Concorso d´Eleganza Villa d´Este 2018

Lusso oder SWB?, fragen sich Automobil-Connaisseure gerne, wenn
es darum geht, die schönste Ferrari 250 GT Berlinetta jenseits des
völlig abgehobenen GTO zu küren. Der Shortwheelbase (SWB) schrieb
im Gegensatz zum ästhetisch vollkommeneren Lusso
Rennsport-Geschichte. Für das rassige 3-Liter-V12-Coupé mit 260 PS
spricht auch die geringe Stückzahl von nur 158 Exemplaren, die von
1959 bis 1962 entstanden.
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Lusso oder SWB?, fragen sich Automobil-Connaisseure gerne, wenn es darum geht, die schönste Ferrari 250 GT Berlinetta jenseits des völlig abgehobenen GTO zu küren. Der Shortwheelbase (SWB) schrieb im Gegensatz zum ästhetisch vollkommeneren Lusso Rennsport-Geschichte. Für das rassige 3-Liter-V12-Coupé mit 260 PS spricht auch die geringe Stückzahl von nur 158 Exemplaren, die von 1959 bis 1962 entstanden.

© BMW
08.06.2018 - 07:00 Uhr von Alf Cremers

Der Park eines Luxushotels am Comer See verwandelte sich am letzten Mai-Wochenende zu einer Insel der Glückseligkeit. Der schönste Kiesplatz der Welt wurde zur sonnigen und blühenden Kulisse für 51 erlesene Automobile. 

Bildershow: Die schönste Autos vom Comer See>>

Edle Exponate der großen Marken, ob Ferrari, Bentley, Rolls-Royce, Maserati, BMW oder Mercedes-Benz wetteifern um die Auszeichnungen Coppa d´Oro oder Best of Show. Sieben historische Formel 1-Rennwagen von ganz eigenwilliger Ästhetik lieferten in diesem Jahr das Kontrastprogramm zu den imposanten Nobelkaleschen und den klassischen Gran Turismo-Schönheiten.

Der Kies knirscht unter dünnen Ledersohlen, ein rotes Meer von Blüten rahmt die schwarzen Karossen des Art Deco-Zeitalters ein. Wie ein Spiegel wirken die dunklen Lackflächen. Schöne Frauen auf hohen Absätzen blicken in unbeobachteten Momenten hinein, kontrollieren, ob Frisur und Make-up stimmen. Leise Musik eines Pianisten rieselt flüchtig herüber. Chrom glänzt im Sonnenlicht, das Spiel der Reflexe bringt Bewegung in die statische Kulisse. Noch parken die edlen Exponate friedich nebeneinander, sie sind kreisförmig auf dem Kies nach Alter und Bauart aufgereiht, besetzen auch anderswo kleine Segmente. Alles wirkt handverlesen, keine Spur von Enge oder Überfüllung. Jedes Automobil hat Raum, zu wirken.

Sechsrad-Tyrell P34 von 1977 ist zweifellos eine Attraktion

Die zeitlos schönen Gran Turismo-Kunstwerke von Ferrari, Lamborghini, Aston Martin und Maserati parken im Innenhof des Palazzos auf feinem Marmor-Mosaiken.

Der Chronist muss tief durchatmen, gerade erst hat er seinen Rundgang begonnen. Er trägt sein bestes Jackett aus Kaschmir und Seide und seine beste Uhr von Audemars Piguet. Es ist trotzdem unmöglich hier bei den Schönen und Reichen mitzuhalten, keines seiner Autos hätte hier Bestand, nicht einmal sein 500 E. Trotzdem fühlt er sich wohl, er liebt die Autos und das Ambiente. Es ist ein Sonntag in seinem Leben, der drei Tage dauert. Noch ist es früh, letzte Hand wird angelegt. Letzte Meguiar’s- und Swizwax-Tiegel kreisen, damit Schwarz noch tiefer und Silber noch glänzender wird. Die Jury ist schon unterwegs, eine kleine Schar mit Panamahüten und Klemmbrettern. Es ist für den einsamen Chronisten nicht möglich, alle Modelle zu würdigen.

