40 Jahre Brabus-Tuning

Brabus 900 "one of ten" Mercedes-AMG G65
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Brabus 900 "one of ten" Mercedes-AMG G65

© Stefan Baldauf/Guido ten Brink
19.05.2018 - 00:00 Uhr von Marcel Sommer

Brabus ist der größte unabhängige Automobiltuner der Welt und vom Kraftfahrtbundesamt in Flensburg als Fahrzeughersteller anerkannt. Im April verstarb Mitgründer Bodo Buschmann – aber auch das wird die Adrenalin-Schmiede nicht aufhalten. Wir blicken zurück auf 40 Jahre Unternehmensgeschichte.

Mit Tuning verbinden viele nur Spoiler und gewaltige Heckflügel. Dabei standen am Anfang gerade wegen der Fokussierung auf Fahrzeuge kleinerer Klassen die technische Optimierung und das Schnellermachen im Vordergrund. Den kleineren Klassen ist Brabus bis auf ein paar Ausnahmen weitgehend entwachsen. Aber leistungsgesteigert werden in den Werkshallen des größten Automobiltuners der Welt Autos noch immer.

Partner in 106 Ländern

Das von Klaus BRAckmann und dem kürzlich (26. April 2018) verstorbenen Bodo BUSchmann 1977 gegründete Unternehmen beschäftigt aktuell rund 2.500 Mitarbeiter weltweit. Neben Flagshipstores in Dubai, Los Angeles, Tokyo, London, Moskau und Zürich verfügt Brabus über Partner in 106 Ländern.

Constantin Buschmann übernimmt das Steuer

Ein Grund für den anhaltdenden Erfolg von Brabus dürfte im Bekenntnis zum „Höher, weiter, schneller“ liegen. Die Bottroper können zahlreiche Einträge im Guinness Buch der Rekorde für sich beanspruchen. Ob nun der schnellste Geländewagen, das schnellste SUV, der schnellste Kombi, das schnellste viertürige Coupé oder die schnellste und exklusivste Ultra-Luxuslimousine der Welt – Bodo Buschmann und sein Team suchten immer schon das Extrem. Hier dürfte die nächste Generation anknüpfen. Constantin Buschmann, der bisher als CMO in der Geschäftsleitung für Marketing und Sales verantwortlich war, übernimmt als CEO der Brabus Unternehmensgruppe alle Aufgaben seines Vaters. Besonderen Wert wird auch er auf den Spagat zwischen extremen Leistungsdaten und der vom Kunden selbstverständlich ebenfalls geforderten Langlebigkeit legen müssen. Denn bislang gilt: Von Brabus modifizierte Fahrzeuge sind auch nach vielen Jahren noch voll funktionsfähig im Straßenverkehr anzutreffen.

Bei 350 km/h ist Schluss

Die Transplantation eines hubraumstarken Motors mit möglichst vielen Zylindern in eine vergleichsweise kleine Karosserie ist dabei noch lange nicht alles, was das Portfolio des Unternehmens ausmacht. Seit wenigen Jahren gehört die Veredlung von Privat-Jets und Yachten ebenfalls dazu. Doch das Herzstück ist das Auto-Tuning, und dabei macht das Unsichtbare die meiste Arbeit. Um zum Beispiel den Brabus 850 6.0 Biturbo Hubraummotor des GLE 63 Coupés von serienmäßigen 5.461 ccm auf 5.912 ccm zu erweitern, werden nicht nur die Zylinderbohrungen auf 99 Millimeter vergrößert und entsprechend dimensionierte Schmiedekolben installiert. Erst eine aus dem Vollen gefräste und feingewuchtete Spezialkurbelwelle mit 96 statt normal 90,5 Millimeter Hub und ebenfalls geschmiedete, längere Pleuel machen die Hubraumerweiterung komplett. Zusätzlich werden die beiden Zylinderköpfe des V8 strömungstechnisch optimiert. Ein Brabus trägt also viel vom Nerz nach innen.

