Winter-Camping extrem im VW T6 California

VW T6 California Bulli Camping Lofoten Norwegen
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VW T6 California Bulli Camping Lofoten Norwegen

© Achim Hartmann
14.03.2017 - 16:45 Uhr von Patrick Lang

Als absoluter Camping-Anfänger sind die Lofoten in Norwegen der härtest mögliche Einstand für das Outdoor-Erlebnis. Bewaffnet mit einem VW T6 California wagen wir den Selbstversuch nördlich des Polarkreises.

Es ist schon merkwürdig: Da bejubelst du eben noch den Frühlingsanfang in Süddeutschland und ein paar Stunden später findest du dich nördlich des Polarkreises wieder und sollst in einem Auto übernachten. Für jemanden, der mit Camping keinerlei Erfahrung hat, ist der VW T6 California erstmal nämlich genau das: ein Auto, wenn auch ein großes. Dass ausgerechnet ein Volkswagen, sonst eher automobilgewordener Schwiegermutterliebling, jetzt den arktischen Abenteurer raushängen lassen soll, fällt im ersten Moment schwer zu glauben.

Zunächst ein paar Worte zum Testwagen: Der VW California wagt sich in der Ausführung "Ocean Red" ins kalte Nordland. Befeuert vom Zweiliter-TSI, der seine 204 PS an ein Siebengang-DSG, Allradantrieb und Spike-Bereifung an Eis und Schnee weitergibt. Inklusive der Sonderausstattungen wie verstärkter Federung, Hinterachs-Differenzialsperre und dem Navi "Discover Media Plus" im Wert von insgesamt 12.095 Euro, kommt der Bulli auf einen Gesamtpreis von 85.904 Euro. Das zumindest hat er schonmal mit einem kleinen Einfamilienhaus gemeinsam - muss nur noch der Wohnkomfort passen.

Liegst du lieber oben oder unten?

Wer alleine reist, hat die Wahl zwischen einem Schlafplatz unter dem luftigen (hier: elektromechanischen) Aufstelldach im Obergeschoss, oder der breiten Liegefläche hinter den Vordersitzen. Die Frage, ob man lieber oben oder unten liegt, hat im California also erstmal überhaupt nichts Schlüpfriges an sich. Beides hat sein Für und Wider, doch dazu später. Der VW T6 erleichtert Camping-Neulingen die Orientierungsphase dankenswerterweise, denn das Cockpit und die Funktionalitäten vom Fahrersitz aus sind bekannt und bewährt. Die Positionierung der Bedienelemente ist ebenso VW-typisch wie das Fahren an sich. Der Bulli setzt die Befehle des Fahrers anstandslos um, das Smartphone ist innerhalb von Sekunden verbunden. Was schnell deutlich wird: Das DSG sollte unbedingt gebucht werden. Manuelle Schaltarbeit will irgendwie nicht so richtig zu dem gemütlichen California passen. Der Antritt zieht einem auch mit dem großen Benziner nicht gerade die Wurst vom Brot, aber wie gesagt: Der California ist schließlich ein gemütliches Auto.

Über die Hurtigruten, ehemals ein Post-Schiff, geht es vom norwegischen Festland über den Atlantik auf die Lofoten. Pluspunkt für den T6: Er kann einfach auf dem Parkplatz unter Deck abgestellt werden, denn er passt problemlos in den Seitenaufzug des Schiffes, mit dem je nach Wasserstand im Hafenbecken die Fahrzeuge verladen werden. Will sagen: Auch als Reisemobil bleiben die Abmessungen des VW Bus kompakt. Damit gelangt er im Prinzip überall dort hin, wo auch ein konventioneller Pkw hinkommt. Beispielsweise in die Parklücke vor dem Supermarkt. Zusammen mit mir gelangt der California allerdings erstmal an eine Bucht in Unstad, wo das erste Nachtlager wenige Meter vom Strand entfernt aufgeschlagen wird. Für das maximale Camping-Erlebnis geht es in dieser Nacht auf die obere Etage. Das Dach hochzufahren ist, wie ein Zelt per Knopfdruck aufzubauen: ziemlich cool eigentlich.

Nichts für betrunkene oder unsportliche Camper

Oben findet man sich dann auf einer dünnen, aber angenehmen Matratze wieder, Fliegengitter-Fenster geben bei Bedarf Ausblick in alle Richtungen. Es gibt aber Personengruppen, für die das Dachgeschoss als Schlafstätte auscheidet. Zum Beispiel Betrunkene oder gänzlich unsportliche Bulli-Passagiere. Nicht nur, weil das Kunststoff-Rollo an der Öffnung nach oben etwas störrisch ist, sondern weil das Bett erstmal über den Fahrersitz erklommen werden muss. Wenn möglich, ohne dabei den Navi-Touchscreen einzutreten. Dimmbare LEDs spenden im "Oberstübchen" Licht, um sich einzurichten. In diesem Fall heißt das: Zwei Schlafsäcke überziehen, lange Hose, Pullover und Mütze dazu - fertig. Die Standheizung pustet derweil warme Luft durch den Innenraum, allerdings vorrangig unten, weshalb sie ziemlich aufgedreht werden muss. Alleine kein Problem, wenn aber auf dem unteren Schlafplatz auch jemand nächtigen möchte, wähnt der sich wahrscheinlich in einer finnischen Sauna.

Ich erwache mit einer kalten Nase, doch der Ausblick entschädigt stante pede. Weil wir das Lager nach Einbruch der Dunkelheit erreicht hatten, kann ich die Umgebung erst am Morgen vollständig erfassen. Der Atlantik schwappt gemächlich an den von schneebedeckten Bergen gesäumten Strand. Die Landschaft ist fast schon unwirklich und offenbart einen weiteren Pluspunkt: Mit dem VW California kommt man der Natur so nahe, wie man es in keinem noch so schön gelegenen Hotel haben kann. Dass der California außerdem über einen Anschluss für eine Außendusche verfügt, ist gut. In der Arktis aber wenig verlockend. Dass unweit ein Strandhaus der örtlichen Surf-Schule mit Badezimmer und Frühstück steht, ist noch besser. So muss die Körperhygiene nicht dem Frost zum Opfer fallen.

Steter Wechsel zwischen Bewegung und Behausung

Gewaschen und gestärkt geht's hinter das Steuer. Auf den Touren zwischen Henningsvaer und Reine gibt der ganze Tag Gelegenheit, den California eingängig bei Tageslicht unter die Lupe zu nehmen. Dabei zeigt sich, dass ich außer dem elektrischen Aufstelldach, dem Navi und (natürlich) der Standheizung eigentlich überhaupt keine Komfort-Extras brauche. In Gegenteil: Mit einer reduzierten Ausstattungs- und Materialauswahl könnte man den lässigen Grundcharakter des Reisemobils besser unterstreichen. Leder-Gestühl, Hochglanzlack und Holzdekor sind fehl am Platz in so einem Naturburschen. Charmant ist der Bulli ohnehin. Woran man das festmachen kann? Nunja, nicht überall auf der Welt ist man sofort ein gern gesehener Gast. Es sei denn, du steigst aus einem California, dann scheint jeder ein Lächeln auf den Lippen zu haben.

Am Abend wird der T6 wieder vom Wagen zur Wohnung, diesmal auf einem leicht erhöhten Campingplatz in Moskenes, der abermals einen Blick auf den faszinierenden Tanz der Polarlichter bietet. Da kann man echt zum Hippie werden. Würde ich das Aussteiger-Leben in Betracht ziehen, mit einem California wäre ich sicher nicht schlecht beraten. Ein Tisch in der Schiebetür und Stühle in der Heckklappe formen dein Wohnzimmer wo immer es dir grade beliebt. Natürlich sollte man dabei aber nicht vergessen, dass die Standheizung unter Volllast im Dauerbetrieb auch ihren halben Liter Sprit in der Stunde fordert. Wer also wirklich naturverbunden sein will, der friert aus Überzeugung.

Die zweite Nacht im Untergeschoss

Wer in der ersten Nacht bereits bewiesen hat, was für ein harter Kerl er ist, darf in der zweiten Nacht dann wohlverdient im unteren Bett schlummern. Die Situation ist eine gänzlich andere: Die Standheizung läuft nur noch auf Stufe zwei von zehn (und verbraucht damit nur noch rund 0,3 Liter pro Stunde), eine Decke reicht ebenso aus wie Shirt und Shorts. Quasi zwei Klimazonen in nur einem Auto. Weil mich kein Mumienschlafsack einschnürt wie einen verstorbenen Pharao und die untere Matratze ein bisschen dicker ist, erweist sich diese Lösung als deutlich komfortabler. Die Fenster lassen sich mit Rollos schließen und so hat man sogar ein Gefühl von Privatsphäre. Ruckzuck wird der Fond mit Küche zum Schlafzimmer umfunktioniert - nachdem ein geübter Outdoor-Pionier mir den Tipp gegeben hat, den Veloursteppich zuvor umzuschlagen, weil er sonst eingeklemmt wird. Einfach die hintere Sitzreihe vorziehen, umlegen und die Matte drüberfalten. Gute Nacht!

Fazit

Der nächste Morgen begrüßt mich wieder mit dem Blick auf's offene Meer. Großartig! Aber ich bin auch wieder froh über ein nahestehendes Haus mit sanitären Anlagen. So ein knallharter Cowboy, dem die Wanne einmal im Jahr reicht, bin ich nämlich irgendwie nicht. Dass mich der Ausflug mit dem VW T6 California jetzt zu einem Camping-Fan gemacht hat, kann ich nicht abschließend behaupten. Obwohl ich mich während des Rückwegs auf der Fähre immer wieder bei Gedanken an wild-romantische Abenteuer-Roadtrips ertappe, während ich in mein restaurantfrisches Frühstücks-Omelette beiße.

Vielleicht braucht mein Wohnmobil eine Indoor-Dusche? Aber dann wäre es mit dem Hippie-Feeling im 2017er-Bulli genauso vorbei wie mit dem Parken in der Tiefgarage oder in Normal-Lücken der Großstadt.

Die entsprechenden Camper mit mehr Komfort, die mehr auf "Wohn-" als auf "mobil" betonen, finden Sie bei den Kollegen von promobil.de

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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