Flugplatzblasen 2016

Wir haben das Flugplatzblasen 2016 besucht und einige
interessante Bilder mitgebracht.
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Wir haben das Flugplatzblasen 2016 besucht und einige interessante Bilder mitgebracht.

© Arturo Rivas
16.02.2017 - 11:57 Uhr von Frank Mühling

Das Flugplatzblasen fand in diesem Jahr zum 14. Mal statt. 2016 pilgerten rund 8.000 Zuschauer zum Sportflugplatz in Neresheim-Elchingen auf der Ostalb – Rekord

Leistung und Traktion. Mehr brauchst du nicht, um auf der Viertelmeile schnell zu sein. So weit die Theorie. Die Kandidaten für die vordersten Plätze: fett motorisierte Allradler mit Automatik- oder Doppelkupplungsgetriebe, that’s it. Oder doch nicht? Was war mit dem Gewicht? Eben. Jedes Kilo, das nicht beschleunigt werden muss, hilft bei der Zeitenjagd. Sonst wären neue PS-Protze wie der getunte CLS 63 AMG auf Siege abonniert. Knapp 1.000 PS, aber auch knapp zwei Tonnen Masse.

Also führt der Sieg hier beim Flugplatzblasen auf der Ostalb über leichte und schlanke Youngtimer vom Schlage eines Audi TT, BMW E30 oder VW Golf – natürlich aufs Heftigste getunt: Leistung Faktor vier bis zehn, enorm große Turbolader an die Motorblöcke geschraubt, Überflüssiges aus den Innenräumen rausgerissen und selbstverständlich alles verstärkt: Motorinnereien, Ölversorgung, Kühlung, Getriebe, Antriebsstrang.

Dogbox für 6.000 Euro

Unerlässlich für schnelle Zeiten an der Neun-Sekunden-Schwelle: ein Dogbox- Getriebe zum sequenziellen Durchreißen der vier Gänge. Kostenpunkt mit Shifter: gute 6.000 Euro , ohne Einbau. Sieganwärter Christoph Gogulski, der mit seiner Firma Turbo-Gockel die Autos von Freunden und Konkurrenten mit Technik und Know-how versorgt, steigt gerade aus seinem Golf 2, einem ehemaligen Syncro von 1987 mit 98 PS. „Kein Grip! Du kommst nicht vom Start weg“ , sagt er schulterzuckend zu den umherstehenden Kumpels. Klar, schließlich ist der Startplatz nicht „geklebt“, wie es in der Fachsprache heißt. Ist eben ein Sportflugplatz, kein reinrassiger Dragstrip.

Dabei hat Christoph den Ladedruck seines VR6-Turbomotors schon auf 2,5 bar heruntergeregelt. „Jetzt hat er circa 980 PS. Mit über 3,0 bar erreichen wir auf dem Prüfstand 1.178 PS.“ Und das bei lächerlichen 1.220 Kilogramm Leergewicht – das ergibt ein traumhaftes Leistungsgewicht von 1,25 bis 1,03 PS pro Kilo.

Da kann der kleine mattrote Fiat von Michael Hädicke nicht ganz mithalten. Statt vierstelliger PS-Zahlen vertraut er voll auf die Kraft aus zwei Herzen: Vorn und hinten schuften zwei turbogeladene Punto-Motoren mit je 140 PS. Statt Cinquecento müsste er eigentlich „doppio cuore“ heißen, oder so ähnlich. Wie auch immer, der Zweimetermann hat gerade maximal gute Laune, denn eben war er mit seinem Fliegengewicht nur um drei Zehntel langsamer als das 750 PS starke Ford Five Window Coupé von Josef Pfanzelt; ein absoluter Eyecatcher mit verrosteter Karosserie, fetten Hinterrädern und frei liegendem Kompressor-V8. Michael zeigt es: Viel Traktion und wenig Gewicht, das ist die richtige Mischung für den Sprint über die Distanz von 402,34 Metern. Alle ernsthaften Viertelmeilen-Cracks, die mit Autos ohne Straßenzulassung antreten, spendieren ihren Slicks nur 0,5 bis 0,7 bar Luftdruck. Damit sie sich beim Burn-out im Vorstartbereich ordentlich aufheizen.

