Neuer McLaren Senna (P15)

McLaren Senna: 800 PS, 800 Nm, keine 1.200 Kilo Trockengewicht,
Radikaldesign und ein Name, dass einen direkt die Gänsehaut
überkommt.
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McLaren Senna: 800 PS, 800 Nm, keine 1.200 Kilo Trockengewicht, Radikaldesign und ein Name, dass einen direkt die Gänsehaut überkommt.

© McLaren
10.12.2017 - 01:00 Uhr von Stefan Helmreich

800 PS, 800 Nm, keine 1.200 Kilo Trockengewicht, Radikaldesign und ein Name, dass einen direkt die Gänsehaut überkommt. Erster Kontakt mit dem extremsten und leichtesten Straßen-McLaren aller Zeiten.

Prolog: Die Ultimate-Series, McLarens Topmodelllinie, die vor gut fünf Jahren mit dem P1 ihren Anfang nahm, wird fortgesetzt. Und zwar als Zweiteiler. Die eine Episode versteckt sich aktuell noch hinter der Bezeichnung BP23. Mit Betonung auf „verstecken“. Alles was man weiß: Es wird sich um eine Art Gran Turismo handeln, einen Hyper-GT, der das ikonische Sitzkonzept des einstigen McLaren F1 wieder aufleben lässt. Also Fahrer in der Mitte, links und rechts dahinter je ein Beifahrer. Enthüllung? Erst in grob einem Jahr.

Der extremste und schärfste McLaren aller Zeiten

Den Auftakt zur neuen Staffel gibt derweil er hier. Codename: P15. Und er ist das Gegenteil des BP23. Keine Reiserakete, sondern ein Sportwagen, oder vielmehr ein Sportgerät, das nicht weniger sein will als der extremste und schärfste McLaren aller Zeiten. Und das ist insofern bemerkenswert, da so ein P1 ja nicht gerade zu den Nasenbohrern der Branche gehörte.

Angaben zu Fahrleistungen hält McLaren bis zur Weltpremiere auf dem Genfer Salon noch unter Verschluss. Die wenigen Eckdaten lassen aber schon ungefähr erahnen, worauf das alles hinauslaufen wird – eine blühende Fantasie vorausgesetzt. Der Vierliter-Biturbo-V8 erzeugt 800 PS und 800 Nm, was bereits überaus imposant ist, keine Frage. Die Tragweite des Ganzen erschließt sich einem aber so richtig erst in Relation mit dem Gewicht. 1.198 kg gibt McLaren an, trocken versteht sich. Inklusive Flüssigkeiten entspricht das wohl knapp 1.300 kg, womit der Apparat aber immer noch 170 Kilo leichter wäre als ein 100 PS schwächerer, weitaus konventionellerer Porsche 911 GT2 RS – also jener Überflieger, der im Rahmen eines sport-auto-Tests soeben den 918 Spyder auf dem Hockenheimring um über zweieinhalb Sekunden unterbot. Deklinieren Sie das einfach mal gedanklich durch, dann verstehen Sie, worauf ich hinauswill.

Senna, Senna wie Ayrton ... Stille. Andächtige

Trotz der Vorhersehbarkeit seiner überirdischen Leistungsfähigkeit, berührt an der ersten Episode der kommenden Ultimate-Series aber vor allem der Name. McLaren Senna! Senna wie Ayrton. Als das raus war, herrschte erstmal Stille im Saal. Andächtige. Doch die Verbindung ergibt Sinn, in vielerlei Hinsicht sogar. Der Brasilianer errang all seine F1-WM-Titel auf McLaren, es musste also schon mal nichts an den Haaren herbeigezogen werden. Außerdem suchen die Briten aktuell fieberhaft nach Image, möchte eine emotionalere Wahrnehmung ihrer Produkte generieren, wozu der Mythos einer verstorbenen Rennfahrer-Legende definitiv deutlich mehr beitragen kann als die spröden Zahlencodes der anderen Modelle. Und selbst charakterliche Parallelen zwischen Persönlichkeit und Maschine könnten tatsächlich existieren. Zwar muss man immer vorsichtig sein, mit diesen Posthum-Annahmen, wonach irgendjemand irgendetwas bestimmt gemocht hätte, in diesem Fall jedoch scheint der große Name nicht zu groß zu sein.

Ayrton Senna sagte einst: „You commit yourself to such a level where there is no compromise. You give everything you have, everything, absolutely everything.” Übersetzt: Man begibt sich auf ein Niveau, auf dem es keine Kompromisse gibt. Man gibt alles, was man hat, alles, absolut alles.

Und genau nach dieser Maxime entstand Projekt P15. Zielsetzung: eine Synthese aus ultimativem Fahrerlebnis und maximaler Performance. Das Ergebnis: ein Rennwagen. Hinterradgetrieben, radikal, mit zweckmäßiger Ästhetik, straßenzugelassen, aber nicht übertrieben straßentauglich.

