Ferrari in Erklärungsnot

Charles Leclerc - GP USA 2019
Bild 1 von 51

Charles Leclerc - GP USA 2019

© Motorsport Images

Ferrari gibt Gerüchten über Motortricksereien neue Nahrung. Charles Leclerc kam 52 Sekunden hinter Sieger Valtteri Bottas ins Ziel. Max Verstappen nahm das zum Anlass, Ferrari einen Betrug zu unterstellen. Ferrari wehrt sich dagegen.

Für Red Bull und Mercedes ist klar. Das Power-Geheimnis von Ferrari ist entschlüsselt. Es muss etwas damit zu tun gehabt haben, dass in den Phasen Benzin eingespritzt wurde, in denen der Benzinflussmengen-Sensor nicht misst.

Die Messungen finden in kurzen Intervallen statt. Red Bull hatte bei der FIA nachgefragt, ob eine solche Praxis erlaubt sei und bekam nach zweimaligem Nachfragen die eindeutige Antwort: Nein, das wäre illegal. Es ist weder erlaubt mehr einzuspritzen als die maximal erlaubten 100 kg/h, noch ist es gestattet die Messung des FIA-Sensors zu manipulieren, indem man das Tonsignal abändert. Ein Ingenieur erklärt den komplizierten Fall mit einem einfachen Beispiel: „Das ist so, als hättest du ein Speedlimt von 70 km/h, das nur alle 100 Meter überprüft wird. Dann kannst du zwischendrin theoretisch 80 km/h fahren ohne erwischt zu werden.“

Kaum war die Technische Direktive 035/19 im Umlauf, schaute die Konkurrenz Ferrari genau auf die Finger. Wenn Red Bull mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen hätte, dann müsste sich ja bei Ferrari etwas ändern. Tatsächlich aber verfehlte Sebastian Vettel die Pole Position nur um 12 Tausendstel.

Charles Leclerc war nach einem Triebwerkstausch mit einem Motor der Spezifikation 2 unterwegs. Man schätzt, dass der Unterschied zur letzten Version mindestens 10 PS beträgt. Trotzdem lag er in seiner Idealzeit auch nur 0,061 Sekunden hinter Bottas. Die Rundenzeiten in der Qualifikation untermauerten jedenfalls noch nicht den Verdacht der Gegner.

Beim Vergleich der Geschwindigkeiten auf den Geraden stellten Red Bull und Mercedes allerdings fest, dass ihr Rückstand auf den Geraden um die Hälfte geschrumpft war. Gegenüber Freitag und gegenüber anderen Rennstrecken mit einem ähnlichen Layout.

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto konterte: „Wir haben zugunsten von mehr Kurvengeschwindigkeit Speed auf den Geraden geopfert. Deshalb haben wir in den Kurven nicht so viel verloren und auf den Geraden nicht so viel gewonnen wie sonst.“ Mit anderen Worten: Ferrari war am Samstag und Sonntag mit mehr Abtrieb und damit mehr Luftwiderstand unterwegs als am Freitag. Formel 1-Chef Ross Brawn zweifelte: „Ich glaube, Ferraris Gegner lesen in die Zahlen das rein, was sie reinlesen wollen.“

Verstappen fährt schwere Geschütze auf

Wenn der Samstag ein noch zweifelhafter Beweis für die Theorien von Red Bull und Mercedes war, dann sahen sich Ferraris Gegner am Sonntag in all ihren Verdachtsmomenten bestätigt. Ferrari war nirgendwo. Schon beim Start konnten die roten Raketen nicht gezündet werden. Vettel verlor bei dem 231 Meter langen Spurt in die erste Kurve sogar eine Position. Nach acht Runden rollte der Deutsche mit einem Aufhängungsschaden rechts hinten aus.

Leclerc kam mit 52 Sekunden Rückstand auf den Sieger lediglich als Vierter ins Ziel. Ferraris starke Form aus den ersten sechs Rennen nach der Sommerpause schien über Nacht wie weggeblasen. Während die Teamchefs Christian Horner und Toto Wolff diplomatisch darauf verwiesen, dass der Rückstand auf den Geraden zu Ferrari geschrumpft sei, wurden die Fahrer deutlicher.

Lewis Hamilton hatte schon am Samstag sein Urteil gefällt: „ Ferrari ist auf den Geraden immer noch besser als wir, hat aber scheinbar Power im Vergleich zu früher verloren. Es wird interessant sein zu beobachten, ob sich das so fortsetzt.“

Max Verstappen feuerte mit schärferer Munition auf Ferrari. Seinem holländischen Haussender „Ziggo Sport“ sagte er: „Das passiert, wenn du aufhören musst, zu schummeln.“ In der Pressekonferenz drückte sich der Red Bull-Star etwas gewählter aus: „Ich bin nicht überrascht über Ferraris schlechtes Ergebnis. Das hat sicher etwas mit dem Papier von gestern zu tun.“

Bottas fragte unschuldig: „Welches Papier? Ich habe nichts gesehen.“ Gemeint war die Technische Direktive der FIA. Ein Mercedes-Mann betonte: „Wer bis zu 50 PS mehr Leistung hat, kann sich auch mehr Abtrieb leisten.“

