Soziale Phobie: Angst vorm Pinkeln

Bei fast allen Männern, kommt es einmalig oder selten auf der öffentlichen Toilette vor, dass die beabsichtigte Blasenentleerung nicht zustande kommt, obwohl die Toilette mit entsprechendem Harndrang aufgesucht wurde.
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Bei fast allen Männern, kommt es einmalig oder selten auf der öffentlichen Toilette vor, dass die beabsichtigte Blasenentleerung nicht zustande kommt, obwohl die Toilette mit entsprechendem Harndrang aufgesucht wurde.

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Wed Aug 24 16:30:00 CEST 2016 - Wed Aug 24 16:30:00 CEST 2016 Uhr

2,7 bis 7 Prozent der Männer leiden unter einer besonderen sozialen Phobie: Sie haben panische Angst vor dem Pinkeln auf öffentlichen Toiletten. Diese "schüchterne Harnblase" hat weitreichende Konsequenzen: Reisen oder Freizeitunternehmungen wie zum Beispiel Kneipen- oder Kinobesuche werden zunehmend vermieden. Volksfeste wie Karneval sind eine Horrorvorstellung. In schlimmen Fällen führt dies zur sozialen Isolation. Düsseldorfer Forscher helfen mit einer ungewöhnlichen Therapie.

Paruresis oder Urinierhemmung ist ein häufiges Leiden. Betroffen sind überwiegend Männer, zumindest in leichterer Form sollen 2,7 bis 7 Prozent darunter leiden. Man spricht auch von der schüchternen Harnblase oder psychisch bedingten Entleerungsstörungen. Gemeint ist das Unvermögen in Anwesenheit anderer – oder in der Befürchtung, dass andere dazukommen – auf öffentlichen Toiletten zu urinieren.

Bei fast allen Männern, kommt es einmalig oder selten auf der öffentlichen Toilette vor, dass die beabsichtigte Blasenentleerung nicht zustande kommt, obwohl die Toilette mit entsprechendem Harndrang aufgesucht wurde. Für die Diagnose der Paruresis mit entscheidend ist, dass die Angst vor dem Scheitern des Vorhabens vorhanden ist. Diese Angst ist es letztlich, die die Blasenentleerung unmöglich machen kann. Der seelische Stress zieht die Ringmuskeln in der Blasenregion zusammen und verschließt die Harnröhre.

Horrorvorstellung: "Ich komm mit aufs Klo"
Pinkelrinnen in Toilettenwagen wie jetzt überall bei den Faschingsumzügen werden zur Horrorvorstellung, noch schlimmer kann es nur werden, wenn ein Bekannter androht, dass er zum Pinkeln mit gehen will. Oft wird dann der Besuch öffentlicher Toiletten vermieden, Freizeitunternehmungen wie zum Beispiel Kneipen- oder Kinobesuche, bei denen das Risiko besteht, auf eine öffentliche Toilette angewiesen zu sein, werden zunehmend ebenfalls vermieden. In schlimmeren Fällen kann dies zu einer sozialen Isolation führen.

Die Angst davor, dass der Mechanismus der Harnentleerung in der Öffentlichkeit der Herrentoilette nicht funktioniert, ist dabei oft kombiniert mit der übermäßigen Angst, dass der nachträufelnde Harn an der Hose sichtbare Nassstellen hinterlässt. Wenn es dann doch trotz unerwünschtem Publikum geklappt hat, bleiben dann die als peinlich empfundenen (und nicht selten übertriebenen und länger dauernden) Prozeduren sicherzustellen, dass die Hose trocken bleibt.

Ein bisschen Toilettengeschichte

Toiletten zum Sitzen soll es schon vor 3500 Jahren in Indien und vor 3100 Jahren im alten Ägypten gegeben haben, die erste Wasserspülung ist vor 3000 Jahren in Betrieb genommen worden.


Im Mittelalter wurden die Exkremente einfach aus den Fenstern auf die Straßen der Städte geschüttet. Ab dem 16. Jahrhundert wurde der Zusammenhang zwischen Schmutz und Krankheit in Europa ernst genommen, erste Verordnungen schrieben Toiletten für Häuser vor. 1739 wurde in einem Pariser Restaurant die erste nach Geschlechtern getrennte Toilette eingeführt. 1824 soll die erste öffentliche Toilette in Paris in Betrieb genommen worden sein.

Soziale Ängste haben möglicherweise im Altertum beim Urinieren keine Rolle gespielt. Im Alten Rom sollen bei Gesellschaften Sklaven silberne Urinpötte gebracht haben, in die die Herren ungeniert urinierten, während sie Spiel und Unterhaltung weiterführten.

Single-Wohnungen mit mangelndem sozialem Training, zunehmende Ansprüche an Hygiene und Sauberkeit bei gleichzeitiger Tabuisierung der (häufig gestörten) menschlichen Ausscheidungsfunktionen machen anfälliger für psychische Störungen, die mit den Ausscheidungsfunktionen im Zusammenhang stehen.

Es gibt keine allgemein gültige Ursache der Paruresis: Selbstwertprobleme, Minderwertigkeitsgefühle oder eine allgemein übertriebene Neigung zur Scham können bei der Entstehung eine Rolle spielen.

Die Kontrolle über die Blasen- und Darmentleerung ist eine Voraussetzung für die gelungene soziale Integration in den Kindergarten und die Schule. Wenig andere Makel sind so peinlich wie ein Einnässen oder ein Einkoten in der Öffentlichkeit. Hosenscheißer, Hosenseicher, Bettnässer gehören zu den Schimpfwörtern, die Kinder besonders treffen. Diese soziale Ächtung der mangelhaften Blasen- oder Enddarmkontrolle stellt eine Motivation für Kinder wie Eltern dar, möglichst bis spätestens zum Kindergarten oder Schuleintritt diesen Meilenstein in der kindlichen Entwicklung zu erreichen.

Nicht nur für die verspotteten Nachzügler in dieser Entwicklung bleibt die Gewissheit, dass bei erkennbar mangelnder Kontrolle dieser Ausscheidungsfunktion eine nie vergessene Peinlichkeit droht. Druck und Zwang bei unbeholfener Erziehung besorgter Eltern können ebenso auslösend für spätere Probleme sein, wie besonders beschämende Situationen im Zusammenhang mit der mangelhaften Kontrolle der Ausscheidungen in Kindergärten, Schulen etc.

Besonders überangepasste ehrgeizige Menschen, Menschen die um keinen Preis auffallen wollen und Menschen mit anderen sozialen Ängsten sind anfällig für die Angst vor peinlichen Situationen auf der Herrentoilette. Hier könnte scheinbar sichtbar werden, dass sie den Meilenstein der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion nicht sicher erworben haben.

Versagen beim pubertären Weitpinkeln?


Das Scheitern bei pubertären Weitpinkelwettbewerben oder in anderen Situationen, bei denen es galt, die Männlichkeit zu beweisen, kann ebenfalls eine auslösende Beschämung sein.

Wie bei alle sozialen Phobien ist eine verhaltenstherapeutische Behandlung Erfolg versprechend. Das Verfahren ist dabei ähnlich wie bei der Behandlung anderer Phobien. Betroffene lernen dabei sich mit Unterstützung eines Therapeuten der gefürchteten Situation schrittweise auszusetzen. Entspannungsverfahren unterstützen sie dabei. Die Angst lässt unter dieser Exposition mit der Übung nach. Die Urinierhemmung verschwindet.

Pinkeln mit Therapeuten


In einem Forschungsprojekt des Instituts für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf untersuchte Dr. Hammelstein die verhaltenstherapeutische Behandlung der Paruresis und kann bei einer Untersuchung von 60 Patienten auch sehr gute Erfolge vorweisen. Hammelstein und seine Kollegen gehen zusammen mit ihren Patienten vor ein Pissoir. Anfangs kann das Üben nach reichlichem Wassergenuss qualvoll sein. Aber jeder Erfolg kann die Phobie brechen, "auch wenn wir anfangs vielleicht 20 Minuten auf den Strahl warten müssen", sagt Hammelstein. Am Ende gehen die Patienten gemeinsam angstfrei auf eine viel frequentierte Toilette und der Psychotherapeut bleibt vor der Tür stehen.

Die Therapeuten, die bereit sind, die Betroffenen auf die Herrentoilette zu begleiten, dürften allerdings nicht überall in der Republik in ausreichender Zahl zu finden sein.

Das Forum Paruresis.de bietet Betroffenen Unterstützung und Austausch. Überwiegend finden sich dort neben der Darstellung von Leidensgeschichten Betroffener auch nützliche Tipps für Betroffene. Wie in allen Foren ist nicht alles, was gepostet wird, sinnvoll. Im Zweifel sollten Betroffene immer auch mit ihrem Arzt über das Thema sprechen.

Quelle: Karl C. Mayer
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