Beschneidung: HIV-Schutz?

Beschneidung: HIV-Schutz?
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Beschneidung: HIV-Schutz?

 
14.10.2004 - 22:00 Uhr

von Achim Raschka

Beschneidung hat außerhalb Europas eine lange Tradition und auch Urologen in Deutschland wollen einen Trend zum "unten ohne" erkennen. Eine neue Studie kommt einer kleinen Sensation gleich: Französischen Wissenschaftlern zufolge könnte die Beschneidung das HIV-Risiko unter Männern drastisch senken. Wir erklären die verschiedenen Techniken, welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben und klären die Frage, ob Beschnittene die besseren Liebhaber sind.

In Europa stellt ein beschnittener Penis heutzutage eine Seltenheit dar. Ohne medizinische Gründe, allen voran die Vorhautverengung (Phimose), ist die Beschneidung hier immer noch unüblich. In anderen Kulturen, etwa dem Islam oder dem Judentum, gehört sie dagegen zum festen Bestandteil der Mannwerdung und wird entsprechend gefeiert.

Auch in den USA wurden bis vor wenigen Jahren fast alle männlichen Kleinkinder beschnitten. Diese Tradition brachten die Engländer nach Amerika, die in der Beschneidung eine "Therapie" der Selbstbefriedigung sahen. Aufgrund massiver Kritik vor allem von Elternseite ist die Zahl der Beschneidungen mittlerweile auf unter 60 Prozent gefallen. Interessantes Detail am Rande: Wie Medicine Worldwide schreibt, bekommt der Operateur pro Eingriff circa 100 bis 200 Dollar.

In den letzten Jahren entscheiden sich in Europa zunehmend junge Männer für eine Beschneidung aus ästhetischen Gründen – vor allem in Schwulenkreisen erfreut sie sich wachsender Beliebtheit.

Schutz vor HIV-Infektion
Einer Studie der französischen Agentur für Aids und Hepatitis [LINK "http://www.anrs.fr" ]ANRS zufolge könnte die Beschneidung das HIV-Risiko unter Männern drastisch senken. Die Forscher haben mehr als 3.000 Männer in Südafrika untersucht und präsentierten ihre Studie auf der [LINK "http://www.ias-2005.org" ] Konferenz über Aids in Rio. Demnach könnten sieben von zehn Infektionen durch Beschneidung verhindert werden, meint Studienleiter Bertrand Auvert.

Die Untersuchungen zeigten, dass die beim Beschneiden entfernte Vorhaut eine Vielzahl von Zellen enthält, die für das HI-Virus besonders leicht zugänglich sind und ihm das Eindringen in den Körper erleichtern. Dennoch weisen Ärzte daraufhin, dass der einzige sichere Schutz vor HIV und AIDS die Benutzung von Kondomen sei.

Die ältesten belegten Fälle der Beschneidung von Männern stammen aus Ägypten von einem Relief aus dem Jahr 2420 vor unserer Zeitrechnung. Auf diesem ist sehr detailliert die Beschneidung an einem Mann dargestellt. Seit wann es die Beschneidung allerdings wirklich gibt, liegt im Dunkeln. Verschiedenen Theorien zufolge soll es bereits in der Antike Beschneidungen zur Kontrolle des Geschlechtslebens und zur Abwertung der Sklaven und der Unterschicht gegeben haben.

Andere Theorien legen nahe, dass die Beschneidung eine kultische Ablösung der Menschenopfer darstellen könnte. Auch eine rein medizinische Hypothese existiert, wobei mit der Entfernung der Vorhaut auch das "Versteck" von bösen Geistern, Teufeln oder Dämonen beseitigt wurde. Ersetzt man darin die Dämonen durch die Krankheitserreger kommt man der modernen Begründung für eine Beschneidung bereits sehr nahe. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Beschneidung zu einem Zugehörigkeitszeichen bestimmter Glaubensrichtungen oder Völker, wie es heute noch beim Judentum oder dem Islam der Fall ist.