Er hält sich für einen Connaisseur mit einem sehr individuellen Geschmack, an den Formel-1-Rennwagen geht er eine Spur zu schnell vorbei, sie sind nichts seins, eben nicht elegant. Der Sechsrad-Tyrell P34 von 1977 ist zweifellos eine Attraktion, der Maserati 250 F von 1954 mit torpedoförmiger Fantuzzi-Karosserie erinnert an Fangios große Zeit. Aber sie berühren einen nicht tief.

Wer bekommt den Preis für das „Most Sophisticated Car“

An einem Bentley Mark IV von 1949 bleibt er hängen, bewundert die eleganten Fastback-Proportionen des erstaunlich zierlichen Wagens in unauffälligem Dunkelgrün. Der Bentley ist hier an der Villa d´Este kein Publikumsmagnet. Er ist ein stiller Star, wenig später wird sein Besitzer kommen, um ihn eine Lücke weiter für einen späten Neuankömmling zu rangieren. Der 4,3-Liter-Sechszylinder von Rolls-Royce mit stehenden Einlass- und hängenden Auslassventilen bleibt dabei geradezu unhörbar leise, 130 PS genügen dem Coupé mit Mulliner-Coachwork. Es bekäme den fiktiven Ehrenpreis für das „Most Sophisticated Car“.

Der Chronist beglückwünscht mit schüchternen englischen Worten den Bentley-Besitzer, er geht weiter, es zieht ihn hin zum imposanten Iso Grifo GL 750 von 1967. Es ist die Farbe, die ihn lockt, aber auch die souveränen Linien und die ausgewachsenen Größe des Grifo. Er kennt die schrillbunte Farbe von Mercedes, dort heißt sie Mimosengelb, Code 618. Er zweifelt an ihrer Echtheit, aber der große Gran Turismo mit dem GM-Smallblock-V8 aus der Corvette fasziniert ihn trotzdem. Würdevoll trägt das Bertone-Coupé die Spuren der Jahre, ohne vernachlässigt zu wirken, hier ein paar kleine Beulen, dort ein paar Kratzer, die Borrani-Speichenräder ein bisschen matt und korrodiert. Später erzählt Besitzer Ulf Klenk vom Urzustand aus erster Hand, ein Ziegelfabrikant aus Messina leistete sich diesen 350 PS-starken Luxus. Der Tachostand heute gerade einmal 56.117. Selbst die Auspuffhüllen der zweiflutigen Rohre sind noch die ersten. Danke, das genügt, so ein Grifo ist sowieso ein Exponent automobiler Ästhetik, der Chronist beschließt kurzerhand ihn zu seinem Best of Show zu küren, komme was da noch wolle.

Der Stradale, Highlight des Concorso

Der rubinrote Alfa Romeo Tipo 33/2 Stradale von 1968 zieht den Flaneur magisch mit seinem Rubinrot-Metallic und seinem exaltierten Scaglione-Design an, das klare Bertone-Züge trägt, weil Franco Scaglione dort lange als Spiritus Rector firmierte.

Der Tipo 33/2 wirkt nicht nur wie ein Rennsportwagen für die Straße, es ist einer, wie er mit seinem Namenszusatz auch bekundet. Im Gegensatz zu seinem zivilen Bruder Alfa Romeo Montreal täuscht er den Mittelmotor nicht nur mit fotogen angeordneten Lufteinlässen vor, der keinvolumige Zweiliter-V8, der 230 PS bei eindrucksvollen 8.800 Umdrehungen leistet, sitzt tatsächlich vor der Hinterachse. Nur 18 dieser Tipo 33 wurden mit leichter Aluminiumhülle gebaut, der V8 mit mechanischer Einspritzpumpe wurde für den Montreal auf 2,5 Liter vergrößert und auf 190 PS limitiert.

