Fentanyl-Konsum nimmt laut Expertin zu

Das Schmerzmittel Fentanyl, das bis zu 100 mal stärker als
Heroin sein kann, ist in der Drogenszene ein wachsendes
Problem.
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Das Schmerzmittel Fentanyl, das bis zu 100 mal stärker als Heroin sein kann, ist in der Drogenszene ein wachsendes Problem.

 © Carsten Rehder

50 mal stärker als Heroin und 100 mal stärker als Morphin: Das Schmerzmittel Fentanyl ist nach Einschätzung der Drogenhilfe Kiel-Ost "ein zunehmendes Problem" in der Szene.

Schleswig/Kiel (dpa/lno) - Das Schmerzmittel Fentanyl, das bis zu 50 mal stärker wirkt als Heroin und 100 mal stärker als Morphin, ist in der Drogenszene "ein zunehmendes Problem". Diese Einschätzung jedenfalls äußert die Leiterin der Beratungsstelle Drogenhilfe Kiel-Ost, Birthe Kruska.

"Der Konsum hat zugenommen", berichtet Kruska. "Denn aus der Sicht von Süchtigen ist Fentanyl wegen seiner Hochpotenzen wirksamer und verlässlicher als Heroin, dass im Straßenverkauf angeboten wird." In Schleswig und Umgebung starben von Januar 2019 bis Januar 2020 vier Süchtige im Alter von 23 bis 40 Jahre. Sie hatten sich illegal Fentanyl-Pflaster beschafft.

Drogenabhängige nutzen den Wirkstoff als Ersatz für Heroin und sonstige Opioide. Manche reichern Heroin mit Fentanyl extra noch an. Einige Dealer strecken aus Profitgründen wiederum Heroin mit Fentanyl, je nach Marktpreis. Um Todesfälle zu vermeiden, informiert die Drogenhilfe über die extreme Gefährlichkeit von Fentanyl und rät vom Konsum des synthetischen Opioids eindringlich ab. "Falls manche Süchtige dennoch meinen, Fentanyl nehmen zu müssen, raten wir dazu, erworbenen Stoff allenfalls in Kleinstmengen zu testen", sagt Kruska. Denn die jeweilige Potenz von angebotenem Fentanyl sei für Konsumenten nicht erkennbar.

Nach der bundesweiten Drogenstatistik von 2017 und 2018 war Fentanyl-Konsum allein- oder mitverantwortlich für 8,6 beziehungsweise 4,1 Prozent der Drogentoten (2017: 1272 Tote; 2018: 1276 Tote). Der Anteil der Überdosierungen verursacht durch Fentanyl schwankt zwischen 9 und 13 Prozent, wie aus dem Drogen-, und Suchtbericht 2018 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung hervorgeht. Die bundesweiten Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor.

Zahl der Toten geht zurück

"Bei den illegalen Substanzen tritt Fentanylmissbrauch in Deutschland eher selten auf", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU). Die Todesfälle seien in den vergangenen Jahren rückläufig gewesen. "Aufgrund der hohen Wirkstärke ist Fentanyl jedoch einer der riskantesten Stoffe. Daher kann ich nur vor dem Missbrauch warnen. Wir stehen hier im ständigen Austausch mit den Behörden, den Ärzten und Suchtberatungsstellen. Das Thema haben wir natürlich im Blick!"

Zu den Opfern in den USA gehörte der US-Sänger Prince, der 2016 an einer Überdosis Fentanyl starb. Wie kommen Drogenabhängige in Deutschland an das verschreibungspflichtige Schmerzmittel? Experten nennen verschiedene Möglichkeiten vom illegalen Bestellen im Darknet bis zum Durchsuchen von Mülleimern von Pflegeheimen, um benutzte Pflaster auszukochen und so den Wirkstoff zu gewinnen. Schwarze Schafe unter den Pflegediensten sollen noch wirksame Pflaster bewusst nach kurzer Zeit Patienten abreißen wegen des Fentanyls und veräußern oder sogar neue Pflaster verschwinden lassen. Aber auch "Ärztehopping" von Drogenabhängigen, die ein Rezept erhalten wollen, ist üblich.

Für die Aufbewahrung von Fentanyl in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen gelten strenge Regeln und Nachweispflichten, wie die schleswig-holsteinische Polizei betont. Das synthetisch hergestellte Opioid werde in der Schmerztherapie bei schweren Erkrankungen als Pflaster verabreicht, so dass der Wirkstoff kontrolliert durch die Haut aufgenommen werden könne. Außerdem finde Fentanyl in der Anästhesie Anwendung.

Fall in Schleswig-Holstein ist ungewöhnlich

Der Schleswiger Fall sei ungewöhnlich, sagt eine Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA). "Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der illegalen Abgabe von Betäubungsmitteln und des dadurch leichtfertig verursachten Todes wurden in allen vier Fällen eingeleitet." Ähnliche Fälle seien dem LKA in Schleswig-Holstein nicht bekannt. Die Zentralstelle Rauschgiftkriminalität im LKA habe einen Blick auf die weitere Entwicklung. Laut Polizei kannte sich die die Schleswiger Gruppe und konsumierte auch gemeinsam Drogen.

Die Polizei warnt dringend davor, Fentanyl anders als ärztlich verordnet zu verwenden: "Es kann - insbesondere auch bei gleichzeitiger Einnahme anderer medizinisch wirksamer Substanzen - akute Lebensgefahr bestehen!"

Quelle: dpa-infocom GmbH
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