Magazine für das iPad

Einer der größten Kioske für Zeitschriften für das iPad kommt
von Zinio. Leider gibt es noch keine einzige deutsche Publikation
im Angebot.
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Einer der größten Kioske für Zeitschriften für das iPad kommt von Zinio. Leider gibt es noch keine einzige deutsche Publikation im Angebot.

In kaum einem Land haben die Verleger das iPad so sehr als Medium der Zukunft begrüßt wie in Deutschland. Mit neuen Publikationen wollen sie den Trend nutzen - ohne zu wissen, welches Konzept Erfolg verspricht. Erste Ansätze kommen aus den USA, doch auch Magazine wie Bild, Stern oder Focus mischen mit.

Zunächst sieht es aus wie eine normale Zeitschriftenseite mit den Fotos aus einem Basketball-Match - umgeben von Text. Dann wischt der Finger einen Kreis um das Foto herum und ein Kreismenü präsentiert neue Optionen: zusätzliche Fotos und Videos, Statistiken zu diesem Match, zur Saisonleistung des Spielers - oder einen Link um das Bild mit den Freunden in einem sozialen Netzwerk teilen. So stellt sich das erste iPad-Magazin des US-amerikanischen Magazins Sports Illustrated vor.

Es sind Erlebnisse wie diese, die auch deutsche Verlagshäuser von einer glorreichen Zukunft digitaler Publikationen träumen lassen. Schließlich wird das iPad neue Formen von Medien und Mediennutzung schaffen. Und diesen Trend möchten die deutschen Verlage mitbestimmen - auch um nach der Kostenloskultur im Internet endlich mit digitalen Inhalten Geld zu verdienen. 45 Prozent ihrer Titel wollen die deutschen Verlagshäuser bis 2011 auf dem iPad veröffentlichen. Das ergibt eine Umfrage des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) im Juni 2010. Nur: Wie diese neuartigen Magazine aussehen müssen, damit sie erfolgreich werden, das weiß bislang keiner so genau.

Bisher ist lediglich klar: Das iPad verändert Seh- und Lesegewohnheiten. "Endlich gibt es ein mobiles Gerät mit großer Ausgabefläche", erklärt Wolfgang Schweiger von der TU Ilmenau, Experte für Mediennutzung. Das iPad erlaubt die schöne und große Darstellung von Inhalten. Über einen großen Bildschirm verfügen zwar auch Laptops, doch diese kranken an einem grundsätzlichen Bedienungsproblem: Das Eingabegerät Maus und das Ausgabegerät Bildschirm befinden sich an verschiedenen Orten. Diese indirekte Steuerung erfordert "eine Art, wie Menschen noch nie gedacht haben. Wir mussten das erst lernen." Der Touchscreen des iPhone hebt erstmals diesen Widerspruch auf. Plötzlich navigiert der Leser direkt durch Objekt. Und mit dem iPad nun auch in ansprechender Größe.

iPad löst Renaissance der Zeitung aus

"Diese Rückkehr zu einer unmittelbaren Bedienungslogik wird zu einer Renaissance klassischer Medienformen führen", glaubt Schweiger - und meint damit die Zeitung. Eine große Fläche, die der Nutzer im Bildschirmausschnitt verschiebt, mit einer Mischung aus vollständigen Artikeln und Teasern zu Texten. "Eine Fläche, die den Leser zum Rezipieren und Spielen einlädt" - angereichert mit Videos, Animationen, Audiostücken. Allerdings: "Die Verlage dürfen nicht den Fehler begehen, ihre Webseiten oder Zeitungen eins zu eins auf das iPad zu übertragen. Das ist zu lustlos für diese intuitive Umgebung", sagt Schweiger.

