Interview mit Pirelli-Chef Paul Hembery

Paul Hembery - Pirelli - Formel 1
Bild 1 von 35

Paul Hembery - Pirelli - Formel 1

© xpb
17.08.2017 - 08:28 Uhr von Michael Schmidt

Der frühere Pirelli-Sportdirektor Paul Hembery hat sich als Chef von Pirelli Lateinamerika aus der Formel 1 zurückgezogen. Mit etwas Abstand erklärt er im Interview seine Wünsche an die neuen Besitzer der Königsklasse.

Wie geht es Ihnen in Ihrer neuen Position?

Hembery: Es ist eine große Veränderung. Ich bin jetzt Präsident von Pirelli in Lateinamerika, versuche aber dem Motorsport erhalten zu bleiben. Natürlich in geringerem Umfang.

Es gibt also ein Leben nach der Formel 1?

Hembery: Natürlich. Ich freue mich jetzt wieder auf unser Kerngeschäft, Reifen zu verkaufen. Außerdem, bin ich nicht aus der Welt. Ich besuche immer noch genug Formel 1-Rennen, und den Rest schaue ich mir am Fernseher an.

Wie wichtig ist Motorsport für eine Reifenfirma?

Hembery: Pirelli ist seit 110 Jahren im Motorsport. Es ist Teil unserer DNA. Aufzuhören und später mal wieder anzufangen würde einen kolossalen Aufwand bedeuten. Motorsport ist eine Stimulanz für technische Entwicklung, für Logistik, für die Ausbildung von Ingenieuren, für Arbeitsdisziplin. Im Motorsport bedeutet Speed und Genauigkeit alles. Und das färbt auf die Mitarbeiter ab.

Ist Motorsport mehr Technik getrieben als Marketing-Werkzeug?

Hembery: Es ist beides. In den großen Rennserien, die wir betreuen, ist Motorsport Eigenwerbung, weil so viele zuschauen. Speziell in der Formel 1 steht natürlich das Marketing an erster Stelle. In der GT-Serie läuft es anders herum. Da haben wir elf Automobilhersteller, und da willst du natürlich Geschäfte auch mit Straßenautos machen. Naturgemäß sind wir da direkter am Kunden dran. Und es gibt Wettbewerb auf dem Reifensektor. Dort ist das Marketing eher in den Hintergrund gedrängt.

Warum gibt es in großen Rennserien keinen Reifenkrieg mehr?

Hembery: Es gleicht das Kräfteverhältnis an und nimmt einen Faktor weg, der die Rennen langweilig machen könnte. Die Teams wollen so weit wie möglich die Variablen reduzieren, die sie nicht beeinflussen können. Für die Reifenhersteller ergeben sich dadurch Probleme. Es ist sehr schwer, dein Produkt zu vermarkten. Wenn etwas schief geht, war es der Reifen. Wenn du gewinnst, redet keiner drüber. Deshalb muss man nebenher noch in Promotion rund um das Event investieren.

Wie viel teurer wäre Wettbewerb in der Formel 1?

Hembery: Gar nicht mal so schlimm. Du würdest weniger Geld für Nebengeräusche ausgeben und das in die Entwicklung stecken. Darunter würde dann das Marketing und Sponsoring leiden. Beides zusammen geht nicht. Reifenfirmen sind vom Investitionsvolumen nicht mit Autoherstellern zu vergleichen. Dagegen sind wir klein.

Welche Message will Pirelli dann mit seinem Formel 1-Engagement verkaufen?

Hembery: Es verbindet uns mit der Spitze des Motorsports, mit den besten Autos und den besten Fahrern der Welt. Das funktioniert. Eine Studie aus den USA besagt, dass unser Engagement in der Formel 1 zu 90 Prozent die Kaufentscheidung der Leute beeinflusst. Pirelli positioniert sich als Premium-Reifenausrüster. Die Formel 1 ist die Premium-Motorsportserie. Technisch ist die Formel 1 auch ohne Wettbewerb sehr anspruchsvoll. Wir rüsten anders als in der Formel 2 oder GP3 zehn unterschiedliche Autos mit 20 Fahrern mit unterschiedlichem Fahrstil aus.

