F1-Testbilanz Barcelona 2017

Valtteri Bottas - Mercedes - Sebastian Vettel - Ferrari
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Valtteri Bottas - Mercedes - Sebastian Vettel - Ferrari

© sutton-images.com
11.03.2017 - 00:00 Uhr von Michael Schmidt

Acht Testtage in Barcelona und 34 368 Kilometer: Wer steht nach 64 Stunden Probegalopp vorne, wer hinten? Nach unserer Analyse liegt Mercedes knapp vor Ferrari und Red Bull. Dem Mittelfeld fehlen 1,3 Sekunden.

Melbourne kann kommen. Die 10 Teams haben an acht Testtagen von Barcelona 34.368 Kilometer abgespult. Am Ende von 64 Stunden Probegalopp stand eine Bestzeit von 1.18,634 Minuten. Das ist um 4,131 Sekunden schneller als die beste Testzeit aus dem Vorjahr. Auto und Fahrer blieben gleich. Kimi Räikkönen im Ferrari führte auch im Vorjahr die Rangliste an.

Ferrari hinterließ in Barcelona einen starken Eindruck in allen Disziplinen. Die roten Autos waren unter allen Bedingungen schnell, sie drehten konstant und vor allem zuverlässig ihre Runden. Das fehlte im Vorjahr. Da brauchte Ferrari drei Motoren an acht Tagen. Diesmal reichte eine Antriebseinheit. Mit 952 Runden lag Ferrari um 98 Runden über dem Pensum des letzten Jahres. Nur ein Elektronikproblem, ein Hydraulikleck und ein Unfall von Räikkönen störte das Bild.

Nur Ferrari ließ die Hosen runter

Streckenspione adelten den neuen Ferrari SF70H als das Auto mit der besten Straßenlage. Das unterstrichen auch die Rundenzeiten. Ferrari knackte als einziges Team die 1.19er Marke. GPS-Messungen ergaben, dass die Ferrari-Piloten in den schnellen Kurven 3 und 9 vor den Mercedes liegen. Die gewinnen dafür im langsamen Streckenteil. „Kein Auto hat eine so gute Traktion“, erzählte TV-Experte Martin Brundle nach einem Streckenbesuch.

Sind die Autos aus Maranello deshalb auch Favorit? Niki Lauda glaubt ja: „Ferrari liegt zwei Zehntel vor uns, und wir zwei Zehntel vor Red Bull.“ Das ist Mercedes-Diplomatie. Nach den Hochrechnungen der Ingenieure liegt Mercedes vor Ferrari und Red Bull. Aber nur äußerst knapp. Die Differenz beträgt maximal drei Zehntel. Mit dem üblichen Unsicherheitsfaktor von Testfahrten. Der Kommentar der Mercedes-Ingenieure zu der Ferrari-Show spricht für ein gesundes Selbstvertrauen: „Wir brechen deshalb nicht in Panik aus.“

Eigentlich galt Red Bull als der große Herausforderer. Doch noch ist bei den Bullen Sand im Getriebe. Das so wunderbar schlichte Auto wurde vom Motor im Stich gelassen. Am Renault V6-Turbo brach mehrmals der Antrieb der MGU-K. Am letzten Tag trat ein Turboproblem auf. Mit 634 Runden liegt Red Bull weit hinter Mercedes (1.096) und Ferrari (952). Die Motorprobleme zwangen Red Bull auf einer niedrigen Power-Stufe zu fahren.

Unterschiedlich auch der Ansatz der drei Topteams. Ferrari war das einzige Team, das die Hosen runterließ. Die Bestzeit von Räikkönen ist vielleicht nicht das letzte Wort von Ferrari, doch die Italiener haben weniger Luft nach oben als Mercedes und Red Bull. Mercedes wollte sich nicht an der Zeitenjagd beteiligen, Red Bull konnte nicht. „Du lernst nichts, wenn du mit wenig Sprit eine schnelle Runde fährst“, behaupten die Mercedes-Ingenieure.

Mercedes schrubbt wieder Kilometer ab

Mercedes machte im Prinzip das gleiche wie im Winter 2016. Die Silberpfeil-Piloten schrubbten Kilometer ab und gaben mit der daraus resultierenden Datenflut den Ingenieuren Nahrung, Auto und Reifen zu verstehen. Mit 1.096 Runden reichten Lewis Hamilton und Valtteri Bottas aber nicht an die Marathondistanz des Vorjahres heran. Da standen 1.294 Runden auf der Uhr.

Mercedes fuhr die meiste Zeit mit reichlich Benzin um den Kurs. Bei 1.19,310 Minuten war Ende der Fahnenstange. Nach internen Hochrechnungen wäre eine Rundenzeit von 1.18,0 Minuten oder sogar leicht darunter möglich gewesen. Nicht nur der Tankinhalt und konservative Motoreinstellungen verfälschten das Bild. Lewis Hamilton gab zu: „Ich habe noch nicht das optimale Setup gefunden.“

Der Unterschied zur Konkurrenz lag darin, dass Mercedes in der zweiten Testwoche ein großes Aero-Paket brachte. Ferrari und Red Bull fuhren zwei Wochen lang praktisch unverändert. Im Fall von Red Bull glaubt man, dass der wahre neue RB13 am Filmtag in Barcelona eingefahren und dann zum Saisonstart in Melbourne enthüllt wird. „ Es ist also schwer abzuschätzen, was da noch kommen wird. Wir gehen davon aus, dass im Motor noch sieben Zehntel liegen“, urteilt Mercedes-Teamchef Toto Wolff über Red Bull. Und Ferrari? „Die sind ein echter Gegner.“

Ferrari kommt traditionell mit wenig Neuerungen zum ersten Rennen. Mercedes wird in Australien weiter aufrüsten. Auch wenn das erste Upgrade nicht ausreichend getestet werden konnte. Im Bereich der vorderen Kante des Unterbodens brachen immer wieder Teile ab. Mit der geflickten Version konnten nicht 100 prozentig verlässliche Daten produziert werden. „Wir haben zwei Tage damit verloren. Die ramponierten Aero-Teile führten uns teilweise in die Irre“, erzählte Chefdesigner Aldo Costa.

