Browser unter Linux - Firefox oder Chrome?

Browser unter Linux - Firefox oder Chrome?
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Browser unter Linux - Firefox oder Chrome?

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Unter Windows tobt der Krieg der Browser schon seit Jahren. Ganz anders unter Linux: Hier hatte Mozilla Firefox lange Jahre keinen ernsthaften Gegner – bis Google mit Chrome kam.

Mit Google Chrome mischt nun seit zwei Jahren ein echtes Schwergewicht mit. Einige Distributionen bevorzugen als Standard-Browser bereits Chrome oder die Open-Source-Variante Chromium gegenüber Firefox. Hauptargumente sind: Der Mozilla-Browser sei vergleichsweise langsam und verbrauche zu viel Speicher. Bis zur Firefox-Version 4 gab es auch nicht viele triftige Gegenargumente. In der Zwischenzeit gibt es Firefox aber als Version 13, und die Mozilla-Entwickler haben mächtig aufgeholt. LinuxWelt hat beide Browser nun in einem direkten Vergleich unter Linux auf die Probe gestellt und auf Herz und Nieren getestet. Danach können Sie selbst entscheiden, welchem Browser Sie unter Linux den Vorzug geben.

Die Browser im Arbeitsspeicher
Der aktuelle Speicherverbrauch des Browsers lässt sich bei beiden Kandidaten auf die gleiche Weise und ohne fremde Hilfsmittel analysieren. Geben Sie dazu in der Adresszeile einfach about:memory ein. Laufen Chrome und Firefox gleichzeitig, zeigt der Google-Browser sogar den Verbrauch beider Programme an. Beim Start der puren Software ohne eine geladene Internetseite zeigt sich Chrome wesentlich speicherhungriger. Auf verschiedenen Systemen getestet, ist Firefox hier um den Faktor zwei bis vier genügsamer. In der Abbildung sehen Sie durchaus typische Beispielwerte – Chrome mit über 100 MB, Firefox mit 40 MB.

Mit einigen geladenen Webseiten wie zum Beispiel ZDF, Spiegel, Süddeutsche, PC-Welt zeigt sich ein ähnliches Bild: Firefox ist ökonomischer, Chrome benötigt meist 50 Prozent mehr RAM. Einziges Plus bei Chrome: Schließt man die Seiten wieder, gibt Chrome die RAM-Ressourcen umgehend und komplett wieder frei, Firefox nur einen Großteil. Bei beiden Browsern sind installierte Erweiterungen für hohen Speicherbedarf wesentlich mitverantwortlich. Chrome kann dies mit chrome://tasks detailliert aufschlüsseln: 10 bis 30 MB pro Erweiterung sind Normalität. Wer Anlass hat, Speicher zu sparen, sollte sich hier auf Unentbehrliches beschränken.

Profile und Erweiterungen
Firefox und Chrome bieten beide eine saubere Trennung von Programm- und Benutzerdaten und glänzen durch Flexibilität und Erweiterbarkeit. Hier sind kaum Pluspunkte für je einen auszumachen.
Wo die Daten liegen: Das Firefox-Profil des einzelnen Anwenders ist relativ logisch zu finden. Wie unter Linux üblich, legt die Software einen versteckten Ordner im Home-Verzeichnis an. Sinnvollerweise heißt dieser „.mozilla“, und im Unterordner „firefox“ finden Sie die Daten. Dort ist nicht nur das Profil gespeichert, sondern dort befinden auch alle manuell installierten Plug-ins.
Die Benutzerdaten des Google-Browsers sind nicht gleich auf den ersten Blick zu finden. Chrome speichert das Profil und andere Daten unter „.cache/google-chrome/“.

Erweiterungen: Ein Hauptgrund für Firefox war lange Zeit das umfangreiche Erweiterungsangebot. Hier hat aber Chrome in der Zwischenzeit mächtig aufgeholt: Sie finden für Chrome praktisch alle Erweiterungen, die sich auch bei Firefox bewährt haben. Klassiker sind Werbeblocker, Sicherheitsfunktionen wie WOT (Web of Trust) und Funktionserweiterungen wie Fastest Fox oder Fastest Chrome. Manche beliebte Erweiterung wie Flashgot gibt es unter Chrome nicht identisch, aber dann immerhin ein Äquivalent wie zum etwa Simple Get.

