IAA-Showcar Audi AI:Trail Quattro

Audi zeigte sein diesjähriges IAA-Showcar AI:Trail Quattro
einigen Journalisten zuvor bereits auf der schwedischen Insel
Gotland.
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Audi zeigte sein diesjähriges IAA-Showcar AI:Trail Quattro einigen Journalisten zuvor bereits auf der schwedischen Insel Gotland.

© Audi AG

Der AI:Trail Quattro zeigt, wie sich Audi einen Offroader in der E-Auto-Zukunft vorstellt: Konsequent auf diesen Zweck ausgerichtet, total vernetzt und mit einigen ungewöhnlichen Detaillösungen.

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So forsch und intensiv der geneigte Autojournalist auch alles erkunden möchte, ist im Umgang mit dem Audi AI:Trail Quattro zuallererst Vorsicht geboten. Zwar macht das Showcar, das sich – und das ist durchaus ungewöhnlich – auf der schwedischen Insel Gotland und nicht erst in der Frankfurter Messehalle erstmals einigen Journalisten präsentiert, einen erstaunlich soliden Eindruck. Dennoch darf ihm nichts passieren, die offizielle Enthüllung auf der IAA ist schließlich nicht mehr fern. Einfach mal eine Tür bedienen – nur so als Beispiel – geht einfach nicht. Diese banal anmutende Aktion muss erst beim Mann mit der Fernbedienung angemeldet werden, der daraufhin per Tastendruck die Pforten öffnet oder schließt.

Konsequent auf Offroad getrimmt

Um es vorwegzunehmen: Mit einem dieser derzeit so angesagten „ Ich kann alles ein bisschen, aber nichts so richtig“-SUVs hat der AI:Trail nichts am Hut. Im Gegenteil: Er ist mindestens so konsequent auf Offroad getrimmt, wie seine Vorgänger der vierteiligen elektrisch angetriebenen Showcar-Serie auf ihre Anwendungszwecke optimiert waren: Der Aicon, Debüt auf der IAA 2017, der vollautomatisierte und komfortorientierte Langstreckengleiter. Dann der PB18, erstmals gezeigt im vergangenen Jahr in Pebble Beach und inzwischen umbenannt in AI:Race, der die Rolle des Sportwagens der Zukunft übernimmt. Und schließlich der AI:Me von der diesjährigen Automesse in Shanghai, der autonome und vernetzte Stadtwusler.

Fehlte noch der kernige Geländewagen, der Kraxler der Zukunft, den Audi nun also in Frankfurt neben seinen drei Vorläufern präsentiert. Die Frage nach Böschungs- und Rampenwinkeln sowie der Wattiefe beantwortet er mit einer Bodenfreiheit von 34 Zentimetern und jeglichem Verzicht auf Überhänge. Vor den Vorder- und hinter den Hinterrädern kommt bei ihm nichts mehr, die Front und das Heck sind im unteren Bereich tief eingezogen.

Ungewöhnliche Räder bringen Extra-Federweg

Auch die Räder selbst sind ungewöhnlich: Sie zeigen keine klare Trennung zwischen Felge und Reifen mehr, sondern sind Gesamtkunstwerke, die – ungewöhnlich für Geländewagen – auf alles Grobstollige verzichten. „Das würde schließlich den Untergrund zerstören“, sagt Oliver Keyerleber, der Projektleiter des AI:Trail Quattro. Stattdessen zeigen die selbstentwickelten Räder Profile, die denen mikroskopisch betrachteter Blätter nachempfunden sind. Außerdem bieten sie jeweils sechs Zentimeter zusätzlichen Federweg sowie die Möglichkeit, Reifendruck abzulassen oder zuzuführen. Je nach Fahrsituation soll das Auto dies eigenständig handhaben.

Womit wir beim Thema sind. Auf der Straße soll der maximal 130 km/h schnelle AI:Trail bis hinauf zu Level 4 autonom fahren können. Das noch vorhandene Lenkrad, das eher ein unten abgeflachtes Lenkhorn ist, käme also nur noch in wenigen Situationen zum Einsatz, wenn das Auto mal überfordert sein sollte und der Mensch vorne links aushelfen müsste. Im Gelände ist der Fahrer freilich stärker gefragt. Weil hier einerseits die nötigen Kartendaten fehlen und andererseits der Untergrund unberechenbar ist, muss er es im Regelfall gemeinsam mit den üblichen Level-2-Assistenzsystem schaffen, Fahrzeug und Besatzung schadlos durch das Unterholz zu manövrieren.

Je ein Motor pro Rad

Das Ganze geschieht selbstredend vollelektrisch, wenn sich auch der 1.750 Kilogramm schwere AI:Trail nicht in die aktuelle Plattform-Logik des VW-Konzerns einordnen lässt. Dass hier weder MEB noch PPE eine Rolle spielen, zeigt die Tatsache, dass jedes der vier Räder über einen eigenen Motor verfügt. Das soll im Gelände nicht nur wegen des so realisierten Allradantriebs Traktionsvorteile bringen. So kann die Kraft von insgesamt 320 kW (436 PS) und maximal 1.000 Newtonmetern – elektronisch intelligent gesteuert – besser auf jene Räder geleitet werden, bei denen sie am effektivsten in Vortrieb umgesetzt wird. Die Nachteile, beispielsweise größere ungefederte Massen, nahmen die Entwickler dafür gerne in Kauf, weil sie gleichzeitig auf Differenziale, Sperren und ein Mehrgang-Getriebe verzichten konnten.

