Hamiltons Kehrtwende in letzter Minute: Mercedes verliert auf den Geraden

Dieses Mal setzte sich Verstappen knapp gegen Hamilton
durch.
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Dieses Mal setzte sich Verstappen knapp gegen Hamilton durch.

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Es passiert nicht zum ersten Mal in dieser Saison, und meistens trifft es Lewis Hamilton. Drei Trainingssitzungen lang kämpfte der Weltmeister mit seinem Mercedes. Dann gelang den Ingenieuren der entscheidende Griff in die Setup-Kiste.

Lewis Hamilton kennt dieses Szenario. Drei Trainingssitzungen lang hat er das Gefühl, im falschen Auto zu sitzen. Drei Trainingssitzungen lang sucht er das kleine Fenster, in dem sein Mercedes wie eine Rakete abgeht und die Reifen im richtigen Fenster sind. Es ist kleiner als in den Jahren zuvor. Viel kleiner. Und dann macht es plötzlich Klick, und der Weltmeister ist wieder ein Kandidat für die Pole Position. Das war in Portimao so, in Monte Carlo, Baku und Paul Ricard. Nur in Monaco schaffte er es nicht mehr, das Ruder noch herumzureißen.

In Paul Ricard bahnte sich zunächst ein ähnliches Drama an wie zwei Wochen zuvor in Aserbaidschan. Der Weltmeister haderte mit der Balance seines Silberpfeils. "Wir haben so viel geändert, vor- und zurück gebaut, und das gleiche noch einmal. Und als wir fast wieder bei der Ausgangposition waren, hat es funktioniert. Die letzten Setup-Schritte zehn Minuten vor der Qualifikation waren die entscheidenden. Dann hatte ich eine absolut reibungslose Trainingssitzung. Die Runden waren alle gut, und die letzte war die beste."

Hilft der große Heckflügel im Regen?

Nach dem ersten Q3-Versuch hatte Hamilton das Gefühl, dass nicht mehr viel Zeit zwischen ihm und Max Verstappen liegen kann. "Ich war dann doch etwas enttäuscht, dass noch drei Zehntel gefehlt haben. In meiner letzten Runde habe ich in jeder Kurve nach diesen drei Zehnteln gesucht, sie auch gefunden, aber leider hat Max auch noch mal draufgelegt." Tatsächlich wäre Hamilton mit seiner Zeit von 1.30,248 Minuten vor dem Red Bull gestanden, wäre sein WM-Gegner auf seiner Zeit sitzengeblieben. Verstappen hatte im ersten Versuch eine Runde mit 1.30,325 Minuten vorgelegt.

Bei der Analyse der Rundenzeiten hatte Hamilton besonders den zweiten Sektor im Auge. Die 27-Sekunden-Passage ist der Power-Abschnitt der Rennstrecke. Sie reicht von Kurve 6 bis 370 Meter vor die Signes-Kurve und beinhaltet zwei lange Geraden, die Schikane und eine Fünfte-Gang-Kurve. In diesem Sektor gewann Verstappen 0,128 Sekunden auf Hamilton. Der Topspeed des Red Bull-Honda war mit 328,7 zu 326,6 km/h nur marginal besser. Verstappen nahm dem Mercedes-Piloten auch Zeit im kurvenreichen letzten Sektor ab. Der ging mit 0,161 Sekunden Vorsprung an den Holländer.

Teamchef Toto Wolff schreibt Red Bulls Stärke auf den Geraden den frischen Honda-Motoren und dem kleineren Heckflügel von Red Bull zu. "Wir könnten mit einem so kleinen Flügel hier nicht den Speed in den Kurven fahren. Aber vielleicht hilft uns der größere Flügel ja im Rennen." Zum Beispiel, wenn es regnet. Der könnte am Sonntag über Paul Ricard hereinbrechen. Es wäre übrigens das erste Regenrennen auf dieser Strecke.

Bottas hat sein Schicksal in der Hand

Valtteri Bottas bewegte sich immer im Dunstkreis der beiden Titelanwärter und war trotzdem unzufrieden. Drei Trainingssitzungen lang sah der Finne wie einer aus, der auf die Pole Position fahren kann. "Das Auto lag von der ersten Trainingsrunde an. Ich habe nur Feintuning betrieben. Es war ein starkes Wochenende, das ganze Gegenteil von Baku. Deshalb bin ich etwas enttäuscht. Ich dachte, ich könnte heute auf die Pole Position fahren."

Der zweite Mann im Team, weiß, dass er Gas geben muss. Bis zur Sommerpause wird sich die Teamleitung Gedanken um die Fahrerbesetzung machen müssen. Der Teamchef stellt sachlich fest: "Valtteri hat sein Schicksal in seinen Händen. Er muss dieses Auto nur schnell fahren."

Besonders in den Longruns hatte Bottas geglänzt. Da wirkte er stärker als sein Teamkollege. "Aber mein Auto war am Freitag ja auch noch weit weg von dem, was ich mir wünsche", relativiert Hamilton. Und fängt gleich wieder das Rechnen an. "Ich habe im Longrun im Schnitt zwei Zehntel auf Max Verloren. Mit einem schlechteren Auto wie ich es jetzt habe. Ich sehe noch gute Möglichkeiten, den Spieß umzudrehen." Vor allem, weil die starke Stunde der Mercedes am Ende der Dauerläufe schlug, während Red Bull zu Beginn der Stints besser war.

Der Chassistausch hatte am ersten Trainingstag noch zu Verschwörungstheorien geführt, war aber am Samstag kein Thema mehr. Laut Bottas ist das sowieso nur Kopfsache. Auch Hamilton gab zu: "Da ist kein Unterschied. Natürlich machst du dir erstmal Gedanken, wenn es nicht läuft. Aber die Qualifikation hat gezeigt, dass ich auch mit diesem Chassis schnell fahren kann."

Red Bull gibt den Ton an

Sollte sich Mercedes je Hoffnungen gemacht haben, dass Red Bull durch die neuen Bestimmungen für Heckflügel und Reifendrücke eingebremst wird, dann haben die sich in Luft aufgelöst. Zumindest auf eine Runde. Toto Wolff weiß, dass die Technischen Direktiven nicht den Lauf der Weltmeisterschaft entscheidend verändern werden. "Ein Rennauto ist nie wegen einer oder zwei Sachen schnell. Red Bull hat im Moment ein ganz starkes Produkt und gibt den Ton an. Das muss man akzeptieren können."

Was aber nicht heißt, dass sich Mercedes mit der Rolle des Jägers abfindet, auch wenn sie nach sieben Jahren Dauer-Dominanz auch mal ganz reizvoll ist. Wolff: "Unsere zwei schwierigsten Strecken sind aus dem Weg. Singapur findet nicht statt. Die normalen Rennstrecke liegen uns besser. Dass Red Bull uns jetzt auf einer vermeintlichen Mercedes-Strecke schlägt, sehe ich nicht so eng. 2019 waren wir hier überlegen, aber das war ein ganz anderes Kräfteverhältnis."

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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