Nardo High-Speed: Wem die Stunde schlägt

Nardo High Speed Test 2005
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Nardo High Speed Test 2005

02.08.2005 - 11:00 Uhr von Marcus Peters

Wenn die deutsche Tempo-Elite im süditalienischen Nardo über die Piste glüht, kommen die Elemente in Wallung: Die Luft bebt, das Wasser kocht, die Erde siedet. Und bei 355 km/h verschiebt sich das Raum-Zeit-Kontinuum.

Tempo-Trip am italienischen Stiefelabsatz: Cabriolets am Begrenzer, Kombis auf Speed, Luxuskarossen im Rausch, Familienautos am Durchdrehen. Und dazwischen ein unbezwingbarer Porsche mit verschrecktem Piloten. Gelassen bleibt ausschließlich das GPS-Messgerät.

auto motor und sport bittet nach Nardo auf die schnellste Auto-Umlaufbahn der Welt. Und nur die Tapfersten folgen: Alpina, Brabus, Carlsson, Imola, Mansory, MTM, 9ff und Techart. Allesamt aufgeblasen, extremisiert, heiß gemacht. Doch ohne das wichtigste aller Extras: die freie Bahn.

Eine Extremsituation für Pilot, Aggregate und Reifen, ein Grenzgang zwischen Raum und Zeit – zumal in Nardo nach Sonnenuntergang gefahren wird. Was eine Wohltat für Motoren ist: Vor allem die aufgeladenen baden geradezu in der kühlen, sauerstoffdichten Nachtluft. Einziger Sauger am Start: der Zwölfzylinder des Ferrari 575 M von Imola. Ein Männertraum mit 90-60-90-Formen und der Lizenz zum Tempo. Der Starter zündet einen Brandbeschleuniger der Leidenschaft, extra explosiv mit 575 PS.

Gereizt brüllt der 5,8-Liter auf, lauert böse brodelnd. Eine Ausgeburt des Leibhaftigen, diabolisch, hysterisch. Der angestachelte Ferrari-V12 schiebt schon bei 2000/min wie ein GTI kurz vorm Abregeln, brennt, glüht, siedet, hetzt besessen ins Drehzahl-Delirium von 8.250/min.

Nach 4,3 Sekunden und einmal Schalten ist die Hunderter-Marke atomisiert. Höhepunkt der Dramatik: die Vorbeifahrt unter Volllast. 325 km/h, intoniert im Jody-Scheckter-Gedächtnis- Sound. Das schwärzeste Trompeten seit Louis Satchmo Armstrong. Ein Nackenhaar-Aufrichter, wie ihn nur die Rennstrecke produziert.

Alpina-V8 mit 500 PS - Kein Spektakel, dafür über 319 km/h schnell.

Diesem Sportmotor-Ideal am nächsten kommt der 4,4-Liter-V8 des Alpina mit seinem mechanisch angetriebenen Lader. Der hängt an der Kurbelwelle, dreht verzugfrei mit der Motordrehzahl hoch. Turboloch? Nicht bei Alpina. Fein wie eine Nähmaschine, fein wie der Firmenslogan steppt der Welt schnellster Lieferwagen los: der B5 tritt als Touring an. Bei dieser 500-PS-Kombi-Macht muss sich kein frisch gebackener Familienvater über den neuen Platzbedarf grämen.

Amerikanischer Bigblock-Ton ohne Loudness. Der B5 startet wie auf einem Flugzeugträger: keine durchdrehenden Räder, kein Rauch, kein Spektakel. Und bleibt doch bis Tempo 200 auf Schlagdistanz zum Ferrari (14,5 zu 13,5 Sekunden). Naturereignis hier, distinguierter Weltrekord unter den viertürigen Serienkombis dort. 319 km/h werden lediglich von einem scharf schnatternden Luftsog.

Noch ungerührter rauscht nur der von Tuner Mansory umgerüstete Bentley Continental GT durch die 300-km/h-Sphäre. Unnachgiebig walzt die 630-PS-Bowlingkugel los. Stilvoll, stoisch und schnell. Nach etwa einer Minute sind 300 km/h erreicht, kurz danach 317. Dennoch blickt die Mansory-Truppe unglücklich drein: Bereits der Serien-Continental knackt diesen Wert. Dem beauftragten Chip-Hacker scheint eine elektronische Begrenzung des Werks entgangen; Bits und Bytes bremsen den Bentley, statt ihn zu beschleunigen. Ärgerlich.

Tempo-Träume platzen nicht zum ersten Mal in Nardo – ebensowenig wie Motoren. Diese leidvolle Erfahrung musste Audi-Tuner Roland Mayer bereits machen. Das Einzige, was diesmal jedoch im MTM-Audi S4 Cabrio raucht, ist die Toscanelli-Zigarre nach der beschwerdefreien Vmax-Fahrt.

