Rennanalyse GP England 2018

Nach dem ersten Restart wurde das Tempo schnell wieder
gedrosselt. Carlos Sainz und Romain Grosjean kollidierten in Copse
Corner. Bottas führte auch den zweiten Restart an.
Bild 1 von 70

Nach dem ersten Restart wurde das Tempo schnell wieder gedrosselt. Carlos Sainz und Romain Grosjean kollidierten in Copse Corner. Bottas führte auch den zweiten Restart an.

© sutton-images.com
09.07.2018 - 09:00 Uhr von Andreas Haupt

Ferrari und Mercedes taktierten beim GP England richtig. Und trotzdem war die Strategie für Valtteri Bottas im Nachhinein falsch. Kimi Räikkönen torpedierte Lewis Hamilton am Start. Der Brite legte eine famose Aufholjagd hin und profitierte vom Safety Car.

Der GP England 2018 war gespickt mit Highlights. Es gab Unfälle, taktische Manöver und ganz zum Schluss einen heißen Kampf um den Sieg. Mit dem besten Ende für Sebastian Vettel. In unserer Rennanalyse beantworten wir die wichtigsten Fragen.

War die Strafe gegen Räikkönen gerecht?

Die Szene erinnerte an den Start zum GP Frankreich. Damals hatte Sebastian Vettel in der ersten Kurve Valtteri Bottas abgeschossen und dafür eine Fünfsekundenstrafe erhalten. Der Tatort in Silverstone lag in Kurve drei. Lewis Hamilton lenkte auf der Außenseite ein, als Kimi Räikkönen mit stehendem rechten Vorderrad den Mercedes mit der Startnummer 44 abräumte. Hamilton fiel ans Ende des Feldes zurück. Der Traum vom sechsten Sieg in Silverstone schien schon nach wenigen hundert Metern ausgeträumt. Räikkönen sortierte sich an vierter Stelle zwischen den beiden Red Bulls ein.

Die Rennkommissare leiteten um 14:17 Uhr Ortszeit eine Untersuchung ein. Fünf Minuten später fällten Fahrerkommissar Tom Kristensen, Tim Mayer, Mumtaz Tahincioglu und Steve Stringwell ihre Entscheidung. Sie verhängten eine Zehnsekundenstrafe gegen Räikkönen, die der Finne in Runde 13 vor seinem ersten Boxenstopp absaß. „Immerhin haben die Stewards gelernt. Zehn Sekunden sind eine gerechtere Strafe als die fünf gegen Vettel in Frankreich“, meinte Niki Lauda. Rennleiter Charlie Whiting rätselte, ob die Kritik an der eher kleinen Strafe gegen Vettel in Frankreich die Entscheidung der Stewards beeinflusst hat. „Damals wurde die Strafe von vielen als zu milde abgekanzelt. Wahrscheinlich haben sie Räikkönens Vergehen aber einfach als gravierender angesehen als das von Vettel.“

Wie taktierten Ferrari und Mercedes?

Der Unfall von Marcus Ericsson in der 31. Rennrunde dramatisierte das Rennen. Whiting schickte Bernd Mayländer im Safety Car auf die Strecke. Acht Fahrer entschieden sich für einen Reifenwechsel: Vettel, Räikkönen, Verstappen, Alonso, Gasly, Perez, Vandoorne und Sainz. „Es war die richtige Entscheidung“, sagte Vettel, obwohl Ferrari die Führung opferte. Mercedes machte das Gegenteil. „Wir wählten den aggressiven Ansatz. Es war in diesem Moment die einzige Chance für Valtteri, das Rennen zu gewinnen.“ Es kam noch ein zweiter Faktor hinzu. Mercedes hatte im Gegensatz zu Ferrari keine frische Softgarnitur für das Rennen aufgespart. Mit gebrauchten weichen Reifen wäre Bottas gegen Vettel auf neuen Gummis chancenlos gewesen.

Die Mercedes-Ingenieure berechneten die Siegchancen ihres finnischen Piloten auf 30 Prozent. Beim ersten Restart hielt Bottas den Ferrari locker hinter sich. „Ich habe gepennt und mir drehten die Reifen durch“, berichtete Vettel. Beim zweiten Restart setzte der WM-Führende den Vordermann sofort unter Druck. Es dauerte jedoch fünf Runden, bis der Heppenheimer das Bollwerk knackte. „Ich fuhr jede Runde wie in der Qualifikation. Aber meine Hinterreifen wurden immer schlechter. Ich verlor an Traktion, weshalb Sebastian in den langsamen Kurven dran bleiben konnte“, sprach Bottas. „Ich wusste, dass ich schnellstens vorbei muss. Ansonsten drohten meine Reifen einzugehen“, erklärte Vettel. Die Attacke kam aus dem Hinterhalt in Kurve sechs. „Der Überraschungseffekt war der Schlüssel“, erklärte der Sieger. Bottas rechnete in der 46. Runde in „Brooklands“ nicht mit einem Angriff. „Er hatte es in den Runden davor nicht auf diese Weise probiert. Ich dachte nicht, dass er so spät innen reinsticht. Da konnte ich ihm die Tür nicht mehr zuwerfen.“

