Pierre Gasly im Interview: „Ich hätte eine Chance gegen Max“

Die Überraschung des Jahres: Den letzten Überraschungssieger der
Formel 1 gab es mit Pastor Maldonado 2012 in Barcelona. In der
Hybrid-Ära gingen alle an Mercedes, Ferrari und Red Bull. Bis zum
GP Italien 2020. Da stellte Pierre Gasly alle Gesetzmäßigkeiten auf
den Kopf. Es war ein Podium mit Alpha Tauri, McLaren und Racing
Point. Sergio Perez legte mit seinem ersten GP-Sieg im 190. Anlauf
beim zweiten Bahrain-Grand Prix nach.
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Die Überraschung des Jahres: Den letzten Überraschungssieger der Formel 1 gab es mit Pastor Maldonado 2012 in Barcelona. In der Hybrid-Ära gingen alle an Mercedes, Ferrari und Red Bull. Bis zum GP Italien 2020. Da stellte Pierre Gasly alle Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf. Es war ein Podium mit Alpha Tauri, McLaren und Racing Point. Sergio Perez legte mit seinem ersten GP-Sieg im 190. Anlauf beim zweiten Bahrain-Grand Prix nach.

© xpb

Pierre Gasly war einer von zwei Überraschungssiegern der Formel 1-Saison. Im Interview spricht der Franzose über den magischen Moment in Monza, einen verpassten Anruf von Frankreichs Präsident, seine Entwicklung als Fahrer und mit dem Team – und die Ziele für 2021.

Wie hat sich Ihr Leben nach dem Monza-Sieg verändert?

Gasly: Das war mein Saisonhighlight. Meine größte Leistung bislang in der Formel 1. Das hatte niemand erwartet. Deshalb hat dem Team und mir dieser Sieg noch besser geschmeckt. Er hat mein Leben verändert – professionell und persönlich. Plötzlich stand ich im Rampenlicht in der Öffentlichkeit. Viel mehr Leute folgen mir jetzt. Für Frankreich war es eine große Sache, weil wir seit mehr als 20 Jahren keinen Rennsieger mehr hatten. Aber auch weltweit war die Aufmerksamkeit groß.

Und Ihr Rennfahrerleben?

Gasly: Ich muss sagen, dass sich mein Leben wegen Corona und der Einschränkungen stark verändert hat. Man nimmt viel weniger am sozialen Leben teil. Du kannst praktisch niemanden sehen. Keine Fans. Wenn sie dabei gewesen wären, hätte sich für mich noch viel mehr ändern können. Unter diesem Aspekt hatte ich mehr Zeit für mich. Ich habe jetzt einen anderen Status im Fahrerlager. Dort haben nicht viele Fahrer ein Rennen gewonnen. Und noch weniger in einem Mittelfeldauto. Ich denke, andere Teams sehen mich jetzt mit anderen Augen. Ansonsten bin ich derselbe Typ geblieben. Ich habe dieselben Ambitionen: Ich will viel mehr Siege.

Wie war das mit dem Anruf von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron?

Gasly: Er hat mich angerufen. Das war ein kleiner Schock für mich. Der Präsident ruft einen ja nicht jede Woche an. Er hatte mich noch nie angerufen. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil ich im De-Briefing war und den Anruf sogar verpasste. Da kannst du schlecht argumentieren, wenn dich der französische Präsident nicht erreicht. Deiner Familie kannst du das leichter erklären. Aber als es dann funktionierte, waren das ziemlich berührende Worte von ihm. Das hat mir klar gemacht, dass ich etwas Großes erreicht habe. In den zwei Stunden nach dem Rennen wurde ich von einer Stelle zur nächsten gezerrt. Da wusste ich gar nicht, wo ich überhaupt bin. So viel prasselte auf einmal auf mich ein. Dazu all die Emotionen. Als ich den Präsident hörte, wusste ich, dass das ein besonderer Tag ist.

Wo steht die Trophäe?

Gasly: Ich habe das Original bekommen. Sie steht in meinem Wohnzimmer. Jeden Morgen, wenn ich Zuhause Kaffee trinke, kann ich den Pokal sehen. Das ist eine gute Quelle für die Motivation.

