Keiner will Erster sein

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Italien - Monza - 7.
September 2019
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Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Italien - Monza - 7. September 2019

© Motorsport Images

In der Qualifikation zum GP Italien hat sich die Formel 1 mächtig blamiert. Sie stolperte über ihre eigene Perfektionswut. Nur einer von neun Fahrern kamen vor der Zielflagge noch über die Linie. Doch wer hat Schuld am Chaos von Monza?

Mercedes-Teamchef Toto Wolff nannte es einen Kindergarten. Andere sprachen von einer Farce. Die Zuschauer auf den gut gefüllten Tribünen des Autodroms von Monza bekamen in den letzten beiden Trainingsminuten einen Autokorso geboten, bei dem keiner Erster sein wollte.

Der Höhepunkt der Zeitenjagd um die Pole Position fiel ins Wasser. Nur einer der neun Fahrer schafften es rechtzeitig über die Linie. Charles Leclerc glaubte, er hätte es geschafft, brach dann aber seine Runde schnell ab, als ihm sein Renningenieur über die Sinnlosigkeit des Unterfangens informierte. Er hatte seine Pole Position sicher. Nur Carlos Sainz fuhr seine letzte Q3-Runde mutterseelenallein auf der Strecke zu Ende. Er verbesserte sich um eine halbe Sekunde, blieb aber Siebter.

Wolff sprach bei dem Katz-und Mausspiel um die beste Ausgangsposition für die entscheidende Qualifikationsrunde von einem Schachspiel. Die Uraufführung fand bereits in Spa statt, allerdings ohne Konsequenzen. „Diesmal ist es eskaliert. Die einen fahren freiwillig durch die Schikane, die anderen lächerlich langsam.“

In einem ersten Reflex meinte der Österreicher: „Es hat der Formel 1 nicht gut getan.“ Dann relativierte er. „Über diese Absurdität wird man noch lange sprechen, weil es sie in dieser Form noch nie gab.“ Wie hat Bernie Ecclestone einst gesagt? „Auch schlechte Publicity ist Publicity. Hauptsache über uns wird gesprochen.“ Die Zuschauer an der Strecke störte es nicht groß. Ein Ferrari fuhr auf die Pole Position. Da war alles anderes Nebensache.

Bis zu vier Zehntel im Windschatten

Was war eigentlich passiert in dieser verrückten Q3-Runde der Qualifikation? Schon der erste Versuch deutete an, dass an diesem Nachmittag einiges aus dem Ruder laufen würde. Kimi Räikkönen feuerte seinen Alfa Romeo in die Reifenstapel. Valtteri Bottas wäre wegen der roten Flagge um ein Haar die drittschnellste Trainingszeit gestrichen worden. Alexander Albon wurde die Runde annulliert. Und Lance Stroll war noch gar keine Runde gefahren als die letzten Trainingsminuten anbrachen.

Monza zählt wie in Spa und Baku zu den Rennstrecken, auf denen der Windschatten eine wichtige Rolle spielt. Mit den aktuellen Autos umso mehr. Sie bauen wegen der größeren Flügel mehr Luftwiderstand als ihre Vorgänger. Damit ist der Effekt des Windschattens größer. „Wenn du vier Sekunden hinter einem anderen Auto liegst, gewinnst du zwei Zehntel. Bist du noch näher dran können es drei bis vier Zehntel sein“, erklärte Max Verstappen, der das Spektakel als Zuschauer erlebte. Sein Training war wegen eines Motorproblems schnell beendet.

Der Einfluss des Windschattens auf das Ergebnis ist auf der schnellsten Strecke im Kalender so groß wie auf keiner anderen. Das liegt an den geringen Zeitabständen. Selbst die Renault lagen nur eine halbe Sekunde über der Pole Position. Da können ein paar Zehntel über Sein oder Nichtsein entscheiden.

