Mercedes verliert sein Heimspiel

Hamilton drehte sich und fiel bis ans Ende des Feldes
zurück.
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Hamilton drehte sich und fiel bis ans Ende des Feldes zurück.

© Wilhelm
08.07.2018 - 21:08 Uhr von Michael Schmidt

Mercedes hat sein Heimspiel gegen Ferrari verloren. Kimi Räikkönen torpedierte die Chancen von Lewis Hamilton. Das Safety Car brachte den Lokalhelden wieder zurück ins Rennen. Für Valtteri Bottas kam es zu falschen Zeit. Ihm gingen am Ende die Reifen ein.

Der GP England war ein Rennen in mehreren Akten. Die Startaufstellung nahm schon die Story vorweg: Zwei Mercedes gegen zwei Ferrari. Red Bull war nur eine Randerscheinung. Am Ende staffelten sich die beiden WM-Kandidaten wie folgt: Ferrari-Mercedes-Ferrari-Mercedes. Sebastian Vettel schlug Lewis Hamilton, Kimi Räikkönen seinen Landsmann Valtteri Bottas. Entscheidend waren die Kollision zwischen Hamilton und Räikkönen in der ersten Runde, das Safety Car und die Taktik von Mercedes, beide Autos auf die Strecke zu lassen. „Sie war für Valtteri im Rückblick falsch, für Lewis absolut richtig“, urteilte Teamchef Toto Wolff.

Der Frontmann von Mercedes sagte aber auch: „Hätten wir mit Valtteri Reifen gewechselt, wäre er hinter Vettel Zweiter geworden. Wir sind eine aggressive Strategie gefahren, weil es für Bottas die einzige Chance war, das Rennen zu gewinnen. Zu dem Zeitpunkt war die Position auf der Strecke wichtiger als die Möglichkeit, gratis Reifen zu wechseln.“ Die Ingenieure rechneten vor: „Ohne Boxenstopp hatte Valtteri einen 30 prozentige Siegchance. Mit Boxenstopp null Prozent. Da geht es um 14 Punkte hin oder her. Das Risiko muss es wert sein. Er hätte auf gebrauchten Soft-Reifen Vettel auf neuen Soft-Reifen nicht überholt.“ Mercedes hatte sich im Gegensatz zu Ferrari und Red Bull keine frischen Soft-Garnituren für das Rennen aufgehoben. „Auch wenn wir sie gehabt hätten, wäre die Entscheidung am Kommandostand nicht anders ausgefallen“, bestätigte Wolff.

Mercedes hat ein Problem mit den Starts

Silverstone war für Mercedes ein Heimspiel. Wenn der Silberpfeil für eine Strecke gebaut ist, dann für diese. Doch schon das knappe Trainingsergebnis hat gezeigt, dass Ferrari aufgeholt hat. Und zwar in allen Disziplinen. „Sie haben mehr Leistung als wir“, nimmt Niki Lauda die Motorleute in die Pflicht. Der dritte Teil des Aero-Upgrades schloss auch die Lücke in den schnellen Kurven zu Mercedes. Dazu kommt: Seit dem GP Kanada hat Ferrari konstantere Starts. „Sie hatten jedes Mal mit beiden Autos bessere Starts als wir. Das hat einen technischen Hintergrund“, heißt es aus Ingenieurskreisen. Wolff nennt die Parameter: „Motorleistung, Kupplung, Bedienkarkeit, Bedienung durch den Fahrer.“ Da hatte sich nur Pole-Mann Hamilton etwas vorzuwerfen. Er kam etwas schlechter weg als Bottas und fiel auf dem Weg zum ersten Bremspunkt in Kurve 3 hinter Vettel und seinen Teamkollegen zurück.

