Rennanalyse GP Abu Dhabi 2019

Nichtsdestotrotz beteiligte sich Leclerc gerne daran, Gummi zu
verbrennen.
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Nichtsdestotrotz beteiligte sich Leclerc gerne daran, Gummi zu verbrennen.

© xpb

Lewis Hamilton war in Abu Dhabi eine Klasse für sich. Das Ergebnis seiner Überlegenheit war der elfte Saisonsieg. Ferrari machte falsche Angaben zum Benzin. Charles Leclerc wurde trotzdem nicht disqualifiziert. Das Team kam mit einer läppischen Geldstrafe davon.

Die 70. Saison der Formel 1 ist beendet. Der beste Fahrer holte sich den Sieg. Lewis Hamilton trumpfte auf, Ferrari blamierte sich. In unserer Rennanalyse geben wir Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wieso wurde Leclerc nicht disqualifiziert?

Ferrari fügte seiner Pannensaison ein weiteres unrühmliches Kapitel hinzu. Bei einer Überprüfung der Benzinmenge vor dem Rennen kam heraus, dass der Ferrari von Charles Leclerc 4,88 Kilogramm zu viel Benzin mitführt, als das Team vorher angegeben hatte. Das sind 6,6 Liter.

FIA-Technikkommissar Jo Bauer sendete seinen Bericht gut 50 Minuten vor dem Start an die Stewards. Die Schiedsrichter spielten erst einmal auf Zeit und verschoben die Angelegenheit. Sie urteilten erst nach dem Rennen. Man wollte Ferrari die Möglichkeit geben, sich zu rechtfertigen. Zur Überraschung vieler wurde das Auto mit der Startnummer 16, das Leclerc auf den dritten Platz lenkte, nicht disqualifiziert. Ferrari muss lediglich eine Summe von 50 000 Euro bezahlen. Das ist für den erfolgreichsten Rennstall der Formel-1-Geschichte ein Kleks.

Ferrari-Rennleiter Mattia Binotto verteidigte seine Mannschaft. „ Ich glaube, unsere Tankmenge wurde zehn Mal in dieser Saison überprüft. Nie gab es etwas zu beanstanden. Alle unsere Messungen waren korrekt. Nur eine ist nicht schlüssig.“

Die Regelhüter führen vor jedem Rennen Stichproben zur Benzinmenge durch. Nur können sie sicherstellen, dass die Teams nicht betrügen. Man weiß ja nie, ob man kontrolliert wird oder nicht. Meistens trifft es die Topteams. Mercedes zum Beispiel checkten die Aufpasser in dieser Saison vier Mal. Für die aufwendige Kontrolle wird das Auto erst einmal mit aufgefülltem Tank gewogen. Dann wird Benzin abgelassen und das Auto leer auf die Waage gestellt. So stellt man fest, wie viele Liter im Auto waren. Es waren 6,6 mehr, als Ferrari in einem Dokument angegeben hatte. Diese Diskrepanz wäre dem Team beinahe zum Vergängnis geworden.

Das ist viel Spielmasse, die gezielt hätte eingesetzt werden können. Leclerc hätte zum Beispiel nicht auf den Spritverbrauch achten müssen, und hätte öfters die volle Leistung abrufen können. Die Stewards haben während des Rennens mit der Benzindurchflussmenge ein Messinstrument. Die lag in Leclercs Ferrari zu keinem Zeitpunkt über den erlaubten 100 Kilogramm pro Stunde. Das rote Auto rollte nach dem Grand Prix ein weiteres Mal auf die Waage. Dort stellte Jo Bauer fest, dass Ferrari nicht mehr als die erlaubten 110 Kilogramm (circa 148 Liter) verbrannte. Ferrari verstieß gegen den Sportcode, verletzte aber nicht das Technikreglement. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Nach all den Verdächtigungen aufgrund des unerklärlichen Power-Vorteils des Ferrari-V6-Turbos sehen sich die Kritiker bestätigt, dass die Italiener tricksen, und vielleicht mehr als nur in den Grauzonen des Reglements wildern.

Warum war Mercedes so haushoch überlegen?

Dieser Sieg erinnerte an den Saisonbeginn. Mercedes war in Abu Dhabi haushoch überlegen. In der Qualifikation und im Rennen. Abu Dhabi war schon immer ein gutes Pflaster für Mercedes. Die Silberpfeile haben hier seit 2014 jedes Rennen gewonnen.

Lewis Hamilton quetschte sein sechstes Weltmeisterauto noch einmal voll aus. Valtteri Bottas lenkte seinen W10 vom letzten Startplatz auf die vierte Position. Die Strategen sind sich sicher: Hätte DRS im ersten Renndrittel funktioniert, wäre der Finne auf dem Podest gelandet.