Die Fahrer können sich aber nicht nur auf den Windschatten konzentrieren. Wer auf der Suche nach dem optimalen Zugpferd zu sehr bummelt, läuft Gefahr, dass die Reifentemperaturen in den Keller gehen. Die Rennleitung hatte Staubildung in den Aufwärmrunden vorausgeahnt. Deshalb ging eine Stunde vor der Qualifikation ein Rundschreiben an die Teams mit der Warnung raus, dass die Rundenzeit zwischen den Safety-Car-Linien 1 und 2 nicht über 1.45 Minuten liegen dürfe.

Das Katz-und Mausspiel von Monza

Dann tickte die Uhr. Noch vier Minuten. Nichts passierte. Noch drei Minuten. Kein Auto auf der Strecke. 2.20 Minuten vor der Zielflagge nahmen die Renault das Heft in die Hand und verließen ihre Garage. Sofort kamen auch alle anderen aus ihren Löchern. Nico Hülkenberg führte den Pulk in die erste Schikane, wollte auf dieser Position aber natürlich nicht bleiben.

Damit begann das Spiel: „Bitte nach Ihnen, mein Herr.“ Hülkenberg bog in den Notausgang der Schikane ab, um in das Feld zurückzufallen. Dafür brauchte er eine gute Erklärung, denn das Reglement erlaubt es nicht, die Strecke ohne triftigen Grund zu verlassen. Hülkenberg gab an: „Ich habe die ganze Zeit in den Rückspiegel geschaut, wo denn die Kollegen bleiben. Da war ich schon im Notausgang.“

Renault-Sportchef Cyril Abiteboul schob hinterher: „Die Ferrari haben vorher das gleiche gemacht. Wenn sie uns bestrafen, ist auch Ferrari dran.“ Als Hülkenberg sich durch die Poller im Notausgang gefädelt hatte, lag er zu seinem Erstaunen immer noch vorne. Die Fahrer, die auf der Strecke geblieben waren, bremsten ihre Autos fast bis zum Stillstand herunter.

„Jeder schaute auf den anderen, jeder suchte seinen eigenen Vorteil“, amüsierte sich Daniel Ricciardo. Toto Wolff schüttelte den Kopf: „Wir haben uns beim Rausfahren ein Polster von 30 Sekunden gelassen. Aber wenn ein paar Straßensperren vor dir fahren, die keine Stoppuhr haben, reicht nicht einmal das.“

Die Ingenieure am Kommandostand hatten nichts zu lachen. Sie begannen ihre Fahrer anzutreiben, weil schnell klar wurde, dass bei dieser Bummelei keiner rechtzeitig die Ziellinie erreichen würde. Das war der Moment, in dem Carlos Sainz das Tempo anzog, was Hülkenberg sofort konterte. Die beiden blockierten die Straße, und die Zeit lief allen davon.

Lewis Hamilton, der mitten im Pulk steckte, verzweifelte fast: „ Ich wollte überholen, aber es ging nicht. Es wäre viel zu gefährlich gewesen.“ Alexander Albon erklärte warum: „Wir alle mussten ja noch unsere Reifen aufwärmen und sind Zickzack gefahren. Wie willst du da überholen? Du weißt ja nicht, wo der Kollege vor dir im nächsten Augenblick hinfährt.“

Leclerc sollte Vettel ziehen

Das Chaos wurde noch dadurch befeuert, dass die Teams unterschiedliche Agendas hatten. „Wir wollten uns von den Ferrari ziehen lassen. Das hat im Q1 mit Ricciardo wunderbar funktioniert. Leider hat Ferrari für sich entschieden so langsam zu fahren, dass wir uns einen anderen Windschatten suchen mussten“, erklärte Abiteboul. Er gab aber auch zu, dass man selbst vor einem Worstcase-Szenario keine große Angst hatte. Die beiden Renault standen zu dem Zeitpunkt schon in der dritten Startreihe. Weiter nach vorne wäre es sowieso nicht gegangen.