Auch Red Bull hatte seine Blackouts. Just als Firmenchef Dietrich Mateschitz Barcelona seine Aufwartung machte, schwächelte das Auto. „Wir sind zwei Sekunden zu langsam“, rätselte Teamberater Helmut Marko. Er führte es auf Fehler beim Setup zurück. Am letzten Tag lag der Red Bull wieder auf Kurs. So ganz hat der große Herausforderer noch nicht seinen Weg gefunden. Max Verstappen fuhr Vergleichstests mit zwei unterschiedlichen Frontflügeln.

Williams ist die Nummer 4

Die drei Topteams liegen je nach Sicht der Beteiligten zwischen einer und 1,5 Sekunden vor dem großen Mittelfeld. Das ist zwar dicht gedrängt, doch auf eine Erkenntnis konnten sich alle Teams einigen. Williams ist im Augenblick die Nummer 4. Mit einem erstaunlich simplen Auto. Williams folgte damit der Red Bull-Philosophie. „Wir haben eine einfache Plattform, die funktioniert. Die anderen müssen erst Probleme lösen“, sagt Einsatzleiter Rob Smedley.

Hinter Williams wird es unübersichtlich. Toro Rosso, Force India, Renault und HaasF1 liegen praktisch auf einer Ebene. Jeder hat seine Stärken und seine Schwächen und mehr oder weniger in der Hinterhand. Force India will den VJM10 bis zum GP Australien noch 10 Kilogramm abspecken. Teamchef Bob Fernley atmete auf: „Zum Glück haben wir beim Setup Fortschritte gemacht und beginnen die Reifen besser zu verstehen.“ Trotz einer Auspuff-Misere kam Force India mit 784 Runden noch auf Rang 5 der Kilometer-Hitliste.

Renault muss seine Motorprobleme in den Griff bekommen. Das Auto hat den Speed, ist aber schwer auszubalancieren. Die Ingenieure setzen auf die Power eines Werksrennstalls. Renault hat mehr Leute als die direkten Konkurrenten und kann beim Wettrüsten schneller entwickeln. Renaults Motorenprobleme könnten auch für Toro Rosso zum Stolperstein werden. Es ging aber nicht nur das Triebwerk kaputt. Teamchef Franz Tost mahnte: „Unser Schwachpunkt ist die Standfestigkeit. Zum Glück sind es kleine Probleme, und wir wissen, wo wir ansetzen müssen.“ Am Ende der zweiten Testwoche hellten sich die Mienen auf. Carlos Sainz fuhr am letzten Tag auf Platz 3.

HaasF1 rangierte nach der ersten Testwoche noch am oberen Ende des Mittelfelds. In der zweiten verlor das US-Team ein bisschen Kredit. Am letzten Tag kamen die Probleme, von denen man vorher weitgehend verschont blieb. Ein Dreher von Romain Grosjean, eine Sensorwarnung, ein Wasserleck. Im Vergleich zum Vorjahr steht der kleine Bruder von Ferrari deutlich besser da. 718 Runden stehen gegen 474 Runden von 2016. Im Gegensatz zum Rest verzichtete HaasF1 auf schnelle Runden mit wenig Sprit an Bord. Teamchef Guenther Steiner glaubt, dass man eine hohe 1.19er Zeit jederzeit fahren kann.

McLaren-Honda fährt außer Konkurrenz

Sauber rangiert am unteren Ende der Schlange. Beim Blick auf die Zeitenliste beträgt der Abstand zum Mittelfeld 1,5 Sekunden. Aus dem Schweizer Lager hören wir aber, dass die Autos immer mit viel Benzin im Tank gefahren sind. Deshalb sind eineinhalb Sekunden abzuziehen. Für Williams, Force India, ToroRosso, Renault und HaasF1 reicht es trotzdem nicht. „Wir müssen bei den ersten Rennen zuschlagen, wenn die anderen noch Probleme mit der Zuverlässigkeit haben“, fordert Teammanager Beat Zehnder. Mit 788 Runden liegt Sauber auf Rang 3.

McLaren-Honda fuhr quasi außer Konkurrenz. Honda brauchte sechs Motoren an acht Tagen. Ab jetzt gilt: Vier Motoren in 20 Rennen. Alle fragen sich: Wie wollen die Japaner diese Titanenaufgabe lösen? Sie haben noch nicht einmal Antworten für die beiden Schäden, die Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne immer wieder lahmlegten. McLaren kann seine Hände allerdings nicht ganz in Unschuld waschen. Der Ärger mit der Batterie und der Elektronik geht zum Teil auf die Kappe des Teams.

Die Aufholjagd auf Mercedes mit komplett neuen Motoren forderte Opfer. Bei Renault lösbare, bei Honda fundamentale. Bei McLaren schreibt man das erste Saisonviertel bereits ab. Selbst wenn Honda die Antriebseinheiten standfest macht, fehlt der Punch. Die McLaren-Honda verlieren auf den Geraden bis zu 20 km/h. Hondas Fehlstart ließ auch keine Aussage über das Auto zu. Die Fahrer loben den MCL32. Das kann sich ändern, wenn die Rundenzeiten zwei Sekunden schneller werden.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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