Kein Auto versteht es so, die Reifen schnell anzuzünden und ohne zu überhitzen über die lange Runde zu bringen. Die elf langsamen Kurven im Schlusssektor waren Mercedes-Land. „Da haben wir alle anderen zerstört.“ Selbst Red Bull. Der erste Verfolger stellte vor allem bei schnellen Richtungswechseln einen großen Zeitverlust fest. Zum Beispiel zwischen Kurve elf und 13. „Wir haben für uns den besten Kompromiss aus Topspeed und Abtrieb gefunden. Aber Mercedes war zu stark“, sagte Red Bulls Sportchef Helmut Marko anerkennend. Ferrari war auf den Geraden mal wieder überlegen, büßte allerdings in den Kurven doppelt ein. Und strapazierte seine Reifen deutlich mehr.

Was war mit Verstappens Red Bull?

Max Verstappen haderte mit seinem Auto. In der ersten Runde musste der Holländer den zweiten Platz an Leclerc abtreten. „Wir kommen besser aus Kurve sieben und der Ferrari fliegt trotzdem locker vorbei. Das war wieder ihre Super-Power“, meinte Marko. 15 Runden lang stellte auch Mercedes fest, dass Ferrari in den höchsten Leistungsstufen fuhr. Dann mussten die Italiener zurückdrehen.

Hinter Leclerc schonte Verstappen seine Reifen. Ein längerer erster Stint sollte ihm im zweiten Rennteil die frischeren harten Reifen bringen. Die Taktik ging auf. In Runde 32 kassierte Verstappen den Ferrari. Davor und auch danach beschwerte sich der WM-Dritte mehrmals am Funk über den Motor. „Nach dem Boxenstopp hat sich das Motormapping aus noch ungeklärter Ursache verändert. Das hat sich auf das Ansprechverhalten und die Motorbremse ausgewirkt. Wir konnten das Problem nur halbwegs lösen“, erklärte Marko. Verstappen kletterte trotzdem zum neunten Mal in der Saison auf das Podest.

Warum funktionierte DRS zunächst nicht?

Bis zur 17. Runde mussten die Fahrer ohne die Überholhilfe auskommen. Der Datenserver der FIA war nach dem Rennstart zusammengebrochen. Deshalb konnte kein Signal in die Fahrzeuge gesendet werden, dass sie DRS aktivieren können. „Die Teams können den Flügel zwar auch ohne das Signal betätigen. Ein Auto kannst du kontrollieren. Aber nicht alle 20. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, es erst einmal nicht freizugeben“, erklärte Rennleiter Michael Masi.

Die FIA hat zwar für so einen Fall einen Backup-Server. Doch man wollte zuerst einmal das Problem mit dem Hauptserver identifizieren, um gröbere Ungereimtheiten auszuschließen. Erst als der Hauptserver wieder intakt war, und ein zuverlässiges Signal sendete, war DRS im Spiel. „Ich weiß, es ist künstlich. Aber ich denke, man hat gesehen, dass wir es brauchen. Vor allem auf einer solchen Strecke“, befindet Renault-Pilot Daniel Ricciardo.

Wie setzte sich Pérez im Mittelfeld durch?

Nico Hülkenberg verfluchte den Moment, indem DRS benutzt werden durfte. Es half Bottas, ihn zu überholen. „Das hat mich zwei Sekunden gekostet. Genau die haben mir gefehlt, um nach meinem Stopp vor Lando Norris rauszukommen“, berichtete Hülkenberg. „Dann hätte ich freie Luft gehabt, und hätte mir meine Medium-Reifen einteilen können.“ Hülkenberg ruinierte sich die Reifen hinter dem McLaren. „Ich hätte sonst Siebter werden können.“ Im Zielsprint flog der Renault-Pilot noch aus den Punkten.

Carlos Sainz zerstörte sich im Verkehr die harten Reifen. Ricciardo kam auf diesem Reifentyp überhaupt nicht zurecht. Beide stoppten zwei Mal. Norris fuhr ein brillantes Rennen. Ein Bremsplatten zwang ihn in der achten Runde zum Reifenwechsel. Die harten Reifen streichelte der Youngster bis ins Ziel. In einem packenden Duell musste er sich in der letzten Runde Sergio Pérez beugen. „Ich habe ihn mir außen herum in Kurve elf geschnappt. Es war das beste Überholmanöver meines Lebens“, jubelte der Mexikaner. Der 29-Jährige profierte vom langlebigeren Medium am Start. Mit frischen harten Reifen schnupfte er ab Runde 38 die McLaren und Renault vor sich auf.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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