Nico Rosberg im Interview

Nico Rosberg - F1 - 2017
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Nico Rosberg - F1 - 2017

© Wilhelm
20.03.2017 - 10:35 Uhr von Michael Schmidt

Weltmeister Nico Rosberg ist in dieser Formel 1-Saison nur Zuschauer. Zwei Monate nach seinem Rücktritt erklärt er im Interview mit auto motor und sport, warum er wirklich aufhört.

Rosberg: Auf jeden Fall. Total. Es fühlt sich einfach gut an. Auch das Zurückschauen. Bei Büchern liebe ich es, wenn sie ein phänomenales Ende haben. Mein Formel 1-Buch hat so ein Ende. Besser hätte ich es mir niemals erträumen können. Dieses Kapitel mit dem Erreichen des ultimativen Ziels zu schließen ist ein tolles Gefühl, das ich jetzt auch in den nächsten Schritt mit hineinnehme. Da ist eine Freude, eine Erfülltheit. Das macht Laune auf die Zukunft.

Rosberg: Sagen wir so: Ein gigantisches, emotionales Ende. Aber mag das nicht jeder?

Rosberg: Ich fand es spannend. Es ist schon ein anderes Leben. Ich musste mich erst einmal neu organisieren. Und entdecken, was ich in Zukunft will. Der erste Gedanke ist, etwas zurückzugeben. Deshalb engagiere ich mich im Moment für Aktionen, die einem guten Zweck dienen. Ich war bereits in Kinderkrankenhäusern. Da bin ich gerade auf der Suche, auf diesem Gebiet eine Herzensangelegenheit zu finden.

Rosberg: Ich wusste anfangs auch nicht, was auf mich zukommt. Aber eigentlich hat sich nichts verändert. Ich lebe weiter nach Plan und diszipliniert, mache mein Training, verbringe meine Zeit im Büro und mit der Familie. Alles ist schön durch getaktet. Das gibt meinem Tag einen Sinn und eine Struktur. So fühle ich mich am wohlsten. Sobald ich loslasse, kommt es nicht gut. Dann gehe ich auf Facebook oder YouTube und werde süchtig danach. Ich muss immer so ein bisschen die Kontrolle behalten.

Rosberg: Vorher war das Training ein Muss, jetzt ist es Freude. Ich trainiere auch anders. Jetzt mache ich Muskelaufbau. Vorher ging das nicht. Es hätte ja mehr Gewicht bedeutet.

Rosberg: Auch das nicht. Ich halte meinen Ernährungsplan bei. Eine Pizza ist schon eine Ausnahme.

Rosberg: Gar nicht. Ich kann nicht nur so ein bisschen etwas tun. Entweder volles Training oder Bierbauch. Halbe Sachen gibt‘s bei mir nicht. Ich war in diesem Rhythmus drin, und er tut meinem Leben gut. Da kenn ich mich.

Rosberg: Das ist meine Art und Weise zu leben.

Rosberg: Es war eine schwierige Entscheidung. Für diesen Sport habe ich 25 Jahre gelebt, tagein, tagaus. Und es war ein Riesen-Erlebnis. Ich stelle jetzt mein Leben auf den Kopf. Es war nicht einfach, das alles zurückzulassen. Der Gedanke war eine Sache. Es wirklich zu tun, eine andere. Das war schon hart. Bis zuletzt wusste ich nicht, ob ich die Courage habe, es auch final durchzuziehen.

Rosberg: Am Anfang war es nur ein Gedanke. Wenn es mit dem WM-Titel nicht geklappt hätte, wäre ich weitergefahren. Der Gedanke hat sich mit jedem Rennen mehr verfestigt. Nach dem letzten Rennen war ich mir dann sicher, dass ich nicht weitermachen will.

Rosberg: Ich bin nicht einer, der aufgibt. Ohne das große Ziel hätte ich es noch einmal probiert, obwohl mehr Einsatz wie im letzten Jahr nicht mehr geht. Mein rennsportlicher Lebenstraum war Formel 1-Weltmeister. Für mich war klar: Bevor ich das nicht erreicht habe, gehe ich nicht nach Hause. Als ich den Titel hatte, gab das mit das Gefühl: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Rosberg: Kann ich nicht sagen. Ich hatte damals diese Gedanken nicht. Das wäre wahrscheinlich zu früh gewesen.

Rosberg: So war es besser. Ich konnte mich voll auf meinen Job fokussieren und habe nicht lange darüber gegrübelt. Es war einfach ein starkes Gefühl. Ich zieh das jetzt durch.

Rosberg: Der Druck, die Opfer, der Verzicht: Das ist normal im Sport. Das habe ich ja auch gesucht. Dafür haben wir ja auch ein tolles Leben als Formel-1-Piloten. Die positiven Seiten überwiegen ja deutlich. Das hat nicht die entscheidende Rolle gespielt. Eher im Gegenteil. Da war ja Teil der Herausforderung.

