Porsche 911 Carrera (991.2) im Fahrbericht

Bei Porsche müssen nicht nur Elfer-Fans auf eine aktuelle
Bestellmöglichkeit verzichten.
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Bei Porsche müssen nicht nur Elfer-Fans auf eine aktuelle Bestellmöglichkeit verzichten.

© Patrick Lang
07.05.2018 - 10:36 Uhr von Patrick Lang

So ein Porsche 911 zeigt sich in vielerlei Gestalt. Als Turbo, Cabrio, GT3, Touring, Targa, GTS und wie sie alle heißen. Da stellt sich die Frage, ob das Basismodell nicht eigentlich schon alles mitbringt, was so ein Sportwagen braucht.

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  • Fahreigenschaften
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„Brauchen“ ist doch hier schon gleich gar nicht der Maßstab. So einen Porsche 911 braucht kein Mensch. Den WILL man. Und wo ein Wille ist, da gibt’s auch ein Werk – nämlich jenes in Zuffenhausen. Zufällig stand dort ein Porsche 911 Carrera, der für zehn Tage eine Aufsichtsperson erhalten sollte. Mich. So ein ganz normaler Porsche. Ohne riesen Heckflügel oder extravagante Dach-Konstruktion. Ob einem das reicht? Dröseln wir das mal auf in Prestige, Leistung und Ausstattung.

Das Image des Basismodells

Ob so ein vermeintlich unspektakulärer Elfer bei den Leuten auf der Straße ankommt? Als Porsche-Fahrer will man ja schon ein bisschen was Besonderes sein. Wobei mir mal jemand gesagt hat: „ Wenn du in München überhaupt nicht auffallen willst, dann kaufst du dir nen 911.“ Ist aber vielleicht auch etwas Stadtspezifisches. Bei mir auf dem Land lässt sich die Signalwirkung eines Autos folgendermaßen überprüfen: Ich parke den Wagen an einem sonnigen Wochenende vor meinem Haus, das zwischen einem See und einem Spielplatz liegt. Dann beobachte ich einfach mal 15-20 Minuten vom Küchenfenster aus die anderen Autofahrer, Passanten und Radfahrer. Ettliche Kinder, die mit ihren Tret-Rollern Richtung Spielplatz unterwegs sind, bleiben schon mal an dem saphirblauen Porsche kleben und formen die Münder zu einem großen O. Gutes Zeichen, denn Kinder und Betrunkene sagen schließlich die Wahrheit.

Wenig später fährt ein Familienvater mit seinem Sohn auf dem Fahrrad vorbei, wird langsamer und dreht sich ehrfürchtig zu seinem Spross um. Ich erkenne deutlich, dass seine Lippen ein einziges Wort formen: „Porsche.“ Auf der anderen Seite kriegst du auch auf der Autobahn bei Tempo 200 noch von einem in Trainingsanzug gekleideten jungen Mann aus seinem Tuning-E36 heraus den erhobenen Daumen gezeigt. Größer könnte die Spreizung einer Fan-Gemeinde wohl kaum ausfallen. Ich darf also festhalten: Das Basismodell verdreht bereits jede Menge Köpfe. Es muss nicht alles immer extremer werden. Auch nicht die Leistung – Punkt Nummer zwei.

Dreiliter-Sechszylinder mit 370 PS

Was war der Aufschrei groß: Oh nein, der Elfer kriegt einen Turbomotor und weniger Hubraum und alles wird jetzt ganz schlimm. Nun kann ich das ganz ohne die Brille eines Fanboys betrachten, der schon jede Generation der Sportwagen-Ikone unter dem Hintern hatte. Was soll ich sagen? Für mein Empfinden fühlen sich diese 370 Boxer-PS so stark an, wie in keinem anderen Wagen mit vergleichbarer Leistung. Nach der Befreiung aus dem Stau-verseuchten Gürtel um Stuttgart kann ich endlich zum ersten Mal durchbeschleunigen. Zwei Sekunden später rasselt mein Atem wie loses Wechselgeld in der Hosentasche. Schon bei 1.700 Umdrehungen drücken 450 Newtonmeter meinen erstaunten Körper ins Leder. Und dann das Sprotzeln beim Bremsen, während die Nadel in 500er-Schritten über den großen mittigen Drehzahlmesser hüpft – Entertainment pur. Dabei lässt sich der 911 Carrera innerorts so unaufgeregt fahren wie ein Golf. Eine Spreizung der Fahreindrücke analog zur Fan-Gemeinde.