Die gekapselte Batterie des Audi AI:Trail Quattro, der mit einer Länge von 4,15 Metern vier Zentimeter kürzer ist als der aktuelle Q2, aber 16 Zentimeter höher (1,67 Meter), sitzt im Unterboden. Sie entspricht in etwa dem, was auch den heutigen Serien-E-Trons als Energiespeicher dient. Finale Daten kommuniziert Audi zwar nicht, aber die Gesamtkapazität soll sich knapp im dreistelligen Kilowattstunden-Bereich bewegen. Das soll auf der Straße für eine WLTP-Reichweite von 400 bis 500 Kilometern und im schweren Gelände für etwa 250 Kilometer reichen. Das dürfte auch nötig sein, schließlich ist der Aufbau der nötigen Ladeinfrastruktur schon entlang des Straßennetzes eine große Herausforderung. In der Wildnis dürften Ladesäulen noch schwerer zu finden sein.

Kaum Monitore im AI:Trail-Cockpit

Schwer zu finden sind auch Monitore, und zwar im Innenraum des AI:Trail Quattro. Gäbe es die Außenspiegel-Kameras samt dazugehöriger Displays nicht, trüge das Cockpit nur zwei kleine digitale Anzeigen im Bereich der Lenksäule, die Auskunft über die allerwichtigsten Fahrdaten geben. Die AI:Trail-Besatzung ist schließlich nicht in der Natur unterwegs, um dort Serien zu streamen, Videospiele zu zocken oder an Videokonferenzen teilzunehmen. Das heißt freilich nicht, dass der futuristische Offroader nicht trotzdem vernetzt wäre. Er setzt auf das Fahrer-Smartphone als Infotainment-Schnittstelle, das an entsprechend prominenter Position oberhalb der Lenksäule thront. Hierüber wird navigiert, kommuniziert und bedient. Was auch deshalb sinnvoll ist, weil sich Audi die Studie als On-Demand-Auto vorstellt, das vom Hersteller zur Verfügung gestellt und vom Kunden genau zum Zweck angefordert wird, auf Abenteuerfahrt zu gehen. Indem er sein Telefon mit dem Auto koppelt, steht ihm sofort sein digitales Leben zur Verfügung und er kann sich auf die Offline-Erfahrungen in der Natur konzentrieren.

Konsequent ist der vorrangig aus hochwertig gemachten Recycling-Materialien gefertigte, maximal viersitzige AI:Trail-Innenraum auf Praxisnutzen optimiert. Das beginnt mit den großzügigen Glasflächen: Hier ist alles luftig, hier lässt sich alles gut überblicken – und zwar in alle Richtungen. Auch so ein Kontrast zu derzeitigen SUV-Panzern, bei denen die Schulterlinie meist sehr hoch liegt, was zwangsläufig die Fenster und damit die Rundumsicht schrumpfen lässt. Dank der niedrigen, unten eingezogenen Seitenfenster sieht der Fahrer die Vorderräder – ein Vorteil vor allem im Gelände, wo es manchmal auf jeden Millimeter ankommt. Und vor sich sieht er im Panorama-Blick den Weg, der mit diesem Auto das Ziel sein sollte.

Hängematten als Fondsitze

Kofferräume gibt es vorne und hinten, dazu Gimmicks wie ein Fernglas, herausnehmbare Taschenlampen oder Trinkflaschen. Herausnehmbar sind auch die Rücksitze. Dabei handelt es sich um flexible Hängesitze, die sich entfernen und am nächsten Baumast aufhängen lassen. Man kann sie auch zuhause lassen und den dadurch gewonnenen Raum als Ablagefläche für Gepäck, Outdoor-Equipment oder Ähnliches nutzen. Denn je nachdem, wie viele Passagiere an Bord sind, soll sich der Innenraum des Showcars möglichst flexibel gestalten lassen.

Doch damit nicht genug der Eigenheiten. Einen Sonderweg beschreitet der AI:Trail auch beim Lichtkonzept. Statt klassischer Scheinwerfer sitzen hinter der Frontscheibe zwei Tagfahrleuchten mit je drei Elementen, die nach innen wiederum als Ambientelicht fungieren. Noch spektakulärer sind jedoch die oben am Gepäckträger angebrachten Matrix-LED-Leuchten, die in Wahrheit viel mehr sind als das. Es handelt sich hierbei um fünf Drohnen, die bei Bedarf vor das Auto fliegen und nicht nur dessen Vorfeld illuminieren, sondern auch ein Videobild aufs Smartphone-Display schicken können. Eine Spielerei, gewiss, aber ebenso ein Beispiel dafür, dass hier kein seichter SUV-Allrounder, sondern ein waschechter Offroader konzipiert wurde.

Wie die Serienchancen des Audi AI:Trail Quattro stehen? Gute Frage. Das dürfte derzeit noch ebenso in den Sternen stehen wie die Entwicklung der (Auto-)Mobilität ganz allgemein. Ebenso unklar ist, in welcher Form der neu und progressiv gestaltete Audi-Schriftzug am AI:Trail-Heck künftig den Weg in und auf die Serienfahrzeuge der Ingolstädter finden wird. Man wird sich, was dieses Auto angeht, komplett überraschen lassen müssen.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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