McLaren Senna ohne Hybridisierung

Kern der Konstruktion ist die tropfenförmige Cockpitzelle, die wie jedes andere Karosserieteil aus Kohlefaser besteht und am Ende nicht viel mehr ist als der Aufhängungspunkt für die spektakuläre Aerodynamik. Jede Sicke, jeder Schlitz, jeder Flap, jede der unzähligen Kanülen, jedes Detail ist ein Mittel zum Zweck. Zu diesem einen Zweck. Deko? Nirgends. Form folgt Funktion. Und Funktionen sind grundsätzlich fahrdynamischer Natur, weswegen man auch auf eine Hybridisierung des Antriebs verzichtete. Das Mehrgewicht wäre höher als der Ertrag, damit war die Debatte beendet.

Und diese Konsequenz ziehen sie auch im Kleinen eiskalt durch. Siehe: der Laderaum. Zwei Helme, zwei Overalls, mehr fasst er nicht. Und so geht‘s weiter. Die Sitze sind nichts anderes als Wannen aus CfK, pro Stück drei Kilo schwer, spärlich besetzt mit Polster-Pads; Motorhaube und Frontklappe braucht es nicht, öffnen lassen sich nur Serviceklappen, um Öl nachzufüllen oder Sprit; und weil Kennzeichen nur die ausgeklügelte Luftführung sabotieren würden, hat man Schnellverschlusshalterungen entwickelt, sodass man sie für den Streckeneinsatz mit einem Handgriff demontieren kann.

Gucklöcher für die Ideallinie

Ganz ehrlich, man müsste das halbe Internet vollschreiben, um die unzähligen Gimmicks des McLaren Senna in Gänze aufzuzählen. Aber weil so ein Internet ja doch recht weitläufig ist, konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Oder besser gesagt: auf die Punkte, die den Wesensgehalt dieses unfassbaren Autos am besten widerspiegeln. Zum Beispiel die Zusatzfenster im unteren Bereich der Türen – der absolute Oberhammer, finde ich. Nicht nur weil es den Geschwindigkeitsrausch verstärken dürfte, wenn man direkt neben dem Oberschenkel den Asphalt vorbeiwischen sieht. Sondern vor allem, weil die Gucklöcher – logisch – auch eine Funktion erfüllen. Sie sollen den Fahrer bei der Positionierung des Autos auf der Ideallinie behilflich sein. Blick nach links oder rechts unten: Ah ja, wunderbar, schön nah dran am Curb. Passt.

Weiter geht’s beim Aktivfahrwerk, das aus Gewichtsgründen ohne Stabilisatoren auskommt und über eine hydraulische Lenkung kontrolliert wird – beides inzwischen Markenzeichen der McLaren-Ingenieure. Im Racemodus senkt es die Karosserie um sage und schreibe 50 Millimeter ab, dabei arbeitet es mit einem spezifisch abgeschmeckten Pirelli-Reifen zusammen. Dem extremsten, selbstredend, einem P-Zero Trofeo R. Und dann sei die gesamte Kinematik durch und durch auf ein intensives Feeling ausgelegt. McLaren verspricht, dass sich der Senna auch schon unterhalb seines fernen Grenzbereich lebhaft verhalten würde, dass er stets glasklar mit dem Piloten kommuniziere, einen fessle und fordere, wobei ich mir aktuell noch nicht ganz sicher bin, ob man sich jetzt darauf freuen, oder lieber davor fürchten sollte.

“Holy sh...„ und ein absurder Preis

Immerhin darf mit aerodynamischer Unterstützung gerechnet werden. Mit gehöriger. Bis dato ist mir jedenfalls kein Straßenauto bekannt – Straßenauto in Gänsefüßchen –, dass die Luft in dem Maße instrumentalisiert. Exakte Abtriebswerte wurden bislang zwar noch nicht kommuniziert, angesichts der gigantischen Aeroteile sind aber auch hier Rekordmarken zu erwarten. Allein dieser Heckflügel, holy sh…! Er arbeitet aktiv, bäumt sich beim Bremsen auf, klappt auf Geraden in DRS-Manier nach hinten weg und ist zudem in der Lage die Kurvenfahrt über den Luftstrom zu unterstützen. Flaps im Inneren der Frontschürze beherrschen dieselben Tricks, dazu gibt es Lufttunnel, die unliebsame Verwirbelungen aus den Radhäusern spülen, die diabolische Maschinerie kühlen, beziehungsweise Heißluft abführen; und unter dem extrem flach bauenden Heckbereich befindet sich – als krönender Abschluss sozusagen – ein monströser Doppeldiffusor – also jene Lösung, die in der Formel 1 wegen anhaltender Überlegenheit einst verboten haben. Noch Fragen?

Bestimmt die nach dem Preis. Antwort: 922.250 Euro. Die schlechte Nachricht, oder besser gesagt, die noch schlechtere: Obwohl der McLaren Senna erst in diesen Minuten auf einer exklusiven Weihnachtsfeier vor Kunden präsentiert wurde, sind alle 500 Exemplare verkauft. Längst. Und bevor Sie groß nachdenken: Gleiches gilt auch für den rund doppelt so teuren BP23.

Dennoch sei angemerkt, das Auto mit der Nummer 193 wurde noch am gleichen Abend zugunsten der Senna-Stiftung versteigert. Hier fiel der Hammer bei einer Endsumme von zwei Millionen Pfund (umgerechnet 2,3 Millonen Euro) plus Steuern.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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