Adobe Flash: Flash wird immer weniger eingesetzt, und HTML5 soll dessen Part irgendwann übernehmen. Adobe hat auch bereits angekündigt, die Entwicklung für Flash unter Linux einzustellen. Adobe Flash ist allerdings derzeit noch zu präsent, und viele können oder wollen darauf nicht verzichten. Chrome liefert den Adobe Flash Player mit aus und hat die Entwicklung dafür selbst in die Hand genommen. Bei Firefox müssen Sie unter Umständen selbst nachhelfen und das entsprechende Plug-in installieren. Oftmals greifen Ihnen hier die Distributionen allerdings unter die Arme und übernehmen diesen Teil. Sollte kein Flash vorhanden sein, hilft ein Blick in das entsprechende Repository.

Werkzeugkasten
Nachdem Firefox seit 2011 die Synchronisierung der Lesezeichen und Erweiterungen integriert hat, sind auch in diesem Punkt beide Browser auf Gleichstand:
Entwickler-Tools: Beide Browser bieten die Möglichkeit, Webseiten live zu bearbeiten. Sie können zum Beispiel den CSS-Code ändern und sehen sofort, wie sich das auf die Seite auswirkt. Das ist natürlich für Webentwickler besonders interessant. Sollten Sie kein Testsystem haben, können Sie damit den Code anpassen, und wenn Ihnen die Änderungen gefallen, in Ihre Webseiten übernehmen. Bei Google finden Sie die Software unter „ Tools ➞ Entwicklertools“. Bei Firefox klicken Sie auf „ Extras ➞ Web-Entwickler“.

Synchronisierung: Beide Browser beherrschen eine geräteübergreifende Synchronisation. Der große Vorteil liegt auf der Hand: Die Synchronisierung der Lesezeichen und Erweiterungen geht automatisch und muss nicht mehr manuell durch Export und Import erledigt werden. Ist die automatische Synchronisation aktiviert, haben Sie auf jedem Gerät dieselbe Browser-Oberfläche. Bequemer geht es kaum. In Firefox finden Sie den Service unter „ Bearbeiten ➞ Einstellungen ➞ Sync“, in Chrome am schnellsten mit der internen URL chrome://settings/syncSetup.

Das Einrichten in Chrome ist etwas einfacher, Firefox bietet andererseits den transparenten Dialog „Sync zurücksetzen“, der unmissverständlich die Synchronisationsrichtungen erläutert. Generell dürfte es kritischen Anwendern eher zusagen, ihre Lesezeichen und Passwörter dem Mozilla-Server anzuvertrauen als Google – trotz Verschlüsselung. Obendrein kann Firefox die Daten optional auch auf einem beliebigen anderen Server abgleichen, etwa über die Domain des Anwenders.

Nicht Open Source
Eines der Hauptargumente gegen Google Chrome ist, dass dieser Browser unfreie Software mit sich bringt. Chrome ist Closed Source, basiert allerdings in weiten Teilen auf dem quelloffenen Chromium-Projekt. Chrome hat zum Beispiel auch Adobe Flash eingebettet und liefert die Sicherheits-Updates dafür zusammen mit dem Browser aus. Mozilla Firefox hingegen ist komplett Open Source und wird wohl nicht zuletzt deshalb bei vielen Distributionen erste Wahl bleiben.

Versionsstrategie und Zukunft
Mozilla gibt mittlerweile alle sechs Wochen eine neue Firefox-Version aus. Zusätzlich gibt es eine ESR-Version (Extended Support Release), die länger Bestand hat und gepflegt wird. Diese Version ist speziell für Firmen und Organisationen gedacht, die nicht alle sechs Wochen eine neue Version installieren können oder wollen. Die erste ESR-Variante war Version 10. Jede siebte Ausgabe wird eine ESR-Version. Die beiden nächsten sind also 17 und 24. Für die alte ESR-Version gibt es sechs Wochen später noch ein weiteres Update. Mozilla ESR, Mozilla-Ausgaben

Bei Chrome ersetzt eine neue große Ausgabe immer die Vorgängerversionen. Das Google-Entwicklerteam gibt ebenfalls alle sechs Wochen eine neue Version aus. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir als offiziell unterstützte und stabile Versionen Firefox 10 ESR, Firefox 13 und Chrome 20. Google wie Mozilla behandeln Entwicklerversionen sehr ähnlich. Sobald es eine neue stabile Version gibt, rückt das Nachfolgemodell in den Betastatus. Die Version danach geht in den Entwicklerkanal. Dieser nennt sich bei Chrome Dev und bei Firefox Aurora. Darüber hinaus stellen beide noch die Kanäle Nightly (Firefox) und Canary (Chrome) zur Verfügung. Hier gibt es tägliche Schnappschüsse der übernächsten Version.

