BMW X5, Land-Rover Discovery und Volvo XC90

Auf dem Foto sind die Oberklasse-SUV in einem Steinbruch
unterwegs, im realen Leben meist in der Stadt. Brandneu und ein
echter Offroader ist der Land Rover Discovery. Er trifft auf den
BMW X5 und den Volvo XC90.
Bild 1 von 37

Auf dem Foto sind die Oberklasse-SUV in einem Steinbruch unterwegs, im realen Leben meist in der Stadt. Brandneu und ein echter Offroader ist der Land Rover Discovery. Er trifft auf den BMW X5 und den Volvo XC90.

© Arturo Rivas
20.08.2017 - 00:00 Uhr von Marcus Peters

Wenn oder besser falls sich diese 4x4-Giganten ins Gelände trauen, dann staubt’s mächtig. Denn ihre Dieseltriebwerke entfachen bis zu 560 Nm Drehmoment. Auf dem Foto sind die Oberklasse-SUV in einem Steinbruch unterwegs, im realen Leben meist in der Stadt. Brandneu und ein echter Offroader ist der Land Rover Discovery. Er trifft auf den BMW X5 und den Volvo XC90.

Man muss nicht gerade in der Großstadt wohnen, um das Territorium von SUV-Giganten zu erraten. Pferdekoppel? Ja, schon. Bootsanlegestelle? Auch. Kindergarten? Ganz besonders. Weshalb wir nur anstandshalber feststellen, dass einzig der Land Rover Discovery hier im Vergleich eine Befähigung fürs Gelände hat – seine Konkurrenten BMW X5 und Volvo XC90 aber trotz Allradantrieb kaum über eine Wiese hinauskommen.

Als Geländewagen ist der neue Discovery im Alltag praktisch ständig unterfordert. Eigentlich scheut er weder Schmutz noch Nässe, wurde auch gegen Wassereinbrüche von unten gut abgedichtet, ließe sich zum Expeditionsfahrzeug aufrüsten. Theoretisch. In der Praxis darf er meist nur seine Hülle präsentieren – ohne dass sein Charakter gefragt wäre.

Von hoch blickt man nach weit. Es hat etwas Erhabenes, sich auf den breiten Fahrersitz des Land Rover zu schwingen, nachdem man die Kinder – wie bei BMW und Volvo können optional bis zu sechs mitfahren – platziert hat. Man kann auch ausschließlich sein Gucci-Täschchen auf den Beifahrersitz legen und mit der verschwenderischen Raumreserve von bis zu 2.500 Litern auf Shoppingtour gehen (BMW: 1.870, Volvo: 1.886 Liter). Mit diesem Ladevolumen ließen sich übrigens auch Speditionsdienste anbieten. Ein Scherz, natürlich. Doch gefühlt balgt man sich in der Stadt tatsächlich mit den Lieferwagen um die Parkplätze.

X5 mit Neigung zu, und XC90 in Kurven

Dass der Volvo nur 20 Millimeter kürzer ist, fällt erst im direkten Vergleich auf. Er wirkt zierlicher, wobei dieses Wort nicht so recht über die Tastatur will. Tatsächlich baut er flacher und wenigstens etwas schmaler. Der XC90 wirkt eher wie ein überbordender Luxus-Kombi, was der riesigen Karosserie eine gewisse Sinnhaftigkeit verleiht. Denn tatsächlich hält er mehr Laderaum bereit als ein etwa gleich langer V90 (heißer Tipp für alle, die nach einer Legitimation fürs Aufstocken suchen). Und der X5? Der ist kürzer und niedriger als der Volvo, bietet vorne mehr Innenbreite bei kleinerem Standard-Gepäckraum (650 statt 721 Liter) und nahezu gleichem Leergewicht – aber höherer Zuladung. 66 Kilogramm sind es, oder ein schlanker Mitfahrer. Da kommt man etwas ins Grübeln, denn so fühlt es sich nicht an. Indiskutabel riesige Wendekreise haben sie alle drei, fließen bräsig durch die Stadt. Doch über Land, da vermittelt der BMW als Einziger Agilität.

„Leichtfüßigkeit“ wäre natürlich ein Euphemismus, aber immerhin unterstellt man dem X5 eine Neigung zu Kurven. Der Volvo zeigt dagegen eher eine Neigung in Kurven, obwohl er bei den Ausweichübungen auf dem Testgelände fast das gleiche Tempo schafft, dabei aber stärker untersteuert. Der BMW dreht stattdessen mit dem Heck ein und verkleinert damit den Radius. Zudem ist das Chassis stärker angebunden, was die Rückmeldungs-Sensorik erfreut. Sein Aufbau wankt weniger. Dies ist durch eine straffe Abstimmung des Fahrwerks erkauft. Zwar bietet der BMW auf ruppigen Landstraßen im Konkurrenzumfeld die meisten Reserven, doch rühmlich ist das nicht; ein ähnlich großer 5er Touring aus gleichem Hause nimmt Unebenheiten um Klassen besser in sich auf.

