Rennwagenschmiede in Mexiko

Jeder Panamericana-Renner ist ein Unikat, liebevoll von Hand
aufgebaut.
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Jeder Panamericana-Renner ist ein Unikat, liebevoll von Hand aufgebaut.

12.04.2017 - 13:05 Uhr von Dani Heyne

Ein Schwede liest zufällig von der Carrera Panamericana – und weiß nach dem ersten Start, dass er nicht mehr ohne die Rallye kann. Heute baut er die besten Rennwagen dafür.

Diese Geschichte beginnt an einem grauen Tag in Schweden. Winter und Sommer wissen noch immer nicht, wer jetzt an der Reihe ist – und der Frühling hat verschlafen. Daher fällt nur ganz wenig Licht auf den Tisch, an dem Mats sitzt. Aus seiner Tasse duftet frischer Kaffee, daneben fällt das warme Licht einer Lampe auf die frische Ausgabe von auto motor und sport. Die schwedischen Kollegen servieren in der Ausgabe ein großes Porträt einer fernen, abenteuerlichen Rallye: der Carrera Panamericana.

Mats Hammarlund baut in seiner Freizeit Rennwagen auf, hat aber noch nie etwas von dem harten Straßenrennen gehört. Daher verschlingt er genüsslich Zeile für Zeile, lehnt sich anschließend zurück, nippt von dem Kaffee und stellt sich vor, wie das wohl wäre: er an der Startlinie dieser verrückten Rallye in diesem wunderbar hellen und warmen Mexiko. Das Straßenrennen, so hat er es gerade gelesen, wurde nach über 30 Jahren Pause gerade erst wieder zum Leben erweckt. Fasziniert blättert er zurück, fährt über die Bilder und fasst einen Entschluss.

Auf nach Mexiko!

Zeitsprung nach vorn. Langsam geht es über die Buckelpisten von San Miguel de Andale, drei Autostunden nordwestlich von Mexiko-Stadt gelegen. Es ist eine alte Stadt mit steilen Hügeln, bunten Häusern, kleinen Eckkneipen und engen Sträßchen – schaut aus wie im mexikanischen Bilderbuch, weshalb hier immer mehr Amerikaner den Herbst ihres Lebens verbringen.

Die Sonne steht hoch oben, als wir San Miguel Richtung Norden verlassen. Kakteen huschen an den Seitenfenstern vorbei, vor dem Kühler breitet sich eine lange Gerade aus. Drei Kurven folgen, dann verkündet das Navi stolz, wir seien am Ziel. Zu sehen sind aber nur dunkelgraue Mauern, die ein Viereck bilden und mit Stacheldraht verziert wurden. Da das große fette Eisentor zur Straße weder Griff noch Schlüsselloch besitzt, versuchen wir unser Glück am Nebeneingang, der sich ähnlich geheimnisvoll gibt, aber mit einer Sprechanlage ausgerüstet ist.

Zweimal klingeln, dann begrüßt uns eine freundliche Stimme und betätigt den Türöffner. 44 Stufen und drei große Wachhunde später reicht uns Eva Hellstrmit großer Wahrscheinlichkeit muss das Hellström heißenöm freundlich die Hand. Sie führt uns in das lichtdurchflutete Büro von Mats, der sich um ein paar Minuten verspätet.

Da wären wir also, im wahr gewordenen Traum von Mats Hammarlund. Der vor über 20 Jahren in Schweden bei einem Kaffee über die Carrera Panamericana gelesen hatte. Und uns heute in Mexiko empfängt.

"Was seitdem passiert ist?", fragt er, schüttelt uns kräftig die Hände und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Dann setzt er sich hinter den großen Schreibtisch, lässt den Blick über die Pokale wandern und sucht nach jenem Punkt in seiner Geschichte, der einen guten Start abgibt. Er erinnert sich an seine erste Panamericana. Wie chaotisch das damals war, vor allem die Anreise und der Bürokram. Das sei bis heute die größte Hürde für ausländische Teams: ihre Autos pünktlich an den Start zu bekommen. Die Behörden hier ließen sich einfach nicht kalkulieren.

Mats hat es damals nur mit viel Glück an den Start geschafft – und mithilfe seines Beifahrers, des mexikanischen Chefs von Nokia, sogar Sponsoren gefunden. Das Rennen hat ihn anschließend so wunderbar berauscht wie ein perfekter Cocktail – der ja auch nicht nur die Summe guter Zutaten ist. Im Fall der Panamericana sind das: die Strecke, die Menschen, die Farben, die Freude der Zuschauer, ihre Gastfreundlichkeit. Und natürlich die Gegner, mit denen man nach einer Etappe einen trinken geht – um sich am nächsten Tag wieder zu jagen.

Der erste Rennwagen

Eva und Mats haben sich durch die Panamericana in das Land verliebt. Sie blieben damals ein Jahr in Mexiko-Stadt, lernten die Sprache, genossen das Leben. Ohne Masterplan. Auf einer Party trafen sie den Besitzer eines klassischen Panamericana-Rennwagens aus den 1950er-Jahren, der sie fragte, ob sie nicht eine Kopie seines Wagens anfertigen könnten. Damit ihm sein Sohn das Original nicht zerstören kann.

"Vermutlich war das der Anfang von allem, was wir heute hier sehen", sagt Mats mit ruhiger Stimme. Damit meint er vor allem vier Pokale, die seine Autos bei der Carrera Panamericana eingefahren haben. Denn inzwischen betreibt er eine Rennwagenschmiede für Panamericana- Flitzer – und zwar nicht irgendeine, sondern die beste. Seine Spezialität? Alte Studebaker. Die sehen aus heutiger Sicht nicht danach aus, dass sie sich sportlich bewegen könnten.

Nach einer kompletten Kur durch Mats und seine Männer können sie das aber. Dabei bleibt vom originalen Fahrzeug eigentlich nur die Hülle übrig, der Rest ist Rennwagentechnik. So verhält es sich auch bei all den anderen Schönheiten, die Mats für irgendwelche Rallyes umbaut.

Der Service kann dabei vom aufgebauten Auto bis zur Rundumbetreuung reichen – dafür kümmern sich Eva und Mats dann um die komplette Organisation der Rallye. Ein nervenaufreibendes Unterfangen, wenn man die Mentalität der Mexikaner unterschätzt. Termine? Kann man hier einhalten, muss man aber nicht.

Es spricht für die beiden Schweden, dass sie trotz dieser Voraussetzungen einen exzellenten Ruf in der Szene besitzen. Übrigens auch bei den Mechanikern, die sie selbst ausbilden. Als Perfektionist hat Mats sogar die Werkstatt nach eigener Vorstellung entworfen und gebaut.

Ob die beiden ihr Heimatland vermissen? "Nein", antwortet Mats. Eva umschreibt es differenzierter: "Schweden ist toll im Sommer, für einen Urlaub. Dauerhaft sind wir aber in Mexiko glücklicher. Uns gefällt der Spirit: Alles ist hier möglich, du musst es nur wollen."

Die Panamericana

Die Carrera Panamericana zählt zu den härtesten Straßenrennen der Welt. 1950 ins Leben gerufen, führte sie auf der Schnellstraße Panamericana von der Nord- zur Südgrenze Mexikos (3.436 km). Aufgrund sehr vieler tödlicher Unfälle wurde das Rennen aber 1954 verboten – und 1988 in verkürzter Form und mit klareren Regeln wieder gestartet. Seitdem ist der Run auf die Rallye ungebrochen.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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