Benchmark-Tests
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: LinuxWelt hat Firefox in Version 13 und Chrome in Version 20 getestet. Dabei kamen verbreitete und anerkannte Benchmarks zum Einsatz. Sowohl Google als auch Mozilla stellen eigene Javascript-Benchmarks zur Verfügung. Diese wurden zu Rate gezogen. Um das Ergebnis so neutral wie möglich zu ermitteln, mussten sich die beiden Browser insgesamt vier verschiedenen Tests stellen. Jeder Benchmark wurde insgesamt fünf Mal durchgeführt und dann der Durchschnitt errechnet.

Sunspider Javascript Benchmark 0.9.1: Dieser Benchmark testet lediglich den Kern von Javascript. Die DOM oder andere Browser-APIs werden nicht zu Rate gezogen. Laut eigener Aussage vermeidet der Test Micro-Benchmarks und konzentriert sich darauf, was Entwickler mit Javascript dieser Tage zu lösen versuchen. Herausgeber ist webkit.org. In diesem Test liegt Mozilla Firefox mit 210,5 Millisekunden knapp vor Chrome. Der Google-Browser benötigt 230,3 Millisekunden. Sunspider Javascript Benchmark

Mozilla Kraken 1.1: Mozilla hat bei Herausgabe des Kraken-Benchmarks betont, dass dieser Test nicht für Firefox optimiert wurde. Man habe Szenarien zusammengestellt, wie sie Anwender beim heutigen Gebrauch des Internets wohl am ehesten benutzen. Googles Chrome gewinnt diesen Test mit einem Schnitt von 3234,3 Millisekunden. Firefox braucht fast 20 Prozent länger und schafft den Benchmark in 3811,2 Millisekunden. Mozilla Kraken

V8-Benchmark: Google hat diesen Benchmark ins Leben gerufen, um die eigene V8-Engine zu verbessern. Man kann davon ausgehen, dass dieser Test auf Chrome zugeschnitten ist. Es ist also wenig überraschend, dass der Google-Browser hier mit 10 849 Punkten den Konkurrenten Firefox mit nur 5844 Zählern alt aussehen lässt. Google V8-Benchmark

Futuremark Peacekeeper: Dieser Benchmark ist einer der umfangreichsten und neutralsten. Er untersucht Browser in verschiedenen Einzeltests auf Herz und Nieren. Peacekeeper prüft dabei nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die HTML5-Fähigkeiten, DOM-Operationen und das Parsen von Text. Der Benchmark bescheinigt Chrome HTML5-Fähigkeiten 6 von 7 und spendiert dem Google-Browser insgesamt 2993 Punkte. Firefox muss sich mit 2072 Punkten zufriedengeben. Viele Punkte lässt der Mozilla-Browser in Sachen HTML5 liegen – bei der Wertung 3 von 7 ist noch deutlich Luft nach oben. Futuremark Peacekeeper

Fazit: Der Gewinner?
Ein eindeutiges Urteil ist unserer Ansicht nach nicht möglich: Fakt ist, dass beide Browser sehr gut unter Linux funktionieren und der Anwender mit Firefox wie Chrome schnell und komfortabel arbeitet. Wer sich allein an den Benchmarks orientieren will, sieht Chrome als knappen Sieger. Mit neueren Webtechnologien kann Chrome ein Stück besser umgehen. Gravierend sind die Geschwindigkeitsunterschiede allerdings nicht mehr. Bei den geringen Leistungsunterschieden mag für so manchen Benutzer die Freiheit des quelloffenen Firefox als wesentliches Pro-Argument den Ausschlag geben.

In einer Hinsicht hat Chrome aber die Nase vor: der Webstore. Da der Google-Browser besser mit neueren Technologien umgehen kann, lassen sich hier viele Anwendungen offline installieren. Sie spielen zum Beispiel im Chrome-Browser Angry Birds, ohne mit dem Internet verbunden sein zu müssen. Somit können sich auch Linuxer daran erfreuen, mit verärgerten Vögeln nach Schweinen zu werfen. Chrome Webstore

Quelle: www.pcwelt.de
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