Die Deutschen: Eine Nation der Mieter

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Auch wenn fast jeder Deutsche von den eigenen vier Wänden träumt, Eigentum erweben relative wenige. Denn obwohl sich zahlreiche Bürger Haus oder Wohnung leisten könnten, zahlen diese lieber brav ihre Miete.

Die Deutschen bleiben lieber in ihrer Mietwohnng statt sich ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen. Innerhalb der letzten 45 Jahre ist die Wohneigentumsquote in Deutschland lediglich um neun Prozent gestiegen: von 34 Prozent in 1961 auf 43 Prozent in 2006. Dagegen liegt der Anteil der Eigenheimbesitzer in Spanien mit 85 Prozent fast doppelt so hoch, Griechenland und Irland zählen mit 84 bzw. 82 Prozent zu den Spitzenreitern beim Wohnimmobilienbesitz. Insbesondere junge Deutsche sind die Verlierer. Wenn Engländer zum ersten Mal Wohneigentum erwerben, sind sie im Durchschnitt circa 28 Jahre alt. Die Statistik in Deutschland berechnet das Durchschnittsalter von Bauherren und Käufern dagegen mit 40 Jahren.

Viele könnten kaufen
Dabei könnten sich mehr Deutsche ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung leisten, als diese selbst glauben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse des Berliner Forschungsinstituts empirica im Auftrag der Landesbausparkassen (LBS). Lange galt Deutschland als zu teuer in Sachen Immobilien. Mittlerweile ist dies nach Auskunft von LBS Research anders: Seit Mitte der 90er Jahre hat sich die Finanzierungslast für junge Familien mit Durchschnittseinkommen um fast die Hälfte auf unter 20 Prozent des Haushaltsbudgets reduziert. Ein wichtiger Grund sind die gesunkenen Zinsen. Hinzu kommt, dass die Hauspreise stabil geblieben und daher im Vergleich mit den meisten Nachbarstaaten relativ günstig geworden sind. Das Ergebnis: Zur Zeit ist für mehr als die Hälfte der Haushalte
der Kauf von gebrauchten Eigenheimen machbar. Dies gilt erst recht für die typischen potenziellen Erwerberhaushalte, nämlich die bis zu 50 Jahren.

Günstige Angebote für Käufer
In den meisten Bundesländern ist es für durchschnittliche Einkommensbezieher nach den aktuellen Zahlen aufgrund eines breiten preisgünstigen Angebots generell relativ leicht, Wohneigentum zu erwerben (gerechnet wird mit einem Eigenkapital in Höhe eines Jahreseinkommens, einer Zins- und Tilgungsrate von 7 Prozent und einer maximalen Finanzierungslast von 35 Prozent des Einkommens). So reichten nach Auskunft der
LBS im Schnitt der neuen Länder bereits verfügbare Einkommen von 1.500 Euro im Monat aus. Denn ein durchschnittliches Einfamilienhaus sei dort selbst bei bescheidenem Eigenkapital mit einer Monatsrate von gut 500 Euro zu finanzieren.

Mieten aus Tradition
Stellt sich also die Frage, warum so viele Deutsche der Miete verhaftet sind. Das hat vor allem historische und politische Gründe. Der zweite Weltkrieg hat einen großen Teil des Wohnbestandes in Deutschland zerstört. Die Wohnungsnot war groß, die finanziellen Mittel knapp. Eine schnelle Lösung bot der soziale Wohnungsbau. Staatlich gefördert und gesellschaftlich gewollt wurden die Deutschen zu einer Nation der Mieter. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist das kein Imagenachteil. Die hohen Qualitätsstandards in Mietwohnungen machen es auch Besserverdienern leicht, auf Eigentum zu verzichten. In Deutschland schämt sich niemand, nur weil er zur Miete wohnt. "Eine Mietwohnung unterscheidet sich kaum von einer Eigentumswohnung. Wer zwischen beiden wählen kann, entscheidet sich meist nach rein finanziellen Kriterien", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund.

Nur das Geld zählt
Bleibt also das finanzielle Argument: Und da schneidet die Miete nicht so schlecht ab. Denn beim Eigentumserwerb muss nicht nur der Eigenkapitaleinsatz, die Zinslast und die eigentliche Tilgung berücksichtigt werden. Kosten für Versicherungen, Grunderwerbssteuer und die laufende Instandhaltung belasten zusätzlich die Haushaltkasse. Gleichzeitig wurden in Deutschland die Mieten jahrzehntelang subventioniert und erreichen erst langsam ihren realen Marktwert.

Eingeheimzulage fehlt
Die Politik hat sich seit Gründung der Bundesrepublik zwiespältig verhalten. Zwar wurde bereits ab 1956 auch der Eigenheimbau gefördert und die Mieten schon ab 1961 wieder freigeben. Gleichzeitig haben Bauherren beispielsweise mit der Abschaffung der Eigenheimzulage am 31. Dezember 2005 eine erhebliche Finanzierungslücke auszugleichen. Bis dahin erhielten etwa 80 Prozente aller selbstnutzenden Eigentumserwerber diese finanzielle Unterstützung des Staates bei der Wohneigentumsbildung.

Trumpf: Wohn-Riester
Doch nun wittern manche wieder eine Trendwende und setzten auf neue staatliche Anreize. Besonders die Wohn-Riester-Förderung hat es vielen angetan. "Mit dem neuen Eigenheimrentengesetz setzt die Bundesregierung jetzt gute Impulse. Zwar sind die Gründe für die schwache Wohneigentumsbildung in Deutschland vielfältig und komplex. Aber deutsche Immobilien sind vergleichsweise günstig, und die Zinsen sind nach wie vor auf einem niedrigen Niveau. Dagegen steigen Lebenshaltungskosten und Mieten. Das spricht an sich schon für den Kauf einer Immobilie. Aber es hat in den letzten Jahren zu wenig Anreize für junge Familien zum Erwerb von Wohneigentum gegeben", konstatiert Bernd Neuborn von der BHW Bausparkasse.

Autor: Richard Lamers

Quelle: freenet.de
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