Im Anschluss verlor Bottas noch die Duelle gegen Hamilton und Räikkönen. „Ich fuhr wie auf Eis. Sie fielen über mich her, und ich hatte kein Chance, mich zu wehren.“ Im Nachhinein betrachtet wäre es für Bottas besser gewesen, die Reifen zu wechseln. Dann wäre er wohl sicher Zweiter geworden. „Aber die Jungs entschieden richtig. Nur so hätten wir gewinnen können.“ Noch besser wäre es für Bottas gewesen, wenn überhaupt kein Safety Car gekommen wäre. Im Gegensatz zur Gewohnheit ging der Mercedes W09 pfleglicher mit den Reifen um als der Ferrari SF71H. Man sah es schon zum Ende des ersten Stints. Und auch auf den Mediumreifen verkürzte Bottas den Abstand.

Hamilton spielte das Safety Car in die Hände. Bis er nach dem Startunfall Stroll, Sirotkin, Vandoorne, Ericsson, Grosjean, Gasly, Alonso, Magnussen, Sainz, Ocon, Leclerc und Hülkenberg innerhalb von zehn Runden kassiert hatte, war der Zug vorne praktisch schon abgefahren. Der Rückstand auf Vettel betrug nach zehn Runden über 27 Sekunden. Auf Ricciardo auf Position fünf fehlten 13 Sekunden. Ohne Reifentausch sprang Hamilton vor auf den dritten Rang. Es bot sich ihm sogar eine kleine Erfolgschance. Doch auch Vettel profitierte vom DRS. Und auf den frischen weichen Reifen war der Heppenheimer nicht zu überholen. „Das Ergebnis war für uns alles in allem Schadensbegrenzung“, hielt der Teamchef fest.

Warum drehte sich Verstappen?

Red Bull hatte in Silverstone nichts auszurichten gegen Ferrari und Mercedes. Man schob es auf das Streckenlayout und den Motor. „ 82 Prozent Vollgasanteil in der Qualifikation: Silverstone ist zu einer Motorenstrecke geworden“, meinte Red Bull-Teamchef Christian Horner. „Wir konnten weder vernünftig angreifen, noch uns richtig verteidigen. Als Räikkönen die Leistung hochdrehte, flog er an Max vorbei.“

Zu allem Überfluss rodelte Verstappen in der 46. Runde ins Kiesbett von Kurve 16. Das kostete ihn den fünften Platz, den Teamkollege Daniel Ricciardo erbte. Die Technik streikte. „Das Brake-by-Wire-System ist vermutlich ausgestiegen“, erzählte Horner. Es steuert die Hinterradbremsen elektronisch an.

Wie kam Hülkenberg nach vorne?

Renault enttäuschte sich selbst in der Qualifikation. HaasF1, Sauber und Force India waren schneller. Am Sonntag kam der französische Werksrennstall glücklich davon. Hülkenberg kam als Sechster aus der Startrunde und beendete den Grand Prix als Sechster. „Am Start habe ich mir Leclerc in Kurve zwei geschnappt. Für Kurve drei positionierte ich mich innen. Das war ideal. So konnte ich von dem Gemetzel vor mir profitieren.“

Als einziges Team im Feld setzte Renault auf die Reifenkombination aus Medium und Hard. „Nur das garantierte uns, dass wir mit einem Stopp durchkommen.“ Hülkenberg hatte seine liebe Not. „Die Balance hat überhaupt nicht gepasst“, berichtete der Le Mans-Sieger von 2015. Doch er hielt die Konkurrenz um Ocon, Alonso, Magnussen, Gasly, Perez und Vandoorne hinter sich. „Ich war schnell genug in den Abschnitten, wo es wichtig war, um vorne zu bleiben.“

Pierre Gasly boxste sich in der 50. Runde im hinteren Teil der Strecke an Sergio Perez vorbei. Mit nicht legalen Mitteln, wie die Kommissare später urteilten. Sie sprachen eine Fünfsekundenstrafe aus, die den Franzosen den letzten Punkt kostete. „Kontakte gehören zum Rennsport. Hört auf mit diesen Scheiß-Strafen“, wütete der Toro Rosso-Pilot. Gasly hatte es auf dem Randstein von Kurve 17 ausgehebelt und er landete im Seitenkasten des Force India. Perez geriet deshalb in der Zielkurve neben die Bahn, was einen Konter ausschloss. „Ja, man soll die Fahrer fahren lassen“, kommentierte Force India-Teammanager Andy Stevenson. „Aber uns hätte der Rammstoß den Punkt gekostet. Und für uns ist jeder Zähler wichtig.“

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
Top-Themen
Prolet, Umweltsünder oder Spießer - Die meisten Menschen haben ein vorgefertigtes Bild eines Autofahrers, wenn sie ein ...mehr
Wer Urlaub im Bulli ausprobieren will, der mietet sich ganz einfach einen. Es gibt die unterschiedlichsten Miet-Angebote:mehr
Bei Mercedes und Renault herrscht Alarm. GPS-Messungen zeigen, dass Ferrari seit zwei Rennen auf den Geraden ...mehr
Anzeige
Auto Motor und Sport
Video
Anzeige
Anzeige