Pirelli könnte sich das Leben einfach machen. Der aktuelle Reifen schafft eine ganze Renndistanz. Warum entwickeln Sie überhaupt noch weiter?

Hembery: Die Autoentwicklung steht nicht still. Wir müssen uns diesem beweglichen Ziel anpassen. Aber Sie haben Recht. Unser Produkt ist auf einem Niveau, bei dem wir nicht mehr die Welt verändern müssen. Es wird Anpassungen, aber keine komplette Neukonstruktion mehr geben. Ein Beispiel ist die harte Gummimischung. Wir haben sie aus dem Programm genommen, weil sie zu konservativ ist. Wir müssen also für 2018 unsere Gummimischungen neu sortieren.

Was können Sie von der Reifenentwicklung in der Formel 1 für einen VW Polo lernen?

Hembery: Wir zielen nicht auf Massenautos ab, sondern Sportwagen wie Ferrari, Porsche oder McLaren. Die Formel 1 treibt uns an Grenzen. Extreme Querbeschleunigungen, extreme Lasten, Stabilität, Hitzebeständigkeit, Materialien. Das erfahren wir an der Strecke. Und daraus haben wir spezielle Labortests und Simulationsverfahren entwickelt, die uns bei der Entwicklung der Serienreifen helfen.

Natürlich produzieren Straßenautos nicht 6 g Querbeschleunigung. Natürlich finden Sie den Formel 1-Reifen nicht 1 zu 1 wieder an ihrem Sportwagen. Aber es steckt ein Teil Technologie davon drin. Wir haben Kunden, die mit ihren Autos einen Tag lang um den Nürburgring fahren. Und denen wollen wir sichere Reifen geben. Rückblickend hat uns die Formel 1 bei der Reifenentwicklung für die Serie mehr Hilfestellung gegeben, als wir erwartet hatten.

Würde es Ihnen helfen, wenn ein Formel 1-Reifen von den Dimensionen eher wie ein Straßenreifen aussehen würde?

Pirelli: In gewisser Weise ja. Die meisten unserer Straßenreifen sind 20 bis 21 Zoll. So etwas könnte an einem Formel 1-Auto aber nicht funktionieren, außer die Fahrzeug-Konstrukteure bauen ihre Fahrwerke komplett um. Der Reifen hätte dann null Federkomfort. Ein modernes Formel 1-Auto hat aber schon kaum Federweg. Beides zusammen geht also nicht. Wir haben in der Vergangenheit über 18 Zoll-Reifen gesprochen. Heute sind die meisten unserer Rennreifen auf 18 Zoll-Basis. Wir müssten also höher gehen. Das wären dann riesige Räder. Um das zu ändern, braucht man Zeit. So etwas machst du nicht in sechs Monaten. Man kann es aber auch von einer anderen Seite aus sehen. Der Ballonreifen gehört zu einem Formel 1-Auto. Er gibt ihm sein unverwechselbares Aussehen. Wenn wir es ändern würden, sieht die Formel 1 vielleicht anderen Rennautos zu ähnlich. Der Weg zum breiteren Reifen war dagegen der richtige Weg. Das sieht aggressiv, ja man könnte sagen Formel 1-like aus.

Wo geht der Motorsport hin. Formel 1 oder Formel E und nichts anderes mehr?

Hembery: Es ist offenbar der Wunsch der Hersteller da, sich ein Schaufenster für künftige Entwicklungen zu suchen. Deshalb gehen sie in die Formel E. Die Frage wird sein: Nimmt es das Publikum an? Da musst du dich als Motorsport-Teilnehmer entscheiden. Willst du das Schaufenster oder den Sport, der populär ist und interessante Rennen bietet? Die Formel 1 ist populär. Und vergessen wir nicht, dass die Technologie in der Formel 1 immer noch relevanter ist als die in der Formel E. Schauen Sie sich die Verkaufszahlen der Elektroautos im Vergleich zu den konventionellen Autos mit Hybridantrieb an. Ich glaube, die Hybrid-Technologie werden wir noch in den nächsten 20 Jahren auf unseren Straßen sehen, weil die Elektrifizierung nicht in allen Ländern gleich schnell vorankommen wird. Das sollten wir den Leuten draußen auch einmal sagen. Die Formel 1 bringt ihr Anliegen und ihr Alleinstellungsmerkmal oft schlecht an die Öffentlichkeit. Schon 2009 hatten wir Kers im Auto. Draußen hat das kaum einer gewusst. Da war die Formel 1 ihrer Zeit voraus.