Damit stiegen auch die Chancen in einen Startcrash verwickelt zu werden. Räikkönen verbremste sich, rauschte dem Mercedes ins Heck und drehte ihn um. „Mein Fehler. Aber so etwas passiert im Startgetümmel“, zuckte der Finne mit den Schultern. Hamilton kam auf Platz 18 aus der ersten Runde zurück. Da durfte er schon froh sein, überhaupt noch auf eine zweistellige Punktzahl zu kommen. Hamilton sprach nicht nur den Unfallverursacher an: „Wir müssen hart daran arbeiten, dass wir uns nicht solchen Situationen aussetzen, dass wir für die roten Autos keine Zielscheibe mehr sind. Das kann nur heißen, dass wir in Zukunft beide Autos in die erste Reihe bringen müssen, um geschlossen vor den beiden Ferrari zu stehen.“

Hamilton nahm damit Bezug auf den GP Frankreich vor zwei Wochen, wo Vettel den Mercedes von Bottas getroffen hatte. „Mir gehen die Unfälle mit den Ferrari in der ersten Kurve langsam auf die Nerven. Immerhin haben die Sportkommissare gelernt. Zehn Sekunden für Kimi sind eine gerechtere Strafe als die fünf für Vettel in Frankreich. Das Rennen von Lewis war trotzdem zerstört. Ohne den Unfall hätte er gewinnen können. Wir hatten den Speed Ferrari zu schlagen“, schimpfte Lauda

Richtig, Hamilton auf der Strecke zu lassen

Der Zwischenfall in Kurve 3 war eigentlich schon der Todesstoß für Hamiltons Träume vom sechsten Silverstone-Sieg. Nach fünf Runden lag der Engländer mit 24,3 Sekunden Rückstand auf Platz 11. Fünf Runden später war er Sechster mit 27,4 Sekunden Abstand zu Spitzenreiter Vettel. Das ist unter normalen Bedingungen nicht aufholbar. Doch dann reichte ihm das Safety Car nach dem Unfall von Marcus Ericsson eine Hand und spielte Hamilton sogar eine klitzekleine Siegchance zu. Er hatte in Runde 25 auf Medium-Reifen gewechselt, die ohne Probleme bis zum Ende durchhalten sollten.

Das Safety Car schenkte dem Mercedes-Piloten drei Plätze. Die Frage ob Boxenstopp oder nicht stellte sich nicht. „Es war für mich die absolut richtige Entscheidung“, lobte Hamilton. Beim Restart saß er dann erste Reihe Mitte als sich Vettel und Bottas um die Führung stritten. Er konnte aber nicht davon profitieren. Auch Vettel hatte DRS. Die Ferrari waren ebenbürtig auf den Geraden, wenn nicht schneller. Und Vettel hatte die frischeren und weicheren Reifen für das Finale.

Das gab auch im Duell mit Bottas den Ausschlag. Die Medium-Reifen am Mercedes des Finnen hatten 12 Runden mehr auf der Lauffläche als die Soft-Gummis von Vettel. „Nach dem Restart konnte ich Seb noch ganz gut hinter mir halten. Die Reifen fühlten sich noch ganz gut an. Aber ich musste jede Runde Qualifikationsrunden fahren. Und das ging dann auf die Reifen. Meine Traktion wird immer schlechter, und Seb hat aus den langsamen Kurven raus immer mehr aufgeschlossen. Ehrlich gesagt, habe ich seinen Angriff in dem Moment nicht erwartet. Er hat es in den Runden davor nicht auf diese Weise probiert. Ich wäre ohnehin fällig gewesen, bin schon in den Runden davor Kampflinie vor Kurve 6 gefahren. Noch weiter innen abzublocken wäre ein zu großer Kompromiss für die folgenden Kurven gewesen. Die Reifen haben dann immer mehr abgebaut. So hatten auch Lewis und Kimi leichtes Spiel.“

Während das Safety Car Hamilton ein Podium schenkte, hat es Bottas dieses Podium geklaut. „So wie er im ersten Stint auf Vettel Boden gutgemacht hat, so war es auch im zweiten Abschnitt. Vettel war schon voll im Reifenmanagement, als Valtteri näher kam“, erklärte Wolff. An den Ferrari brach vor allem der linke Vorderreifen ein. Ob es gereicht hätte, wollte der Österreicher nicht beurteilen: „Das ist eine Rechnung mit zwei Wenns.“ Tatsache ist: Ferrari hatte sein Auto so abgestimmt, dass man mit frischen Reifen einen Vorteil gegen Mercedes hatte. Dafür bezahlte man am Ende der Stints. Das war einkalkuliert. Vettel verlor zwar durch das Safety Car die Führung, musste am Ende aber doch dankbar dafür sein, dass die Karten neu gemischt wurden. Das hat den Ferrari eine Zweistopp-Taktik geschenkt.

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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