Mit 450 Kompressor-PS ist der allradgetriebene Mittelgebirgs-Schwinger endgültig fürs Biergarten-Cruisen zu schade. Neben einer wunderbar sonor bollernden Auspuffanlage setzt Mayer auf einen weiteren Show-Effekt: das geöffnete Verdeck.

Urbayerisches Gottvertrauen an Bord, den Schalk im Nacken, stürzt sich der Bazi ins Auge des Orkans, widersteht ihm bis 307 km/h. So fix war bisher kein von auto motor und sport gemessenes Cabrio unterwegs. Mit Dach überm Kopf sind sogar vier km/h mehr drin.

In 4,1 Sekunden von null auf hundert.

Und noch einer stellt sich dem Wind: Ralph Niese, Techart-Pressechef. 2.30 Uhr, der Helm sitzt. Niese zeigt den Fliegen auf dem Highway to hell die Zähne, spült seine Nebenhöhlen mit der Salzluft des angrenzenden Mittelmeeres, lässt sich von der Schub-Eruption bis weit über 300 km/h schleudern.

Aus dem Einsatz von vor zwei Jahren hat der Leonberger Porsche-Tuner gelernt und das ehemals unnachgiebige Fahrwerk bodenwellentauglich eingeweicht. So nimmt das Turbo-Cabrio mit 600 Techart-PS die 318 km/h (Hardtop: 334) ebenso gelassen wie der Pilot: Mann statt Memme. Wie selbstverständlich druckt der traktionsgesegnete 4x4-Porsche noch die beste Beschleunigungszeit von Null auf 100 km/h in die Nardo-Annalen 2005: 4,1 Sekunden.

Die verfehlt der zweite Porsche in der Runde, der 9ff, um zwei Zehntel knapp - 843 PS überwältigen die kreischenden Hinterräder geradezu. Bei 5.000/min reißt sich der aufgepumpte GT2 das Hemd auf, hämmert sich gegen die Brust, presst Urschreie hervor.

Doch der Muskelberg kann kaum laufen. Die Kombination aus GT3-Vorderachse, geänderter Achsgeometrie und schmalen Rädern bringt den 9ff-GT2 auf Schlingerkurs. Gestandene Tester, der Autor inklusive, haben jenseits der 330 km/h Adrenalin-Überproduktion bis in die Fingerspitzen. 9ff-Chef Jan Fatthauer zeigt Loyalität zu seinem Produkt, fürchtet weder Tod noch Teufel, kneift den Hintern bis 355 km/h zusammen, hat dann doch die Hosen voll - und lupft.

Wie gepflegt trägt dagegen Carlsson-Eigentümer Rolf Hartge die Zwei-Finger- Lenkung vor. Sein 560-PS-CLS wäre ein passendes Übungsobjekt für Highspeed-Anfänger: Problemloser lassen sich Allmacht und Eleganz kaum verbinden. Ein Edel-Etablissement mit Klavierlack, Steppnähten und Alcantara. Doch dazu passt der Sound so wenig wie ein Punker in eine Bridge-Runde. Bollern und Hämmern wie bei einem Offshore-Boot. Männlich, frivol, grenzwertig. Bei Vollgas und Tempo 324 ähnelt die Vorbeifahrt einer ankommenden Boing 747, bevor das Rauschen in ein Gaswechsel-Schreddern tief aus dem Vertonungstrakt kippt.

Aus nichts als Pannen müsste der Brabus E V12 bestehen, wenn es nach den Unkenrufen missgünstiger Konkurrenten ginge. 640 PS und 1.026 Nm in einer E-Klasse, abenteuerlich, oder? Doch ein Abenteuer ist nur der Endlos-Druck des Biturbo-V12. Andreas Lucyk aus der auto motor und sport-Testabteilung gibt bei abgeschalteter Traktionskontrolle und 120 km/h Vollgas, wundert sich über die schwarzen Striche im Rückspiegel. Der Brabus E V12 ist ein ICE der neuesten Generation: leise, komfortabel und unglaublich schnell. Wo der serienmäßige Mercedes S 600 als Motor-Organspender bei 250 km/h abregelt, ist der Brabus noch ohne Ladedruck unterwegs.

Erst über 310 km/h, wenn den meisten bereits der Atem stockt, schaltet die Limousine in den fünften Gang, schiebt hartnäckig bis 350 km/h weiter. Höchstleistung unter den straßenzugelassenen Viertürern. Starke Vorstellung.

Applaus für den mühelos vorgetragenen Rekord im schwarzen E-Klasse-Taxi, auch von der Tuner-Gilde. Sowie die Erkenntnis: In Nardo zählt neben Aerodynamik und Vortrieb vor allem die Fahrbarkeit. Und die verschafft in erster Linie ein Limousinen-Radstand.

So absurd es klingen mag: Supersportler, Kurven-Carver und Feindynamiker sind für eine relaxte Rekord-Vmax einfach zu hektisch.

Quelle: www.auto-motor-und-sport.de - Alle Rechte vorbehalten. - Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Motor-Presse Stuttgart
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