Taktikcheck GP USA 2019

Lewis Hamilton - Valtteri Bottas - Mercedes - GP USA 2019 -
Austin - Rennen
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Lewis Hamilton - Valtteri Bottas - Mercedes - GP USA 2019 - Austin - Rennen

© Wilhelm

Es waren nur vier Grad Unterschied. Und doch hat dieser minimale Temperaturanstieg die Teams überrascht. Die Reifen gingen schneller in die Knie als erwartet. Deshalb wurde ein Zweistopp-Rennen zur Taktik der Sieger. Nur Reifenflüsterer wie Lewis Hamilton und Daniel Ricciardo brachten einen Stopp ohne Drama über die Runden.

Für Pirelli war die Taktik klar. Der Reifenlieferant der Formel 1 empfahl ein Einstopp-Rennen. Auch viele Teams gingen mit diesem Plan in das Rennen. Nach 56 Runden waren alle schlauer. Zwei Stopps waren besser als einer. Der hohe Reifenverschleiß zwang vielen eine andere Taktik auf als geplant. Valtteri Bottas setzte sich gegen Lewis Hamilton im Kampf um den Sieg durch. Lando Norris kam vor McLaren-Kollege Carlos Sainz ins Ziel. Der Vorteil des Zweistopp-Rennens hing davon ab, wie gut der Einstopper mit seinen Reifen umging. Bei Mercedes trennten nur 4,1 Sekunden Sieger von Besiegten. Bei McLaren waren es über 20 Sekunden.

Nach den Longruns am Freitag durften viele Teams noch mit einem Reifenwechsel spekulieren. Bei bedecktem Himmel, 15 Grad in der Luft und 24 Grad auf dem Asphalt war schwer zu erkennen, wann die Reifen abstürzen würden. Am Sonntag stiegen die Asphalttemperaturen trotz Sonnenschein nur um vier Grad. Doch der scheinbar kleine Temperaturanstieg hatte große Wirkung. Die Abnutzung der Reifen stieg rasant an. Und viele Fahrer kamen mit dem Verschleiß in Konflikt. Carlos Sainz und Sergio Perez fuhren in den letzten Runden quasi auf der Felge. Sie verloren bis zu fünf Sekunden pro Runde auf ihre Verfolger.

Es brauchte schon Reifenflüsterer wie Lewis Hamilton oder Daniel Ricciardo, um einen Stopp ohne große Dramen über die 56 Runden zu bringen. Lewis Hamiltons Zeiten kletterten erst in den letzten sechs Runden über die 1.40er Marke. Er hatte den Stint auf den harten Reifen mit zwei 1.38er Runden begonnen. Daniel Ricciardo vermied ebenfalls einen Absturz. Der Australier war moderat mit 1.41er Zeiten in seinen 35-Runden-Stint eingestiegen. Er hielt das Niveau. Bis Runde 53 war Ricciardo in der Lage, Zeiten von 1.40 Minuten zu fahren. Erst in den letzten drei Runden musste sich der Renault-Pilot mit Runden von 1.41,7 Minuten begnügen.

Verstappen half Bottas

Der Kampf um den Sieg war in dem Augenblick entschieden, in dem Max Verstappen in Runde 13 an die Boxen abbog. Das zog Valtteri Bottas mit. Mercedes musste den Spitzenreiter gegen einen Undercut schützen, der wieder einmal mächtiger war als man dachte. Vor dem Boxenstopp lag Bottas bereits 3,5 Sekunden vor dem Red Bull. Danach hatte er ihn für eine Runde im Getriebe. Das Reifenbild der Garnitur Medium von Bottas gab Mercedes wichtige Hinweise, ob ein Einstopp-Rennen überhaupt möglich war. „Unsere Rechenmodelle für die Reifen können anhand der Erfahrungen mit einem Medium-Reifen auch die Lebensdauer für einen harten Reifen vorausberechnen. Da haben wir schon gesehen, dass es eng wird. Nach unserem Modell würden Hamiltons Reifen in den letzten fünf Runden leiden. Und so kam es“, erzählten die Mercedes-Ingenieure.

Trotzdem hatten sie keine andere Wahl, als Hamilton auf einen Stopp zu disponieren. Hätte er das gleiche gemacht wie Bottas und Verstappen, wäre er ewig Dritter geblieben. Hamiltons Fehler war, dass er zu dem Zeitpunkt immer noch glaubte, er könne mit einem Einstopp-Rennen gewinnen. Deshalb zögerte er den Boxenstopp eigenmächtig um eine Runde hinaus, in der Hoffnung, der kürzere zweite Stint gäbe ihm bessere Chancen. Diese eine Runde war eine zu viel. Hamilton geriet dabei ins Visier des schnelleren Bottas auf frischeren Reifen. Der Zweikampf kostete ihn 2,5 Sekunden. Erkenntnis der Strategen: „Ab da fuhr Lewis nicht mehr um den Sieg, sondern um Platz 2. Er war so auf Sieg fokussiert, dass er dabei den 2. Platz riskiert hat. Wenn du als Einstopper vor deinem Boxenstopp vom Zweistopper überholt wirst, kannst du das Rennen nicht mehr gewinnen.“