Beschneidung als Kur gegen Masturbation
In der frühen Neuzeit, etwa ab dem 18. Jahrhundert, kam jedoch eine weitere Begründung für eine Beschneidung auf: "Die Geschlechtsorgane sollten so verletzt und geschwächt werden, dass sie zwar noch funktionieren, aber keine 'überschüssige' Lust mehr zulassen. Die Geschlechtsorgane bedürften keiner Perfektionierung, es gehe nicht um die Korrektur eines angeborenen, sondern eines moralischen Makels," wie es der mittelalterliche Rabbiner Moses Maimonides ausdrückte.

Die Begründung wurde auch im christlichen Europa populär, so dass etwa der Schweizer Arzt Samuel Tissot im 18 Jahrhundert die Beschneidung als Kur gegen die Masturbation empfahl. Diese war für ihn die Ursache für jugendliche Rebellion sowie verschiedene Krankheiten wie Epilepsie, Rückenmarkserweichung, Hysterie und Neurosen.

Auf besonders fruchtbaren Boden fiel diese These im viktorianischen England. Besonders in der Oberschicht kam die Beschneidung in Mode, um die Kinder keusch zu halten. Von England verbreitete sich diese Ansicht weltweit, vor allem in die USA und Kanada, Australien, Südafrika und Indien. In den sehr puritanischen USA wurde die Masturbation aus religiösen Gründen verteufelt und so fand hier im 19 Jahrhundert die Beschneidung starke Verbreitung.

Im 20. Jahrhundert änderte sich das Argument, nicht jedoch die Praxis. Die religiöse und erzieherische Begründung war nicht mehr haltbar und musste nun der Forderung nach Intimhygiene weichen.

Als Beschneidung des Mannes, medizinisch als "Zirkumzision" bezeichnet, wird die Entfernung der Vorhaut am Penis bezeichnet. Dies geschieht in einer echten Operation. Auch bei Frauen gibt es eine Form der Beschneidung, die in verschiedenen Kulturen angewendet wird. Diese stellt allerdings keinen kleinen Eingriff dar und wird international als "Weibliche Genitalverstümmelung" geächtet.

Bei der Beschneidung wird die Vorhaut des Penis ganz oder teilweise entfernt. Dabei handelt es sich um die Haut, die im Normalfall die Eichel des Penis umschließt. Üblich ist eine radikale Beschneidung, bei der die Eichel sowohl im erigierten als auch im nicht erigierten Fall sichtbar ist. Aufgrund der Platzierung der Narbe unterscheidet man verschiedene Typen.

Low & loose in Europa
So kann die Narbe direkt an der Eichel liegen ("low") oder weiter oben am Schaft ("high"). Außerdem gibt es eine Technik, bei der die Eichel des nicht erigierten Penis teilweise bedeckt ist ("loose") und eine, bei der sie ständig frei liegt ("tight"). In Europa ist dabei "low & loose" verbreitet, in den USA hauptsächlich "high & tight".

Wie bereits erwähnt handelt es sich um einen echten chirurgischen Eingriff, der im Normalfall außer bei einigen rituellen Beschneidungen unter Voll- oder Lokalnarkose erfolgt. Er wird als Routineeingriff angesehen, birgt allerdings wie andere Operationen Risiken. So kann es bei unsachgemäß durchgeführten Schnitten zu Entzündungen oder starken Blutungen kommen, auch Verletzungen des Penis bis hin zu irreparablen Verstümmelungen kommen in seltenen Fällen vor. Hinzu kommen etliche Narkoseunfälle, die in den USA auf einige hundert Todesfälle pro Jahr geschätzt werden.

