Rennanalyse GP China 2019

Sebastian Vettel - Ferrari - GP China 2019 - Shanghai
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Sebastian Vettel - Ferrari - GP China 2019 - Shanghai

© Motorsport Images

Mercedes dominierte das Rennen. Ferrari bestimmte die Schlagzeilen. Ein angeordneter Platztausch wurde im und nach dem Grand Prix diskutiert. In unserer Rennanalyse gehen wir auf den Zwist bei Ferrari ein und beantworten weitere Fragen.

Lewis Hamilton feierte in Shanghai den zweiten Saisonsieg. Es war ein ganz besonderer. Der Engländer hat sich als Sieger des 1.000 Grand Prix in den Geschichtsbüchern verewigt. Wir beleuchten den GP China 2019:

Wie ist die Stallregie bei Ferrari zu bewerten?

Ferrari hat den Saisonstart verhagelt. Drei Rennen, kein Sieg. In der Weltmeisterschaft liegen Sebastian Vettel und Charles Leclerc bereits über 30 Punkte zurück. Es gibt ein paar Baustellen beim Auto aufzuräumen. Der SF90 ist eine Wundertüte. Langsam in Australien, schnell in Bahrain, mittelmäßig in China. Dazu sind die roten Rennwagen noch nicht kugelsicher. Im Training kostete Charles Leclerc eine Defekt wertvolle Streckenzeit.

„Wir müssen die Leistung steigern und die Zuverlässigkeit verbessern. Das hat Priorität“, sagt Teamchef Mattia Binotto. Doch Ferraris Rennleiter muss sich auch um seine Fahrer kümmern. Ansonsten könnte die Stimmung im Team schnell ungemütlich werden. Es tobt der Kampf der Generationen zwischen dem 31-jährigen Vettel, viermaliger Weltmeister, und dem aufmüpfigen 21-jährigen Leclerc. Das ist schon in der Frühphase der Saison sichtbar.

Im dritten Rennen erteilte die Teamführung bereits zum dritten Mal Befehle an seine Fahrer, um sie während des Grand Prix zu steuern. In Australien hatte man Charles Leclerc im Schlussstint zurückgepfiffen. In Bahrain forderte man ihn auf, zwei Runden hinter Vettel zu warten. Leclerc hörte nicht, und überholte Vettel bei der ersten Gelegenheit. Was der Heppenheimer nachvollziehen konnte und akzeptierte. Leclerc war einfach schneller.

Beim GP China lief der Funk am heißesten. Leclerc schnappte sich den Teamkollegen am Start und sortierte sich hinter den Mercedes ein. Das Tempo der Silberpfeile konnte Leclerc nicht halten. Vettel hing mit einem Abstand von unter einer Sekunde hinter ihm, hatte aber trotz des Vorteils von DRS keine Möglichkeit, zu überholen. Obwohl er ganz offensichtlich der schnellere Mann war.

Nach ein paar Runden forderte der Kommandostand Leclerc auf, schneller zu fahren. Andernfalls müsse er Vettel vorbeilassen. Nach elf Runden war es soweit. Ferrari orderte den Platztausch an. Was Leclerc missfiel. „Ich bin doch gerade dabei, davonzuziehen“, funkte er. Das stimmte nicht. Vettel war in seinem Windschatten in der zehnten Runde minimal schneller. „Ich habe gefühlt, dass ich schneller fahren kann. Deshalb war es richtig, dass ich vorbeidurfte. Mercedes hat das in der Vergangenheit schon ein paar Mal mit seinen Fahrern gemacht.“

Nach dem Platztausch beschwerte sich Leclerc weiter. „Ich verliere einiges an Zeit. Ich weiß nicht, ob ihr das wissen wollt.“ Vettel strauchelte, nachdem er vom Kommandostand vorbeigewinkt wurde. „Mir fehlte der Rhythmus. Deshalb verbremste ich mich ein paar Mal.“ Zu diesem Zeitpunkt waren seine Medium-Reifen durch das Hinterherfahren zu stark angefressen. ­Statt auf die Mercedes aufzuholen, büßte Vettel pro Umlauf etwa acht Zehntelsekunden ein.

Nach dem Rennen stellte sich die Frage: Hätte Ferrari nicht schon früher reagieren müssen und einen Teambefehl aussprechen? Binotto weicht aus. „Es ist eine schwierige Entscheidung, in das Rennen deiner Fahrer einzugreifen. Eigentlich willst du sie fahren lassen. Wir haben alles versucht, keine Zeit auf die Mercedes zu verlieren. Das Team hat heute erreicht, was möglich war.“ Die Konkurrenz sieht es anders. Aus ihrer Sicht wäre es besser gewesen, Vettel früh an Leclerc vorbeizubringen. Dann hätte er sich nicht die Reifen ruiniert. Und Ferrari hätte immer noch zurücktauschen können, wäre Vettel seinem Teamkollegen nicht enteilt. Leclerc akzeptierte nach dem Rennen die Entscheidung seines Teams. „Ich war natürlich frustriert. Aber im Cockpit hast du eine eingeschränkte Sicht. Der Kommandostand kennt das ganze Bild.“ Binotto lobt: „ Charles war heute ein Teamplayer.“

Wieso war Mercedes so überlegen?

Für Mercedes war es ein einfaches Rennen, nachdem Vettel aufgehalten wurde. Das Team musste seine Taktik nur an der Konkurrenz ausrichten. Ferrari und Red Bull stoppten zwei Mal, und Mercedes zog nach.