Land Rover Discovery und die No-Sports-Attitüde

In Sachen Federung darf man an die großen SUV keine allzu hohen Erwartungen stellen – hier enttäuschen sie die Luxus-Vermutung. Es reicht für ordentlichen Langstreckenkomfort, mehr nicht. Schon Querfugen auf Beton-Autobahnen klopfen sich permanent ins Bewusstsein. Immerhin hat sich der luftgefederte Discovery zu seinem Vorgänger deutlich verbessert, auch wenn er mit seinen 21-Zöllern über Kanten und Absätze rumpelt. Nach wie vor beherrscht der Landy das gelassene Dahinschnüren und hebt sich mit seiner No-Sports-Attitüde wohltuend von vielen agilitätsheischenden Konkurrenten ab.

Zumindest bis zur Autobahn-Richtgeschwindigkeit stellt sich eine entspannende Gelassenheit beim Fahrer ein; darüber drängen sich Windgeräusche ins Ohr. Wenn die beiden Lader dem zwei Liter großen Selbstzünder Beine machen müssen, so wirkt das bemüht. Dann sucht das Getriebe nach immer neuen Gängen und verschaltet die Ruhe. Schon in der Stadt wandelt sich der Land Rover angestrengt in Bewegung, bevor die beiden Turbolader zupacken und der 2,3-Tonner Fahrt aufnimmt. Besser, man lässt es bedächtig angehen, dann klingt der Vierzylinder-Diesel entspannter.

Wenn man ihn ausdreht, nagelt sich der ansonsten wirkungsvoll gedämmte Vierzylinder-Diesel des Volvo noch vorlauter durch die Gehörgänge. Obwohl er den XC90 kaum schneller voranwuchtet, fühlt man sich üppiger motorisiert als im Discovery. Beide Triebwerke verbrauchen im Testdurchschnitt auf 100 Kilometer fast gleich viel (8,9 l/100 km der Volvo, neun Liter der Land Rover) – und damit rund einen halben Liter weniger als der BMW. Der setzt seine Mehrleistung in stürmischen Vortrieb um. Kick-down lässt den Reihensechser voluminös aufbranden, schiebt den schweren Brocken auf bis zu 230 km/h.

Geheimer Tresor

Mit seinem Sechszylinder stellt der X5 als Einziger im Test dem ausschweifenden Auftritt einen adäquaten Antrieb zur Seite. Auch innen bietet er dem gut betuchten Käufer ein stimmiges Umfeld aus Leder, Furnier und hochwertigen Kunststoffen. Das gilt genauso für den offenporig getäfelten XC90; man sollte bei ihm lediglich nicht in die unterste Etage des Laderaums blicken – dorthin, wo die Ausgleichsbehälter der Luftfederung auf sehr einfache Werkstoffe treffen. Im Land Rover verweisen ein allzu nachgiebiges Laderaumrollo, offen liegende Scharnier-Verschraubungen und reichlich Hartplastik auf die rustikale Herkunft. Doch auch hier gibt es Holz – oder anders ausgedrückt: Zierleisten aus dem Wald, um den Bogen zum nutzwertigen Ambiente zu spannen.

Und zu den praktischen Aspekten, die sich im Discovery ganz selbstverständlich finden: Neben der getrennt verschiebbaren Rückbank wären das die zahlreichen, teils gekühlten Abteile, zwei Handschuhfächer sowie eine Art geheimer Tresor in der Mittelkonsole. Einen eher eigenwilligen Sinn fürs Praktische zeigt Land Rover mit einem Ausleger. Er surrt elektrisch heraus, sobald die große Heckklappe funkfernbedient aufschwingt, und verlängert den Ladeboden. Das hilft beim Beladen, kann als Sitzgelegenheit genutzt werden, ist andererseits auch häufig einfach im Weg. Die rein mechanische, zweigeteilte Heckklappe im BMW erscheint als sinnvollere Alternative – per Hand klappt man sie viel schneller auf und zu. Abgesehen davon gibt es am X5 wenig Funktionelles zu bestaunen; die Rücksitzlehnen hinterlassen beim Umklappen sogar einen ansteigenden Ladeboden.

Das macht Volvo besser. Der XC90 kommt mit drei längsverschiebbaren Einzelsitzen im Fond, deren Lehnen sich in der Neigung verstellen lassen. Häufig schließen sich flacher Ladeboden und hoher Sitzkomfort aus, weil die Polsterung Platz beansprucht: Doch die Ingenieure haben den Zielkonflikt austariert. Weder finden die Oberschenkel zu wenig Auflage wie im BMW (und Land Rover), noch muss man sich mit unnachgiebiger Polsterung bescheiden (wie im Discovery).

