WM-Stars in Monza auf Crashkurs: Startplatzstrafe für Verstappen

Verstappen hüpfte wie ein Geräteturner aus seinem Cockpit.
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Verstappen hüpfte wie ein Geräteturner aus seinem Cockpit.

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Der Friede hielt nur vier Rennen. In Monza hat es zum zweiten Mal zwischen den WM-Kandidaten gekracht. Diesmal gaben die Sportkommissare Max Verstappen die Schuld. Weil der Holländer im Rad-an-Rad-Kampf gegen Hamilton partout nicht nachgeben will.

Die WM-Story 2021 ist um ein Drama reicher. Es hat schon wieder gekracht zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen. Im Rennen von Monza – und danach. Von der Konstellation waren die Unfälle in Silverstone und Monza grundverschieden. Der in England passierte mit 290, der in Italien mit 50 km/h. In beiden Fällen trug ein Fahrer Blessuren davon.

Verstappen wurde bei dem Aufprall in Copse Corner bei einer Verzögerung von 51 g kräftig durchgeschüttelt. Trotz der niedrigen Geschwindigkeit hätte auch die Kollision in Monza böse ausgehen können. Ein Rad landete auf Hamiltons Kopf, nachdem der Red Bull im Zeitlupentempo auf den Mercedes geklettert war. "Der Halo hat mir das Leben gerettet", bedankte sich Weltmeister.

In Monza wie in Silverstone wurde hitzig die Schuldfrage diskutiert und an die Sportkommissare weitergereicht. Hamilton musste in bei seinem Heimrennen zehn Sekunden Strafzeit an der Box abdienen und gewann trotzdem noch, was Red Bull damals nicht als adäquate Strafe empfand.

Verstappen wird in Sotschi um drei Startplätze zurückgestuft. Das trifft ihn härter. Der Gestrafte fand das Urteil jeweils ungerecht. In der ersten Wut hatte Verstappen am Funk geklagt: "Er hat mir keinen Platz gelassen." Hamilton konterte: "Es gab in der ersten Runde in Kurve 4 eine ähnliche Situation. Ich habe nachgegeben, Max wollte das nicht."

Zwei schlechte Boxenstopps führen zum Crash

Eigentlich hätten die beiden WM-Kandidaten an diesem Ort und in dieser Runde nie zusammenkommen dürfen. Vier Runden zuvor lagen sie noch 4,4 Sekunden auseinander mit dem McLaren von Lando Norris dazwischen. Doch dann dachte sich die Regie zwei schlechte Boxenstopps von Red Bull und Mercedes aus.

Verstappen stand 11,1 Sekunden, weil der Mechaniker rechts vorne vergessen hatte, den Bestätigungsknopf am Schlagschrauber zu drücken. Das ist seit dem GP Belgien Pflicht. Ohne Knopfdruck keine Freigabe. Bei Hamilton klemmte es links hinten. Er stand 4,2 Sekunden still.

Als der Mercedes-Pilot aus der Boxengasse beschleunigte, flog Verstappen von hinten mit Tempo 330 an. Beide lenkten fast gleichzeitig in die erste Schikane ein. Hamilton innen, Verstappen außen. Also vertauschte Rollen zu dem Vorfall aus der ersten Runde. Diesmal ging Verstappen die Straße aus. Doch statt nach links in den Notausgang abzubiegen hielt er wie immer dagegen, im festen Glauben, dass der Rivale schon irgendwann den Fuß vom Gas nehmen wird.

Der Red Bull-Pilot nahm dabei in Kauf, dass er über einen Randstein ausweichen musste, der das Auto in die Luft warf. Es landete dabei auf dem Reifen des Mercedes und von dort auf dem Überrollbügel.

Der neutrale Beobachter Fernando Alonso erklärte: "Der Kontakt Rad gegen Rad war das Problem. So konnte der Red Bull auf das andere Auto klettern. Es gab mehrere ähnliche Zwischenfälle in dieser Kurve, zum Beispiel Stroll gegen Perez. Das ist nie etwas passiert, weil der eine den anderen mit dem Reifen oder dem Flügel am Auto getroffen hat."

Hamilton klagt über Nackenschmerzen

Die zwei Unfallfahrzeuge rutschten ineinander verkeilt in den Sandkasten auf der Außenseite. Während Verstappen sofort nach dem Stillstand aus seinem Auto sprang und wortlos den Rückmarsch Richtung Boxen antrat, versuchte Hamilton in einem ersten Reflex noch aus der Falle zu kommen. "Bis ich merkte, dass nichts mehr ging. Dann spürte ich einen leichten Schmerz im Nacken, der in den nächsten Tagen bestimmt schlimmer werden wird."

