Skoda Fabia R5 im Tracktest

Normalerweise fährt der Skoda Fabia R5 in der
WRC2-Weltmeisterschaft ganz vorn, doch an diesem Samstagnachmittag
gehört der 280-PS-Staubwedel uns ganz allein.
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Normalerweise fährt der Skoda Fabia R5 in der WRC2-Weltmeisterschaft ganz vorn, doch an diesem Samstagnachmittag gehört der 280-PS-Staubwedel uns ganz allein.

© Markus Heimbach
30.10.2017 - 11:37 Uhr von Jörn Thomas

Normalerweise fährt der Skoda Fabia R5 in der WRC2-Weltmeisterschaft ganz vorn, doch an diesem Samstagnachmittag gehört der 280-PS-Staubwedel uns ganz allein – unter freundlicher Mithilfe von Pontus Tidemand, dem WM-Leader.

Schon mal mit einem 1,6-Liter durch Staub und Schotter gewirbelt? Klar – vor zig Jahren in der Kiesgrube. Der arme Golf-Motor rackerte wie blöd, während wir uns wie die Könige über mächtige Staubfahnen freuten. 75 asthmatische PS genügten für eine zünftige Schmuddel-Gaudi und trockenen Keuchhusten aller Beteiligten. Keine Ahnung, warum mir das gerade jetzt einfällt, an diesem glühend heißen Junitag etwas abseits der Rennstrecke Vallelunga nahe Rom.

„Abseits“ heißt: kurviges Geläuf mit pulverigem Staub statt Asphaltpiste. Kieskuhle 2.0. also – an Bord eines Skoda Fabia R5, dem Sportlichsten aller Skoda. Schließlich ist der Kleinwagen nicht nur ein kompetenter Kumpel, der Pflegedienste ebenso patent motorisiert wie Kleinfamilien, sondern als R5 ein Weltmeisterauto: WRC2-Champion von 2016 und in diesem Jahr erneut mit Vollgas auf Titelkurs. Abgesehen davon konnte Skoda Motorsport rund 150 Exemplare des nach dem WRC2-Reglement homologierten Wagens an private Teams verkaufen.

Klasse Typ, der Herr Tidemand

Unser Auto röhrt derweil unterm Easy-up-Zelt warm. Kein privates, sondern der Werkswagen von Pontus Tidemand. Der ebenso freundliche wie entspannte Schwede dominiert in diesem Jahr seine Klasse, gewann von den ersten vier Rennen gleich mal vier, äh, alle – unter freundlicher Mithilfe seines 280 PS starken Arbeitsgeräts. Und wie fährt sich der grün-weiß-schwarze Apparat? Das werden wir gleich rausfinden. Die griffigen Schotterpneus sind bereits drauf, das Set-up ist erledigt, schließlich bietet so ein Rallyeauto diverse Möglichkeiten, sich entweder bodennah und bockstraff auf den Asphalt zu nageln oder mit längeren Federwegen und stolligen Reifen durch die Pampa zu schottern. Besser: zu stauben, wie wir gleich erfahren.

Skoda Fabia R5 mit reinrassiger Rennkupplung

Reinkrabbeln, den Rohrkäfig übersteigen und in den Schalensitz einklinken. Herrlich, warum können nicht alle Autos so funktional sein? Und so piekfein verarbeitet: Der Fabia R5 verbindet professionellen Kleinseriencharakter mit Werksraffinesse. Sauber verschweißte Rohre, Verkleidungen aus Kohlefaser, Armaturenbrett-Dummy mit schwarzem Nadelfilzbezug gegen Reflexionen. Und natürlich ein rundes Lenkrad, tritt-sichere Pedale und die beiden magischen Stöcke in der Mitte: Schaltstock und Handbremshebel.

Die Kupplung braucht der 1,6-Liter nur zum Anfahren, danach wird nur noch am Hebel gezogen oder gedrückt. Vorher muss jedoch der Sintermetall-Teufel überwunden werden. Zaghaftes Gasgeben bestraft das schnappige Teil mit abruptem Motorstopp. Sollten Sie mal so ein Rallyetier anfahren: kein Mitleid zeigen. Vollgas, Kupplung los und ab. Der Wagen riecht Angst. Einmal in Schwung, ist dann alles gut, der Fabia fährt so, wie er aussieht. Zu Beginn stellt Pontus das sanfte Set-up ein, wir gewöhnen uns aneinander. Also der Fabia und ich. Bremspunkt finden, leicht anpendeln, im richtigen Moment wieder voll auf den Stempel und raus aus dem Eck.

Nicht immer passt die Choreografie auf Anhieb, doch da muss Beifahrer Pontus jetzt durch. Nach drei Runden läuft es ganz okay, der Schwede stellt den Fabia scharf, und der reagiert jetzt direkter und williger, ohne giftig zu werden. Zumindest bei pfleglicher Behandlung. Krass: der Federungskomfort. Hochwertige Dämpfer mit 350 Millimetern Federweg soften selbst üble Wellen und Rinnen komplett ab, nach einem Sprung steht der Skoda sofort wieder ruhig, wippt kein Stück nach, gibt die ganze Zeit beredt Rückmeldung. Werksmäßig halt.

Handbremse, Vollgas!

Sie sehen schon, die Sache wird flüssiger, die Staubfahnen intensiver. Pontus erklärt den richtigen Moment für den Zug an der Handbremse. Nicht zu spät ziehen, dafür hart ans Gas, dann katapultiert der 1.230 Kilogramm leichte Fabia aus Spitzkehren oder frisst mächtig quer stehend schnelle Biegungen. Überraschend kalkulierbar das Ganze. Problem: Du darfst gar nicht so quiekend lachen, wie du gerne willst. Etwa in diesem scharfen 180-Grad-Knick, wo der Staub bei der schwungvollen Wende bis übers Dach schwappt.

Oder weiter hinten, wo man im Dritten über eine Kante in eine Senke schanzt. Am Anfang milderst du die Sache mit Gaswegnehmen noch ab, doch irgendwann setzt der R5 unter Volllast zu einem mutigen Hüpfer an. Mutig für den Amateur, der Profi fliegt natürlich viel höher und weiter. Apropos Volllast: Pontus motiviert per Gegensprechanlage: „Erst schalten, wenn die Lampen neben der Ganganzeige leuchten.“ Okay, kapiert. Die LED markieren nicht den spätesten, sondern den richtigen Schaltzeitpunkt.

Der auf 1.614 Kubik reduzierte 1,8er-Serienvierzylinder (EA888) kommt auch mit sanfter Behandlung klar. Er dreht gern, kommt aber notfalls auch mit wenig Umdrehungen klar. Drehzahlmesser? Nicht im Blickfeld. Ganganzeige und Lampen reichen. Überhaupt wirkt der Wagen verhältnismäßig reduziert, verzichtet auf einstellbare Differenzialsperren und variable Kraftverteilungen. Darin und durch den kleineren Air Restrictor unterscheidet er sich von den schnelleren Brüdern der Topklasse WRC. Die tritt in diesem Jahr mit regelrechten Flügelmonstern an, während der Fabia verhältnismäßig reduziert rüberkommt. Immerhin erzeugt sein Heckflügel 90 Kilogramm Abtrieb bei 120 km/h. Um die zu erreichen, musst du die Pobacken in der kleinen Schotter-Arena aber schon ganz schön zusammenkneifen. So oder so: Spaß hat es gemacht. Mindestens so viel wie damals, im Einssechser-Golf.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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