VW Polo Beats und Golf 1.0 TSI im Test

Hand aufs Herz: Haben Sie die zwei auf Anhieb identifiziert? Der
Polo (rechts) ist dem Golf, nicht nur optisch, sehr
nahegekommen.
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Hand aufs Herz: Haben Sie die zwei auf Anhieb identifiziert? Der Polo (rechts) ist dem Golf, nicht nur optisch, sehr nahegekommen.

© Hans-Dieter Seufert
12.02.2018 - 00:00 Uhr von Michael Harnischfeger

Nicht unerwartet wurde der neue Polo wieder besser als sein Vorgänger. Reichen seine Qualitäten nun, um dem großen Bruder in die Parade zu fahren? Wir klären das mal mit einem Vergleichstest der Dreizylinder-Benziner.

Das Wortspiel vom Golf-Schläger liegt nahe; es wurde ja seit dem Golf I des Jahres 1974 oft genug bemüht. Aber keinem Konkurrenten gelang es, den Wolfsburger Dauerbrenner nachhaltig vom Thron der Kompakten zu stürzen.

Auch Numero sieben lässt Angriffe der üblichen Verdächtigen kühl abtropfen – und hat mittlerweile bei Komfort und Platzangebot ein Niveau erreicht, das einige Jahre zuvor noch Mittelklasse war. Da liegt für klassische Golf-Käufer die Frage nahe, ob sie beim nächsten Autokauf Golf Golf sein lassen und sich eine Klasse darunter orientieren sollen. Schließlich ist der neueste Polo ja wiederum größer und komfortabler und sicherer und funktionaler und, und, und … geworden. Kurz gesagt: Er ist noch mehr als zuvor ein Vollwertauto nicht für jede Familie, aber doch für ziemlich viele Lebenssituationen.

Der Polo lockt mit seinem Preis

Und wie bisher lockt er mit einem deutlich niedrigeren Preis. Der Golf 1.0 TSI dieses Vergleichstests kostet in der empfehlenswerten Comfort-line-Ausstattung 21.975 Euro, mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe sogar 24.000 Euro. Der Polo ist als Comfortline DSG für 19.925 Euro zu haben und in der getesteten Beats-Version für 21.875 Euro – sechs Boxen und 300 Watt Verstärkeranlage inklusive. Da bebt bei Bedarf der McDonalds-Parkplatz.

Praktischer Polo: vier Türen serienmäßig

Will man den Golf mit jenen vier Türen haben, die der Polo serienmäßig mitbringt, vergrößert sich der Preisunterschied um weitere 900 Euro. Da kann man schon ins Grübeln kommen, denn die Zugeständnisse an den niedrigeren Preis des 20 Zentimeter kürzeren Polo sind auf den ersten Blick verschmerzbar – etwa die beim Raumangebot.

Vorn wie hinten ist er innen nur rund drei Zentimeter schmaler als der Golf, die Innenhöhe reicht hier wie da gut aus, auch hinten. Und wer nun denkt, die kürzere Karosserie führe zu eklatanten Unterschieden beim Beinraum, ist auf dem Holzweg: Auch im Polo können lange Kerls gut in der zweiten Reihe sitzen. Und gut meint auch gut in Sachen Komfort: Wie beim Golf fallen die Polster hier angenehm straff aus – mit stützender Kontur und genügend Auflagefläche für die Oberschenkel. Vorn lebt es sich im Polo Beats sogar besser, denn die serienmäßigen Sportsitze dieser Linie bieten mehr Seitenhalt als die Sitze des Golf, zudem fühlt sich der Fahrer – etwas tiefer sitzend – besser in das Auto integriert. Schlechter hingegen ist die Übersichtlichkeit nach vorn. Der Golf bietet mit seiner weitgehend überblickbaren Motorhaube Orientierungshilfe, der Polo endet gefühlt unterhalb der Windschutzscheibe.

Kofferraum: 29 Liter Unterschied

Dennoch gilt: Wer nach dem Fortschritt im Automobilbau sucht, findet ihn in der Raumökonomie des Polo, zumal der Kofferraum auch nicht zu kurz kommt. 380 Liter Gepäck schluckt der Golf, durch die Heckklappenöffnung des Polo passen 351 Liter, ehe die Lehnen umgeklappt oder die Kofferraumabdeckung ausgebaut werden müssten. Abzüge gibt es für den Polo nur bei Variabilität und Funktionalität. So fehlen ihm die Durchreiche in der Rücksitzlehne und der variable Ladeboden des Golf; die Ablagen im Innenraum sind durchweg kleiner, und der Einstieg nach hinten ist durch die schmaleren Türen ein wenig beengter.

