Fahrtipps für den Winter

Fahrsicherheits-Experte Jochen Albig: Dem Leiter der
Testabteilung von auto motor und sport ist klar: Zurückhaltung und
Voraussicht hinter dem Lenkrad sind die Garanten für eine sichere
Fahrt.
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Fahrsicherheits-Experte Jochen Albig: Dem Leiter der Testabteilung von auto motor und sport ist klar: Zurückhaltung und Voraussicht hinter dem Lenkrad sind die Garanten für eine sichere Fahrt.

© auto motor und sport
13.11.2013 - 00:00 Uhr von Holger Wittich

Schnee und Eis fordern in der kalten Jahreszeit den ganzen Autofahrer. auto motor und sport-Experte Jochen Albig erklärt, worauf es ankommt, und wie sie sicher an Ihr Ziel gelangen.

Fahren mit Gefühl ist auf Eis und Schnee sehr wichtig

Egal ob Front-, Heck- oder Allradantrieb: Bei Schnee und Eis kämpft jedes Auto um Traktion. Der wichtigste Tipp bei winterlichen Straßen heißt viel Gefühl beim Fahren. Alle Manöver – egal ob Anfahren, Bremsen oder Lenken – funktionieren gefühlvoll viel besser, weil die Räder auf glattem Untergrund nur noch geringe Kräfte übertragen können. Man sollte also mit wenig Gas anfahren und möglichst schnell hochschalten. Gerade bei drehmomentstarken Turbodiesel-Motoren ist viel Gefühl gefragt.

Meist unterstützt aber eine Traktionskontrolle (ASR = Antriebs-Schlupf-Regelung) das Vorankommen, weil jedes angetriebene Rad gebremst wird, sobald es die Traktion verliert. Mit diesem technischen Trick wird das Drehmoment jenem Rad zugeleitet, das es auch tatsächlich als Vortrieb auf die Straße bringen kann. Auch mit ASR gilt: bei glatter Fahrbahn immer mit niedriger Drehzahl fahren und frühzeitig hochschalten.

Beschleunigen auf glattem Untergrund

Die einzelnen Antriebsarten unterscheiden sich besonders bei den geringen Reibwerten auf winterlichen Untergründen erheblich. Beim Beschleunigen und in Kurven gelten hier spezielle Regeln.

Frontantrieb: Beim Beschleunigen hebt sich das Auto vorne aus den Federn, die Vorderräder werden entlastet, die Hinterräder zusätzlich belastet. Das nennt man Radlastverlagerung. Weniger Last bedeutet aber auch weniger Traktion. Kommt nun noch eine Kurve ins Spiel, müssen die Vorderräder neben Längskräften (Vortrieb) zusätzlich Querkräfte (Spurstabilität) übertragen.

Auf schneeglatter Fahrbahn führt das schnell zum Traktionsverlust, das Fahrzeug schiebt über die Vorderachse nach außen – es untersteuert. Hier helfen dosiertes Gaswegnehmen und viel Gefühl beim Lenken. Keineswegs noch mehr einlenken, besser die Lenkung etwas öffnen. Meist reicht das, damit sich das Auto wieder in die gewünschte Fahrspur eindreht.

Hinterradantrieb: Beim Beschleunigen in einer Kurve ohne durchdrehende Hinterräder werden durch die Radlastverlagerung die Vorderräder entlastet, können also weniger Seitenkräfte übertragen. Trotz der verbreiteten Meinung, dass ein Hecktriebler immer übersteuert, wird das Fahrzeug nun über die Vorderräder nach außen schieben. Erst bei starker Beschleunigung verlieren die Hinterräder ihre Traktion, und das Auto droht zu übersteuern.

ASR und ESP können das verhindern, sofern das Fahrzeug nicht so schnell ist, dass die physikalischen Grenzen schon überschritten sind. Ohne ASR und ESP hilft beim Übersteuern dosiertes Gaswegnehmen und schnelles Gegenlenken.