97,2 Meter pro Sekunde

Bei einem der Vorzeigeobjekte, dem Brabus 900 auf Basis eines S65, bekommt der Kunde noch ein wenig mehr geboten. Schon ein Tempo 100-Sprint in dem knapp zwei Tonnen Super-Benz reicht, um zu verstehen, warum sich Bottrop im Laufe der letzten Jahrzehnte zum Epizentrum des Tunings weltweit gemausert hat. Der Blick auf die nach oben schnellende Tachonadel, die in unter zehn Sekunden die 200er-Markierung überfliegt und dennoch nicht langsamer wird, ist unbeschreiblich. Verbunden mit dem Gefühl, das einen beschleicht, wenn das Blut aus den Beinen in die Körpermitte strömt und sich ein gewaltiges Kribbeln im ganzen Körper ausbreitet, ist es schwierig, den Augen zu trauen. Dass bei Tempo 350 Schluss ist, liegt dabei einzig und allein an einem limitierenden Faktor: Die Reifen halten einer Belastung von über 350 km/h nicht mehr stand. 350 km/h – das entspricht 97,2 Metern pro Sekunde. Auf deutschen Autobahnen passiert ein Fahrer bei dieser Geschwindigkeit zwei Leitpfosten pro Sekunde. Das ist zwar 7.563 Meter pro Sekunden langsamer als die ISS, das schnellste von Menschenhand gesteuerte Objekt, doch geht es auf der Internationalen Raumstation wesentlich unkomfortabler zu. Zumindest ist das der Eindruck, wenn bei solchem Tempo der Liegesitz auf der rechten Fondseite ausgefahren wird.

Bis zu 8.000 Tonnen Druck

Dass die schwarzen Pneus solch einer Geschwindigkeit überhaupt standhalten können, ist das eine. Das andere sind die Felgen, die zum einen enorme Kräfte aushalten, zugleich aber auch noch schick aussehen sollen. Aus diesem Grund finden sich vor allem geschmiedete Aluminiumräder an den Bottroper-Boliden. Die Entstehung eines solchen Rades ist dabei mindestens genauso spannend, wie sein finaler Auftritt am Fahrzeug selbst. Den Anfang macht ein Schmiederohling in Radform, der in einer Hydraulikpresse mit bis zu 8.000 Tonnen Druck aus einem massiven Block einer hochfesten Aluminium-Knetlegierung gepresst wird. Nach dem Auswalzen des inneren Felgenbetts im Rotationsschmiedeverfahren, werden die Oberflächen auf roboterbestückten, vollautomatischen CNC Bearbeitungszentren in die gewünschte Form bearbeitet. Die hochpräzise maschinelle Bearbeitung stellt sicher, dass jedes Rad im wahrsten Sinne absolut rund läuft. Anschließend wird auf CNC 5-Achs-Fräsbearbeitungsmaschinen das fertige Design aus dem Vollmaterial herausgearbeitet und das Rad mit den entsprechenden Bohrungen für Lochkreis, Mittenloch und Ventil mit einer Genauigkeit von bis zu einem hundertstel Millimeter versehen.

Monster mit sechs Rädern

Aus dem Hause Brabus rollen aber nicht nur unglaublich sprintstarke oder besonders schnelle Fahrzeuge hinaus in die Welt. Für am meisten Aufsehen sorgt eines mit einer Höchstgeschwindigkeit von gerade einmal 160 Kilometer pro Stunde: Der auf dem Mercedes G63 6x6 basierende Brabus 700. Der sechsrädrige Koloss rollt auf 37 Zoll großen Walzen und kann fast 50 Zentimeter große Felsbrocken ohne anzuecken über- und einen Meter tiefe Flüsse ganz einfach durchfahren. Der 5,88 Meter lange Viertonner ist mit 2,28 Metern satte vier Zentimeter höher als ein Damen-Volleyballnetz – und braucht dank seines 700 PS starken Achtzylinder-Triebwerks dennoch nur 7,4 Sekunden bis zum Landstraßentempo.

Der W201 spielt eine Hauptrolle

Genauso lange brauchte in den 80er Jahren der schnellste Mercedes-Benz der Baureihe W201. Eine Baureihe, die in der Geschichte des Unternehmens Brabus eine große Rolle spielt. Schon 1984 konnte Bodo Buschmann seinen ersten, für die Tuningbranche fast unvorstellbaren Großauftrag an Land ziehen: Autovermieter Erich Sixt ließ sich davon überzeugen, 200 Mercedes 190 E mit Brabus Tuning in seinen Fuhrpark zu übernehmen. Diese Eyecatcher halfen nicht nur Sixt, sich von den Mitbewerbern abzuheben. Viele, die damals eine der ständig ausgebuchten Limousinen für einen oder zwei Tage gemietet hatten, wurden danach treue Bottroper Kunden. Zudem sorgten hauseigene Sondermodelle des W201 Mitte der Achtziger Jahre mit eigens entwickelten V8-Triebwerken oder auch Leichtbauversionen für Schlagzeilen.