Noch was? Ja. Die im Auto verbauten Materialien sind schon eine Klasse schlechter als die des Golf. Hartes oder nur minimal aufgeschäumtes Plastik bestimmt das Bild des Interieurs, das beim Polo Beats durch kräftige Farben aufgefrischt wird.

Fahrwerk: straff oder geschmeidig

Der Beats richtet sich eben eher an eine junge Klientel, was der Testwagen mit der 440-Euro-Option „Sport- Select-Fahrwerk“ unterstreicht. Neben verschiedenen Kennlinien für Motor, Getriebe, Klimaanlage und dem mit 255 Euro verführerisch billigen Abstandsregeltempomaten samt ruppig eingreifendem Front-Assist-Notbremssystem (Golf: 320 Euro) umfasst dieses Paket auch ein strafferes Fahrwerk mit 15 Millimetern Tieferlegung der Karosserie.

Die wählbaren Fahrmodi machen nicht rundum glücklich, selbst im Sport-Modus schaltet etwa das Doppelkupplungsgetriebe nicht so aufmerksam zurück, wie man es sich wünscht. Das Sportfahrwerk allerdings ist zu spüren – leider, möchte man sagen. Denn es zeigt sich weniger harmonisch als das Standardfahrwerk, stolpert deutlich über Querrinnen oder Asphaltnarben und neigt zum Poltern.

Das kann der Golf eine Klasse besser, auch ohne die sonst gern in Testwagen verbauten Adaptivdämpfer. Er legt eine Geschmeidigkeit an den Tag, die immer wieder Respekt verdient und allenfalls im direkten Handling-Vergleich minimale Abstriche erfordert. Denn wo der Polo spielerisch und fast gierig als junger Wilder in die Ecken sticht, wirkt der Golf etwas bedächtiger und gerät einen Tick früher ins Untersteuern.

Fahrsicher sind beide in hohem Maße, denn wenn man sich dem Kurvengrenzbereich mal als Blödheit von oben nähert, genügt das Lupfen des Gaspedals. Schon ist die Fuhre stabil auf Kurs – meist sogar ohne dass das bei beiden spät und doch sanft regelnde ESP eingreifen müsste.

Hohes Niveau also hier wie da, nur beim Bremsen schwächelt der Golf auffällig: In allen Messdisziplinen steht der Polo drei bis vier Meter eher. Als wollte der Golf hierfür einen Ausgleich schaffen, punktet er mit mehr Fahrerassistenz und Sicherheitsausstattung. So ist für den Polo kein Spurhalteassistent lieferbar, auch Seitenairbags hinten (375 Euro) oder für die Knie des Fahrers (Serie) hat nur der Golf.

Komfort: Hier glänzt der Golf

Und mit jedem Meter der Vergleichsfahrt schälen sich die Unterschiede stärker heraus, präsentiert sich der Golf als das reifere, gediegenere Auto. So leistet er sich bei jedem Tempo und auf jeder Fahrbahnsorte weniger Lärm als der Polo, dessen Schalldämmung mit starken Geräuschen aus den Radhäusern reichlich schütter wirkt. Zudem entsendet der Dreizylinder-Turbo, der mit fünf PS weniger auch im Golf sitzt, im Polo feine Vibrationen und lässt ungewöhnlich viel von sich hören, wenn der flüsterleise Leerlauf mal verlassen wurde.

Auch wegen des Mindergewichts von 71 Kilogramm spurtet der Polo zackiger (0–100 km/h in 9,9 statt 10,4 Sekunden) und begnügt sich mit 0,1 Litern Super weniger (6,6 zu 6,7 Liter). Entscheidend sind diese Differenzen allerdings nicht. Der Golf ist in 90 Prozent aller Fahrsituationen nicht untermotorisiert, der Polo indessen auch nicht gerade ein natural born Bäumeausreißer.

So bleibt unter dem Strich die Erkenntnis, dass der Polo gewiss ein Großer unter den Kleinen ist. Dem Golf kommt er zwar nahe, überholen kann er ihn aber nicht. Denn der bietet einen Mehrwert, der mehr Wert ist als das Geld, welches man mit dem Polo-Kauf spart.

Fazit? Wenn es die Kasse hergibt, ist der Golf der bessere Kauf. Wenn nicht, darf es gern der Polo sein.

Technische Daten:

Golf 1.0 TSI

Leistung: 81 KW (110 PS)
Drehmoment (bei U/min): 200
Höchstgeschwindigkeit:196 km/h
Grundpreis:24.900 €

Polo 1.0 TSI

Leistung: 85 KW (115 PS)
Drehmoment (bei U/min): 200
Höchstgeschwindigkeit:200 km/h
Grundpreis:21.875 €

Bewertung

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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