London Taxi kommt 2018 nach Deutschland

Anlass der Probefahrt: Das London Taxi kommt nach Deutschland.
Die Verträge mit Volvo, wo das Auto verkauft und gewartet werden
soll, sind so gut wie unterschrieben.
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Anlass der Probefahrt: Das London Taxi kommt nach Deutschland. Die Verträge mit Volvo, wo das Auto verkauft und gewartet werden soll, sind so gut wie unterschrieben.

© Maren Schulz
06.07.2018 - 15:04 Uhr von Patrick Lang

Geely hat 317 Millionen Euro in einen neues London Taxi investiert: LEVC baut nun elektrische Black Cabs in einer neuen Fabrikhalle. Das TX eCity fährt mit Volvo-Technik als Hybrid elektrisch durch die City und kommt auch nach Deutschland. Fahrbericht.

Londoner Taxis sind Ikonen, die Taxifahrer Legenden: Drei Jahre dauert die Ausbildung, die Kenntnis jeder einzelnen Straße ist Pflicht. Fast 70 Jahre lang kamen die Taxis von LTI, einem Unternehmen, das vor ein paar Jahren Geely gekauft und umbenannt hat: Die London Electric Vehicle Company hat ein neues Taxi für London entwickelt, will aber nicht auf den Taximarkt beschränkt bleiben. Nachdem der Hersteller LTC vor einigen Jahren nur knapp der Insolvenz entgangen war, steuert der vom chinesischen Konzern Geely aufgekaufte Taxi-Bauer wieder auf bessere Zeiten zu. Im März 2017 wurde ein neues Werk in Coventry eröffnet.

Neues London Taxi fährt elektrisch

Das neue TX, wie es kurz heißt, hat im Gegensatz zu seinem lange gebauten und in London weit verbreiteten Vorgänger TX4 keinen Dieselmotor mehr. Das neue London Taxi fährt elektrisch bis zu 130 Kilometer weit. Dann kann der Taxifahrer die Akkus mit 3 bis 50 Kilowatt laden. Einen leeren Akku auf 80 Prozent zu bringen, dauert zwischen 20 Minuten und drei Stunden – je nach Ladestrom. Lädt der Fahrer nicht an der Steckdose, weil er zum Beispiel weiterfahren möchte, springt ein Dreizylinder-Benzinmotor an, der über einen 60-kW-Generator den Akku lädt. Der 120 kW starke 1,5-Liter-Motor kommt von Volvo, ebenso die Elektronik und ein Teil der Technik unter der Karosserie. Ein bisschen Lotus steckt auch drin, denn das Gerüst besteht aus geklebten Aluminiumplatten. Das hält das Gewicht niedrig und spart Investitionen in die Produktion. Die Karosserie ist mit Platten aus faserverstärkten Kunststoffen verkleidet. Nur die Motorhaube besteht aus Aluminium – das liegt an den Crashvorschriften. Das neue Taxi sei nicht schwerer als das alte, erklärt LEVC. Leicht ist es mit 2,23 Tonnen Leergewicht nicht, entsprechend satt liegt es auf der Straße. Gewicht, komfortable Fahrwerksabstimmung, steifes Chassis und Reifen mit hohen Flanken ergänzen sich zu einem tollen Komfort.

Breit wie ein Ducato, wendig wie ein Smart

Von innen beeindruckt der Blick auf die breite und gewölbte Haube. Weil darunter kein Diesel nagelt und der Benziner meistens schweigt, herrscht Ruhe im London Taxi. Lediglich die Lüftung lärmt zunächst gegen 36 Grad Außentemperatur an, beruhigt sich aber schnell und hält das Klima konstant kühl – wichtig, dass der Taxifahrer einen kühlen Kopf bewahrt. Denn er hat von seiner hohen Sitzposition zwar einen tollen Blick und für den Blick nach hinten zwei große Spiegel. Doch 2,03 Meter Breite kennen Fahrer von Lieferwagen und Wohnmobilen vom Fiat Ducato – und diese Breite will erst einmal zwischen Radfahrern, Bussen und Autos durchgefädelt werden. Das gelingt gut, die Lenkung geht leicht und eine Londoner Verordnung begrenzt den Wendekreis auf 8,50 Meter – damit ist der 4,86-Meter-Klotz wendiger als ein Smart Fortwo.

Was fehlt, ist einzig ein wenige Gefühl in der leichtgängigen Lenkung, doch auf Dauer sind während der Taxischicht niedrige Bedienkräfte wichtiger als ein messerscharfes Handling. Das Kurvenverhalten ist träge, aber jederzeit sicher. Wir haben es immerhin mit einem fast 1,90 Meter hohen Fahrzeug zu tun. Der Elektromotor tritt kräftig an und lässt sich fein dosieren.

Als Fahrgast im London Taxi

Perspektivwechsel: Der Einstieg durch die hinten angeschlagene Tür gelingt würdevoll, auf der Bank ist Platz für drei schlanke Passagiere. Gegenüber können – gegen die Fahrtrichtung drei weitere Menschen auf Klappsitzen Platz nehmen. Der Platz auf der rechten Seite ist schwenkbar und kommt so Personen mit eingeschränkter Beweglichkeit entgegen. Über eine Rampe kommen Rollstuhlfahrer ins Auto, können in Fahrtrichtung angeschnallt sitzen. Gelb markierte Haltegriffe helfen Menschen, die nicht mehr so gut sehen können. Vielen nützen die beiden USB-Ladebuchsen und die 230-Volt-Steckdose. In der Tür sitzt eine eigene Klimaregelung und ein Knopf für die Gegensprechanlage zur Kommunikation mit dem Fahrer. So müssen sich Fahrer und Passagier nicht durch die Plexiglasscheibe anbrüllen. Die zusätzliche Sicherheit schätzen Taxifahrer übrigens sehr – immer wieder werden Taxifahrer bei Überfällen mit Messern verletzt.