Volvo XC90 lebt die Markenwerte

Dass der BMW dennoch im Komfort-Kapitel vorbeizieht, liegt an seiner umfangreicheren Telefonausstattung: Im X5 lassen sich zwei Smartphones parallel koppeln, induktiv laden, stellen die Verbindung über eine Außenantenne via Magnetfeld her. So etwas kommt heute bei Kunden offensichtlich besser an als ein fein federndes Fahrwerk – weshalb es für Autohersteller opportun erscheint, vor allem in diese Sparte zu investieren.

Mittlerweile ins Hintertreffen gerät der Münchner SUV allerdings bei der Sicherheitsausstattung. Erstaunlicher: Auch der Discovery schöpft hier nicht aus dem Vollen, obwohl er gerade erst völlig neu auf den Markt kam. Der XC90 setzt den virtuellen Blinker links und zieht mit einem deutlich größeren Angebot (teilweise sogar serienmäßig) an seinen Konkurrenten vorbei. Zusätzlich bremst er den BMW aus. Ohnehin fällt der X5 im Vergleichstest mit der schwächsten Verzögerungsleistung auf. Land Rover dagegen hat hier aus schlechten Ergebnissen in der Vergangenheit gelernt und schickt den Discovery nun mit Sommer- statt Allwetterreifen in den Test. Die sind auf Asphalt deutlich griffiger, machen dafür im Gelände keinen Stich. Aber dahin will ohnehin keiner mit seinem Geländewagen.

Es reicht, um sich gut in Szene zu setzen, aber nicht, um im Vergleichstest vorne mitzuspielen. Zu stark fällt der Discovery als Geländewagen gegen die beiden Mode-SUV ab. Vor allem beim Komfort und Fahrverhalten. Aber auch bei der Qualitätsanmutung.Den Sieg in der Eigenschaftswertung sichert sich dagegen der BMW knapp. Dass er weniger Platz als der Volvo bietet, gleicht er durch die einfachere Bedienung aus. Den Punktverlust bei Verbrauch, Emissionen und den Standgeräuschen (nicht zu verwechseln mit den Innengeräuschen) macht er durch seinen kraftvollen Vortrieb mehr als wett. Und dass er weder beim Federungskomfort noch bei der Agilität brilliert, verschafft ihm keinen Nachteil – der Volvo kann es nicht besser.

Eines dagegen können sie im hohen Norden richtig gut: viel Ausstattung fürs Geld bieten. Teuer sind alle drei. Doch in der Variante Inscription kommt der XC90 geradezu luxuriös angerollt (ähnlich übrigens wie der Discovery in der Linie HSE). Es rieseln diverse Punkte aufs Konto. Ein weiterer kommt durch die günstiger kalkulierten Optionen hinzu. Zumal er nochmals Boden mit seinen unerhört teuren Versicherungsprämien verliert. Und sich der Mehrverbrauch ebenso in einem leichten Malus rächt. Wir wollen an dieser Stelle wenigstens auf die bessere Garantieleistung beim X5 hinweisen, damit es nicht heißt, wir machten hier den Zweitplatzierten madig. Zweitplatzierter der BMW? Ja, genau: Der Volvo rechnet sich am Ende vorbei, kehrt im Kostenkapitel die Eigenschaftswertung um. Pünktchen für Pünktchen. XC90 vor X5. Das gab’s ja noch nie. Jetzt schon. Glückwunsch, Volvo.

Technische Daten:

X5 xDrive30d

Leistung: 190 KW (258 PS)
Drehmoment (bei U/min): 560
Höchstgeschwindigkeit:230 km/h
Grundpreis:65.900 €

Discovery 2.0 SD4 4x4

Leistung: 177 KW (240 PS)
Drehmoment (bei U/min): 500
Höchstgeschwindigkeit:207 km/h
Grundpreis:65.200 €

XC90 D5 AWD

Leistung: 173 KW (235 PS)
Drehmoment (bei U/min): 480
Höchstgeschwindigkeit:220 km/h
Grundpreis:66.050 €

Bewertung

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
Kommentare
Top-Themen
Viel Auto für wenig Geld, so tickt die Youngtimer-Szene. Schon für 1.000 Euro kann man einen fahrbereiten ...mehr
Die Mittelklasse erfindet sich gerade mal wieder neu, denn mit einer behutsamen Evolution ist es nicht getan. Der ...mehr
Teure Geländewagen sind bei Autodieben am beliebtesten, zeigt die Diebstahlstatistik für 2016. Wir zeigen, welche ...mehr
Anzeige
Auto Motor und Sport
Anzeige
Auch interessant
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige