Volkswagen und Ford

Herbert Diess (links) und Jim Hackett (rechts) im
Modularen-Elektro-Baukasten (MEB), den Ford ab 2023 für ein eigenes
Elektrofahrzeug einsetzen wird. 600.000 MEB-Module wird VW über
sechs Jahre an Ford liefern.
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Herbert Diess (links) und Jim Hackett (rechts) im Modularen-Elektro-Baukasten (MEB), den Ford ab 2023 für ein eigenes Elektrofahrzeug einsetzen wird. 600.000 MEB-Module wird VW über sechs Jahre an Ford liefern.

© Volkswagen

Die weitreichende Kooperation ist besiegelt: VW beteiligt sich an Fords Robotaxi-Startup Argo AI, Ford nutzt künftig Volkswagens Elektrobaukasten MEB, und bei Pickups und Lieferwagen arbeiten die Konzerne auch noch zusammen.

Nun ist es offiziell: Die Autokonzerne Volkswagen und Ford gehen eine weitreichende Kooperation miteinander ein. Die Zusammenarbeit, die kürzlich bereits mit Nutzfahrzeugen und Pickups begann, weitet sich nun auf Elektrofahrzeuge und das autonome Fahren aus. Im Zentrum des Deals, der von den Aufsichtsbehörden noch abgesegnet werden muss, stehen das Startup Argo AI, an dem Ford bislang die Mehrheit besitzt, und der Modulare E-Antriebs-Baukasten MEB. Direkte Kapitalbeteilungen an beiden Firmen beinhaltet die Kooperation dagegen nicht. Die Allianz wird von einem gemeinsamen Gremium geleitet, das von den Konzernchefs Jim Hackett (Ford) und Herbert Diess (VW) geleitet wird und sich zusätzlich aus Führungskräften beider Unternehmen zusammensetzt.

Argo AI ist nun 7,1 Milliarden Dollar wert

Argo AI ist ein Spezialist für künstliche Intelligenz und Robotik und entwickelt Technologien für das autonome Fahren. Im Zuge des Deals investiert VW insgesamt 2,6 Milliarden Dollar (aktuell etwa 2,3 Milliarden Euro) in Argo AI: Eine Milliarde als Barinvestition, den Rest in Form seiner konzerneigenen Firma Autonomous Intelligent Driving GmbH (AID) im Wert von 1,6 Milliarden Euro. AID mit Sitz in München hat bisher die Selbstfahr-Technologie im VW-Konzern entwickelt und wird nun die europäische Außenstelle von Argo AI. Deren Chef wird der bisherige AID-CEO Karlheinz Wurm. Insgesamt wird die Firma weltweit nun 700 Angestellte haben; 500 kommen von Argo AI, 200 von AID. „ Elektromobilität und das autonome Fahren markieren die größte Veränderung im Transportwesen seit Henry Ford“, betonte Ford-Chef Jim Hacket mit Blick auf die Rolle, die Argo AI künftig zukommt.

Von Ford wird VW über die nächsten drei Jahre zusätzlich Argo-AI-Anteile im Wert von 500 Millionen Dollar übernehmen. Gleichzeitig wird Ford 600 Millionen US-Dollar investieren, um damit sein 2017 angekündigtes Investment von einer Milliarde Dollar abzuschließen. Damit halten VW und Ford gleiche Anteile an der nun mit 7,1 Milliarden Dollar (gut 6,3 Milliarden Euro) bewerteten Firma Argo AI; zusammen halten die Autokonzerne „die beträchtliche Mehrheit“. Die restlichen Anteile halten die beiden Firmengründer und die Mitarbeiter.

