Ryanair-Pilotenstreik trifft Deutschland am härtesten

Lahmgelegt: Eine Ryanair-Maschine steht auf dem Gelände des
Flughafens Bremen. Foto: Jörg Sarbach
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Lahmgelegt: Eine Ryanair-Maschine steht auf dem Gelände des Flughafens Bremen. Foto: Jörg Sarbach

© Jörg Sarbach
10.08.2018 - 17:02 Uhr von Christian Ebner, dpa

Ryanair hat erstaunlich schnell gelernt, mit Streiks umzugehen. Ein radikaler Schnitt hat heute größeres Chaos an den deutschen Flughäfen verhindert. Doch es könnte erst der Anfang gewesen sein.

Frankfurt/Main (dpa) - Mit einem abgestimmten Streik in fünf europäischen Ländern haben Piloten den Billigflieger Ryanair empfindlich getroffen. Mitten in der Urlaubszeit mussten die Iren jeden sechsten Flug ihres europaweiten Tagesprogramms absagen und damit rund 55.000 Passagiere enttäuschen.

Auf Deutschland entfielen 250 von 400 gestrichenen Verbindungen, so dass am Morgen an den Ryanair-Schaltern auf vielen deutschen Flughäfen nahezu gespenstische Ruhe herrschte.

Ein Chaos in den Terminals blieb aus, weil das Unternehmen bereits am Mittwoch nach der Streikankündigung betroffene Passagiere informiert hatte. Erst gegen 8 Uhr zogen in Berlin-Schönefeld die ersten Passagiere ihre Rollkoffer durch das bis dahin menschenleere Labyrinth aus Absperrbändern vor dem Check-In. Sie hatten auf ihrem Weg ins kroatische Zadar Glück, dass ihre Maschine zuvor aus einem anderen, nicht-bestreikten Land nach Berlin geflogen war. Rund ein Drittel der deutschen Passagiere konnte Ryanair auf diese Weise doch noch an ihre Zielorte fliegen.

Die übrigen 42.000 Gäste sollten entweder umgebucht werden oder den Ticketpreis zurückerhalten. Weitergehende Entschädigungen lehnt Ryanair ab, weil man die Streiks nicht beeinflussen könne. Grundsätzliche Rückendeckung für diese Haltung gab es von der EU-Kommission. Streiks könnten nach EU-Recht als Ausnahmesituation gewertet werden, erklärte ein Sprecher in Brüssel. Die Fluggesellschaft müsse jedoch nachweisen, dass alle angemessenen Maßnahmen unternommen worden sind, Flugausfälle und -verspätungen zu verhindern. All dies müsse von Fall zu Fall entschieden werden.

Die deutsche Piloten-Gewerkschaft "Vereinigung Cockpit" zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Arbeitskampfes. Eine Verlängerung über Samstagmorgen um 02.59 Uhr hinaus sei nicht geplant, sagte Sprecher Janis Schmitt. "Wir werden uns den heutigen Tag anschauen und bewerten. Wir hoffen, dass Ryanair unser Signal verstanden hat und dann zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist." Weitere Streiks will die Gewerkschaft nicht ausschließen.

Aus Sicht der Gewerkschaft hat Ryanair mit seiner nahezu umfassenden Absage der Flüge mit in Deutschland stationierten Jets und Crews vernünftig gehandelt, da man so sämtliche betroffenen Passagiere rechtzeitig informieren konnte. Es sei durchaus auch im Sinne der Piloten, wenn Chaos an den Schaltern vermieden werde, sagte Schmitt. Auch stünden die Flugzeuge nach einem Tag Pause am Samstagmorgen wieder dort, wo sie benötigt würden.

Auch in Schweden, Irland, Belgien und den Niederlanden legten Piloten ihre Arbeit nieder, um bessere Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Das Unternehmen teilte mit, dass trotz der Streiks am Freitag europaweit rund 2000 Flüge stattfänden, rund 85 Prozent des ursprünglichen Flugplans. Die österreichische Laudamotion strich 20 Flüge, weil von Ryanair ausgeliehene Flugzeuge und Crews fehlten.

In den Niederlanden war Ryanair am Vorabend mit dem Versuch gescheitert, den Streik per Gerichtsbeschluss stoppen zu lassen. Flugausfälle habe es dort aber nicht gegeben, teilte das Unternehmen mit. Nach Informationen der Pilotengewerkschaften wurden in den niederländischen Jets sogenannte Managementpiloten und nicht streikberechtigte Leih-Piloten aus Belgien eingesetzt.

"Ich habe kein Verständnis für Ryanair, aber für die Piloten", sagte der Berliner Nikita, der mit zwei Freunden in den Urlaub flog. "Sie müssen ihre Arbeitskleidung selbst zahlen, Verpflegung an Bord." - Ein anderer ruft dazwischen: "Beschwerden auf hohem Niveau." "Aber viele sind auch nicht mal fest angestellt", erwidert Nikita. Beide haben keine Sorgen, dass sie wegen eines weiteren Streiks nicht aus dem Urlaub zurückkommen: Zurück fliegen sie nicht mit Ryanair.

Die abgestimmte Aktion ist der größte Pilotenstreik in der Geschichte der größten Billig-Airline Europas, die erst seit Ende 2017 Gewerkschaften anerkennt. Vor zwei Wochen hatten Flugbegleiter in Portugal, Spanien und Belgien über zwei Tage zusammen rund 600 Flüge mit knapp 100.000 betroffenen Passagieren ausfallen lassen. Unter den europäischen Piloten hatten zuvor einzig die Iren an vier einzelnen Tagen die Arbeit niedergelegt. Ryanair hatte daraufhin den Abzug von sechs Jets samt 300 Arbeitsplätzen nach Polen angekündigt.

Gewerkschaften und Ryanair beschuldigen sich gegenseitig, die seit rund sechs Monaten laufenden Verhandlungen zu blockieren. Die VC will bei der Airline erstmals ein System aus Vergütungs- und Manteltarifvertrag etablieren und zieht zum Vergleich Konkurrenten heran. Ryanair verweist auf vergleichsweise hohe Endgehälter ihrer Kapitäne und Copiloten, die über dem Niveau von Eurowings oder Norwegian lägen. Das Unternehmen will keine Vereinbarungen treffen, die sein Niedrigkostenkonzept in Frage stellen würden.

Die zahlreichen ungelösten Tarifkonflikte mit Piloten und Flugbegleitern in europäischen Ländern bergen die Gefahr von Dauerstreiks. Die Arbeitskämpfe setzten dem Billigflieger zu, schreibt der Analyst der britischen Investmentbank HSBC, Andrew Lobbenberg. Passagiere könnten sich wegen der Unsicherheit künftig zurückhalten, Ryanairs Gewinne würden durch Umbuchungen geschmälert.

Quelle: dpa-infocom GmbH
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