Grand Prix Tagebuch Abu Dhabi 2016

Abschiedsfoto der Saison 2016. Nicht jeder der Piloten ist 2017
wieder mit am Start. Was damals noch keiner wusste - 3 Piloten
sollten nach dem Rennen zurücktreten.
Bild 1 von 29

Abschiedsfoto der Saison 2016. Nicht jeder der Piloten ist 2017 wieder mit am Start. Was damals noch keiner wusste - 3 Piloten sollten nach dem Rennen zurücktreten.

© sutton-images.com
21.12.2016 - 00:30 Uhr von Michael Schmidt

In ihren Grand Prix Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 21 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP Abu Dhabi abgegangen ist.

Der Grand Prix im Wunderland zählt zu den Rennen, auf die ich locker verzichten kann. Eigentlich hat Abu Dhabi das GP-Finale gar nicht verdient. Weil Abu Dhabi trotz der ganzen Kohle, die dort unten in Form von Öl im Boden verbuddelt ist, auch noch versucht, die Leute abzuzocken. Es geht mit unverschämten Hotelpreisen los und hört bei Wegelagerei auf einem Parkplatz auf. Doch davon später mehr.

Der um 3 Stunden nach hinten verschobene Zeitplan bedeutet Nachtarbeit. Deshalb können wir nur am Donnerstag vernünftig in einem Restaurant zum Dinner gehen. Wie immer treffen wir uns mit den Bild-Jungs zum Wiener Schnitzel im Rotana Beach. Klingt kurios, ist aber erklärbar. Der Chef ist ein Österreicher. Wir wollten eigentlich auch Niki Lauda einladen, doch der kommt erst am Freitagabend an. Der Niki macht es sich halt einfach.

Später Flieger die bessere Wahl

Kollege Tobias Grüner und ich reisen getrennt nach Abu Dhabi. Er bildet sich ein, mit Air Berlin besser in das Emirat zu kommen als ich mit Qatar Airways. Ich fliege jedenfalls komfortabler. In einem Airbus A350. Leider ist der Flugzeugtyp bei den Airlines bis jetzt kaum präsent. Dabei ist es neben dem Dreamliner von Boeing wirklich das Beste, was es auf dem Markt gibt. Das Ding fliegt fast lautlos.

Nach einem kurzen Stopp in Doha treffe ich um 21.30 Uhr in Abu Dhabi ein. Kein Mensch vor mir am Zoll, der erste Koffer gleich meiner, schnelle Abwicklung am Mietwagenschalter: Das hebt die Laune. Der Weg ins Hotel ist auch relativ einfach. Ich hantiere natürlich noch mit gedruckten Karten, wie es sich gehört. Die Kollegen verlassen sich voll auf ihre Handys. Bis sie eines Tages nicht mehr nach Hause finden, weil der Amerikaner das GPS abschaltet.

Kollege Grüner kam zwar eineinhalb Stunden vor mir in Abu Dhabi an, ist aber nur eine Viertelstunde vor mir im Hotel. Er erzählt mir, dass er eine Stunde für die Einreise gebraucht hat. Es reicht jedenfalls noch für 2 Bier als Absacker und das Champions League-Spiel Mönchengladbach gegen Manchester City, das über die Bildschirme flimmert.

Wir wohnen strategisch günstig. Gleich neben dem Hotel ist ein Pub. Kollegen, die in anderen Hotels absteigen, haben es nicht so gut. Sie sind fast neidisch und müssen zum Bier trinken in unseren Pub kommen. Zur Bestrafung gibt es da überlaute Musik. Dafür wurde extra ein DJ angeheuert. Den hätten sie sich sparen können. Erstens spielt er beschissene Musik, zweitens viel zu laut.

Man versteht sein eigenes Wort kaum. Ich werde nie verstehen, warum manche Leute glauben, man müsse den Leuten zum Bier laute Musik bieten. Wer das hören will, soll in die Disco oder auf ein Konzert gehen. Nur einmal rutscht dem Mann am Mischpult die falsche CD in die Hand. Es läuft Led Zeppelin und „Whole lotta love“. Unser finnischer Kollege Heikki Kulta ist meiner Meinung. Mit dieser Musik wäre sogar der Krach zu ertragen.

Titel-Duell bestimmt die Schlagzeilen

Am Donnerstag beginnt das letzte Wochenende des Jahres. Eigentlich dreht sich alles nur um das WM-Finale zwischen Rosberg und Hamilton. Trotz der ziemlich eindeutigen Ausgangslage. Aber die einfachsten Aufgaben sind oft die schwierigsten. Wir werden es am Sonntag erfahren. Oder Rosberg, wie man es nimmt.