Rosberg: Nein. Mein bester Kumpel hat es versucht. Er hat mir gesagt: Jetzt weiß ich, wie sich meine Schwester gefühlt hat, als die Boy-Group „Take That“ auseinander gegangen ist. Dann hat er gesagt: "Nico, beweg dich nicht! Bleib wo du bist, ich komme!" Da war ich schon in Wien, kurz vor der Pressekonferenz. Er wollte das mit mir nochmal besprechen. Genau das wollte ich nicht. Zwei Stunden später musste ich auf die Bühne. Da brauchte ich mein geballtes Selbstbewusstsein, damit ich da nicht in Tränen ausbreche.

Rosberg: Bei meinem Vater. Ich habe meine Mutter gebeten, sie soll es ihm sagen. Ich wollte es nicht mit meinem Vater diskutieren, bevor ich auf die Bühne gehe. Das wäre zu intensiv geworden. Ich weiß nicht, wie er da reagiert hätte. Er war ja mein größter Fan. Er war am nächsten dran an meiner Karriere und am leidenschaftlichsten dabei. Wir sind den Weg die ganzen Jahre zusammen gegangen. Und mit Sicherheit hat er sich nach dem Titel auf die nächsten Jahre gefreut. Für ihn war das auch ein großer Schock im ersten Moment.

Rosberg: Überhaupt nicht. Erstmal war er sprachlos. Mit der Zeit kam bei ihm der Gedanke: Er ist glücklich, wenn sein Sohn glücklich ist.

Rosberg: Ja, es gibt da schon Ähnlichkeiten. Auch seine Karriere hat 20 Jahre gedauert, auch sein Kind war zu dem Zeitpunkt gerade eineinhalb Jahre alt.

Rosberg: Ein Comeback schließe ich aus. Für mich war es mega, aber das Kapitel ist jetzt zu Ende. Ich freue mich einfach auf den nächsten Schritt. Der wird genauso toll und so wichtig wie der vorherige. Da bin ich jetzt auch auf der Suche.

Rosberg: Auch das nicht.

Rosberg: Überhaupt nicht. Ich werde sie jetzt nur in einem anderen Leben einsetzen, im nächsten Schritt meines Lebens.

Rosberg: Es war schön zu sehen, dass der Großteil so positiv reagiert hat. Das hätte ich so nicht erwartet. Auch wenn ich mir darüber vorher keine Gedanken gemacht habe, wie die Reaktionen wohl ausfallen.

Rosberg: Das verstehe ich nicht. Du kannst nicht Weltmeister ohne Leidenschaft werden. Seit 11 Jahren habe ich alles in diesen Sport gesteckt. Das geht nur mit Passion.

Rosberg: Ich bin jetzt einfach nur noch ein Riesen-Fan. Jetzt habe ich endlich die Zeit, die ganzen Webseiten durchzulesen. Das habe ich bis jetzt nicht gemacht, weil ich mich nicht negativ wie positiv beeinflussen lassen und 100 Prozent Energie in meinen Sport stecken wollte. Klar, werde ich alle Grand Prix anschauen. Darauf freue ich mich schon. Es wird auch ein paar komische Momente geben. Zum Beispiel wenn Valtteri mit meinem Auto auf der Pole Position steht. Aber auf das bin ich vorbereitet. Das Team ist einfach unglaublich gut, und die Wahrscheinlichkeit, dass der Mercedes gut laufen wird, ist groß.

Rosberg: Da hilft mir mein Interesse an der Philosophie. Dadurch habe ich viel über das Leben gelernt und wie die Menschen ticken. Ich verstehe, warum ein Mensch in ein schwarzes Loch fällt. Warum haben so viele Rockstars Probleme mit Drogen, wenn sie die große Bühne nicht mehr haben? Das habe ich versucht zu verstehen. Das hilft mir, wenn ich mal in eine schwierige Phase komme. Formel 1 ist so eine intensive Erfahrung. Das hat mein Leben bis jetzt dominiert. Wenn du da rausgehst, wird es schon ein paar Momente geben, die sich komisch anfühlen. Trotzdem bin ich guter Dinge. Momentan freue ich mich so auf das, was kommt. Aber ich weiß, dass es viele Sportler erwischt hat. Ich habe meine Familie als Basis. Das verhindert, dass ich in eine Leere reinfalle.

Rosberg: Das ist für jeden Menschen schwierig. Für jeden Sportler, Sänger oder Schauspieler kommt das einmal. Nicht das Mittelmaß, aber dass es ihn drastisch reduziert. Wenn du Weltmeister bist oder der größte Sänger der Welt, dann wirst du so hochgehoben, dass du danach fallen musst. Das ist für alle eine schwierige Situation. Ich habe aber nicht vor ins Mittelmaß abzudriften, ganz und gar nicht. Ich will weiter etwas bewirken. Da suche ich jetzt meinen Weg.

Rosberg: Weniger. Die Botschafter-Rolle für verschiedene Marken liegt mal vor der Haustür. Das gibt mir Zeit, mir darüber hinaus Gedanken zu machen, wie mein neues Leben aussehen könnte.