Die Silberpfeile fuhren in einer eigenen Liga. Obwohl Ferrari auf den Geraden weiterhin die Oberhand hatte. „Sie waren dort vier Zehntel schneller“, berichtete Sieger Lewis Hamilton. Mercedes traf das Reifenfenster auf beiden Typen: Medium und Hard. Und in den Kurven wiederholte der W10 das, was er an den Vortagen gezeigt hatte. „Wir sind in den ersten Runden super aus Kurve 13 gekommen. Dadurch hatte Ferrari keine Chance“, erzählte Teamchef Toto Wolff.

Bei Mercedes war man ein bisschen selbst überrascht, so überlegen zu sein. „Wir waren am Freitag bei den Longruns schon gut, aber nicht dominant. Wir haben uns auf dieser Basis weiterentwickelt, und das Paket zusammengebracht.“

Der Zweikampf im Weltmeister-Team entschied sich bereits am Start. Lewis Hamilton beschleunigte Valtteri Bottas auf den ersten 336 Metern aus. „Meine Reifen drehten leider auf der weißen Linie vor meiner Startbox durch“, erklärte Bottas. „Ich hatte schon beim Losfahren in die Aufwärmrunde Mühe, hoffte aber, dass es mit wärmeren Reifen besser werden würde.“

Hamilton brauste unwiderstehlich davon. „Ich hatte in der verwirbelten Luft mehr zu kämpfen, als mir lieb war“, sagte Bottas. Bis zum ersten Reifenwechsel hängte Hamilton den Teamkollegen um 5,5 Sekunden ab. Bottas rückte durch den früheren ersten Boxenstopp bis auf 1,5 Sekunden heran. Die Strategen holten ihn zuerst rein, um sich gegen Vettel und Max Verstappen im Red Bull abzusichern. Beim zweiten Stopp in Runde 36 fertigten die Mechaniker beide Piloten hintereinander ab. Der Abstand zwischen den beiden war mit über fünf Sekunden gerade groß genug dafür.

Den Doppelstopp begründete Wolff so: „Wir wollten nicht in die Gefahr eines Undercuts laufen. Deshalb haben wir auf Ferrari und Red Bull reagiert. Hätten wir Valtteri zuerst reingerufen, hätte er zu stark gegenüber Lewis profitiert. Das wollten wir vermeiden.“ Hamilton hatte für den letzten Stint nur noch angefahrene Mediums, während Bottas auf eine frische Garnitur zurückgriff. In der Theorie hätte das dem Finnen einen Vorteil von 1,5 Sekunden auf die Rennzeit beschert. Doch Hamilton war an diesem Tag nicht zu schlagen.

Warum war Red Bull zu langsam?

Red Bull hoffte vor dem Rennen auf einen Podestplatz. Es reichte nur zum vierten Rang. „Das war Schadensbegrenzung“, sagte Max Verstappen. Mercedes ist zu schnell für die dunkelblauen Autos. Red Bull stellte vor allem einen Unterschied im letzten Sektor mit der langen Gerade fest. Zu den Ferrari hielt Verstappen Tuchfühlung.

Einen Undercut-Versuch in Runde 19 wehrte Vettel mit aller Mühe ab. Verstappen bremste spät und tauchte auf der Innenseite in Kurve 14 ein. Jedoch driftete er in seinem Red Bull zu weit hinaus. Mit der besseren Linie konterte Vettel auf dem in die Zielkurve. Dabei drängte er Verstappen aufs Gras. „Kein Problem. Ich hätte es genauso gemacht“, äußerte sich Verstappen. „Ich bin besser aus Kurve 14 gekommen. In der letzten Kurve hatte ich den günstigeren Winkel, um schnell einzubiegen“, meinte Vettel.

Eine weitere Attacke konnte Verstappen nicht mehr lancieren. Sein Red Bull tat sich schwer auf den harten Reifen. „Da haben wir zu viel Zeit eingebüßt. Auch der Wind wurde stärker, was uns geschadet hat. Selbst wenn ich Sebastian überholt hätte, wäre er in diesem Stint wieder an mir vorbeigezogen.“ Den zweiten Undercut wehrten Ferrari und Vettel diesmal souveräner ab.

Immerhin sah Verstappen die Zielflagge vor Leclerc im zweiten Ferrari. Weil die Italiener ihren Neuzugang jeweils länger draußen ließen, um Druck aus dem Team-Zweikampf zu nehmen. „Wir haben über eine Einstoppstrategie für Charles nachgedacht. Wir haben umgeschwenkt, als er von den anderen Autos überholt wurde“, erklärte Ferraris Teamchef.

Wieso scheiterte Nico Hülkenberg?

In der 16. Runde musste Nico Hülkenberg seinen Renault in der Box abstellen. Vermutlich stoppte den Rheinländer eine defekte MGU-K. Die Elektromaschine scheint noch immer die Achillesferse im Antriebspaket von Renault zu sein. Obwohl man vor dem GP China auf eine neue Spezifikation wechselte. „Ich habe schon drei Runden vorher einen Leistungsverlust gespürt.“

Teamkollege Daniel Ricciardo kam ohne technische Probleme über die Runden. Zur Belohnung gab es die ersten sechs WM-Punkte im neuen Team. Eine Einstoppstrategie zahlte sich aus. Ricciardo hielt den siebten Startplatz bis ins Ziel. „Es war nicht einfach mit dem Reifenmanagement. Vor allem, weil Perez mit das ganze Rennen im Nacken saß.“

Auch der Mexikaner, Kimi Räikkönen und Alexander Albon rasten mit einem Stopp in die Punkte. Albon sogar aus der Boxengasse nach einem Chassis-Wechsel. Sergio Perez legte den Grundstein am Start. In der ersten Runde gewann der Racing-Point-Pilot vier Positionen. „ Ich habe die Lücken gesucht und gefunden. Wir haben das perfekte Rennen abgeliefert.“ Perfekt war Räikkönens Rennen nicht. Gummischnipsel im Frontflügel kosteten Geschwindigkeit.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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