Am Donnerstag beginnt das Vorgeplänkel. Schattenboxen mit Worten. Die Mercedes-Fahrer vermeiden trotz Aufforderung der Fotografen einen Händedruck. Rosberg verscheucht alle Gedanken, dass der Titel nur Formsache ist. „Ich rede mir ein, dass es ein Rennen wie jedes andere ist.“

Auch mit Fragen nach dem Schema Was-wäre-wenn will sich Rosberg nicht beschäftigen: „Es macht mich nicht schneller.“ Hamilton baut schon einmal für eine Niederlage vor. „Es war nicht meine beste Saison, aber ich bin trotzdem stolz. Weil ich nach Rückschlägen immer wieder zurückgekommen bin.“

Der Champion kann es nicht lassen, alte Kamellen auszupacken und den Gegner im eigenen Team damit zu konfrontieren. Unter dem Strich soll es so klingen, dass Rosberg den Titel nicht verdient hat, dass der Weltmeister der Herzen Hamilton heißt.

Hamilton zählt noch einmal seine technischen Probleme auf, und er macht Andeutungen, bei dem Tausch der Mechaniker-Crews zu Beginn des Jahres sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. „Ich werde die wahre Geschichte in 10 Jahre in meinem Buch mal erzählen. So lange müsst ihr euch gedulden.“

Ich muss am Donnerstag noch ein TV-Interview mit Rosberg machen. Mercedes will den Piloten Zeit sparen. Die FOM produziert Interviews in allen möglichen Sprachen und verschickt sie an die TV-Anstalten. Ist eigentlich gar nicht mein Job. Zum Glück bin ich nicht im Bild. Rosberg amüsiert sich köstlich, weil er plötzlich einen TV-Rookie vor sich hat. Ich überlebe auch das. Irgendwie.

Erinnerungsfoto für Paul Rosche

Am nächsten Tag gibt es einen wichtigen Termin. Alle, die den kürzlich verstorbenen BMW-Motorenpapst Paul Rosche gekannt haben, machen ein Gruppenbild für die Familie. Bernie Ecclestone juxt: „ Ich hoffe, das Bild ist nicht für mich.“

Herbie Blash ist auch dabei. Es ist sein letzter Grand Prix als stellvertretender FIA-Rennleiter. Bernie drückt ihm ein Abschiedsgeschenk in die Hand und einen Kuss auf die Stirn. So habe ich Bernie noch nie erlebt. Der Abend endet nach Pizza bei Pizza Hut wieder im Pub. Diesmal mit dem Spiel RB Leipzig gegen Freiburg. So nah ist die Heimat.

Vor dem großen Showdown wurden gedanklich viele Szenarien durchgespielt. Entscheidet Rosberg die WM mit einem Crash? Fährt Hamilton absichtlich langsam, um Rosberg in die Fänge der Red Bull und Ferrari zu treiben? Alle Schritte der beiden werden überwacht. Was sagen sie, was tun sie, was lässt sich aus ihrem Gesichtsausdruck herauslesen? Warum geht Rosberg plötzlich durch die linke Tür in die Garage, warum Hamilton durch die rechte?

Am Samstagabend um 17 Uhr wird es endlich ernst. Hamilton hält mit seiner 12. Pole Position in diesem Jahr sein kleines Fünkchen Hoffnung wach. Rosberg liegt als Zweiter noch voll im Plan. Der Herausforderer ist auf Konfrontation aus, strotzt vor Selbstvertrauen und reibt dem Rivalen mit jedem Statement unter die Nase, dass er in der Form seines Lebens fährt. Der WM-Favorit wiegelt jede Frage ab, die ihn irgendwie von positiven Gedanken abbringen konnte.

Dass Red Bull wieder einmal gegen den Trend mit Supersoft-Reifen beim Start taktiert? „Macht nichts, unsere Strategie ist besser.“ Dass der berechenbare Daniel Ricciardo statt der Wundertüte Max Verstappen neben ihm in der Startaufstellung steht? „Ich schaue nur nach vorne auf Lewis und nicht in den Rückspiegel.“ Ob ihm auch ein Titel schmecken würde, wenn er ihn mit dem zweiten Platz holt? „ Darüber reden wir nach dem Rennen.“

Saftiges Knöllchen zu später Stunde

Wir suchen um Mitternacht etwas zu Essen und landen bei Chilis. Natürlich ohne Alkohol. Den gibt es erst wieder im Pub. Zuerst müssen wir mal einen Parkplatz finden. Ein Glücksspiel in Abu Dhabi um die Zeit. Der Araber ist mitten in der Nacht höchst aktiv und vor allem mit dem Auto unterwegs. Wir finden einen großen öffentlichen Parkplatz und wie ein Wunder einen freien Platz, weil gerade einer rausfährt.