Keine Frage, der Stradale ist ein absolutes Highlight des Concorso und der Chronist widmet ihm schon jetzt den Coppa d´Oro, den Publikumspreis, nicht ahnend, dass er mit diesem Bauchgefühl dem Schicksal gewaltig auf die Sprünge hilft. Besitzer Albert Spiess aus der Schweiz wird in wenigen Stunden den Goldenen Pokal mit einem Siegerlächeln in der Hand schwenken.

Wo ist der Weiher?

Die klassischen, zeitlos schönen Gran-Turismo-Wagen bilden ein Kernelement des Concorso d´Eleganza. Der goldfarbene Ferrari 500 Superfast von 1965 räkelt sich langgestreckt auf grünem Rasen. Er gibt den Narzisst, der seine Schönheit nie in Frage stellt, am liebsten wäre ihm ein Weiher, in dem er sich spiegeln könnte. Pininfarina schuf die atemberaubende Form im Stil der späten sechziger Jahre, typisch sind die tiefliegenden Rundscheinwerfer in der aerodynamisch gestalteten Frontpartie und das Fischmaul als Kühlergrill mit dem Cavallino Rampante, dem Ferrari-Emblem.

Der monumentale Fünfliter-V12 von Konstrukteur Gioacchino Colombo leistet 400 PS und befeuert den verdammt wörtlich zu nehmenden Superfast auf von Road & Track gemessene 283,6 km/h. Der letzte Besitzer dieses Superlativ-Ferrari war übrigens der Schauspieler Peter Sellers, bekannt aus dem Film „Der rosarote Panther“. Den sonnigen, kiesumsäumten Rasenplatz an dem die Damen mit ihren hohen Bleistiftabsätzen immer leicht, aber stets kontrolliert einsinken, teilt sich der Ferrari 500 Superfast mit dem Aston Martin DB 5, er in der Tat eines von zwei James Bond-Filmautos war. Der Agent seiner Majestät lenkte ihn spektakulär in den Filmen Goldfinger und Thunderball, die rassige Touring-Karosserie beherbergte allerlei hineinkonstruierte Gimmicks wie etwa einen Schleudersitz, Maschinengewehrläufe in den Stoßstängenhörnern und Reifenaufschlitzer, die aus den Zentralverschlüssen schnellten. Wir alle kennen das Corgy-Modell aus unseren Kinderzimmern, das damals ein teures Statussymbol war.

Hohe Stieletto-Stiefel und sehr kurze Kleider

Filmautos sind überhaupt das Motto des diesjährigen Concorso d´Eleganza Villa d´Este. Es heißt „Hollywood on the Lake“ und feiert das letzte cineastische Jahrhundert mit Autos wie dem Bond-Aston, den Sellers-Ferrari, dem ungeheuer extravagant gestylten Cadillac Series 62 von 1953 mit Ghia-Karosserie aus dem Erstbesitz von Rita Hayworth, dem BMW 507 von Ursula Andress, die ja bekanntlich das erste Bond-Girl war, und dem imposanten Delage D8-120 mit Chapron-Karosserie.

Das bordeauxrote Cabriolet mit Reihenachtzylinder-Motor diente einst Gene Kelly und Nina Foch in dem 1951er-Musical „Ein Amerikaner in Paris“ als rollende Requisite. Ein schönes Auto für schöne Menschen eben auch ein inoffizielles, aber aktuelles Motto für den Concorso. Auch der futuristische Lancia Stratos Zero mit extrem flacher (84 cm) Keilform-Karosserie von Bertone partizipiert unfreiwillig am Film-Ruhm. Die Flunder mit Fulvia-V4 feierte auf dem Turiner Salon 1970 Premiere, flankiert von unvergesslichen Schönheiten, die nichts anderes trugen außer hohe Stieletto-Stiefel und sehr grobmaschige kurze Kleider. Die Studie mit dem kanzelartigen Fronteinstieg wie bei der Isetta hat mit dem späteren Rallye-Star Stratos wenig gemein. Dafür sehr viel mit dem Lamborghini Countach LP 400, ebenfalls eine Kreation des exzentrischen Star-Designers Marcello Ghandini. Ach ja, da war doch noch was mit Film: Michael Jackson ließ den hummerfarbenen Wagen Jahrzehnte später für sein Video-Spektakel zur LP Moonwalk als Attrappe nachbauen.