Der Zeitverlust der Extra-Runde für den Weltmeister war für Verstappen ein Geschenk. Für Bottas eigentlich auch. Das erlaubte ihm später mehr Zeit als Hamilton im Verkehr zu verlieren. Tatsächlich büßte Bottas beim Überrunden zwei Sekunden mehr ein als sein Teamkollege. Deshalb tauchte der Finne erst in Runde 50 und nicht wie vorausberechnet zwei Umläufe früher im DRS-Bereich seines Teamkollegen auf. Kaum war Bottas vorbei, musste Hamilton sich auf Verstappen konzentrieren. Zwei Runden vor Schluss lag der Red Bull auf Schlagdistanz. Die gelbe Flagge wegen des Unfalls von Kevin Magnussen rettete den Champion. Der Haas stand dummerweise an der besten Überholstelle im Kiesbett. „Ich konnte auf der Gerade das DRS nicht mehr aktivieren. Das war‘s“, fand sich Verstappen mit dem 3.Platz ab.

Hamiltons Einstopp-Rennen war nicht in Stein gemeißelt. Verstappen machte den Mercedes-Ingenieuren schon früh Sorgen. Deshalb wurde überlegt, Hamilton in Runde 40 frische Soft-Reifen zu verpassen. Die Strategiemodelle sagten voraus, dass der Engländer den Red Bull in den letzten Runden noch eingeholt hätte. „Doch dann hätte Magnussen uns die Tour vermasselt“, war man am Mercedes-Kommandostand am Ende froh, es bei einem Stopp belassen zu haben. Fazit aus der Kommandozentrale: „Lewis hätte das Rennen mit einem Stopp gewinnen können. Aber nur, wenn er im einzigen schnellen Rennauto gesessen wäre. Es gab aber mit Bottas einen zweiten Fahrer in einem gleichschnellen Auto. Deshalb konnte der eine Stopp nicht gut gehen.“

Ferrari mit Problemen in den Kurven

Wo war Ferrari? Einfache Antwort: Nirgendwo. Sebastian Vettel fand nie richtig in sein Rennen. Er merkte schon in den ersten Runden, dass mit seinem Auto etwas nicht stimmte. Ob es daran lag, dass die rechte Hinterradaufhängung schon vorbeschädigt war oder ob die Medium-Reifen nicht in ihr Arbeitsfenster kamen, konnten auch die Techniker bei Ferrari nicht sagen. Der Gripverlust auf Pirellis mittlerer Mischung ist auch deshalb so schwer zu erklären, weil Ferrari im Q2 auf diesem Reifentyp besonders stark aussah. Charles Leclerc beklagte ähnliche Probleme im ersten Stint. „Es fühlte sich an, als ob die Reifen nicht arbeiten.“ Nach 13 Runden hatte Leclerc schon 15,9 Sekunden Rückstand auf Bottas.

Auf den harten Reifen sah es etwas besser für Ferrari aus. Leclerc stieg nach seinem Boxenstopp in Runde 20 mit 46,3 Sekunden Rückstand auf Bottas ein. Bis kurz vor dem zweiten Stopp des Finnen war Leclercs Rückstand auf immerhin 39,0 Sekunden geschrumpft. Der Schlussabschnitt ist schwer zu vergleichen. Bottas fuhr am Ende 21 Runden lang auf einem frischen Medium-Reifen. Leclerc wechselte in Runde 42 auf frische Soft-Gummis. Da war der Rückstand auf den führenden Mercedes bereits auf 57,6 Sekunden angestiegen. Leclerc konnte ihn mit dem Vorteil der weicheren und jüngeren Reifen noch auf 52,2 Sekunden verkürzen.

Daraus jetzt zu schließen, dass Ferrari nach der Technischen Direktive der FIA zu möglichen Motor-Tricksereien Federn lassen musste, ist verfrüht. Ferrari war im Rennen nicht so langsam, weil der Speed auf den Geraden fehlte. Die roten Autos hatten ganz offensichtlich Mühe, bei den kühlen Temperaturen die Reifen in ihr Arbeitsfenster zu bringen. Sie verloren ihre Zeit in den Kurven. Das Bild erinnerte eher an einige Rennen aus der ersten Saisonhälfte. Wenn man überhaupt Rückschlüsse darauf ziehen hätte können, ob Ferrari Motorleistung zurückgedreht hat, dann besser in der Qualifikation. Doch am Samstag hatten beide Ferrari-Fahrer eine gute Chance auf die Pole Position zu fahren. Der geschrumpfte Vorteil auf den Geraden kann damit erklärt werden, dass Ferrari nach einem schwachen Freitag mit starken Verlusten in den Kurven den Abtrieb erhöhte. Man wird wohl noch bis Brasilien warten müssen, um ein besseres Bild über das heikle Thema zu bekommen.

