Chrysler Turbine Car: Wahnsinnig genial oder wahnsinnig?

Chrysler Turbine Car: Wahnsinnig genial oder wahnsinnig?
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Chrysler Turbine Car: Wahnsinnig genial oder wahnsinnig?

© Hyman Ltd.

In den 1960ern präsentierte Chrysler den Blech gewordenen Fortschrittsglauben der US-Autoindustrie. 55 Prototypen gingen größtenteils an ausgewählte Testfahrer. Neun existieren noch. Eins hat Jay Leno, der zweite private Prototyp ging jetzt an ein Automuseum. Alles über das Auto mit Turbinen-Antrieb.

Seit Anfang der 1950er-Jahre führte Chrysler Tests mit Prototypen durch, deren Antrieb aus einer Gasturbine bestand. Die Gasturbine galt damals bei vielen Herstellern als Pkw-Antrieb der Zukunft: Fiat stellte 1954 den Turbina vor, General Motors baute mit den Firebird-Versionen I (1953), II (1956) und III (1959) optisch Flugzeugen ähnelnde Fahrzeuge, Renault fuhr 1954 mit dem Étoile Filante durch eine Salzwüste und Rover war bereits 1949/50 mit dem JET1 und von 1963 bis 1965 mit dem Rover-BRM dabei. Alle diese Fahrzeuge kamen nie über das Prototyp-Stadium hinaus.

Chrysler präsentierte 1954 ein gasturbinengetriebenes Plymouth Sportcoupé als Versuchsfahrzeug. Anfang der 1960er-Jahre hatte Chrysler dann auch die Werkstoff-Probleme und die Probleme mit der Fertigung im Griff. Bei den Werkstoffen ging es um belastbare hitzebeständige Metalle, die günstig zu beschaffen und einfach zu bearbeiten waren. Der Hersteller rüstete zwischen 1963 und 1964 eine Kleinserie von 55 Fahrzeugen mit der inzwischen vierten Generation seiner Antriebsturbine aus und stellte sie ausgewählten Testfahrern zur Einschätzung zur Verfügung. Eins dieser Fahrzeuge ging jetzt an die Stahls Automotive Foundation, die in Chesterfield im US-Bundesstaat Michigan ein Automuseum betreibt. Die General Managerin des Museums Terri Coppens hat nun mitgeteilt, dass das Chrysler Turbine Car in einem Raum zusammen mit einem anderen äußerst seltenen und legendären amerikanischen Fahrzeug stehen wird: mit einem Tucker ’4 8 (Fahrgestellnummer 1015). Vom Tucker ’48 existieren heute noch 47 Exemplare. Coppens betont, dass dem Chrysler Turbine Car kein Leben als statisches Ausstellungsstück bevorsteht: "Wir glauben, dass alle unsere Fahrzeuge gefahren werden müssen – das ist ihr Zweck."

Dreht mit bis zu 45.700/min

Ihre Höchstleistung in Höhe von 131 PS (96 Kilowatt) erreichte die Turbine bei 36.000/min – maximal ging es hoch bis zu 45.700/min. Zum Vergleich: Pkw-Verbrennungsmotoren, die mit 7.000/min drehen, gelten bereits als Hochdrehzahlmotoren. Das obere Ende des Hubkolbenmotor-Drehzahlbereichs bei Personen-Kraftwagen markieren aktuell Hypercars, wie der Mercedes-AMG One mit 11.000/min und der Aston Martin Valkyrie sowie der Gordon Murray T.50 mit jeweils 11.100/min – damit erreichen sie also nicht einmal ein Viertel der Maximaldrehzahl der Chrysler-Turbine.

Tequila als Kraftstoff

Das maximale Drehmoment betrug mächtige 576 Newtonmeter – allerdings brauchte das Turbine Car trotzdem zwölf Sekunden für den Spurt von null auf 100 km/h. Die Turbine arbeitete mit einem einstufigen Radialverdichter, einer Brennkammer und einer zweistufigen Axialturbine. Die erste Stufe trieb den Verdichter an, die zweite Stufe war an eine herkömmliche TorqueFlite-Dreigang-Automatik gekoppelt, die allerdings ohne Wandler auskam. Als Kraftstoff vertrug die Turbine beinahe jeden flüssigen Energieträger: Kerosin, den Flugzeug-Kraftstoff JP-4 (65 Prozent Benzin, 35 Prozent Kerosin) Benzin, Diesel und Pflanzenöl waren kein Problem. Der damalige Präsident von Mexiko, Adolfo López Mateos, betrieb sein Turbine Car sogar erfolgreich mit Tequila. Allerdings warnte Chrysler vor dem Einsatz von bleihaltigem Benzin – dieses könne durch Blei-Ablagerungen die Turbine schwächen. Der seinerzeit also am einfachsten verfügbare Kraftstoff war für das Turbine Car tabu. Die meisten Fahrer nutzten deshalb als Kraftstoff Diesel oder Heizöl.

Kein Kühlmittelkreislauf, kein Zündverteiler

Die Turbine hatte im Vergleich zu einem Hubkolbenmotor nur zirka 60 anstelle von zirka 300 beweglichen Teilen. Außerdem fehlten ein Zündverteiler, Unterbrecherkontakte und ein Kühlmittelkreislauf. Es gab nur eine Zündkerze für den Start und der Ölkreislauf musste keine Verbrennungsrückstände verkraften, was Ölwechsel überflüssig machte. Die Turbinen-Abgase enthielten, auch ohne den Einsatz eines Katalysators, kein Kohlenmonoxid, keine Kohlenwasserstoffe und keinen Ruß (unverbrannten Kohlenstoff). Als Problem stelle sich allerdings heraus, dass die Turbine sehr hohe Mengen an Stickoxiden (NOx) erzeugte.

