Pirelli vor entscheidender Woche

Die Formel 1 gastiert zum elften Mal überhaupt in Abu Dhabi.
Daniil Kvyat ließ vor der Garage die Hinterreifen qualmen.
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Die Formel 1 gastiert zum elften Mal überhaupt in Abu Dhabi. Daniil Kvyat ließ vor der Garage die Hinterreifen qualmen.

© Motorsport Images

Nach dem Rennen in Abu Dhabi finden zweitägige Testfahrten statt. Die Teams probieren dann ein letztes Mal die 2020er Reifen – und entscheiden eine Woche später, ob sie die neuen Reifen wollen oder nicht.

Erinnern Sie sich noch an den Reifenstreit aus dem ersten Saisondrittel? Damals hatten mehrere Teams Politik dafür betrieben, zu den 2018er Reifenmischungen mit der dickeren Lauffläche zurückzukehren, und Mercedes zu schaden. Federführend Red Bull, Ferrari und Haas. Doch es blieb alles beim Alten.

Seit dem GP Österreich hört man kaum mehr Klagen über die Reifen. Seither gewinnt nicht mehr nur Mercedes, sondern auch Red Bull und Ferrari. Die Topteams sind zusammengerückt. Und das Reifenbild hat sich um 180 Grad gedreht. Es wird inzwischen sogar in Betracht gezogen, 2020 mit den 2019er Reifenkonstruktionen und Mischungen weiterzufahren. „Ich finde das schon irgendwie lustig nach all den Beschwerden zu Saisonbeginn“, sagt Pirelli-Rennleiter Mario Isola. „Dieser Reifen kann also nicht so schlecht sein, wie ihn manche Leute gemacht haben.“

Sieben von zehn Stimmen

Pirelli hat die 2020er Reifenentwicklung über das Jahr auf unterschiedlichen Strecken mit unterschiedlichen Teams betrieben. In Austin gab es für alle Teams am Trainingsfreitag die neuen Reifen. Danach mehrten sich die kritischen Stimmen. Tenor: Die neue Reifengeneration mache die Autos langsamer und instabiler.

Auf dem Yas Marina Circuit werden die Teams am Dienstag und Mittwoch (3. und 4.12.) nach dem Rennen Zeit haben, sich ein letztes Mal vor der kommenden Saison der neuen Konstruktion und den neuen Mischungen zu widmen. Und sie können einen direkten Vergleich mit den 2019er Reifen ziehen.

Pirelli liefert an alle Teams für die beiden Testtage 20 Reifensätze aus. Acht davon sind 2020er Reifen – jeweils zwei Garnituren der Mischungen C2, C3, C4 und C5. Darüber hinaus gibt es für jeden Rennstall jeweils zwei Sätze von C3 und C4. Die restlichen acht Sätze durften die Teams je nach Eigenbedarf bestellen. Egal, ob neue oder alte Reifen.

Am Montag 9. Dezember, also gut eine Woche nach den Testfahrten, wird dann abgestimmt. Die zehn Teams stehen vor der Wahl. Wollen wir die bereits homologierten 2020er Reifen doch nicht und behalten lieber die diesjährigen Reifen? Die Entscheidung fällt per Mehrheitsvotum. Sieben der zehn Teams müssten sich für ein weiteres Jahr mit den alten Konstruktionen aussprechen. Ansonsten wird mit dem 2020er Reifentyp gefahren. Die FIA hat bereits signalisiert, dass man sich an das Votum der Teams halten wird.

Pirelli senkt den Luftdruck

Noch ist sich die Formel 1 unschlüssig. Klar positioniert hat sich bislang nur Haas, der größte Gegner der aktuellen Reifengeneration. „Nach Austin können wir keine fairen Rückschlüsse machen. Wir sind uns glaube ich alle einig, dass die 2019er Reifen nicht gut für den Sport waren. Es wurde zu viel diskutiert. Mal waren sie zu kalt, mal zu warm. Das versteht kein Fan. Die Fahrer beschweren sich. Die neuen Reifen müssten schon richtig schlecht sein, dass wir bei den aktuellen bleiben“, befindet Haas-Teamchef Guenther Steiner.

Die Teams wollen ihr finales Urteil erst nach den Testfahrten fällen. In Abu Dhabi haben sie genügend Reifensätze zum Ausprobieren. Sie haben genügend Zeit, ihre Autos in der Garage umzubauen. Sie können das Setup besser auf die geänderten Reifen anpassen, als während eines Trainings. Die Verhältnisse sind konstant. Das Wetter warm. Das war in Austin alles anders.

Das kalte Wetter hatte damals die Ergebnisse verwässert. Die Teams fuhren mit zu hohen Luftdrücken. „Wir hatten keinen Grip auf der Hinterachse und deshalb massives Übersteuern. Das sieht man an den vielen Ausrutschern und Drehern“, sagt McLaren-Teamchef Andreas Seidl. „Aber wir konnten die Autos nur provisorisch auf das Walkverhalten der neuen Reifen anpassen. Wir haben einen Teil des Unterbodens rausgeschnitten. Mit den gemachten Erfahrungen und der verfügbaren Zeit können wir in Abu Dhabi bessere Anpassungen machen.“

Pirelli hat seine Rückschlüsse gezogen und reagiert. Die Luftdrücke werden gesenkt. „Wir werden bei den Tests mit 1,5 PSI weniger vorn und hinten fahren als am Rennwochenende“, verrät Isola. Also nach aktuellem Stand mit 20,5 PSI vorn und 18 PSI auf der Hinterachse (Rennwochenende: 22 vorn, 19,5 hinten). Ein geringerer Luftdruck lässt die Reifenoberfläche besser auf dem Asphaltaufliegen, was zu mehr Grip führen sollte. „Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir zurück in die Fabrik und das Problem verstehen.“

Pirelli warnt die Teams

Es gibt nicht wenige im Fahrerlager, die für Pirelli einen Imageverlust fürchten, sollten sich die Teams gegen die neuen Reifen aussprechen. Der italienische Reifenlieferant warnt die Formel 1. „Behalten wir die 2019er Reifen werden wir im nächsten Jahr mit höheren Luftdrücken fahren. Nur so können wir gegensteuern. Denn die Autos werden mehr Abtrieb haben. Sie werden eine bis eineinhalb Sekunden schneller sein“, sagt Pirellis Reifenchef Isola. Ein zweites Mittel, das Pirelli hat, sind die Maximal-Stutzwerte. Auch sie könnten dann konservativer ausgelegt werden.

Nach momentanem Stand der Lage müsste bei den Testfahrten wohl schon viel schiefgehen, wenn die 2020er Reifen direkt in die Tonne wandern. Haas ist ein Befürworter der neuen Generation. Renault und McLaren klingen zumindest nicht pessimistisch. „Die Fahrer klagen immer, wenn sie langsamer fahren können. Wenn der Grip sinkt, dafür aber die Reifen beim Hinterherfahren weniger überhitzen und das Arbeitsfenster breiter ist, wäre das doch gut für die Rennen“, meint Renaults Einsatzleiter Alan Permane. Und Branchenprimus Mercedes scheint ohnehin wieder bestens ausgestellt. Egal, wie das Voting ausgeht. „Wir haben schon in Austin viel Reifenarbeit betrieben und sind im Gegensatz zu vielen anderen Longruns gefahren. Es bedarf Arbeit, ja. Aber für uns waren die Unterschiede nicht so groß“, bilanziert Teammanager Ron Meadows.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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