Mercedes wollte natürlich auch nicht die Lokomotive in dem Zug spielen. „Unser Nachteil war, dass wir die letzte Box haben“, führte Chefingenieur Andrew Shovlin aus. „Idealerweise willst du weder den Pulk anführen, noch willst du Letzter sein. Wenn du es dir aussuchen kannst, versuchst du irgendwie in die Mitte zu kommen. Das ist aber aus der letzten Box schwer. Wenn vorne einer rausfährt und du reagierst darauf, warten alle anderen. Wenn du zu lange wartest, sind alle anderen vor dir.“

Im Q2 versuchte Mercedes das Problem dadurch zu lösen, dass man an der Boxenausfahrt einfach gewartet hat. Das ist vielleicht nicht Gentleman-like, aber durchaus erlaubt. Im Q3 ging das laut Shovlin nicht mehr. „Weil jeder auf jeden gewartet hat, wurde langsam die Zeit knapp. Du kannst noch eine gute Aufwärmrunde fahren, wenn du 1.45 Minuten vor Ende des Trainings die Garage verlässt. Aber nur wenn du allein unterwegs bist. Wenn alle anderen genauso denken, musst du die Reißleine früher ziehen.“

Ab da ging dann alles schief. Der Plan von Mercedes sah vor, dass Valtteri Bottas im Finale den Teamkapitän Lewis Hamilton ziehen sollte. „Als sich dann alles staute, bin ich an Valtteri vorbei, nach dem Motto: Rette dich selbst. Ich wusste aber schon vor der letzten Kurve, dass ich zu spät über die Linie kommen werde.“ Alexander Albon warf ein: „Das wusste ich schon in Kurve 4.“

Auch bei Ferrari kam es zu Missverständnissen. Hier sah die Strategie vor, dass Sebastian Vettel im letzten Versuch von Charles Leclerc gezogen wird. Das war schon hinter der ersten Schikane Makulatur. Weil Hülkenberg den Ferrari-Trick mit dem Notausgang kopierte, ging Leclerc vom Gas. Er hatte keine Lust, den ganzen Rest des Feldes zu ziehen.

Der Spa-Sieger wurde so langsam, dass Vettel gezwungen war, an seinem Teamkollegen vorbeizugehen. Natürlich im Glauben, der hätte ihn gelinkt. Leclerc jedoch erinnerte sich noch an das Versprechen und pfeilte sich auf der Gegengerade an Vettel vorbei. Beide schafften es nicht mehr über die Linie. Vettel meinte spöttisch am Funk: „Danke.“ So als wollte er sagen, dass man ihm das dilettantisch die Chance vemasselt hatte, die Pole-Zeit von Leclerc anzugreifen. .

Untersuchungen der Rennleitung

Hinterher gingen die Diskussionen hin und her. Wie kann man diese Posse wiederholen? Der unbeteiligte Verstappen sieht keine Lösung: „Auf bestimmten Strecken kann das passieren, vor allem wenn die Teams die Zeit bis ans Limit ausreizen. Was erwartet ihr bei 10 Autos auf der Strecke und nur noch zwei Minuten Zeit?“ Ricciardo kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Wenn keiner Erster sein will, dann schaut jeder auf seinen eigenen Vorteil. Alles auf die letzte Minute zu konzentrieren und dann noch Schachspielen wollen, das geht halt nicht.“

Lewis Hamilton glaubt, dass sich erst etwas ändert, wenn bei diesen Spielchen ein Unfall passiert. Die Rennleitung leitete dennoch eine Untersuchung ein. Nico Hülkenberg, Carlos Sainz und Lance Stroll mussten bei den Sportkommissaren antanzen, um entweder ihr Verhalten zu erklären oder den Zeugen zu spielen.

Beim Vorwurf, er sei unnötigerweise in den Notausgang der Schikane gefahren, kam Hülkenberg mit einem blauen Auge davon. Man konnte ihm keine Absicht nachweisen. Wegen seiner Bummelei auf der Piste sprachen die Kommissare eine Verwarnung gegen den Rheinländer aus. Die Startaufstellung wird also nicht noch einmal durcheinandergewürfelt.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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