Hamilton fühlt sich benachteiligt: Bottas mit „Mörder-Runde“ in Q3

Hamilton fühlt sich benachteiligt: Bottas mit „Mörder-Runde“ in
Q3
Bild 1 von 34

Hamilton fühlt sich benachteiligt: Bottas mit „Mörder-Runde“ in Q3

© xpb

Mercedes startet mal wieder geschlossen aus der ersten Startreihe. Diesmal mit Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton. Der Weltmeister sieht seine Fälle für den Rennsonntag bereits davonschwimmen. Und dann ist da ja auch noch Red Bull, das gefährlich nah ist.

Es war eine der seltenen Qualifying-Niederlagen für Lewis Hamilton in dieser Saison. Acht Mal hatte der Weltmeister seinen Mercedes W11 in diesem Jahr schon auf die Pole-Position gestellt. Wer so oft vorne steht, dem schmeckt ein zweiter Platz überhaupt nicht. Vor allem, wenn der Teamkollege mit gleichem Material schneller ist.

Valtteri Bottas entzauberte die Pole-Maschine auf dem Nürburgring. Der Finne umrundete den 5,148 Kilometer langen Kurs um zweieinhalb Zehntelsekunden flotter als der sechsfache Weltmeister. Für einen Fahrer des Kalibers eines Lewis Hamilton, der kurz vor Einstellung der Rekordmarke von 91 Siegen von Michael Schumacher steht, kommt so ein Rückstand einer kleinen Ohrfeige gleich. Deshalb wollte sich Hamilton nach dem Qualifying auch nicht mit der Zukunft, sondern einzig mit der Vergangenheit beschäftigen. "Ich werde in die Datenanalyse einsteigen, um herauszufinden, wo Valtteri heute besser war als ich. Mit dem Start beschäftige ich mich erst morgen."

Wolff lobt Bottas für Spitzenleistung

Die Zeit ging für Hamilton vor allem im ersten Sektor flöten in den Kurven eins und drei. Das sind die beiden langsamsten Ecken am Nürburgring. Außerdem büßte der Engländer in der Schikane nach der Gegengerade ein: die drittlangsamste Stelle. Dagegen gewann Hamilton in den Kurven vier und zehn.

Bottas rief seine Spitzenleistung im Finale ab. Die letzte Runde der Qualifikation war seine beste. "Ich habe bis dahin vor allem im ersten Sektor gestrauchelt. Doch in der letzten Runde waren die Reifen so konditioniert, wie ich mir das vorstelle. Die Runde war dann einfach nur gut", berichtete der Finne. Teamchef Toto Wolff lobte: "Das war eine Spitzenleistung von Valtteri und eine Mörder-Runde am Schluss. Da hat er alles rausgehauen. Bis dahin ist er schlau gefahren, hat abgewartet, um dann zuzuschlagen, als es zählte." Das sind eigentlich die Qualitäten, die Hamilton auszeichnen.

Der Mann, der in seiner Laufbahn bislang 96 Mal auf Pole-Position gerast ist, beschwerte sich hingegen, dass ihm der Grip von Q2 auf Q3 abhandenkam. Ähnliches war auch von Max Verstappen zu hören. Die Reifen sind am Nürburgring in der Kälte besonders heikel zu managen. Für gewöhnlich ist Hamilton auch in dieser Disziplin der Beste. Diesmal nicht. In Q3 fiel er um mehr als eine Zehntel gegenüber dem zweiten Quali-Durchgang ab. Doch selbst die Reproduktion der Rundenzeit von 1:25.390 Minuten hätte nicht für den ersten Startplatz gereicht.

Und dann umtrieb den WM-Führenden noch die Reifenwahl. Die Mercedes-Strategen hatten ihre Piloten in Q2 zunächst auf den Mediumreifen auf die Strecke geschickt. Es wäre die Mischung für den Start gewesen. Doch später entschieden sich die Strategen um. Sowohl Hamilton als auch Bottas bekamen für den zweiten Versuch den weichen Reifen aufgesteckt. Mit der Aufforderung, ihre Rundenzeiten zu verbessern. Der Kommandostand befürchtete, dass die Rundenzeiten auf den Mediumreifen nicht für den Aufstieg in Q3 gereicht hätten. Im Fall von Bottas waren die Sorgen berechtigt. Auf den Mediums hätte sich der WM-Zweite nicht für den dritten Teil qualifiziert. Hamilton hingegen locker. Trotzdem muss auch er auf den weichen Reifen in den Grand Prix.