Knattern, knallen, fauchen: Akustisch machen die aufgepumpten 1.000-PS-Gölfe den meisten Eindruck. Mehr noch als die hämmernden V8- Beats der zahlreichen US-Cars. Sobald der Christbaum, so wird die Ampelanlage genannt, auf Grün springt, schießen die Allradler raketengleich über die Startbahn. Topspeed: Die Schnellsten erreichen auf der Ziellinie mehr als 280 km/h. Golf-Fahrer Rene Schenker gelingt die Tagesbestzeit mit 8,917 Sekunden. „Bei einem Versuch ist mir das Auto im dritten Gang quer gekommen!“

Christoph Gogulskis Golf erzielt mit 9,104 Sekunden die zweitbeste Zeit und ist für die „Best of 16“ qualifiziert. Dann aber muss er sich seinem direkten Gegner Matthias Siegl beugen. „ Mir ist der vierte Gang kaputtgegangen. Ein Schlag, der Motor dreht hoch, aus und vorbei. Materialfehler.“ Ganz gleich, wohin die Augen schweifen: In der Viertelmeilen-Szene herrscht eine unglaubliche Kreativität. Die technischen Lösungen beeindrucken jeden Hobbyschrauber und PS-Junkie. Die Fans sind hautnah dran, jeder kann seine Nase tief in die hochgezüchteten Motorräume hineinstecken. Keine Frage bleibt unbeantwortet. An diesem sonnigen Herbsttag kommen die 8.000 Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr raus. Von den rund 200 Autos leisten fast 20 über 800 PS. Paradiesische Voraussetzungen auch für die einzige Tankstelle in der 1.500-Seelen-Gemeinde Elchingen, denn irgendwo müssen die viele PS-Protze ja auch Sprit bunkern.

S2 mit 800 statt 230 PS

Ein ultraseltener Audi S2 Avant rollt zum Vorstart. „800 statt 230 PS. Und standfest“, so Maik Harder, der den Allrad-Kombi per Trailer aus Wuppertal zum Flugplatzblasen geschleppt hat. „Es war ein langer Weg, bis er so dastand wie jetzt.“ Man sieht es sofort: Es war auch kein billiger. Gleich dahinter parkt ein anderer Kombi. Unscheinbar steht der BMW 325 iX Touring da, im früheren Leben war er nur 170 PS stark. Heute allerdings wuchert der M50-Sechszylinder mit rund 900 PS. Kein Zweifel, auch ihm wird ordentlich der Turbo-Marsch geblasen. Haltbarkeit? „ Bis jetzt passt alles“, lacht Besitzer Harald Hempel, der jedoch wegen der H-Schaltung bei jedem Gangwechsel etwas an Zeit verliert.

Auch die Nippon-Fraktion ist mit ihren Youngtimern angereist. Vereinzelt lockern Subaru Impreza, Mitsubishi Evo, Nissan Skyline und Honda CRX das deutsch dominierte Teilnehmerfeld auf. Oliver Butt hat das seltene rechtsgelenkte Nissan-Coupé direkt aus Japan importiert: „Das war vor vier Jahren, ich habe 12.000 Euro bezahlt. Jetzt hat der Skyline 550 PS.“ Den ultrakompakten Zweisitzer von Honda hat Besitzer Maik Staude von 150 auf 430 PS gepusht.

Turbo-Power trifft auf Frontantrieb. Dass man auch mit weniger Qualm an der Kette seinen Spaß haben kann, zeigen zahlreiche Alltagskutschen. Ob Corsa TR mit 16V-Motor, ein Skoda Octavia RS mit serienmäßigen 200 PS oder ein leer geräumter Clio RS – beim Flugplatzblasen kann jeder antreten. Nur 50 Euro Startgeld und einen Helm, mehr braucht es nicht für das Kopf-an-Kopf- Rennen. Fahrerlizenz? Überrollbügel? Feuerfeste Unterwäsche? Unnötig. Beim Viertelmeile-Shootout Mann gegen Mann wird immer wieder deutlich: einfach nur stumpf Vollgas zu geben reicht nicht. Die richtige Anfahrdrehzahl, die Reaktionszeit beim Umschalten des Christbaums, der passende Gangwechsel – alles spielt mit rein. Und immer wieder gilt die alte Dragster- Fahrerweisheit: Was du beim Start verlierst, holst du nachher nicht mehr auf. Das harte Los: from hero to zero. Es kann jeden treffen. Das bekommt auch Finalteilnehmer Alex Medvedev zu spüren, der mit seinem CLS 63 gegen den Golf 4 R32 Turbo von Matthias Siegl den Kürzeren zieht.

Obwohl Alex’ Biturbo-V8 auf 990 PS getunt wurde, überquert der 850 PS starke Youngtimer aus Wolfsburg nach 10,758 Sekunden als Erster die Ziellinie. Der russische Benz-Driver kommt schlecht vom Start weg und muss dem Golf hinterherhecheln. Er kommt zwar näher, doch es reicht nicht – das Display zeigt eine 10,808. Matthias, der siegreiche Österreicher, ist begeistert: „ Unglaublich, mein Auto ist erst vor einer Woche fertig geworden. Ich war nur auf dem Prüfstand und konnte gar keine Probefahrt mehr machen!“

Party für Petrolheads

Ein oktanhaltiger und adrenalingeschwängerter Sonntag neigt sich dem Ende zu. Die Szene verabredet sich schon für Mitte Oktober 2017, wenn es wieder heißt: Auf zum Flugplatzblasen, der schwäbischen Power-Party für alle Petrolheads.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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