Bremsen im Schnee ist dank ABS einfach geworden

Die unterschiedlichen Antriebskonzepte fühlen sich bei konstanter Geschwindigkeit sehr ähnlich an. Beim Bremsen verzögert jedes Auto mit allen vier Rädern. Und das kann auf glattem Untergrund dauern. Auf Glatteis verlängern sich die Bremswege durchaus um den Faktor zehn. Das ABS sorgt dabei für spurstabiles Bremsen. Im Regelbereich ist oft ein leichtes Rattern zu vernehmen oder ein leichtes Vibrieren im Bremspedal. Lenken ist aber nur sehr bedingt möglich, weil die Vorderräder nur geringe Seitenkräfte übertragen können. Zum Ausweichen sollte man deshalb die Bremse lösen und dann versuchen, mit einem möglichst kleinen Lenkeinschlag das Hindernis zu umfahren.

Kurven fahren – langsam, vorausschauend, gefühlvoll

Grundsätzlich hilft eine vorausschauende Fahrweise. So müssen Kurven mit weit geringerer Geschwindigkeit angefahren werden, als dies im Trockenen der Fall wäre. Sind wir am Kurveneingang zu schnell, wird – unabhängig vom Antriebskonzept – jedes Auto an den Vorderrädern den Grip verlieren und untersteuern. Dies ist oft dadurch zu korrigieren, dass man vom Gas geht oder leicht bremst.

Sollte das nicht ausreichen, heißt es, den Lenkeinschlag so weit zu verringern, wie der Kurvenradius es zulässt, und leicht zu bremsen, bis wieder Grip an der Vorderachse besteht. Weiter einlenken – was der natürliche Instinkt wäre – verschlechtert durch den größeren Lenkwinkel die Situation. Das ESP sollte während der Fahrt immer eingeschaltet bleiben, es vermag so manche heikle Situation zu entschärfen. Lediglich in festgefahrenen Situationen sollte man das ESP ausschalten.

Festgefahren im Schnee, was nun?

Es gibt zwei Varianten dieses Szenarios. Wenn über Nacht so viel Schnee gefallen ist, dass er rund ums Auto eine ansehnliche Höhe erreicht hat, aber der Wagenboden noch frei ist, kann man sich durch leichtes Vor- und Zurückfahren eine Spur bahnen und so versuchen, frei zu kommen. Vorher sollte man natürlich mit dem Schneeschieber den Weg frei räumen.

Im zweiten Fall ist das Fahrzeug über die geräumte Fahrbahn in tiefen Schnee gerutscht. Jetzt gilt es, die Ruhe zu bewahren und das Auto zunächst von außen zu betrachten. Wenn zu viel Schnee unter dem Fahrzeug liegt, drehen die Räder beim unüberlegten Gasgeben durch, und das Auto gräbt sich noch tiefer ein. Besser zuerst so viel Schnee wie möglich unter und rund um das Fahrzeug entfernen und dann gefühlvoll mit geraden Rädern auf der Spur zurückfahren, auf der man in den weichen Schnee gerutscht ist.

Stillstand am Berg: eine Frage der Haftung

An einer Steigung ist der Untergrund so glatt, dass selbst mit dem ASR kein Vorankommen mehr möglich ist. Bevor wir ESP und ASR abschalten und versuchen, mit Schlupf und Gefühl die Steigung zu meistern, empfehle ich, wenn möglich, ein paar Meter zurückzufahren (mindestens eine Wagenlänge) und danach zu versuchen, auf einer Parallelspur diese Passage zu meistern. Schneeketten oder Streugut können hier weiterhelfen. Ideal ist es, wenn man Steigungen gleichmäßig in einem Zug bewältigt.

Wertvolle Fahrtipps für winterliche Straßenverhältnisse bekommen Sie auch bei unserem Winterfahrtraining im Österreichischen Lungau Anfang 2014. Bewerbungen werden noch bis Dezember entgegengenommen.

Quelle: 2013 Motor-Presse Stuttgart
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