Gehalt im Anschreiben

Gehalt im Anschreiben
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Gehalt im Anschreiben

 © Getty Images

Eine der häufigsten Bewerberfragen: "Wenn in der Stellenausschreibung die Angabe der Gehaltsvorstellungen gefordert wird, muss man diese im Anschreiben nennen?"

Wir sind darauf getrimmt, von allem vorab den Preis zu erfahren. Kein Wunder. Auch Jobsuchende gehen davon aus, wie sie selber shoppen. Ob gerade in Kauflaune oder nur auf Bummeltour: Jeder preiskritische Konsument lässt im Alltag seinen Blick von der Verpackung hinunter auf den Preis wandern.

Preisbewusst kaufen lautet die Überlebensstrategie unserer widersprüchlichen modernen Existenz als spendable Geizkragen. Selbst die Impulskäufer vor der Supermarktkasse haben mehr Survival-Wissen als ihre Großeltern.

Da mittlerweile alles gesetzlich geregelt ist, was zwischen erwachsenen Menschen irgendwie strittig werden könnte, ist auch so gut wie alles, was bei uns zwischen irgendwelchen Anbietern und Abnehmern abläuft, bereits festgeschrieben und festgeklopft. Auch die Fragen von Lohn & Gehalt wollen die Tarifpartner ja dem schwachen Einzelnen so weit wie möglich abnehmen.

Ich weiß nicht, ob sich Leute, die ihre Vergütung autonom verhandeln, wirklich freuen, dass ihr kleines, unreguliertes Marktsegment noch nicht von einer Neuregelung der Durchführungsbestimmungen zur sozial gerechten Gehaltsfindung planiert wurde. Ich bin aber sicher, dass irgendwo in Berlin ein Spezialist für soziale Demokratie nachts nicht schlafen kann, weil man all diese Bewerber allein lässt. Das geht ja dort wie auf dem Basar zu.

Jobanbieter bestehen energisch auf konkrete Zahlen. Jedes andere Verhalten wäre auch unstimmig. Je mehr Bewerber auf eine ausgeschriebene Position ihre Preisdaten liefern, desto genauer schätzen Personaler den aktuellen Jobmarkt ein. Desto leichter fällt es ihnen auch, die Bewerber zu kategorisieren.

Im Vergleich der Daten gelingt es Personalern, den augenblicklichen Preis einer Tätigkeit zu finden. Nebenbei erfahren sie noch, was die Konkurrenz zahlt. Obendrein sortieren Personaler all die Blender aus und entlarven die Schnäppchen-Bewerber, die ihre gute Leistung unter dem Marktwert anbieten.

Die Preisübersicht zum frühest möglichen Zeitpunkt zählt für jeden Jobanbieter zum unverzichtbaren Bestandteil seines Wissens über den Jobmarkt. Und jetzt wenden Sie diesen Satz einmal auf sich an: Das Wissen über die Bandbreite der marktüblichen Vergütungen zählt für mich als Leistungsanbieter zum unverzichtbaren Bestandteil meiner Kenntnis des Jobmarkts.

Sie teilen mit dem Jobanbieter also ein Interesse nach Informationen, die Ihnen helfen, den Marktwert von Leistungen zu bestimmen. Sie teilen nicht unbedingt sein Interesse nach Ihrer Selbsteinschätzung zum frühesten Zeitpunkt.

Während Personaler immer gleich und hammerhart agieren, passen Jobsuchende Ihre Strategie am besten der Situation an. Jobsuchende handeln umständehalber, denn sie wissen meist weniger als der Personaler über den aktuellen Marktpreis.

Einen zu niedrigen Preis anzugeben, ist eine der Fallen, die von Bewerbern am meisten gefürchtet werden. Meistens, aber nicht immer, handelt man ebenso gegen seine Interessen, wenn man einen zu hohen Preis nennt. Und sehr oft gleicht es einem Blinde-Kuh-Spiel, den angemessenen Wert zu finden.

Hier einige Tipps, in welchen Situationen Sie besser den Gehaltswunsch nenn und in wlechen Sie es besser lassen.

Es gehört sowieso zu Ihrem Job, Preise für Produkte und Services zu nennen, zu verhandeln und durchzusetzen: Dann setzen Sie auch in Ihrer Bewerbung den Preis für Ihre Arbeitsleistung fest.

Für Sie ist ein ausgeschriebener Job so wichtig, dass Sie in jedem Fall in das Jobinterview wollen, um dort als beherzter Löwe für Ihre Jobchance zu kämpfen: Keinen Gehaltswunsch im Anschreiben äußern.

Sie erzielen bereits ein Spitzengehalt: Verhandlung über Kompetenzen kommt vor Gehaltsverhandlung. Sie verstoßen gegen den Grundsatz Die ersten Dinge zuerst, wenn Sie bereits im Anschreiben Ihr Gehaltsziel angeben.

Sie möchten sich zeitraubende Anbandeleien ersparen. Entweder man geht auf Sie ein oder man lässt es. Sie notieren deshalb Ihre aktuelle oder angestrebte Gesamtvergütung im Anschreiben.

Sie bewerben sich aus einer Position der Stärke: Gehaltslatte schon im Anschreiben so hoch wie möglich hängen - selbstredend ohne dabei rot zu werden.

Sie bewerben sich aus einer Position der Schwäche: Bauen Sie im Anschreiben Ihre Argumentation auf, liefern Sie eine selbstbewusste und offensive Präsentation ab und halten Sie sich ansonsten bedeckt.