Haben Sie die Pokale und Utensilien zurück, die Ihnen Diebe im August geraubt haben?

Gasly: Leider nicht. Bis jetzt kam nichts zurück. Das war sicher keine großartige Zeit. Die Ermittlungen laufen. Hoffentlich bekomme ich die Sachen irgendwann zurück.

Kommen wir auf die Saison im Allgemeinen zu sprechen. Hat Alpha Tauri als Siebter die Ziele erreicht oder wäre mehr drin gewesen?

Gasly: Ich denke, wir haben es in dieser Saison sehr gut gemacht. Es ist das erfolgreichste Jahr von Alpha Tauri/Toro Rosso in der Teamgeschichte. Wir sollten sehr zufrieden darüber sein. Natürlich ist das finale Ergebnis ziemlich brutal, wenn man die Arbeit und Mühe bedenkt, die wir reingesteckt haben. Aber das zeigt, wie eng es im Mittelfeld zugeht. In diesem Mittelfeld durchmischt es sich ziemlich stark, je nach Strecke. Platz sieben klingt nicht großartig. Aber ich habe das Gefühl, dass das Team in vielen Bereichen die Schlagzahl erhöht hat. Das Team ist ein starkes Mittelfeld-Team geworden. Wir haben uns vorgenommen, es 2021 noch besser zu machen. Wir haben ein gutes Momentum aufgebaut. Hoffentlich schaffen wir nächste Saison einen weiteren Schritt.

Was fehlte, um gegen McLaren, Racing Point und Renault um den dritten Platz zu kämpfen?

Gasly: Generell ein bisschen Abtrieb im Vergleich zu den genannten Teams. Das Team hat da zwar schon einen großen Schritt gemacht. Mit unserem Budget schlagen wir uns gut. Aber das ist ein Bereich, indem wir zulegen müssen, um mehr zu leisten. Wir sehen jedes Wochenende, dass es extrem eng zugeht. Zwei, drei Zehntel mehr und wir springen fast zwei Reihen nach vorne in der Qualifikation. Ich habe im ersten Bahrain-Rennen den vierten Platz gegen Albon zum Beispiel um zwei Zehntel verpasst. Und da war ich Achter. Uns fehlt nicht viel, einfach allgemein etwas mehr Anpressdruck.

Wird der Budgetdeckel schon eine Auswirkung auf Alpha Tauris nächste Saison haben?

Gasly: Ich glaube, es geht in die richtige Richtung. Die echten Auswirkungen davon werden wir aber mehr 2022 sehen. Und die Jahre danach. Die großen Teams hatten immer noch diese Budgets um die 300, 400 Millionen. Das konnten sie für nächstes Jahr nutzen. Wir fangen ja schon im April oder Mai mit dem nächstjährigen Auto an. Also wurde die Entwicklungsarbeit mit den Budgets von 2020 erledigt. Ich denke nicht, dass es sich massiv verändert. Die Teams werden ungefähr dort stehen, wo sie diese Saison waren.

Was ist dann ein realistisches Ziel 2021?

Gasly: Wir waren 2020 ein paar Mal unter den Top 5 Autos. Das sollte das Ziel sein. Davon sind wir nicht weit weg. Es war zwar das erfolgreichste Jahr des Teams. Trotzdem sind wir nur Siebter. Wir müssen noch mehr geben, es noch besser machen. Wir sind nicht weit weg von den Jungs vor uns. Hoffentlich landen wir 2021 unter den ersten fünf im Konstrukteurspokal.

Was macht Alpha Tauri so speziell, dass Sie sich dort so wohl fühlen?

Gasly: Das Team hat eine tolle Mentalität, eine tolle Einstellung. Es gibt viel positive Energie. Wir arbeiten alle gut zusammen. Das ist das wichtigste in einem Teamsport wie der Formel 1. Ich erledige meinen Job am Sonntag, aber die Entwicklungsarbeit, das Setup des Autos – all diese Arbeit wird vor dem Rennwochenende gemacht. Die Harmonie stimmt. Jeder gibt 110 Prozent seiner Fähigkeiten für die Ergebnisse auf der Strecke.

