisse ergeben da kein einheitliches Bild. McLaren war in Mugello von sich selbst enttäuscht, Renault dagegen angenehm überrascht.

Renault-Teamchef Cyril Abiteboul hat deshalb den Verdacht: "Vielleicht liegt es gar nicht am Streckentyp. Vielleicht funktioniert unser Auto in ganz kleinen Fenstern genau an seinem Potenzial, und wenn wir dieses Fenster nur ein bisschen verlassen, verlieren wir überproportional viel Zeit. Egal welche Strecke. Es gab da Verdachtsmomente. Deshalb haben wir in Mugello eine Reihe unterschiedlicher Fahrzeugabstimmungen durchgespielt, und einige davon scheinen unsere Theorie zu bestätigen."

Ferrari weiß, dass man überall dort leidet, wo Motorleistung oder eine effiziente Aerodynamik gefragt sind. "Eigentlich waren wir bis jetzt nur in Budapest einigermaßen bei der Musik", vergleicht Vettel. Kein Wunder. Dort spielen Power und ein günstiger Luftwiderstand die geringste Rolle. Pech für Ferrari, dass es dieses Jahr nur ein Rennen im Kalender gibt, bei dem mit maximalen Abtrieb gefahren wird und die Geraden obendrein noch kurz sind.

Die Beschränkung auf einen Motor-Modus hat Ferrari eher geschadet als genutzt. Der große Profiteur scheint Renault zu sein. Das lässt sich auch erklären. Renault konzentrierte sich im Winter darauf, die Leistung, die man im letzten Jahr dazugewonnen hatte, über längere Distanzen abzusichern. Davon sollte auch McLaren profitieren. Trotzdem reicht es noch lange nicht für Mercedes. Der Weltmeister-Motor ist für Racing Point deshalb eine der großen Trumpfkarten.

McLaren mit aggressiver Entwicklung

McLaren-Teamchef Andreas Seidl kommentiert den derzeit dritten Platz seines Teams so, dass man das viertbeste Auto, aber das drittbeste Team hat. Der Racing Point RP20 gilt als das beste Auto in dieser Gruppe. Das liegt nicht mehr nur daran, dass der RP20 wie ein Ei dem anderen dem letztjährigen Mercedes gleicht. Racing Point hat sich auf ein großes Upgrade in dieser Saison konzentriert, das in zwei Schritten eingeführt wurde.

Das neue Aero-Paket, das in Mugello debütierte, ist ein klarer Schritt Richtung Eigenständigkeit. Und die 2020er Hinterachse von Mercedes hilft dem Auto ganz offensichtlich auch bei der Traktion. Der Schritt nach vorn war spürbar. Es wird für die Gegner eine harte Nuss, das zu kontern.

McLaren zeigt praktisch jedes Rennen Neuheiten, die spektakulärste zuletzt mit der neuen Nase und dem neuen Frontflügel. Wie viel er bringt ist nach zwei Probeläufen noch nicht ganz klar. Der GP Russland war für McLaren nach einem Kilometer praktisch gelaufen. Die Nase ist nur die Basis für weitere Änderungen.

Renault verfolgt die Politik der kleinen Schritte. "Das ist bis jetzt mit einer Ausnahme positiv verlaufen. In einem Bereich hatten wir Korrelationsprobleme mit dem Windkanal", verrät Abiteboul. Die größten Fortschritte machte Renault bei der Einstellung des Fahrzeuges. In Silverstone und Mugello experimentierten die Ingenieure mit komplett neuen Denkansätzen und stießen offenbar auf eine Goldader. Man nimmt an, dass Renault nach Mercedes-Vorbild weiter die Anstellung des Autos reduziert.

Der Alpha Tauri AT01 ist nirgendwo richtig schlecht, aber auch nirgendwo eine echte Gefahr für McLaren, Racing Point und Renault. Für Ferrari reicht es. Das Schwesterteam von Red Bull feilt ebenfalls ziemlich regelmäßig an der Aerodynamik. Mit Erfolg. Zu Saisonbeginn fehlten Alpha Tauri drei Zehntel zum Mittelfeld, jetzt ist man dran.

Ferrari begann im Mittelfeld und stürzte zwischenzeitlich in den Tabellenkeller ab, wo Alfa Romeo, Haas und Williams eine ähnlich enge Schlacht um die kleinen Punkte ausfechten. Sebastian Vettel machte den tiefen Fall daran fest, dass Ferrari nach dem GP Steiermark sein Auto nicht mehr weiterentwickelt hat, die Konkurrenz dagegen schon.

Erst in Sotschi präsentierten die Techniker wieder neue Teile. Es war ein kleiner Schritt nach vorn. Weitere Entwicklungsstufen sollen folgen, alle mit dem Ziel den Abtrieb an der Hinterachse zu erhöhen und stabiler zu machen. "Die Richtung stimmt", bilanzierte Teamchef Mattia Binotto in Sotschi. Das wird auch notwendig sein, um das Mindestziel zu erreichen. Das ist die Verteidigung von Platz sechs. Für weiter nach vorne wird es schwer. Auf Renault fehlen schon 25 Punkte.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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