Nächster Rückschlag für Bottas: „Ich brauche ein Wunder“

Nächster Rückschlag für Bottas: „Ich brauche ein Wunder“
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Nächster Rückschlag für Bottas: „Ich brauche ein Wunder“

© Motorsport Images

Valtteri Bottas ist ein Kämpfer. Doch 69 Punkte sind gegen einen Lewis Hamilton bei noch sechs Rennen eigentlich nicht mehr aufzuholen. Der WM-Zweite weiß, dass er ein Wunder braucht, sagt aber auch: "Aufgeben liegt nicht in meiner Natur."

Es gibt viele Beispiele großer Aufholjagden. Das letzte 2012. Damals machte Sebastian Vettel in einem Sprint in der zweiten Saisonhälfte 42 Punkte auf Fernando Alonso gut und sicherte sich die dritte Weltmeisterschaft. Die Aufgabe für Valtteri Bottas ist ungleich schwerer. Der Mann aus Finnland hat nur noch sechs Rennen für die Wende. Sein Rückstand beträgt nach dem Ausfall am Nürburgring 69 Punkte. Und dann wäre da noch der übermächtige Teamkollege.

Lewis Hamilton macht praktisch keine Fehler. Er sitzt im gleichen Auto. Er ist unter normalen Umständen der schnellere Fahrer. Und wenn einer Pech hat, ist es Bottas und nicht Hamilton. Wie in der Eifel. Ein Motor-Defekt raubte Bottas alle Hoffnungen. Offenbar wurde die MGU-H im Abgasstrang von einer fehlerhaften Elektronik aus dem Tritt gebracht. Ingenieure und Pilot versuchten zwar, die Elektromaschine durch geänderte Parameter über das Lenkrad am Leben zu halten. Doch nachdem klar was, dass die MGU-H nicht zurückkehren würde, war das Rennen für Bottas ohne die zusätzlichen Elektro-PS beendet.

Mercedes hatte erst vor dem Wochenende den dritten Satz von Motor, Turbo, MGU-K und MGU-H in beiden Autos verbaut. Die Hardware sollte verschont geblieben sein. Das wären gute Nachrichten, weil dann auch keine unmittelbare Startplatzstrafe bei einem der nächsten Rennen droht. Das Steuergerät dürfte Mercedes ohne Konsequenz wechseln. Zwei Module sind pro Saison erlaubt. Die Schadensanalyse und Ursachenforschung läuft noch. Ein Ergebnis sollte es bis Ende der Woche geben.

Bottas boxt sich durch

Der zweite Nuller der Saison nach Silverstone – damals wegen eines Reifenschadens – wirft ihn noch aussichtsloser zurück, als es schon vor dem elften Rennwochenende der Fall war. Zwei Null-Punkte-Rennen sind in der verkürzten Corona-Saison zwei zu viel. Die weiße Fahne hisst Bottas trotzdem noch nicht. Der WM-Zweite will so lange kämpfen, bis der Titel rechnerisch an Hamilton vergeben ist. Bottas weiß aber auch: "Die Lücke zu Lewis ist groß. Ich brauche ein Wunder." Selbst wenn der zweimalige Saisonsieger noch die maximal 156 zu vergebenen Punkte holt, reichen Hamilton sechs dritte Plätze. Dann verliert Bottas die WM um drei Zähler. Aufgeben kommt trotzdem nicht infrage. "Das liegt nicht in meiner Natur. Ich muss nicht mehr rechnen, sondern werde versuchen, die Messlatte noch höher zu legen. Ich muss es einfach weiter probieren."

Das Beste am Rennen des Finnen war der Start. Bottas verteidigte die Führung mit einer Mischung aus ungewohnter Härte, Wagemut und Durchsetzungsvermögen. "Lewis kam besser vom Fleck. Das erlaubte es ihm, neben mir in die erste Kurve zu fahren. Ich bremste so spät wie möglich. Lewis war sogar noch später dran. Sein Auto untersteuerte und ging weit. Ich war nicht bereit, den ersten Platz abzutreten. Deshalb entschied ich, es außen weiter zu versuchen. Zum Glück hatte ich für die zweite Kurve die bessere Linie."

Keiner der beiden Mercedes erwischte die erste Kurve auf der Ideallinie. Beide rodelten zwei bis drei Meter neben die Streckenmarkierung. In einem Rad-an-Rad-Duell boxte sich Bottas durch. Hamilton erahnte den Teamkollegen neben sich, sah ihn aber nicht kommen. "Valtteri war im toten Winkel. Sein Manöver war wirklich stark. Das hat mich beeindruckt", applaudierte der sechsfache Weltmeister. Mercedes-Teamchef Toto Wolff lobte seine Fahrer. "Ich habe es genossen. Die beiden respektieren sich und kennen die Grenzen. Da müssen wir uns keine Sorgen machen." Auch später nicht.

Verbremser wegen Niesel

Bottas passierte das, was einem Hamilton so gut wie nie passiert. Er schenkte die Führung in der 13. Runde mit einem Fehler her. Der Mercedes-Pilot hat den leicht einsetzenden Regen als Ursache für den Verbremser in Verdacht. "Ich denke, es lag hauptsächlich am Niesel. Plötzlich blieb das Vorderrad stehen. Es war ein Fehler in schwierigen Verhältnissen. Leider ist es so, dass der Führende immer als erstes überrascht wird. Die Verfolger können sich orientieren."

Doch selbst nach dem Patzer wäre ein Erfolg noch möglich gewesen. Der Bremsplatte zwang Bottas die Strategie auf. Aus einem geplanten Einstopprennen hätten zwei Reifenwechsel werden sollen. "Meine Chancen waren noch intakt, nachdem ich mich an Ricciardo vorbeigearbeitet hatte. Ein Zweistopprennen war im Nachgang die beste Strategie." Das VSC und schlussendlich der defekte Antrieb knockten Bottas aus.

Wie hätte es ohne Zwischenfälle laufen können? Hamilton wäre wohl irgendwann kurz vor Rennhalbzeit in die Box gekommen. Dann hätte Bottas die Führung übernommen. Mit einem Vorsprung, dank der frischeren Reifen. Nach seinem zweiten Stopp wäre Bottas wieder hinter Hamilton gefallen. Im Finale hätte er allerdings neue Reifen für eine Aufholjagd gehabt.

Bottas lernt neue Strecken schnell

Es bleibt die Erkenntnis, dass Valtteri Bottas einer ist, der auch die Ellbogen ausfahren kann. Und einer, der sich schnell auf neue Strecken einstellt. In Mugello und in der Eifel sogar schneller als Hamilton. Trotzdem gewann jeweils der Brite. Die begrenzte Vorbereitung mit nur einer Stunde Training gefiel Bottas. "Ich habe kein Problem damit. Das reicht mir, um voll da zu sein."

Die Rennstrecke von Portimão, wo die Formel 1 in knapp zwei Wochen gastiert, kennt Bottas aus früherer Formel 3-Tage und aus dem Mercedes-Simulator. Er wird sich die 4,684 Kilometer lange Berg- und Talbahn noch weiter im heimischen Simulator einprägen. Der Sieg beim GP Portugal ist Pflicht. Sonst ist die Mini-Hoffnung auf den Titel endgültig dahin.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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