Die gelben Haltegriffe gehören übrigens zu den sechs Teilen, die LEVC vom Vorgängermodell übernommen hat. Die anderen vier Teile seien die Scheibenwaschdüsen vorn und hinten, erklärt ein Entwickler.

Neues Taxi-Werk für 300 Millionen Pfund

In dem 300-Millionen-Pfund-Werk sollen bis zu 20.000 Exemplare jährlich gebaut werden. Anschließend ist der Vertrieb in über 40 Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, China und Neuseeland, vorgesehen. Seit Winter 2017 surren die ersten TX eCity über britische Straßen, die weiteren Länder folgen Anfang 2018, teilte LCEV mit.

Auch mit Elektroantrieb ist das Black Cab sofort als klassisches London Taxi zu erkennen. Es kommt etwas rundlicher daher als bisher, aber immer noch mit den typischen Linien. Erkennungsmerkmale wie der große Grill und die runden Scheinwerfer blieben ebenso erhalten wie die kurze Haube und die hohe Kabine.

Vorschrift: 8,50 Meter Wendekreis

Das TX eCity ist wie sein Vorgänger TX4 2,03 Meter breit, aber mit 4,86 Meter Länge und 1,89 Meter Höhe 6 cm höher und 8 cm länger. Weil die Vorderräder mit 63 Grad extrem weit einschlagen, erfüllt das Black Cab die alte Vorschrift, das den Wendekreis eines London Taxi zwischen zwei Mauern auf 8,50 Meter begrenzt. Die hinteren Türen öffnen in einem Winkel von 90 Grad nach hinten. Über eine Rampe können Rollstuhlfahrer einsteigen, die dann in Fahrtrichtung sitzen. Bis zu sechs Passagiere finden im London Taxi einen Sitzplatz, WLAN, Lademöglichkeiten für Smartphones und ein kabelloses Kartenlesegerät.

Black Cab mit Hybrid-Antrieb von Volvo

Die Antriebseinheit ist vom Twin Engine T8-Modell abgeleitet, das bereits im Volvo XC90 seinen Dienst verrichtet. Drumherum baut LTC eine Leichtbau-Architektur aus Aluminium, die auch für weitere Modelle Pate stehen soll. Rein elektrisch schafft das neue London Taxi etwa 80 Meilen, das sind 129 Kilometer. Bis zu 500 Kilometer weit geht es dann mit dem Range Extender, einem 3-Zylinder-Benziner aus dem Volvo-Baukasten. Die Spitzenleistung des Elektromotors gibt LEVC mit 110 kW an, das entspricht 150 PS.

Den dieselgetriebenen Vorgänger übertrifft das neue Elektro-Taxi locker: Die Leistung des TX4 liegt bei 81 kW (110 PS). Schneller fährt das Elektro-Taxi deswegen nicht, die Höchstgeschwindigkeit ist jeweils auf 80 mph (129 km/h begrenzt).

„Wir feiern die Renaissance der London Taxi Company, einer Firma mit einer einzigen Vision: Dem Design und Bau urbaner Mobilitätslösungen, die emissionsfrei in Städten auf der ganzen Welt unterwegs sind und dabei die laufenden Kosten für die Fahrer reduzieren“, freut sich der CEO der London Taxi Company, Chris Gubbey.

Preis: 55.599 Pfund

Laut Hersteller spart ein Taxifahrer mit Elektro-TX pro Woche 100 Pfund Spritgeld. Die Wartungsintervalle von 25.000 statt 12.000 Meilen und die kürzere Wartungszeit sparten außerdem Ausfallzeiten. Allerdings kostet der TX eCity mehr als sein Diesel-Vorgänger: 55.599 Pfund kostet das Black Cab nun, das sind 10.000 Pfund mehr. Pro Woche und über fünf Jahre kostet das E-Taxi 177 Pfund, rechnet der Hersteller vor – 10 Pfund mehr als der Diesel-Vorgänger. In Deutschland soll das Taxi 59.600 Euro kosten – zuviel für die meisten Taxifahrer. Zum Vergleich: Eine neue Mercedes E-Klasse gibt es momentan für Taxifahrer zum Nettopreis von rund 30.000 Euro. Aus dem Taxiverband ist zu hören, dass ein London Taxi in Deutschland nur mit Förderung als Inklusionstaxis wirtschaftlich würde. Was Taxifahrern fast noch wichtiger ist als der Preis: Wie lange das neue Taxi bei Reparaturen oder Unfällen in der Werkstatt steht, ist momentan noch ungeklärt.

LCEV erwartet eine hohe Nachfrage. In Amsterdam wurden schon 25 TX verkauft, in London laufen bisher 300 neue Taxis. Wann das London Taxi nach Deutschland kommt, steht noch nicht fest. Fest steht, dass es bei Volvo-Händlern gekauft und gewartet werden kann. Die Verträge stünden kurz vor der Unterschrift, Anfragen gebe es auch schon, erklärt der Hersteller

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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