Muss die Hybrid-Technologie simpler werden?

Hembery: Wir könnten die Komplexität behalten, wenn wir bereit wären, sie besser und allgemeinverständlicher zu erklären. Wir sind so in unserer Technologie gefangen und vergessen das nach außen gut zu verkaufen. Kein Mensch weiß, wie viel Energie wir rekuperieren und wie viel Strecke wir zurücklegen, ohne entsprechend Benzin dafür zu verbrennen. Das würde den Leuten erklären, dass wir nicht nur Sprit verblasen, sondern in Wahrheit unheimlich effizient sind. Wenn sie ein Hybrid-Auto auf der Straße fahren, sehen Sie jeden Moment auf dem Display, wie viel Energie sie gerade gespeichert und abgegeben haben. Warum geht das nicht bei uns?

Was erwarten Sie von den neuen Besitzern der Formel 1?

Hembery: Sie machen viele Dinge anders und versuchen, das Publikum besser einzubinden und den Sport am TV attraktiver zu machen. Das hat die Formel 1 sicher gebraucht. Aber Liberty ist noch nicht lange im Amt. Ihre Aufgabe ist riesig. Sie müssen sich um die Regeln der Zukunft kümmern, um die Veranstalter, Sponsoren, neue digitale Plattformen. Es wird also noch eine Zeit brauchen, um zu verstehen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Deshalb halten sich auch die Automobilhersteller noch zurück. Sie wollen wissen, wie die Formel 1 im Jahr 2021 aussieht. Ich sage mal so: Man hat uns die Chance gegeben, etwas zu ändern. Wir müssen jetzt sicherstellen, dass wir das richtige ändern.

Wie lange läuft der Pirelli-Vertrag?

Hembery: Bis 2019.

Was erwarten Sie, wenn Pirelli den Vertrag für weitere 3 Jahre verlängern soll?

Hembery: Die Formel 1 muss weiter weltweit fahren. Wenn wir die Anzahl der Rennen vergrößern, sollten wir sie regionalisieren. Also einen Block in Europa, einen in Amerika, einen in Asien. Das reduziert den Reisestress. Und bringt die Formel 1 der entsprechenden Region näher, weil sie dann eine Saison in der Saison über ein paar Monate in ihrem Umfeld erleben. Zum Beispiel acht Rennen an aufeinanderfolgenden Wochenenden, und dann wieder ein Monat Pause zum Verschnaufen.

Unsere Studien haben ergeben, dass sich viele schwertun, die Formel 1 über das ganze Jahr zu verfolgen, wenn der Start einmal zu ihrer Zeit am Nachmittag ist und dann wieder um Mitternacht. Die Frage, die ich von Motorsportfans am häufigsten höre ist die: Findet an dem Wochenende ein Rennen statt?

Und der Sport?

Hembery: Das Produkt braucht spannende Rennen, Zweikämpfe und Überholmanöver, die hauptsächlich vom Fahrer initiiert werden. Der Fahrer muss unser Superstar sein, nicht die Maschine. Dann müssen wir uns entscheiden: Ist die Formel 1 eine Serie der Hersteller oder der Teams. Wenn wir die Hersteller drin haben wollen, müssen sie wettbewerbsfähig sein, oder den Anschein machen, es zu sein. Sie haben vor nichts mehr Angst, als sich lächerlich zu machen und ihre Marke zu beschädigen. Wir erleben das gerade mit den Motoren. Zwei Hersteller haben Mühe mit ihren Antriebseinheiten. Das ist nicht gut für den Sport. Sind wir mal ehrlich: Was sind die beiden Rennserien, in die es die Hersteller gerade in Scharen drängt? Formel E und die GT-Serien. Um dagegen zu halten, braucht die Formel 1 eine ausgeglichene Plattform. Ich nenne es mal eine Balance of Performance. Bei GT-Rennen gibt es sie, und es funktioniert. Über die Form kann man streiten. Wenn der Formel 1 die Hersteller nicht wichtig sind, dann muss sie substantiell die Kosten reduzieren. Das Geld, das man braucht, um zwei Autos im Kreis fahren zu lassen, ist heute schwer zu rechtfertigen. So etwas kann den Sport beschädigen. Wir erleben es gerade beim Fußball.