Hamilton zeigte sich überrascht, dass sich sein Unfallgegner nicht einmal nach seinem Wohlbefinden erkundigte. Das kann man auch als eine Art eine Retourkutsche für Verstappens Vorwürfe in Silverstone werten. Der hatte sich dort beklagt, dass Hamilton seinen Sieg feierte, während er zu einer Untersuchung im Krankenhaus lag. Zwei Anekdoten, die zeigen, wie verbissen das Duell geführt wird. "Freunde werden die beiden nicht mehr", stellte Red Bull-Sportdirektor Helmut Marko sachlich fest.

Viele fühlen sich in der Intensität des Zweikampfes an die Rivalität zwischen Ayrton Senna und Alain Prost erinnert. "Der Unterschied ist, dass die sich zwei Mal mit Absicht ins Auto gefahren sind", urteilt Marko. Verstappen selbst sprach von einem "Rennunfall" zu dem immer zwei gehören. Hamilton konterte: "Es gibt einen Punkt, an dem einer von beiden einsehen muss, dass es nicht mehr reicht. Ich habe das in Imola, Barcelona und hier in der ersten Runde getan."

Mercedes-Teamchef Toto Wolff gebrauchte die Vokabel "taktisches Foul." Weil Verstappen in Bezug auf den WM-Stand mehr profitierte als Hamilton. Mit seinen zwei Punkten vom Sprint vergrößerte er seinen Vorsprung auf den WM-Rivalen auf einer Strecke, auf der Mercedes das schnellere Auto war und die WM-Führung eigentlich wieder zurückerobern hätte sollen. "Wäre Lewis an Max vorbeigewesen, hätten sie uns nicht mehr gekriegt", bestätigten die Mercedes-Ingenieure.

Hauptschuld bei Verstappen

Zweieinhalb Stunden nach Rennende fällten die Sportkommissare ihr Urteil. Sie kamen zu dem Schluss, dass Verstappen der Hauptteil der Schuld traf. Ihre Begründung: "Am 50 Meter-Schild vor Kurve 1 lag die Nummer 44 klar vor der Nummer 33. Der Abstand verkürzte sich zwar beim Einlenken, doch Nummer 33 lag zu jeder Zeit hinter dem Vorderrad von Auto Nummer 44."

Während Verstappen sich bei den Sportkommissaren darüber beklagte, dass Hamilton die Lenkung aufmachte und ihn gegen den Randstein drückte, verteidigte sich Hamilton damit, dass Verstappen entweder früher hätte nachgeben oder nach links lenken sollen.

"Die Filmaufnahmen haben gezeigt, dass Auto Nummer 44 auf einer Linie fuhr, die den Unfall vermeiden konnte, auch wenn Auto Nummer 33 dadurch auf den Kerb gedrückt wurde. Da Auto Nummer 33 zu weit zurücklag hatte er nicht das Recht darauf, dass ihm der Fahrer im Auto Nummer 44 noch mehr Platz einräumte", stellten die FIA-Schiedsrichter fest.

Hamilton zeigte sich mit dem Urteil zufrieden und hofft nun, dass es ein Zeichen setzt. "Wenn nicht, wird es so weitergehen. Ich bin in meiner Karriere nicht bekannt für solche Zwischenfälle." Toto Wolff rät: "Lewis und Max müssen irgendwie einen Weg finden, wie sie auf der Rennstrecke miteinander umgehen. Es wäre schlecht, wenn die nächsten acht Rennen mit acht Unfällen enden würden."

Verstappen spielte weiter den starken Mann: "Ich bin hier, um hart aber fair um meine Position zu kämpfen. Deshalb bin ich mit dem Urteil nicht ganz einverstanden. Es ist unglücklich, was passiert ist, aber als Profis werden wir das abstreifen und weitermachen."

Ausgerechnet Alonso bot sich als Schlichter. "Es geht um den Titel. Da tut jeder das, was für ihn richtig ist. Lewis wollte, dass Max die Kurve abkürzt, und Max wollte genau das vermeiden. Unglückliche Umstände haben zu diesem Ausgang geführt. Alle anderen Zwischenfälle an dieser Stelle sind gut ausgegangen."

In der Galerie zeigen wir Ihnen den Crash noch einmal aus allen Perspektiven.

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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