Zum Beispiel die Welt. Zum Start des iPads in den USA stellt der Axel Springer Verlag seine Zeitungen Welt, Welt kompakt und Welt am Sonntag über die App iKiosk als iPad-Lösung in den App Store. Und zwar als digitale Kopie der Printprodukte: als PDFs. Kritiker reagieren mit Spott. Eine alte Lösung für ein neues Medium? Der General Manager von Welt Online, Romanus Otte, erklärt: "Der Erfolg auf dem iPhone hat uns gezeigt: Es besteht großes Interesse, digitale Ausgaben unserer Zeitungsmarken auf einem kleinen Display zu lesen. Entsprechend schnell haben wir reagiert und ein Angebot für das iPad geschaffen." Bislang verkaufte sich die iPhone-App von Bild und Welt mehr als 180 000 Mal in sieben Monaten (Stand: Juni 2010). Zudem veröffentlicht der Verlag zum iPad-Start in Deutschland eine eigene Applikation für die Welt sowie das multimediale Lifestyle-Magazin "The Iconist" (siehe Kästen). Diese Lösungen zeigen: Das PDF ist nicht der Endpunkt der Entwicklung für das iPad.

Magazine der Zukunft werden zu Computerspielen

"Es ist erst der Anfang", sagt Joe McCambley. "Wir stehen vor einer kreativen Revolution im Magazindesign." McCambley ist Gründer und Creative Director von The Wonderfactory. Die New Yorker Agentur hat unter anderem die iPad-Applikation für das Time Magazine erstellt - und Ende 2009 das erste iPad-Magazin für Sports Illustrated, das auf der Webseite in einem Film präsentiert wird. Hier begutachten Besucher zum Beispiel die Funktion des kontextsensitiven Kreismenüs, "ein Tool, das mir immer die Frage beantwortet, was ich noch gerne zu diesem Text, Video oder Bild wissen möchte." Es ist ein kurzer Blick in die Zukunft der Magazine.

McCambleys Prognose nach den ersten Monaten mit dem iPad: Die Magazine der fernen Zukunft vermischen narrative und interaktive Elemente, werden so zu einer Art Computerspiel. "Denken Sie an Magazine als 3D-Umgebungen." Andere US-Verlage setzen bereits heute auf den Einsatz aufwändiger Bewegtbilder. Vivmag zum Beispiel, ein rein digitales Magazin, produziert für einen Artikel über sexuelle Ängste 3D-modellierte Schwarz-Weiß-Clips im Stil des Films "Sin City". Die Kamera fliegt durch eine düstere Szenerie, bevor der Streifen stoppt - und der Text erscheint. Auch wenn manche Kritiker die Gestaltung als übertrieben geißeln hat der Verlag auch enthusiastische Rückmeldungen erhalten: "Die Leser begeistert, dass sie die Geschichte noch näher erleben", erzählt Jeanniey Mullen, Marketingchefin von Vivmag-Anbieter Zinio. "Für bestimmte Publikationen wie unterhaltende Magazine halten wir diese Blockbuster-Gestaltung für die Zukunft."

Auf dem Weg zum Magazin der Zukunft benötigt es noch die Navigationselemente und Metaphern bisheriger Zeitungen oder Zeitschriften, damit die Leser sich umgewöhnen. Zum Beispiel das Rascheln beim Blättern. Ob Sports Illustrated oder Vivmag, verschiedene Navigationswege sind essentiell. "Interaktive Medien haben keine automatische Leselogik wie ein Print-Heft. Es gibt einen Anfang und kein Ende", erklärt McCambley. Daher muss jeder User möglichst schnell seine Logik finden. Sports Illustrated zum Beispiel erlaubt es, Seiten neu anzuordnen und über eine Vorschaufunktion schnell durch das Magazin zu blättern.

Fazit

Unabhängig von jeder Version: Dank der vielen technischen Optionen auf dem iPad wird es eine Vielzahl verschiedener Magazine geben. Der Vergleich von sieben deutschen Publikationen zeigt vier erste Haupttrends: Erstens Printklone, die ihre Offline-Inhalte einscannen (iKiosk). Zweitens interaktive Ausgaben die neue Wege einschlagen (The Iconist). Drittens Publikationen, die Printmetaphern mit Weblogik mischen und sich als laufend aktualisierte Digitalzeitungen präsentieren (Welt HD) und viertens Applikationen, die aussehen wie eine zweite Webseite des Mediums (Focus Online). Alles noch keine kreativen Revolutionen. Aber erste Versuche mit einem neuen Medium. Die Zukunft kann kommen.

Quelle: Copyright (C) www.macwelt.de
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