Im Nahen Osten geht schon lange die Sonne auf

Da sich das Geschäft im Laufe der Jahre stetig positiv entwickelte, war es abzusehen, dass der Firmensitz nicht mehr ausreichen würde. 1986 wurde der Neubau an der Kirchhellener Straße bezogen, der 1999 auf 112.000 Quadratmetern Betriebsfläche erweitert wurde. Allein um dem der gewaltigen Nachfrage aus dem Nahen Osten und China gerecht zu werden, waren diese Baumaßnahme notwendig. Feierte Brabus 1979 seinen ersten Kunden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, verlassen heute die meisten Fahrzeuge die Fertigungshalle, um im nächsten Flieger oder Transportschiff in die ganze Welt transportiert zu werden.

Chef fuhr gern E-Smart

Bodo Buschmann wäre aber nicht Bodo Buschmann gewesen, wenn er nicht auch eine automobile Lösung für die Zeit nach den sprudelnden Ölquellen parat hätte. „Ob die Verbrennungsmotoren ganz verschwinden, das wird die Zukunft zeigen. Da diese immer effizienter werden und in puncto Reichweite noch unschlagbar sind, kann dies sicher noch einige Jahre oder Jahrzehnte dauern. Man sollte auch die kombinierten Antriebssysteme wie die Hybriden nicht aus den Augen verlieren. Nicht zu vergessen: Wir liefern schon heute den Smart Brabus Electric Drive auf Basis des smart fortwo. Der ist perfekt für die urbane Mobilität. Die Entwicklung geht aber auch bei anderen Modellen weiter. Es werden weitere Hybrid und Full-Electric Versionen für die Zukunft folgen“, verriet der Geschäftsführer schon vor Jahren. Wenn er nicht gerade im Elektro-Smart durch die Stadt fuhr, saß er selbst am liebsten in einem wohlklingenden G 800 V12 mit 800 PS.

Der Kunde ist König

Richtig viel herausholen können die Bottroper Automobil-Chirurgen auch aus alten Schätzchen. Seit 2011 befasst sich Brabus Classic ausschließlich mit hochwertigen Restaurierungen, Wartungen und der Pflege von Young- und Oldtimern auf Mercedes-Benz oder hauseigener Basis. Wer noch keinen alten Benz für eine Frischzellenkur bei den Profis im Ruhrgebiet zur Hand hat, dem wird an dieser Stelle jedoch auch geholfen. Weltweit geht das Unternehmen auf die Suche nach originalen Fahrzeugen, die es zu restaurieren lohnt, überarbeitet und bietet sie anschließend zum Verkauf an. Neben den äußeren Schönheitsoperationen wird auch der Motor in seine Einzelteile zerlegt und auf nahezu neu getrimmt. Mit Komponenten wie Bremsen oder Fahrwerk verhält es sich genauso. Dank der eigenen Sattlerei steht auch einer intensiven Innenraumüberholung nichts im Wege.

Alles kann, nichts muss

Die Sattlerei ist aber natürlich nicht nur für die Auffrischung oder Neubestuhlung von alten Klassikern zuständig. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf der individuellen Bearbeitung von Kundenwünschen im Rahmen einer Neuwagenbestellung. Dabei gibt es eigentlich nichts, was nicht von den Meistern über Leder und Stoffe bis hin zur perfekten Naht im Auto realisiert werden kann. Das eigene Familienwappen soll auf jeder Kopfstütze farbig und per Hand eingestickt werden? Eine der leichtesten Aufgaben. Und auch die Farbzusammenstellungen von Interieur und Exterieur wirft beim Team um Constantin Buschmann lediglich an manchen Tagen mal die unausgesprochen Frage auf: „Sind Sie sich da sicher?“ Gemacht wird es, so wie der Kunde es wünscht. Er wird aber geführt und beraten, so dass alles aus einem Guss erscheint. Die kleinen Feinheiten machen den Unterschied aus auch wenn die Geschmäcker verschieden sind. Oder, wie Bodo Buschmann es jüngst formulierte: „Wir reden hier von Individualisten, die über das nötige Kleingeld verfügen, sich ihr persönliches Traumauto fertigen zu lassen. Unsere Kunden mögen das Besondere sowie Einzigartige in der besten Qualität aus den besten Materialien der Welt – und das können wir bieten.“

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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