Wer behauptet, der Dreiliter würde nicht mehr gut klingen, klagt auf einem Niveau, auf dem man nicht zu klagen hat. Die optionale Klappenabgasanlage (2.606 Euro) bringt so viel Freude mit sich, dass ich in jedem noch so kurzen Tunnel die Fenster runter lasse. Etwas tiefer und kehliger als der Sauger, ab 4.000 Umdrehungen dann sägender, im Sport-Plus-Modus mit giftigen Zwischengasstößen beim Runterschalten. Auch hier bietet der Elfer beste Unterhaltung, und ich sitze in der ersten Reihe. Dazu kann ich gleich das nächste Klischée in Angriff nehmen: „So ein Sportwagen muss als Handschalter gefahren werden.“ Eigentlich würde ich das so mit einem himmelblauen Stift unterschreiben, aber das PDK (3.510 Euro) macht einen so verdammt guten Job, dass es einem schwer fällt, Argumente dagegen zu finden. Insbesondere, wenn man seinen Porsche als Alltagsauto auch durch Stau und Innenstädte lenkt. Und wenn ich denn doch mal vor einer Kurve manuell den Gang wählen will, kann ich ja an den Alu-Paddels zupfen.

Apropos lenken: Der 911 tut noch mehr, um den Alltag seines Besitzers mit Freude zu füllen. Dass er fahrdynamisch voll auf der Höhe ist, muss ich jetzt nicht weiter ausführen. Präzises Einlenken, Traktion ohne Ende, alles schon tausendfach geschrieben. Auf der Strecke zwischen Redaktion und Heimat erreiche ich Kurvengeschwindigkeiten, von denen ich mit meinem Privatauto (ein Audi A4 von 1997) nur träumen kann. Ein Riesen-Spaß im Rahmen der Straßenverkehrsordnung – so muss es sein. Wenn ich mir das Grinsen extra breit ziehen möchte, lasse ich in einer komfortabel breiten Kurve zusätzlich das Heck leicht kommen. Geht easy und leicht dosierbar mit dem rechten Fuß, ohne Gefährdung für Flora und Fauna am Straßenrand.

Übrigens auch ohne allzu ernsthafte Gefährung für den Geldbeutel. Der Bordcomputer zeigt meistens einen Durchschnittsverbrauch im Bereich von zwölf Litern an. Zugegeben, der Boxer genehmigt sich nur Hochoktaniges und kann davon auch mal einen größeren Schluck nehmen. Doch für diese Fahrleistungen hält sich der Verbrauch überraschend im Rahmen und mit 64 Litern im Tank kann man schon mehr als 500 Kilometer schaffen. Die laut Hersteller kombinierten 7,4 Liter auf 100 Kilometer ergeben sich dagegen nur dann, wenn die Gasbefehle auf das rechte Pedal gehaucht werden.

Sport Chrono Paket für das Kind im Manne

Dann wäre da noch das Sport Chrono Paket mit Mode-Schalter (2.225 Euro). Was für eine herrliche Gaudi! Der Sport Response Button am Lenkrad ist das beste Beispiel dafür, wie einfach Männer gestrickt sind. Mit nur einem Knopfdruck für 20 Sekunden die maximale Leistung abrufen? Da fühlst du dich doch wie bei Need For Speed. Die Launch Control-Funktion zum maximal ambitionierten Start ist ein bekanntes Sahnehäubchen und die bereits erwähnte Zwischengasfunktion rührt ebenfalls von dem aufpreispflichtigen Extra mit der Kennung QR5. Mit die schönste Möglichkeit, Geld in Geräusch zu verwandeln. Dass ich meine Fahrdaten damit zudem auf dem Smartphone auswerten kann – geschenkt. Viel besser macht sich da die formschöne Stoppuhr auf dem Armaturenbrett.