Viel Ford-Design

Chrysler-Designer Elwood Engel entwarf das Turbine Car als zweitüriges Hardtop. Engel hatte vorher 14 Jahre als Ford-Designer gearbeitet und übernahm einige seiner früheren Ford-Entwürfe direkt für das neue Turbinen-Auto. Insbesondere die markante Heckpartie mit den großen runden Rücklichtern kam fast eins zu eins von der Ford-Styling-Studie Galaxia aus dem Jahr 1956 – und sie passte gut zu einem Zukunftsfahrzeug mit Turbinen-Antrieb. Innen gab es elektrische Fensterheber und die blau-grün schimmernden Instrumente leuchteten genauso elektrolumineszent (ein Festkörper emittiert durch Anlegen einer elektrischen Spannung elektromagnetische Strahlung in Form von Licht) wie der sich über das gesamte Armaturenbrett ziehende Displaystreifen. Die Lenkung sowie die Bremsen arbeiteten mit Servounterstützung.

Turbinenbronze

Das Turbinen-Thema ließ Engel sogar bei den Rädern aufblitzen: Das Zentrum der Radkappen ist Turbinenschaufeln nachempfunden. Der rotbraune Lack hieß zunächst Frostfire Metallic und stand später unter der Bezeichnung Turbinenbronze auch bei anderen Chrysler-Modellen zur Verfügung. Das Dach steckte unter schwarzem Vinyl, innen wiesen wiederum zahlreiche Turbinen-Schaufel-Designs auf den Antrieb des Autos hin. Die Sitze waren mit bronzefarbenem englischen Kalbsleder bezogen und die Füße der maximal vier Insassen ruhten auf bronzefarbenen Plüschteppichen.

Karosserie aus Italien

Das italienische Designbüro Ghia stellte die Karosserien und Inneneinrichtungen her, verschickte diese nach Detroit, wo Chrysler die Turbine, das Getriebe und die elektrischen Komponenten einbaute. So entstanden fünf Prototypen und 50 Testfahrzeuge.

Zufriedene Tester, immens hoher Verbrauch

30.000 Bewerber wollten das Turbine Car testfahren. Chrysler wählte 203 Interessenten aus, die jeweils drei Monate lang das Zukunftsauto ausprobieren durften. Am Ende der Tests stellten die Ingenieure eine als gering geltende Ausfallzeit von vier Prozent über die gesamte Testdauer fest. Als Probleme galten eine verzögerte Gasannahme und hohe Abgas-Austrittstemperaturen im Leerlauf. Außerdem funktionierte in großer Höhe der Startergenerator nicht. Chrysler behob die Probleme im Laufe der Tests – die Betriebsbereitschaft stieg von 96 auf 99 Prozent. Dauerhafte Probleme waren aber eine verzögerte Beschleunigung und, mit 16 bis 17 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer, ein hoher Verbrauch. Außerdem stellte sich heraus, dass die Herstellungskosten des Turbinenautos mit 10.000 Dollar dreimal höher waren als die eines damaligen Mittelklasse-Fahrzeugs. Die Kunden mochten zwar den vibrationsfreien Lauf, fanden aber, dass die Turbine wie ein Staubsauger klinge. Wer in der aktuellen Fahrzeugwelt unterwegs ist, empfindet den Technologieträger aus den 1960er-Jahren wahrscheinlich wie unser Chefredakteur Jochen Knecht, der die Gelegenheit hatte, ein Turbine Car aus dem Chrysler-Werkbestand zu testen. Sein Fazit: "Fährt sich schaukelig, schwerfällig und ist schwer beherrschbar sowie sehr laut."

Verschrottet, um Zoll zu sparen

Nach dem Testprogramm verschrottete Chrysler umgehend 46 Turbine Cars – um die hohen Zölle, die für die Einfuhr der Karosserien aus Italien fällig gewesen wären, zu umgehen. Sechs Exemplare gingen an Museen, nachdem der Hersteller die Turbinen durch Entfernen der Lüfterbaugruppen außer Betrieb gesetzt hatte. Die drei übrigen Exemplare behielt Chrysler für sich. Später verschickte der damalige Chrysler-Vorstandsvorsitzende Robert Lutz die fehlende Lüfterbaugruppe an einen privaten Museums-Eigentümer, damit dieser die Turbine seines Exemplars wieder in Betrieb nehmen konnte.

Auto stammt aus Sammlung

Eins der drei Turbine Cars aus dem Bestand von Chrysler gehört seit 2009 dem Moderator und Auto-Fan Jay Leno. Der Ex-Talkshow-Master scheint Turbinen zu mögen: Zusammen mit General Motors, dem Turbinenhersteller Honeywell, dem Aluminium-Spezialisten Alcoa und dem Chemiekonzern BASF hat er 2006 das Turbinenauto EcoJet concept car entworfen, außerdem hat er ein Motorrad mit Turbinenantrieb vorgestellt. Das zweite, jetzt vom Händler Hyman aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri verkaufte Turbine Car ist das, was inzwischen wieder betriebsfähig ist. Chrysler spendete es ursprünglich der Harrah Collection in Reno, der es dann der Domino's-Pizza-Gründer Tom Monaghan abkaufte. Der verkaufte das Auto an den 2010 verstorbenen Sammler Frank Kleptz.

Technische Daten:

Turbine Coupé

Leistung: 96 KW (131 PS)
Drehmoment (bei U/min): 576
Höchstgeschwindigkeit:140 km/h

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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