Hamilton fordert Mediumreifen

Das veranlasste den Weltmeister zunächst, die Strategie in Frage zu stellen. "Ich wäre liebend gerne auf den Mediumreifen ins Rennen gegangen. Leider wollte das Team nicht, dass es einen Unterschied zwischen Valtteri und mir gibt." Hamilton fürchtet, dass es mit der gleichen Reifenwahl auf eine gleiche Rennstrategie hinausläuft. In diesem Fall hätte er als Zweiter die schlechteren Karten, sofern er nicht den Start gewinnt. Überholen ist unter gleichwärtigen Autos praktisch nicht möglich. Da müsste Bottas schon in akute Probleme schlingern.

Teamchef Toto Wolff beschwichtigte und klärte auf, warum sich die Strategen gegen die mittelharte und für die weiche Mischung entschieden. "Der Softreifen ist klar die beste Mischung für den Start. Lewis hätte auf dem Medium einen großen Nachteil gehabt. Die Daten sprechen von drei bis vier Metern beim Anfahren. Das hätte ihn nicht nur gegen Valtteri in die Defensive getrieben, sondern auch gegen alle anderen Fahrer hinter ihm, die auf den weichen Reifen starten."

Wolff zeigte Verständnis für das Unbehagen seines Starfahrers. "Lewis will sich nie hinten anstellen. Deshalb sind die Rufe nach einer anderen Taktik verständlich. In diesem Fall hätte es aber keinen Sinn gemacht wegen des Nachteils am Start und in den ersten Runden." Hintergrund ist, dass sich der Mediumreifen weniger schnell erhitzt als der Soft, der in den kühlen Verhältnissen schon kaum auf Temperatur kommt. Dafür brauchte es am Samstag bereits eine Outlap, die nahe am Tempo der Qualifikations-Runde lag. Nach der Strategie-Sitzung im Anschluss an die Quali hatte Hamilton ein Einsehen, dass er wie Bottas auf der richtigen Taktik ist.

Mercedes-Fokus schon voll auf 2021?

Zwei positive Corona-Fälle umtrieben Mercedes an Donnerstag und Freitag. Vier weitere Mitarbeiter des Rennteams mussten isoliert, sechs neue Mitarbeiter aus England eingeflogen werden. Trotzdem gibt es keine große Schwächung. "Sie stammen aus unserem Testteam", erklärt Wolff. "Wir wussten, dass es wahrscheinlich irgendwann Corona-Fälle bei uns geben wird. Wir haben aber so gute Strukturen, um Ausfälle adäquat auszugleichen." Eine positive Nachricht: Die Nachtests ergaben bislang keine weiteren Ansteckungen im Team.

Ein unsichtbarer Gegner im Vorfeld, ein sichtbarer in der Qualifikation und im Rennen. Red Bull und Max Verstappen verkleinern den Rückstand auf Mercedes mehr und mehr. In der Eifel sind es nur noch knapp drei Zehntel. Während der Rivale mit einem Upgrade auftauchte, fährt Mercedes am Nürburgring mit dem bekannten Paket.

"Es war schon in der Vergangenheit so, dass Red Bull zum Saisonende hin immer stärker wird. Wir haben damit gerechnet und müssen akzeptieren, dass sie uns in den nächsten Rennen noch stärker herausfordern werden. Wir müssen wachsam sein. Unser Ansatz bei der Entwicklung ist es, die richtige Balance zwischen dieser Saison und 2021 zu finden", erklärt der Teamchef.

Das nährt den Verdacht, dass sich Mercedes angesichts seines großen Vorsprungs schon deutlich stärker auf die kommende Saison fokussiert. Es warten größere Herausforderungen, obwohl viele Teile von 2020 übernommen werden. Doch man darf die Einschnitte am Unterboden, den hinteren Bremsbelüftungen und am Diffusor nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie kosten den Autos laut Berechnungen mindestens zehn Prozent Abtrieb. Und die müssen im Windkanal erst einmal wieder gefunden werden. Es gibt noch eine weitere Baustelle, die auf die großen Teams zukommt. Das Budget Cap zwingt sie zu Einschnitten. Offenbar investiert Mercedes bereits mehr Zeit, um die Aufgabe zu erfüllen.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
Top-Themen
Mercedes stellt das Topmodell seines großen SUV GLS vor: Der Mercedes-Maybach GLS 600 ist ein Auto mit einem extrem ...mehr
Von Adria bist Weinsberg – für weniger als 40.000 Euro bekommt man bereits einen Campingbus. promobil stellt 21 Marken ...mehr
Tesla-Manager Evan Horetsky galt als Kopf der Gigafactory-Baustelle in Brandenburg. Laut Medienberichten ist er seinen ...mehr
Anzeige