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto sah sich ausgerechnet an seinem 50. Geburtstag in die Ecke gedrängt. Er wies alle Vorwürfe von sich: „Diese Kommentare sind sehr enttäuschend und schlecht für den Sport. Man sollte mit den Aussagen etwas vorsichtiger sein. Seb hat am Samstag die Pole knapp verfehlt, und Charles musste auf das dritte Training verzichten und mit einem älteren Motor fahren. Die Probleme im Rennen hatten nichts mit dem Motor zu tun. Wir fanden einfach keinen Grip. Ich glaube, da haben einige Leute einfach die falschen Schlussfolgerungen gezogen.“

Nichts am Motor geändert

Binotto beteuerte, dass Ferrari nach Erscheinen der Technischen Direktive nichts am Motor oder den Motoreinstellungen verändert habe. „Wir haben die TD nicht einmal richtig gelesen. Sie hatte null Einfluss auf unsere Leistung im Rennen.“ Leclerc nannte Verstappens Einlassungen einen Witz: „Max hat keine Ahnung. Er ist nicht Teil dieses Teams, kann also auch nichts wissen.“ Vettel enthielt sich eines Kommentars. Nur eine verächtliche Handbewegung zeigt, was er dachte.

Seine eigenen Probleme beschrieb Leclerc so: „Ich habe nie den Grip gefunden. Es fühlte sich an, als würden die Reifen nicht arbeiten. Im ersten Stint war es besonders schlimm. Mit den anderen beiden Reifenmischungen lief es etwas besser, aber immer noch nicht gut genug. Wir waren einfach zu langsam.“ Immerhin schnell genug, dass es auf frischen Soft-Reifen noch zur schnellsten Rennrunde reichte.

Die Top-Speeds auf der langen Geraden untermauerten die Zweifel der Verschwörungstheoretiker nicht. Leclerc landete mit 321,5 km/h zwar nur auf Platz 13, doch der Monegasse war wie Lewis Hamilton die meiste Zeit des Rennens alleine unterwegs. Hamilton war mit 317,6 km/h noch langsamer. Und Bottas und Verstappen mit 324,1 km/h respektive 323,6 km/h trotz Windschatten nicht viel schneller. Das Beschleunigungsduell von Kurve 20 bis zum Zielstrich gewann Leclerc immer noch mit 217,3 zu 213,1 km/h gegen Bottas. Verstappen schaffte da nur 211,1 km/h.

Gemeinsame Sache gegen Ferrari

Red Bull und Mercedes spielen schon seit Monaten Doppelpass bei der Auflösung der Frage, was die Ferrari auf den Geraden so schnell macht. Von allen Theorien erschien die mit der Mogelei bei der Durchflussmenge die wahrscheinlichste. Deshalb reichte Red Bull am 22. Oktober bei der FIA genau zu diesem Punkt eine Anfrage ein.

Man war sich offenbar ziemlich sicher, damit ins Schwarze zu treffen. „So eine Nummer hältst du nicht geheim“, klang es aus dem Lager der Kläger. Was andeuten könnte, dass da einer gequatscht hat. Red Bulls Analyse beinhaltete fünf Charts und eine präzise Betriebsanleitung, wie man dem Durchflussmengen-Sensor vorgaukeln kann, es würde die erlaubte Benzinmenge die Messstelle passieren, während in Wirklichkeit mehr eingespritzt wird.

Red Bull und Mercedes haben auch andere Merkwürdigkeiten bei Ferrari gemeinsam entdeckt. Zum Beispiel, dass Ferrari mit Ausnahme von Monte Carlo und Budapest extrem langsame Runden in die Startaufstellung gefahren ist. So langsam, dass die Fahrer gar keine Erkenntnisse über die Fahrzeugbalance und den Grip gewinnen konnten.

Mercedes und Red Bull schlossen daraus, dass Ferrari Sprit bunkern musste, um später dieses Benzin gewinnbringend einzusetzen. Erst beim GP Mexiko hat Ferrari mit dieser seltsamen Prozedur aufgehört. Auch in Austin war nur eine von insgesamt vier Runden der beiden Fahrer auffällig langsam.

Noch gilt für Ferrari die Unschuldsvermutung. Die FIA hatte bis jetzt keinerlei Auffälligkeiten entdeckt. Sie will der Sache auch nur dann nachgehen, wenn ein offizieller Protest vorliegt. Davor scheuen sich Ferraris Gegner noch, auch wenn die Schonfrist nach Ferraris Votum für das 2021er Reglement abgelaufen ist.

Ein Protest birgt auch die Gefahr sich zu blamieren. Deshalb wird das Beobachten weitergehen. Der nächste GP-Schauplatz bietet sich dafür geradezu an. In Interlagos geht es auf der Geraden 1,5 Kilometer lang vollgas und das meistens bergauf. Spätestens da wird sich zeigen, ob Ferrari auf den Geraden noch das Maß aller Dinge ist.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
Top-Themen
Mercedes stellt eine besonders noble Maybach-Version des größten Mercedes-SUV vor: Der Mercedes-Maybach GLS 600 4Matic ...mehr
Die wohl bedeutendste Sammlung klassischer Maseratis gehört nicht Maserati selbst, sondern der Familie Panini (ja, die ...mehr
Mit dem GLS-Maybach möchte Mercedes Kunden locken, die sich luxuriöses Reisen in geräumigen Fonds wünschen. Wir ...mehr
Anzeige