Was ist der Unterschied zu einer großen Organisation wie Red Bull?

Gasly: Es gibt Unterschiede, aber ich will da nicht ins Detail gehen. Am Ende des Tages sind es kleinere Unterschiede. Jeder im Team hat seine Verantwortung, die er zur Performance der Mannschaft beisteuert. Red Bull macht da mit Max einen guten Job. Alpha Tauri und ich machen das aber auch.

Welche Lektionen haben Sie bei Red Bull gelernt, wovon Sie jetzt profitieren?

Gasly: Viele. Ich war damals in meinem zweiten (vollen) Jahr in der Formel 1. Jetzt bringe ich viel bessere Leistungen. Ich bin ganz objektiv gesehen ein besserer Fahrer. Konstanter, mit mehr Erfahrung. Ich erwarte, dass ich 2021 noch besser sein werde. Und im Jahr darauf noch einmal. In der Formel 1 macht die Erfahrung einen ziemlichen Unterschied. Ich habe gelernt, wie ich besser mit dem Team zusammenarbeite. Wie ich aus den Leuten um mich herum mehr heraushole. Wie ich das Rennwochenende besser vorbereite. Wie ich mit den kleinen Problemen umgehe, die einem während eines Wochenendes widerfahren können.

Ehrlich gesagt gibt es trotzdem so viele Bereiche, die ich verbessern kann. Das geht aber auch einem siebenfachen Weltmeister so. Wenn man mit Lewis spricht, bin ich sicher, dass er Bereiche fühlt, in denen er es besser machen könnte. So ist unser Leben: Wir arbeiten an jedem Detail, das uns besser macht. Etwas besser macht als die anderen.

Würden Sie heute besser gegen Max Verstappen abschneiden im selben Auto?

Gasly: Ich denke, ich hätte meine Chance im selben Auto. Aber es ist viel komplizierter als das. Ich kenne meine Fähigkeiten. Wenn ich das richtige Auto habe, wie dieses Jahr, kann ich richtig starke Leistungen abrufen. Das habe ich gezeigt. Auch letztes Jahr – zum Beispiel durch das Podest und konstante Punkteergebnisse. Ich gebe weiter Vollgas, damit ich meine Chance bekomme. Denn mein Ziel in der Formel 1 ist es, Weltmeister zu werden. Dafür arbeite ich.

Sie wollen mehr Verantwortung bei Alpha Tauri übernehmen. Was bedeutet das?

Gasly: Zum ersten Mal werde ich zwei Saisons in Folge im Team sein. Alles, was dieses Jahr passierte – die Zusammenarbeit und die Rückmeldung an die Ingenieure – fließt in die nächstjährige Entwicklung. Ich will noch enger mit ihnen zusammenarbeiten, um die Entwicklung zu beeinflussen. Wenn ich von mehr Verantwortung spreche, meine ich die Tatsache, dass wir länger zusammenarbeiten werden. Nach 2018 bin ich zu Red Bull. 2019 kam ich recht spät im Jahr zurück. Da hatte ich nicht so viel Einfluss auf das diesjährige Auto.

Wann ist ein Auto nach Ihrem Geschmack?

Gasly: Das kann man mit vielen Worten umschreiben. Jeder Fahrer erklärt das anders. Ich mag eine starke Front am Scheitel, um das Auto zu drehen. Was ich grundsätzlich nicht mag, ist ein untersteuerndes Auto. Deshalb will ich eine starke Vorderachse. Mit viel Rotation, damit das Auto früh in die Kurve einbiegt. Damit ich früh aufs Gas kann.

Wenn Sie wählen dürften: Welche Strecke von 2020 müsste auch in einen künftigen Rennkalender?

Gasly: Imola muss rein. Weil das Layout einfach fantastisch ist. Die ganze Anlage an sich. Es macht Riesenspaß, dort mit einem Formel 1-Auto zu fahren. Ansonsten muss Suzuka wieder rein. Schade, dass wir dieses Jahr dort nicht sein konnten. 2021 dürfte speziell werden, weil es unser letztes Mal dort mit Honda sein wird.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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