Und die Vermarktung?

Hembery: Wir erwarten, dass sich die Formel 1 besser mit ihren Fans vernetzt mit mehr Interaktion. Die Basis muss größer werden. Wenn der Sport ausschließlich im Pay TV verschwindet, wird uns das Fans kosten. Das TV-Erlebnis ist meistens der erste Kontakt mit dem Sport. Im Fußball mag Pay TV funktionieren. Der Motorsport ist da noch nicht so weit. Deshalb brauchen wie eine gute Balance zwischen Free- und Pay-TV. Und gute Ideen, wie wir die Formel 1 auf Smartphones verfügbar machen. Das wird in Zukunft die Kommunikationsplattform sein. Die Leute sitzen nicht mehr vor dem Fernseher. Sie werden sich die Rennen auf ihrem Mobilgerät anschauen. Vielleicht nicht mehr das ganze Rennen, aber die Highlights über 10 Minuten. Es gibt eine unglaublich große Basis, die mit dem Wort Formel 1 etwas anfangen kann. Die müssen wir in unsere Welt reinziehen. Dazu müssen sie aber einen leichten Zugang haben. Der letzte Punkt: Wir müssen unsere Technologie den Fans zugänglich machen. Zum Beispiel die Simulatoren. Sie könnten als Plattform für Videospiele herhalten. Dort könnten die Fans ein richtiges Formel 1-Auto virtuell fahren und untereinander Rennen austragen. Da bräuchten wir einen Link. Das könnte eigenen Turniere generieren. Ich meine, die Formel 1 hat die besten Simulationswerkzeuge. Daraus könnte man die besten Playstations der Welt bauen. Das würde uns eine völlig neue Welt öffnen.

In den letzten Jahren wurde Pirelli dazu missbraucht, die Rennen mit kurzlebigen Reifen spannend zu machen. Jetzt darf Pirelli einen Reifen bauen, der das ganze Rennen hält. Was gefällt Ihnen besser?

Hembery: Wir haben immer gesagt, dass wir helfen wollen, den Sport besser zu machen. Als wir in die Formel 1 zurückgekehrt sind, ging die Formel 1 durch eine langweilige Phase. Deshalb war es richtig, zu der Zeit Reifen zu bauen, die nur eine bestimmte Zeit gehalten haben. Es hat einigen Leuten die Augen geöffnet und neue Wege aufgezeigt, wie man Rennsport verkaufen kann. Ich glaube nicht, dass uns die 100 Kilometer-Reifen geschadet haben. Die Leute wussten ja, warum wir das tun. Früher wäre es schwieriger gewesen, das zu kommunizieren. Trotzdem muss ich sagen: So wie es heute läuft, gefällt es uns besser. Die Fahrer sind zufrieden. Die Fans offenbar auch. Für die Teams sind die neuen Reifen immer noch eine Herausforderung. Es ist weiter schwierig, die Fahrzeugbalance so zu trimmen, dass Vorder- und Hinterreifen gleichzeitig in ihr Arbeitsfenster kommen.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
Kommentare
Top-Themen
Viel Auto für wenig Geld, so tickt die Youngtimer-Szene. Schon für 1.000 Euro kann man einen fahrbereiten ...mehr
Die Mittelklasse erfindet sich gerade mal wieder neu, denn mit einer behutsamen Evolution ist es nicht getan. Der ...mehr
Auch diese Vmax mit V4 hat er aufwendig veredelt. Wir finden der Aufwand hat sich gelohnt. Bild 21mehr
Anzeige
Auto Motor und Sport
Anzeige
Auch interessant
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige