Betrug, Datenklau und Korruption: Wirtschaftskriminalität bei deutschen Unternehmen

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Mehr als 60 Prozent der deutschen Großunternehmen waren in den vergangenen zwei Jahren von Betrug, Spionage, Korruption und anderen Straftaten betroffen. Gleichzeitig sind die finanziellen Schäden durch Wirtschaftskriminalität drastisch gestiegen. Das gilt vor allem für Kartellabsprachen, Produktpiraterie und Datendiebstähle. Zudem zeigt sich: Die meisten Delikte werden noch immer zufällig entdeckt; der typische Täter ist männlich, etliche Jahre im Unternehmen und oftmals im Management zu finden.

Jeder aufgedeckte Fall von Wirtschaftskriminalität verursachte im Durchschnitt einen Schaden von knapp 4,3 Millionen Euro. Im Zeitraum von 2005 bis 2007 waren es noch knapp 1,6 Millionen Euro, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg belegt. Die zusätzlichen Aufwendungen für das Schadensmanagement, beispielsweise Anwaltskosten, lagen von 2007 bis 2009 unverändert bei rund 830.000 Euro je Delikt.

Wettbewerbsdelikte bringen Höchstschaden

Die häufigsten Wirtschaftsstraftaten der vergangenen zwei Jahre waren Vermögensdelikte wie Betrug oder Unterschlagung (41 Prozent aller Fälle), gefolgt von Wettbewerbsdelikten (39 Prozent) und Korruption (13 Prozent). Die weitaus größten Durchschnittsschäden verursachten Kartellabsprachen, Produktpiraterie, Datendiebstahl und andere Wettbewerbsstraftaten mit im Schnitt gut 5,8 Millionen Euro. Vermögensdelikte schlugen mit rund 1,7 Millionen Euro zu Buche, Korruptionsfälle mit durchschnittlich knapp 1,6 Millionen Euro.

In den Berechnungen nicht enthalten sind die kaum quantifizierbaren indirekten Schäden. Sie sind vor allem bei Wettbewerbsdelikten hoch. So berichtete jedes vierte Unternehmen, das an einer Kartellabsprache beteiligt war, über große Folgeschäden, beispielsweise durch die Abwanderung von Kunden oder verstärkte Kontrollen der Aufsichtsbehörden. Als gravierende indirekte Schäden wurden allgemein beeinträchtigte Beziehungen zu Geschäftspartnern, eine sinkende Arbeitsmoral bei den Beschäftigten sowie negative Auswirkungen auf den Aktienkurs genannt.

Delikte werden meist zufällig entdeckt

Rund sieben von zehn Straftaten wurden in den vergangenen zwei Jahren durch Tippgeber oder rein zufällig entdeckt - und das, obwohl die befragten Unternehmen ihre Kontroll- und Präventionsmaßnahmen in dieser Zeit verstärkt haben. Die nach wie vor hohe Zufallsquote wecke Zweifel an der Effizienz von Kontroll- und Präventionsvorkehrungen, meint dann auch Professor Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Es gebe noch in zu wenigen Unternehmen ein Hinweisgebersystem oder zumindest einen Ombudsmann, an den sich Unternehmensangehörige oder auch externe Lieferanten oder Subunternehmen vertrauensvoll wenden könnten.

Top-Manager landen seltener vor Gericht

Die knappe Mehrheit (51 Prozent) der Haupttäter stammt laut der PwC-Studie aus den geschädigten Unternehmen selbst. Der "typische" Täter ist dabei männlich (90 Prozent der Fälle) und seit mehr als zehn Jahren in der Firma beschäftigt (45 Prozent). Gut zwei Drittel der Straftaten werden von Führungskräften begangen, knapp 30 Prozent der Delikte von Angestellten im Top-Management.

Bemerkenswert ist, dass sich Täter in den vergangenen Jahren seltener vor Gericht verantworten mussten. Stellten die Unternehmen zwischen 2005 und 2007 noch gegen 61 Prozent der Überführten eine Strafanzeige, sank die Quote zwischen 2007 und 2009 auf 50 Prozent. Dabei werden Täter aus dem Top-Management deutlich seltener angezeigt (33 Prozent) als mittlere Führungskräfte (49 Prozent) oder Beschäftigte ohne Führungsaufgaben (54 Prozent). Für 20 Prozent der überführten Top-Manager hatte ihre Tat sogar überhaupt keine Konsequenzen.

"Zwar lässt sich die relative Milde gegenüber Tätern aus der Führungsetage auch mit besonderen rechtlichen und sachlichen Schwierigkeiten im Einzelfall erklären. Allerdings ist diese Praxis unter dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion des Managements äußerst problematisch", betont Steffen Salvenmoser, ehemaliger Staatsanwalt und Partner bei PwC.

Tatmotive sehr unterschiedlich

Wie die Studie ebenfalls zeigt, sind die Tatmotive aus Sicht der befragten Unternehmen vielfältig. Die Mehrzahl der Überführten wurde offenbar wegen einer Kombination aus finanziellen Anreizen (55 Prozent) und mangelndem Unrechtsbewusstsein (62 Prozent) straffällig. Doch verwiesen einige Befragte auch auf unternehmensspezifische Defizite. So führten sie 14 Prozent der Delikte auf eine mangelnde Kommunikation von Unternehmenswerten und ethischen Richtlinien zurück. Bei einem ebenso großen Teil der Delikte war der Druck durch Zielvorgaben zumindest ein Auslöser für die Straftat.

Wirtschaftskrise als zusätzlicher Treiber

Für die kommenden Jahre erwarten die Unternehmen auch angesichts der Wirtschaftskrise einen weiteren Anstieg der Wirtschaftskriminalität. Gut 40 Prozent der Befragten rechnen in ihrer Branche verstärkt mit Wettbewerbsdelikten wie Industriespionage oder Kartellabsprachen. Knapp jedes dritte Unternehmen prognostiziert mehr Straftaten auf Grund von Arbeitsplatzsorgen der Beschäftigten.

"Vor diesem Hintergrund überrascht, dass die befragten Firmen ihre Investitionen in Präventions- und Kontrollmaßnahmen kaum erhöhen wollen", kritisiert PwC-Partnerin Claudia Nestler. Jedes fünfte Unternehmen wolle das Budget in den kommenden zwei Jahren sogar kürzen. Anders als beispielsweise in den Vereinigten Staaten werde das Thema offenbar von vielen deutschen Unternehmen noch immer nicht ernst genommen.

Hintergrund zur Studie

Für die Studie "Wirtschaftskriminalität 2009 - Zur Sicherheitslage in deutschen Großunternehmen" wurden im Frühjahr 2009 zunächst 500 deutsche Großunternehmen befragt. Im August folgten 100 Interviews zu den erwarteten Folgen der Wirtschaftskrise. Die Erhebung umfasst alle entdeckten Straftaten der Jahre 2007 und 2008 und ist damit umfassender als die Kriminalstatistik, die nur die zur Anzeige gebrachten Delikte berücksichtigen kann. Um Verzerrungen durch Einzelfälle zu vermeiden, wurden nur Delikte bis zu einer Schadenshöhe von 250 Millionen Euro berücksichtigt.


Autor: mbr

Quelle: freenet.de
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