Sie werden bisher nach BAT bezahlt: Mach keinen Ärger. Sags dem Personaler.

Sie fragen sich: Ausgerechnet ich soll wissen, was man in dem Job so verdient. Halten Sie im Anschreiben die Klappe und finden Sie Ihren Vergütungsrahmen spätestens bis zum Jobinterview heraus. Sonst: Schiffbruch.

Sie haben in Ihrem tristen Leben weder eine einzige Diskussion noch eine Verhandlung gewonnen: Auf einen Stuhl klettern und die Gehaltslatte so hoch hängen, dass es Ihnen schon beim Hinschauen schlecht wird. Den Wert dann im Anschreiben notieren. Grund: Sie werden sich sicher auf eine niedrigere Summe einigen, als von ihnen angegeben. Es wird aber auch eine höhere Summe sein, als wenn Sie dem Jobanbieter den Betrag hätten vorgeben lassen.

Sie sind derzeit Gehaltsempfänger und erwarten nicht, in einem neuen Job viel mehr zu verdienen. Rechnen Sie alle Leistungen zusammen, runden Sie den Betrag ab, geben Sie im Anschreiben Ihre Gesamtvergütung in Tausend Euro an.

Wenn Bewerbungstrainer oder Karriereberater Ihnen sagen, "Anschreiben ohne Gehaltsvorstellung bearbeiten die Personaler nicht", dann sagen Sie den Bewerbungstrainern: "Bewerbungstrainer, die generalisieren, glauben entweder den Personalern. Dann sind sie einfach doof. Oder sie glauben an Vorschriften. Dann sind sie zweifach doof."

Personaler, die Ihnen sagen, "Anschreiben ohne Gehaltsvorstellung akzeptieren wir nicht", flunkern. Haben Sie Verständnis dafür. Personaler werden der Welt nicht preisgeben, was jeder starke und seiner Stärken bewusste Bewerber mit seinem Angebot reflexartig bei ihnen auslöst: das Bedürfnis, mit eben der Person zu reden.

In einem Satz: Winklerfeste Bewerber wägen selbst ab, ob sie im Anschreiben eine Preis-Leistungsrechnung aufmachen und lassen sich dabei weder von furchtsamen Ratgebern noch von interessegeleiteten Personalern kirre machen. Schließlich zählt es zur vornehmsten Aufgabe des Personalers, Exzellenz zu erkennen. Es liegt außerdem im Ermessen des Leistungsanbieters, Konditionen und Verhandlungsthemen genau dann einzubringen, wenn er es für richtig hält. Oder sich zurück zu nehmen und darauf zu warten, ob und wie die Gegenpartei das Thema aufgreift.

Immer gilt für Bewerber: Bewerben Sie sich nie ohne präzise Gehaltsvorstellung. Machen Sie aus einem aktuellen Jahresgehalt eine schöne runde Zahl, aber täuschen Sie nicht ein höheres Gehalt vor. Wer als Bewerber zuerst die Karte aufdeckt, verliert im Gehaltspoker. Er wird nie mehr erhalten, als eben den Betrag, den er genannt hat.

Andererseits bildet bei jeder Preisfindung der zuerst genannte Preis die Richtschnur. Die Verhaltensregel kann also nur sein: Bauen Sie mit Ihrer Präsentation und Verhandlung eine nicht zu erschütternde Position der Stärke auf. Nennen Sie dann entweder als erster einen Preis für Ihre Leistung, der etwas höher liegt als der Preis, den Sie selbst für realistisch und angemessen halten. Oder kontern Sie ohne zu Zögern einen ersten Preisvorschlag – selbst dann, wenn er Ihr eigenes Ziel bereits übertrifft.

 

Einige Formulierungshilfen, sofern Sie das Thema im Anschreiben aufgreifen:

"Mein aktuelles Jahresgehalt von xx TEuro spiegelt meine nachweisbare Leistungssteigerung der letzten Jahre und meine Erfolge als nicht mehr angemessen wieder."

"Ich habe in den vergangenen drei Jahren alle Zielvereinbarungen weit übertroffen. Deshalb entspricht mein derzeitiges Jahresgehalt von xx TEuro meinem Status als Leistungsträger."

"Ich strebe den beruflichen Einstieg zum nächst möglichen Zeitpunkt an und orientiere mich auch in Sachen Gehaltsziel an Ihren Rahmenbedingungen."

"Lassen Sie sich in einem persönlichen Gespräch von meiner besten fachlichen Eignung, von meiner Teamstärke und von meiner Flexibilität in Sachen Einstiegstermin und Gehalt überzeugen. Ich freue mich über Ihren Anruf oder Ihre Mail."

Weitere nachhaltige Auführungen zu Gehalt und Verhandlung finden Sie in meinem Handbuch Anders bewerben. Lassen Sie sich ansonsten nicht von den wirren Zeitläuften verdrießen. Viele arbeiten prima und verlieren dennoch ihren Job. Manche versagen krass und bleiben dennoch im Amt. Auch für die ist irgendwann Zahltag.

Zu Ihren vorrangigen Bewerber-Aufgaben zählt: eine Organisation zu überzeugen, dass sie Ihnen für Ihre Mitarbeit einen angemessenen Preis zahlt.

Autor: Gerhard Winkler

Quelle: freenet.de
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