Mercedes spricht von Weckruf

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Deutschland - Hockenheim -
Qualifying
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Lewis Hamilton - Mercedes - GP Deutschland - Hockenheim - Qualifying

© sutton-images.com
21.07.2018 - 20:48 Uhr von Michael Schmidt

Freispruch für Lewis Hamilton. Der Hydraulikdefekt trat schon vor der Offroad-Einlage des Weltmeisters auf. Nicht nur sein 14.Startplatz macht Mercedes Sorgen. Ferrari gewinnt auf den Geraden rund vier Zehntel. Teamchef Toto Wolff spricht von einem Weckruf.

Den ersten Akt zum GP Deutschland hatte sich Mercedes anders vorgestellt. Ferrari brachte seine Autos auf die Startplätze 1 und 3 und bei der Analyse der Rundenzeiten bestätigte sich ein Trend, der sich zuerst leise in Kanada und dann umso dramatischer ab dem GP Österreich angedeutet hatte. Ferrari gewinnt massiv Zeit auf den Geraden und ist die neue Messlatte auf dem Motorensektor. Das gibt Mercedes zu denken. Teamchef Toto Wolff spricht von einem „ernsten Weckruf“.

Lewis Hamilton ist überzeugt, dass er trotz des Leistungsdefizits auf die Pole Position hätte fahren können. Im Augenblick steht Sebastian Vettels Rivale noch auf Startplatz 14. Wenn der Hydraulikdefekt nicht über Nacht noch Folgeschäden nach sich zieht. Das Getriebe hat nach einem ersten Check überlebt. Der Motor auch. Doch das dachte man bei Valtteri Bottas nach dessen Ausfall in Spielberg auch, bis man feststellte, dass die Antriebseinheit als Folge des Hydraulikdefekts 45 Sekunden lang mit zu hoher Temperatur betrieben wurde.

Gleiches Problem wie in Österreich?

Nach ersten Augenschein schien Hamilton selbst das Hydraulikproblem verursacht zu haben. Er war in Kurve 1 über den Randstein gerutscht und von dort ins Gras. Bei der Rückkehr auf die Strecke setzte der Mercedes mit der Startnummer 44 mehrfach hart auf dem Boden auf und machte vor der Landung auf dem Asphalt einen mächtigen Luftsprung. Nach der Schadensanalyse sprach die zeitliche Abfolge der Ereignisse den Fahrer von einer Schuld frei.

Schon in der Runde davor hatten die Ingenieure auf dem Bildschirm im Hydrauliksystem eine verdächtige Spitze gesehen. Bei Überfahren des Randsteins am Kurvenausgang fiel der Druck plötzlich in den Keller. Damit funktionierte die Servolenkung nicht mehr. „ Die Lenkung fühlte sich plötzlich hart an. Ich lenkte nach rechts, aber das Auto fuhr nach links. Erst dachte ich an einen Reifenschaden oder eine gebrochene Spurstange. Deshalb musste ich dann durch die Wiese zurück auf die Strecke fahren“, berichtete Hamilton. Als er kurz darauf keine Gänge mehr einlegen konnte, war die Qualifikation für den WM-Zweiten gelaufen. In seiner Verzweiflung wollte Hamilton noch sein Auto an die Boxen zurückschieben, was angesichts seines Standpunkts in Kurve 10 ein aussichtsloses Unterfangen war. „Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, wollte das Auto so schnell wie möglich an die Boxen bringen. Das ist der Kämpfer in mir. Als ich an die Boxen zurückkam, war mir klar: Die anderen leiden genauso wie ich. Wir gewinnen und verlieren zusammen.“

Eine genauere Untersuchung des Defekts steht noch aus. Toto Wolff will aber nicht ausschließen, dass das Hydraulikleck ähnliche Ursachen hat wie die Probleme in Österreich. Da hatten sich die mit drei Schrauben arretierte Hydraulikleitung im Inneren der Lenksäule losvibriert. Und das bei beiden Autos. Bei Hamilton kam ein Defekt in der Benzinpumpe der Hydraulikseuche zuvor. Als möglicher Grund für das Problem, das zuvor nie eines war, wurden stärkere Vibrationen durch höhere Kurvengeschwindigkeiten und damit höhere Kräfte auf Randsteinen ermittelt.

Hamilton will Ricciardos Optimismus kopieren

Hamilton will sich im Gegensatz zu Daniel Ricciardo noch nicht festlegen, wo ihn seine Fahrt vom 14.Startplatz hinbringen könnte. Ricciardo rechnet mindestens mit dem 6. Platz. „Daniel ist ein super optimistischer Mensch“, lächelte Hamilton gequält. „Ich werde versuchen, genauso optimistisch zu denken wie er.“ Doch schon im nächsten Atemzug schätzte der Champion das Überholen auf dem Hochenheimring als schwierig ein. Trotz drei DRS-Bereichen, trotz einer Verlängerung der langen DRS-Zone auf der Parabolika-Geraden um 110 Meter. Ricciardo dagegen behauptete fröhlich: „Überholen geht in den Kurven 2 und 6.“

Normalerweise müssten alle Fahrer bis zu Platz 7 für Hamilton Kanonenfutter sein. Trotzdem zweifelt der Engländer: „In Silverstone konnte ich volle Attacke reiten, weil ich mir um die Reifen keine Sorgen machen musste. Hier könnten die Reifen Blasen werfen. Wir haben das am Freitag erlebt. Ich muss also auf die Reifen mehr aufpassen. Es wird ein balanciert aggressives Rennen werden.“ Dann kam der dreifache Saisonsieger noch einmal auf Ferraris wundersame Power-Entwicklung zu sprechen: „Wer verlieren drei Zehntel auf den Geraden. Das ist eine neue Erfahrung für uns. Wir suchen keine Ausreden dafür, müssen einfach härter arbeiten.“

Keine Ausreden für Ferraris Motoren-Wunder

Wolff quantifizierte Ferraris Vorteil in den Vollgas-Passagen sogar auf fünf Zehntel. „Ich will jetzt nicht wie Christian Horner anfangen, dem Speed auf der Geraden die Schuld zu geben. Doch seit einigen Rennen stellen wir fest, dass wir genau dort verlieren. Und nie war es so deutlich wie hier in Hockenheim. Wir sehen in allen Kurven gut aus, können auf den Geraden Ferrari im Moment nichts entgegensetzen.“ Tatsächlich zeigten die GPS-Kurven, was man schon in Silverstone und am Red Bull-Ring festgestellt hatte. Ab einem Tempo von 200 km/h schiebt der Ferrari-Antrieb bis zum Topspeed mit einem gleichbleibendem Leistungsdelta gegenüber Mercedes an.

Wolff warnt davor, im ersten Reflex zu denken, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. „Wir müssen uns bei der eigenen Nase packen und herausfinden, wie wir vom Verbrennungsmotor mehr Leistung rausholen und vom Elektromotor mehr Power einspeisen können. Es wäre falsch, einem Automatismus zu folgen und dem Gegner falsches Spiel zu unterstellen.“ Andererseits sei es schon seltsam, dass Ferrari innerhalb von einem Rennen zum anderen so signifikant Leistung gefunden hat. Bei Mercedes hat man eine Steigerung von 28 Kilowatt (38 PS) errechnet. „Das ist ein Wert für den man bei normaler Entwicklung zwei Jahre braucht. Andererseits: Wenn Ferrari in der Lage war, dass in so kurzer Zeit darzustellen, müssen wir das auch können.“

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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