Albon war der König der Verfolger

Im Mittelfeld spielte Alexander Albon die aktivste Rolle. Der zweite Red Bull-Pilot parkte schon nach einer Runde mit einem Frontflügelschaden an der Box. Dann brach der Thailänder bei seiner dreifachen Aufholjagd alle Rekorde. Er überholte 15 Autos, darunter Sainz, Ricciardo, Gasly und Grosjean je zwei Mal. Das brachte ihm den Preis des „Fahrer des Tages“ ein. Nach einem Boxenstopp in der ersten Runde kämpfte sich der Red Bull-Pilot innerhalb von 19 Runden von Platz 20 auf Rang 9 nach vorne. Nach dem zweiten Boxenstopp ging die Fahrt auf Platz 15 wieder von vorne los. Sie führte Albon in den folgenden 15 Runden bis zum dritten Boxenstopp an die fünfte Stelle. Nach zwei Mal Medium kam jetzt ein Satz Soft ans Auto. Auf Platz 9 ging es weiter und zurück auf Platz 5, den er sich in der 48. Runde zurückeroberte.

Auch Daniel Ricciardo hätte sich den Titel des „Man of the race“ verdient. Der Australier zirkelte seinen Renault mit spitzen Fingern über den Kurs. Keiner hielt so lange auf den Soft-Reifen durch. Ricciardo wurde sie erst in Runde 21 los. Das war der Grundstein für sein Einstopp-Rennen. Auch auf dem harten Reifen zeigte der siebenfache GP-Sieger viel Fingerspitzengefühl. 35 Runden auf einem Satz waren Rekord. Das Reifenbild der ersten Garnitur bestärkte die Renault-Ingenieure in ihrer Meinung, dass es mit einem Einstopp-Rennen klappen könnte. „Wir haben schon da erkannt, dass Daniel weniger Reifenverschleiß hatte als alle anderen“, verrät Technikchef Marcin Budkowski.

Diese Information führte am Ende dazu, nicht auf den zweiten Boxenstopp von Lando Norris zu reagieren, sondern das Einstopp-Rennen durchzuziehen. „Es war eine mutige Entscheidung“, lobte Abiteboul seine Truppe. Norris blieben noch 14 Runden, um auf frischen Medium-Reifen 23,9 Sekunden auf den Renault mit der Startnummer 3 gutzumachen. Er schaffte nur 23,6 Sekunden Sekunden davon. Ricciardo wehrte den jüngsten Fahrer im Feld mit seiner ganzen Routine ab. Und ihm stand wie Hamilton gegen Verstappen am Ende die gelbe Flagge in Kurve 12 zur Seite.

Renault hatte den Luxus der Startplätze 9 und 11. Während Ricciardo zu Soft-Reifen beim Start verpflichtet war, hatte Nico Hülkenberg freie Wahl. Er entschied sich für die harten Reifen, mit denen er am Freitag im Longrun fast so schnell war wie die Mercedes. Doch das zählte am Sonntag nicht mehr. Hülkenberg merkte schnell, dass die harten Reifen nicht viel länger halten würden als die Medium-Gummis. Der Deutsche blieb im ersten Stint nur drei Runden länger auf der Strecke als Sergio Perez, der mit der Medium-Mischung aus der Boxengasse gestartet war. Und das war schon höchste Eisenbahn. Ab Runde 22 kam Hülkenberg nicht mehr unter die 1.43 Minuten-Grenze.

Ausgeträumt war der Plan, mit den harten Reifen eventuell bis zwei Drittel der Renndistanz zu fahren, um dann im Finale auf den weichen Reifen zum Angriff zu blasen. Hülkenberg musste einen Zwischen-Stint auf Medium-Reifen einlegen. Der wurde in dem Augenblick abgebrochen, als die Lücke nach hinten groß genug für einen „Gratis-Stopp“ war. Daniil Kvyat war mit der gleichen Taktik unterwegs. Der Russe folgte Hülkenberg in Runde 39 in die Boxengasse. Er machte es aber dann nicht so gut wie der Renault-Pilot. Während Hülkenberg noch auf Platz 9 zu zwei WM-Punkten vorstürmte, legte sich Kvyat in der letzten Runde mit Perez an. Wie schon in Mexiko konnte der Toro Rosso-Pilot den Punktgewinn nur wenige Minuten genießen. Dann stuften ihn die Sportkommissare wegen Auslösens einer Kollision um fünf Sekunden zurück.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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