Also, wie schneidet der Basis-911 im Leistungs-Kapitel ab? Hervorragend! Sicher ist der Punch in einem Turbo-Modell noch krasser, die Beschleunigung in einem GT-Derivat noch rasanter, aber wozu? Auf normalen Straßen braucht kein Mensch mehr Power. Selbst im dichten Berufsverkehr reichen zwischendrin mal 200 Meter freie Landstraße und ein einzelner Gasstoß für reichlich Hormon-Ausschüttung. Nennen wir das Kind ruhig beim Namen: Der geht wie’s Gift und der Sound dazu macht süchtig. So. In den knappen zwei Wochen unserer Liason, hat das rechte Pedal mit Sicherheit mehr Wegstrecke hinter sich gebracht, als das linke. Mehrleistung hat erst dann ihre Berechtigung, wenn sie regelmäßig auf eine Rennstrecke entführt wird. Auf der linken Spur, also der Rennstrecke des kleinen Mannes, machen die Kontrahenten jedenfalls auch dem Basismodell bereitwillig Platz, wenn es angeflogen kommt.

Alles drin, alles dran?

Nun sind die Fahreigenschafen bei so einem Sportwagen ja eigentlich das Hauptargument. Doch wenn mein Sportwagen so alltagstauglich ist, dann sollte ja auch in puncto Ausstattung alles an Bord sein, was ich täglich so haben will, oder? 97.914 Euro kostet so ein Porsche 911 Carrera ohne Extras. Dafür gibt’s dann ab Werk unter anderem bereits Klimaautomatik, Alarmanlage, elektrische Sportsitze, Leder und Alcantara im Innenraum, Touchscreen-Navi, Bi-Xenon-Lichter, 19-Zöller und eine Start-Stopp-Automatik. In meinem Testwagen hat die Porsche-Presseabteilung 27.185 Euro in die Individualisierung gesteckt. Da will ich doch gerne mal diejenigen Ausstattungsoptionen aufzählen, die ich für einen echten Gewinn halte.

Rein optisch wären da zunächst die Lackierung in Spahirblaumetallic (1.178 Euro) und die anthrazit-farbenen 20-Zoll-Felgen im RS Spyder Design (3.213 Euro). Beides muss man natürlich nicht zwingend haben, wenn man mit den Basis-Lacken (weiß, gelb, rot oder schwarz) und 19-Zoll-Rädern zufrieden ist. Optik ist Geschmackssache – meinen Geschmack trifft die Konfiguration aber sehr gut. PDK, Sport Chrono Paket und Sportabgasanlage habe ich bereits erwähnt (zusammen 8.341 Euro). Den Parkassistenten für vorne und hinten in Verbindung mit einer Rückfahrkamera (1.594 Euro) halte ich schon deshalb für sinnvoll, weil ich keine Striemen in das schöne Blau der Außenhaut ziehen will. Sitzheizung (470 Euro) und Bose-Surround-Sound (1.416 Euro) passen gut in meinen automobilen Alltag und dürften deshalb eingebucht werden. Das Digitalradio DAB (476 Euro) halte ich in der heutigen Zeit für unverzichtbar und rege mich jedes Mal darüber auf, dass alle Hersteller dafür Geld verlangen, anstatt es in die Serienausstattung zu packen. Tja und die 18-fach verstellbaren Sportsitze Plus mit Memory-Funktion (3.272 Euro) sind dann noch etwas, das für die tägliche Nutzung doch recht angenehm ist. Damit kommen wir in Summe auf einen Preis von 117.874 Euro für ein absolut rundes und vollkommenes Traumauto.

Technische Daten:

911 Carrera

Leistung: 272 KW (370 PS)
Drehmoment (bei U/min): 450
Höchstgeschwindigkeit:293 km/h
Grundpreis:101.424,5 €

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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