Eine Beschneidung aus medizinischen Gründen erfolgt meist bei einer so genannten Vorhautverengung oder Phimose. Diese wird im Säuglingsalter festgestellt. Bei der Phimose kann die Vorhaut nicht über die Eichel zurückgeschoben werden, wodurch sie auf der einen Seite schmerzhaft ist, auf der anderen keine ausreichende Penishygiene ermöglicht. Dabei ist eine Vorhautverklebung in den ersten Lebensjahren die Regel, diese löst sich allerdings von selbst. Die Beschneidung wird nur dann erforderlich, wenn eine echte Phimose oder eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Vorhaut vorliegt.

Festgestellt wird eine echte Phimose im ersten bis dritten Lebensjahr. Dabei kommt sie in Familien gehäuft vor, wird also vererbt. Alternativ zur Beschneidung können in vielen Fällen medikamentöse Behandlungen mit Hormon- oder Cortisonsalben die Phimose lösen, so dass eine Beschneidung nicht notwendig ist. Auch diese Behandlung ist nicht unumstritten, da gerade Hormongaben schwer kalkulierbar sind.

Natürlich bleibt die Entfernung der Vorhaut nicht ohne Folgen. Diese stellt bei unbeschnittenen Männern eine der empfindlichsten Stellen des Körpers dar und besitzt gemeinsam mit dem sehr häufig beschädigten Penisbändchen (Frenulum) eine sehr große Dichte an Nervenendungen. Diese werden bei der Beschneidung entfernt.

Ebenfalls sehr empfindlich ist die normalerweise durch die Vorhaut geschützte Eichel. Bei jung beschnittenen Männern verliert sie einen großen Teil ihrer Empfindlichkeit durch die Ausbildung einer dickeren Hautschicht und der ständigen Reibung an Kleidungsstücken.

Nachteil
Bei einer vollständig entfernten Vorhaut wird Berührung und vor allem Masturbation sehr oft als unangenehm empfunden und ist manchmal ohne Gleitmittel kaum möglich. Auch der Geschlechtsverkehr kann für diese Männer unangenehm werden. Außerdem klagen viele Männer, vor allem mit zunehmendem Alter, über starke Einbußen der sexuellen Empfindlichkeit des Penis, die sogar soweit gehen kann, dass es extrem schwierig wird, zum Höhepunkt zu gelangen.

Vorteile
Was für die einen ein Nachteil bedeuten kann, hat für andere auch Vorteile: Beschnittene Männer sollen gerade durch die reduzierte Empfindlichkeit beim Sex sehr ausdauernd sein, allein schon weil das Erregungsniveau und damit der Orgasmus erst später erreicht wird.

Allerdings: Ausdauer allein kein Garant für guten Sex
Die Tatsache, dass beschnittene Männer ausdauernder sind, macht sie allerdings nicht automatisch zum besseren Liebhaber. Studien, die dies bestätigen, gibt es daher auch nicht. Ob Beschnittene besser im Bett sind, kann daher auch nicht pauschal beantwortet werden. Böse Zungen behaupten, dass schlechter Sex dann einfach nur länger dauert.

Als weiterer Vorteil wird immer wieder die erleichterte Intimhygiene angeführt. Beim beschnittenen Mann können sich keine Bakterien und Schmutzstoffe unter der Vorhaut halten. Daher soll Peniskrebs bei beschnittenen Männern seltener auftreten als bei unbeschnittenen.

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts startete mit der Veröffentlichung des Textes "The Fate of the Foreskin" von Dr. Douglas Gairdner im British Medical Journal die Gegenbewegung zur Beschneidung. In dem Aufsatz erkannte der renommierte Arzt die Beschneidung als überflüssig und stellte zugleich die Funktionen der Vorhaut dar.

In der Folge sank in Großbritannien die Zahl der Beschneidungen von damals 50 auf heute weniger als 0,5 Prozent, vor allem, da sich die Krankenkassen weigerten, die Kosten zu übernehmen.

In den USA lehnen seit den 1980er Jahren immer mehr Eltern die routinemäßig durchgeführten Beschneidungen ab. Gegenwärtig liegt der Anteil der Beschneidungen bei Neugeborenen in den USA im Durchschnitt bei 57 Prozent, mit stark fallender Tendenz.

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