Selbstfahr-Technik für die eigenen Modelle

Sowohl Ford als auch Volkswagen können die Selbstfahr-Technologie von Argo AI unabhängig voneinander in ihre eigenen, speziell entwickelten Fahrzeuge integrieren. Das bietet beiden Firmen die Möglichkeit, ihre unterschiedlichen Geschäftsmodelle unabhängig voneinander zu verfolgen. Argo AI entwickelt autonome Fahrzeuge auf Level 4; die Roboterautos werden also weiterhin Lenkräder haben. In erster Linie geht es dabei um Fahrzeuge, die im Ride Sharing oder bei Lieferdiensten eingesetzt werden. Alle Erfahrungen, die Argo AI bislang gesammelt hat, werden aber auch schon früher in die Serienentwicklung aktueller Fahrzeuge einfließen, die „nur“ für Level 3-Autonomie ausgerichtet sind.

Ford und Volkswagen bleiben auf dem Markt unabhängig werden weiter hart kämpfen“, sagt Hackett. Die wichtige Technologie schaffe Synergien und biete die Möglichkeit für „intelligente Fahrzeuge in einer intelligenten Welt“.

Ford-Elektroautos künftig auf MEB-Basis

Im Gegenzug kann Ford fortan den Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) samt weiterer E-Auto-Teile und -Komponenten des VW-Konzerns nutzen. Der US-Hersteller ist damit der erste Volumenhersteller außerhalb des Volkswagen-Imperiums, der E-Autos auf dieser Basis auf den Markt bringt. Vorher hatte sich bereits das Elektroauto-Startup E-Go des Aachener Professors Günther Schuh mit Volkswagen auf die Produktion eines Spaßautos geeinigt, das ebenfalls auf die MEB-Plattform setzt. Ford denkt an ein Volumenmodell, wahrscheinlich ein SUV, das von 2023 an in einem europäischen Ford-Werk produziert werden soll. Die Entwicklung wird in Köln stattfinden. Zudem bringt Ford ein „zweites brandneues Modell für europäische Kunden“ ins Gespräch. Ford will im Verlauf von sechs Jahren mehr als 600.000 Exemplare dieser Baureihen verkaufen. Zum Vergleich: VW will in der nächsten Dekade konzernweit 15 Millionen MEB-Autos bauen. Dafür werden 16 der weltweit 130 Werke (inkl. der China-Joint-Ventures) auf die Produktion von Elektroautos umgerüstet.

„Die Skalierung unseres MEB senkt die Entwicklungskosten für emissionsfreie Fahrzeuge und ermöglicht eine breitere und schnellere globale Einführung von Elektrofahrzeugen“, sagt VW-Vorstandschef Herbert Diess. „Mit Ford und künftig weiteren Partnern wird der MEB zum neuen Standard in unserer Industrie.“ Die Kooperation verbessere die Position beider Unternehmen durch mehr Kapitaleffizienz, weiteres Wachstum und verbesserte Wettbewerbsfähigkeit.

Nutzfahrzeug-Kooperation läuft bereits an

Beide Firmen sehen sich zudem in Bezug auf die Zusammenarbeit bei mittelgroßen Pickups und anderen Nutzfahrzeugen auf einem guten Weg. Zunächst soll ein von Ford entwickelter Pickup 2022 in Europa, Afrika, dem Mittleren Osten, dem asiatisch-pazifischen Raum und Südamerika auf den Markt kommen und bei Volkswagen den Amarok ablösen. Im Gegenzug entwickelt und fertigt VW einen Stadtlieferwagen für europäische und ausgewählte globale Märkte für die Auto-Allianz. Bei Volkswagen wird dieses Fahrzeug den aktuellen Caddy ablösen, bei Ford den Tourneo Connect. In all diesen Segmenten gehen sowohl Ford als auch Volkswagen von starkem Wachstum in den nächsten Jahren aus. Darüber hinaus wird Ford größere Nutzfahrzeuge für europäische Kunden entwickeln und bauen.

Möglicherweise werden beide Konzerne ihre Zusammenarbeit in Zukunft sogar noch vertiefen. „Beide Unternehmen wollen auch weiterhin zusätzliche Bereiche identifizieren, in denen sie bei Elektrofahrzeugen zusammenarbeiten können“, heißt es in einer offiziellen Mitteilung. Zusätzlich sehen beide Automobilhersteller ein erhebliches Potenzial durch die Erschließung neuer Geschäftsfelder, die an autonome Technologien gebunden sind.

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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