Nichts lässt erkennen, dass dieser Platz anders wäre als die restlichen 300. Es steht auch noch ein Polizist in der Nähe. Er bleibt stumm, als wir aussteigen. Als wir zurückkommen, hängt ein Knöllchen an der Windschutzscheibe. Über 500 Dirham, umgerechnet 120 Euro. Angeblich stehen wir auf einem Platz, auf dem wir nicht stehen dürfen.

Das hätte uns der Polizist auch sagen können. Er lief uns stattdessen in die Falle laufen. Das ist üble Abzocke und bestätigt nur meine Vorurteile. Einmal volltanken für 13 Euro und ein Discount von 80 Dirham auf die Strafe, weil wir bei Hertz gleich bezahlen, versöhnt uns dann wieder mit der Welt.

Am Sonntag verdichten sich bereits Gerüchte, dass Hamilton foul spielen könnte. Christian Horner erzählt mir, dass Hamilton damit gedroht wird, Rosberg den früheren Boxenstopp zu geben, falls er zu sehr bummelt. Die Mercedes-Strategen bestätigen das. Geht ja gut los, denke ich.

Hamilton macht Rennen spannend

Das Rennen lebt von genau dieser Spannung. Hamilton bremst das Feld ein. Die letzten 8 Runden sind echt ein Krimi. Weil sich die ersten 4 Fahrer innerhalb von zweieinhalb Sekunden zusammenstauchen. Da kann wirklich alles passieren. Rosberg hält dem irrsinnigen Druck stand. Das macht ihn zum wahren und zum moralischen Weltmeister. Da hat sich Hamilton ins Knie geschossen.

Trotzdem muss man seine Konsequenz bewundern. Er kennt wirklich nur den Sieg. Das Team sagt ihm, er soll schneller fahren, und was tut er? Er fährt noch langsamer. Da musst du schon Nerven haben. Ich treffe noch Keke Rosberg, den ich sonst nur bei Testfahrten zu Gesicht bekomme. „Die letzten 2 Runden waren furchtbar“, gesteht er mir. Ich frage: „Nur die letzten zwei? Es war doch schon vorher knapp.“

Nach dem Finale das übliche Chaos. Und viel Arbeit. Die Tageszeitungs-Kollegen gehen auf die Partys. Und wir schreiben uns im Pressezentrum die Finger wund. Bis 3 Uhr morgens. Diesmal haben es Tobias Grüner ich und doch tatsächlich geschafft. Wir sind die Letzten. Ein Sicherheitsmann erkundigt sich vorsichtig, ob wir jemals gehen wollen. Wir beruhigen ihn. In 10 Minuten sind wir weg.

Von der Strecke geht es direkt zum Flughafen. Ich fliege um 5.40 Uhr via Doha nach Frankfurt, verpasse wegen der schleppenden Gepäckausgabe meinen Zug nach Stuttgart, habe aber das Glück, dass auf die Bahn Verlass ist. Der Zug davor hat 56 Minuten Verspätung und kommt genau am Fernbahnhof in Frankfurt an, als ich mich schon ärgern will, dass ich fahrplanmäßig eineinhalb Stunden auf die nächste Verbindung warten müsste.

Um 15.30 Uhr bin ich in der Redaktion. Diesmal hat die Online-Berichterstattung Priorität. Unser Formel 1-Buch wartet auf Fertigstellung. Es ist seit dem 17. Dezember für 24.80 Euro auf dem Markt. Ich kann es Ihnen nur ans Herz legen: Schlagen sie zu. Sie bekommen auf 212 Seiten die komplette Formel 1-Saison 2016.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

Quelle: 2016 Motor-Presse Stuttgart
Top-Themen
Cruzzer aus Belgien baut individuelle Wohnmobile auf Lkw-Chassis. Auf der CMT steht ein schwarzer Riese auf ...mehr
Das Autojahr 2018 stand schon stark im Zeichen des Brexit und der Abkehr vom Diesel. Entsprechend war die Kauflaune ...mehr
Man kann vielen Autos einen gewissen Nutzwert zusprechen, aber der neue RAM Heavy Duty verschlägt einem schon auf dem ...mehr
Anzeige
Auto Motor und Sport
Video
Tankstellen-Suche
Hier finden Sie günstige Tankstellen in Ihrer Nähe
Anzeige
Anzeige
Highlights
Das muss man sich mal vorstellen: Da bestellt jemand 11 BMW 5er und stellt sie weg. Ist 1994 so passiert. In Bulgarien. Jetzt sollen die E34 verkauft werden. Bildershow:mehr
Einem Bericht der Agentur Blommberg zufolge verhandeln BMW und Daimler über eine vertiefte Kooperation, um Schlüsselkomponenten bis hin zu ganzen Fahrzeugplattformen gemeinsam zu ...mehr
E-Mobilität
Südkorea will Nr. 1 bei Brennstoffzelle werden
Die südkoreanische Regierung hat einen Plan vorgelegt, um die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Wirtschaft des Landes zu stärken.mehr