Gewaltige Motorräume unter schmetterlingsartig geschwungenen Hauben

Einen Kreis für sich auf dem Como-Kies bilden die großen, schweren yachtähnlichen Reisewagen der Art Deco-Epoche und der dreißiger Jahre. Dieser elitäre Gentlemens Club der Herrenfahrer-Kaleschen wird von diversen Rolls-Royce Phantom- und Bugatti 57-Modellen ebenso geprägt wie von Nobelautos wie CadillacV-16, Lancia Astura Pinin Farina Cabriolet, Mercedes-Benz 540 K Cabriolet A, Packard Standard Eight und Isotta Fraschini Tipo 8A SS. Der Chronist blickt versonnen in die gewaltigen Motorräume unter schmetterlingsartig geschwungenen Hauben, ergötzt sich an der sachlichen Triebwerksarchitektur der Bugatti-Reihenachtzylinder und schwelgt in der messighaften Filigranität des Rolls-Royce 7,7-Liter-Reihensechszylinder, der sein Debüt bereits im Silver Ghost von 1906 feierte. Ihm wird klar, dass hier auch die amerikanische Automobilindustrie ihre ganz große Zeit hatte, sie bestimmte den Puls des Fortschritts.

Doch nun wird es am Ende auch Zeit für Fiat eine Lanze zu brechen. Der Fiat 8V von 1952, phonetisch stets nur klangvoll „Otto Vu“ genannt, ist der erste einsame Nachkriegs Höhenflug der kleinwagenlastigen Volumen-Marke. Wie der Mercedes-Benz 300 SL war auch der Fiat-Zweiliter-Achtzylinder zunächst als reiner Rennsportwagen geplant. Das Serienmodell mit hausgemachter Fiat-Karosserie geriet schon imposant genug, daneben gab es auch Interpretationen von Zagato und Vignale.

Wer ist „Best of show“?

Beim diesjährigen Concorso gesellt sich noch eine späte 125-PS-starke Vignale-Version in unerhört ausdrucksstarkem Gewand zur herrlich patinierten Serien-Edition, die nur insgesamt 34 Exemplare umfasste. Leider geriet der konstruktiv unspektakuläre OHV-V8 optisch weit unscheinbarer als akustisch. Während des Schaulaufens zur Prämierung vor der Jury entfachen die beiden Otto Vu jedenfalls ihr ganzes akustisches Feuer.

Best of Show wurde am Ende nicht der Iso Grifo GL 350 im leicht mattierten Giallo Mimosa, sondern ein weit extremeres Auto mit dem infernalischem Crescendo seines Vierliter-V12 mit vier obenliegenden Nockenwellen. Der von Scaglietti verdammt rassig karossierte Ferrari 335 Sport von 1958 sieht auf den ersten Blick wie ein Testarossa aus, ist aber noch ein Wagen von ganz anderem Kaliber, er über 300 km/h Spitze rennt. Obwohl nicht Rennsport-gepolt, zieht der Chronist seinen Bardolino-Strohhut vor diesem marinegrauen Geschoss, dass die Krönung aller Ferrari-Rennsportwagen der Frontmotor-Ära verkörpert.

Conferencier Simon Kidston führte einmal mehr so souverän durch die Typologie der Exponate, dass es ein wahres Vergnügen war zuzuhören. Als der jubelnde Applaus der Menge langsam verhallt und nur noch leere Champagner-Gläser die Tische säumen, geht der Chronist noch einmal durch die Reihen der Boliden. Das edle Blech knistert unter der Motorhitze, es riecht wohlig nach warmem Öl. Auch der Bentley Mark IV hat seinen Platz neben dem Lancia Stratos Zero und dem Bugatti 57 Atalante wieder eingenommen. Keine Frage, dass es dieser so unspektakuläre dafür aber umso entzückendere Saloon wäre, mit dem er sich wünschte, nach Hause zu fahren.

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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