Rosberg: Alles ist möglich. Es ist natürlich einfacher, etwas mit dem Sport zu machen. Ich will dem Motorsport unbedingt irgendwie erhalten bleiben. Das ist meine Passion, ich bin im Fahrerlager aufgewachsen. Es gibt da viele Möglichkeiten. In einer offiziellen Rolle, als Manager von jungen Fahrern, Arbeit für Sponsoren. Mal sehen.

Rosberg: Langfristig bin ich für alles offen.

Rosberg: Das wäre eine coole Herausforderung. Über unsere Werbefilme bin ich mit dem Metier etwas in Kontakt gekommen. Das ist schon extrem schwierig. Es würde mich interessieren, ob ich das draufhabe. Aber letztendlich ist es auch ein Handwerk, das man draufhaben muss.

Rosberg: Nein. Das ist auch eine Geldfrage. Wenn du dir das Auto am Ende der Saison in den Vertrag schreiben lässt, hast du weniger Grundgehalt. Rückblickend hätte ich mein Weltmeister-Auto schon gerne in der Garage stehen. Am liebsten noch neben dem Weltmeister-Auto von meinem Vater, das wir auch nicht haben.

Rosberg: Das ist keine einfache Situation. Lewis ist fest im Team verankert, dreifacher Weltmeister und mega-schnell. Valtteri kommt komplett neu rein. Sein Vorteil ist, dass es neue Regeln gibt. Die Autos sind für alle neu. Lewis muss sich auch erst ans optimale Set-up herantasten. Aber Valtteri ist ein großes Talent. Er hat Massa jedes Jahr geschlagen, genauso wie es vorher Alonso bei Ferrari gemacht hat. Von daher kann er eine starke Leistung zeigen.

Rosberg: Ja, er hat mich kontaktiert. Und ich werde mich mit ihm auch mal treffen. Nur die Geheimnisse von Lewis, die kriegt er nicht von mir. Die muss er selber rausfinden. Ich möchte neutral bleiben. Ich mache es, um dem Team zu helfen, um es besser zu machen. Die Konkurrenz schläft nicht.

Rosberg: Valtteri ist die perfekte Lösung. Er passt menschlich gut ins Team. Und er ist unheimlich motiviert. Er hat zum Start eine ganze Woche mit dem Team verbracht. Das machen nicht viele Fahrer. Er hat einen sehr guten Kopf, ist bodenständig. Das kann auch gut mit Lewis klappen, und das ist nicht so einfach.

Rosberg: Ja, hatten wir. Es gab schon gute Gespräche. Von meiner Seite aus ist es eine gute Gelegenheit, uns wieder besser zu verstehen. Es war schön, dass er vor meinem Rücktritt großen Respekt gezeigt hat.

Rosberg: In dem Moment ja. Da war Monaco noch im Kopf, wo ich ihn vorbeilasse um dem Team zu helfen. Und er macht komplett das Gegenteil. Nach dem Abu Dhabi-Rennen habe ich verstanden, dass es besser für mich war. Die Freude war umso größer. Aus diesen unglaublich schwierigen Bedingungen rauszukommen, hat den Titel noch wertvoller gemacht. Da gab noch einmal einen Kick für meine Emotionen.

Rosberg: Die Person gibt es ich. Ich hoffe einfach, dass es ein Mega-Jahr wird. Wäre schön, wenn ein paar Teams um den Titel kämpfen. Mercedes, Ferrari und Red Bull. Das ist so mein Gefühl. Red Bull wird sicher stark sein. Neue Regeln und Adrian Newey, das ist so eine Hochzeit, die normalerweise funktioniert. Die Fahrer bei Red Bull sind auch top.

Rosberg: Das Team. 2012 waren die nirgendwo. Ross Brawn und Norbert Haug haben den Grundstein gelegt. Toto Wolff mit der Hilfe von Niki Lauda und Paddy Lowe haben auf dieser Basis etwas geschaffen, das eine unglaubliche Qualität hat. Das beste Beispiel ist der GP Singapur. 2015 voll daneben. Uns haben 1,5 Sekunden gefehlt, obwohl wir auf allen anderen Strecken überlegen waren. Aber da waren wir einfach schlecht. Das dann zu verstehen und abzustellen, das ist schon einzigartig. Ich sage ihnen, da kommt kein anderer drauf. Ein Jahr später dominieren wir das Rennen mit einer halben Sekunde Vorsprung. Das zeigt schon eine unglaubliche Kompetenz. Die Stimmung im Team ist einfach phänomenal. Wie meine Jungs für mich gekämpft haben, das war einzigartig.

Rosberg: Monaco. Ohne, das er feststeht, steht er fest, weil er vor der Haustür liegt.

Mehr zum Rücktritt von Nico Rosberg, seinem Nachfolger bei Mercedes und dem Kampf der Silberpfeile gegen Red Bull und Ferrari lesen Sie in unserem auto motor und sport Formel 1 Spezial-Magazin zur Saison 2017. Alle Infos zum neuen Jahr - ab sofort für 4,90 Euro im Handel erhältlich.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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