Hypochondrie: Teure Krankheits-Angst

Hypochondrie: Teure Krankheits-Angst
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Hypochondrie: Teure Krankheits-Angst

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Dieses Schwindelgefühl und dann noch das gelegentliche Pochen im Kopf, das ist doch bestimmt ein Gehirntumor? So oder ähnlich verlaufen die Gedanken eines Hypochonders. Das entscheidende Merkmal der eingebildeten Kranken sind anhaltende Ängste vor einer körperlichen Erkrankung oder die Überzeugung, körperlich schwer krank zu sein, obwohl die Ärzte nichts finden. Es entsteht eine ängstliche Beziehung zum eigenen Körper. In Deutschland leidet rund sieben Prozent der Bevölkerung an hypochondrischen Ängsten &#8211 mit Milliardenkosten für das Gesundheitswesen. Doch was können die Betroffenen tun?

Hypochondrie ist weiter verbreitet als man denkt. Häufig sind es Prominente, die wenn es einmal zwickt, sofort an eine schlimme lange Krankheit denken. Bekannte Hypochonder sind zum Beispiel Charlie Chaplin, Franz Kafka oder Harald Schmidt, der seine Hypochondrie nicht selten zum Thema seiner Sendungen machte.

Dass jeder 14. Deutsche starke Angst vor Krankheiten hat, ergab jetzt eine psychologische Studie der Universität Mainz mit 1575 Probanden. Besonders viele Betroffene fürchteten sich vor Krebs, wie das Psychologische Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz mitteilte. Doch auch schwere Erkrankungen wie Aids oder Alzheimer sind Gegenstand der Angst. Oft werden die Betroffenen von Ärzten, Kollegen und Angehörigen belächelt und nicht ernst genommen. Dennoch leiden sie erheblich, sind in ihrer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität massiv eingeschränkt und werden nur selten richtig behandelt.

Historisches
Die Geschichte der Hypochondrie kann man bis weit in die antike Medizin zurückverfolgen. Die alten Griechen nahmen an, dass die Beschwerden der Hypochondrie von den Organen des Bauches (unterhalb der Rippen) ausgehen. Das erklärt auch die Herkunft des Begriffs, der sich aus den griechisch Wörtern "hypo" für "unter" und "chondros" für den "Brustknorpel" zusammensetzt. Hypochondrie ist also das "unter dem Brustknorpel befindliche" – nach antiker Auffassung sind die Organe des Unterleibs Sitz und Ursache von Gemütskrankheiten.

Schreckliche Gedanken schaden dem Körper
Erst im späten 17. Jahrhundert sah Thomas Willis die Ursache im Gehirn. 1725 anerkannte Sir Richard Blakemore, englischer Hofarzt, dass die Patienten wirklich leiden, und verurteilte die oft vorhandene Ablehnung und Verachtung gegenüber diesen Patienten. Er durchschaute auch den Mechanismus der Krankheitsentstehung: "Schreckliche Gedanken und Vorstellungen schaden mit der Zeit dem Gehirn und dem Körper mit schmerzhaften Empfindungen".

George Cheyne erhob 1733 die Hypochondrie zu einer Erkrankung der intelligenten Oberklasse und sprach von der "English Malady". Im späteren 18. und im 19. Jahrhundert sah man dann mehr eine Gehirnkrankheit in der Hypochondrie, die mit den Geisteskrankheiten vergesellschaftet ist oder in letztere übergehen kann. Wegen der durch seine Geschichte bedingten Behaftung mit vielen Vorurteilen, sollte der Begriff Hypochondrie im medizinischen Vokabular langfristig durch eine besser beschreibende Diagnose ersetzt werden.

Das entscheidende Merkmal der Hypochondrie sind anhaltende Ängste vor einer körperlichen Erkrankung oder die Überzeugung, körperlich schwer krank zu sein. Es entsteht eine ängstliche Beziehung zum eigenen Körper. Verschiedenste Missempfindungen werden wahrgenommen und führen zur objektiv unbegründeten Befürchtung oder gar Überzeugung, krank zu sein oder zu werden. Mit gesteigerter Aufmerksamkeit wird der eigene Körper ängstlich-sorgenvoll beobachtet und jede Unregelmäßigkeit überbewertet.

Ein angstbedingter Zustand von Überwachheit (Hyperarousal) mit vermehrter Aufmerksamkeit und geschärfter Wahrnehmung spielt eine wesentliche Rolle in der Symptomentstehung und erklärt einen Teil der vegetativen Symptome (Harndrang, Durchfall, Herzklopfen, ein Klos im Hals oder Verspannungen der Nackenmuskeln).

Entscheidend ist die Fehlinterpretation körperlicher Funktionsstörungen, die auch normalerweise vorkommen, als Beweis für das Vorhandensein einer schweren körperlichen Erkrankung. Die Fähigkeit sich selbst zu beruhigen, ist dabei verloren gegangen.

An dieser Stelle setzen moderne Therapien an. Sie verdeutlichen dem Patienten den Mechanismus und helfen ihm dabei zu lernen, sich selbst wieder zu beruhigen. Überprüfungs- und Beruhigungsrituale, die Ärzte und Angehörige häufig einbinden, müssen abgebaut werden.

Nach organmedizinischer Abklärung sollte frühzeitig eine psychiatrische Diagnostik erfolgen. Denn begleitende andere psychiatrische Erkrankungen sind häufig. Die Übergänge zu Zwangskrankheiten sind oft fließend. Häufig sind auch leichtere Symptome von Angstkrankheiten vorhanden. Depressionen kommen gleichzeitig oder als Komplikation vor.

Für nicht psychiatrisch geschulte Ärzte kann die diagnostische Unterscheidung von letztgenannten Krankheiten schwierig sein. Die Unterscheidung zu wahnhaften Störungen mit der Gewissheit an einer bestimmten Krankheit zu leiden, sollte vom Fachmann getroffen werden. Schließlich ist hier eine völlig andere Behandlung erforderlich.

Der richtige Umgang mit Arztbesuchen und Diagnostik
Regelmäßige Arztbesuche mit häufiger, übermäßiger Diagnostik schaden den Patienten, da zwar kurzfristig eine Beruhigung eintritt, diese aber mit einer weiteren Einbuße der eigenen Fähigkeit sich zu beruhigen bezahlt werden muss. Sie führt damit langfristig zu einer Zunahme der Ängste und Symptome.

Arztbesuche sollten besser in größeren Abständen erfolgen und die Diagnostik sollte unnötige Wiederholungen aufwändiger Untersuchungen vermeiden. Dies dient auch der Besserung des Verhältnisses zwischen Arzt und Patient. Denn nach anfänglichem Ehrgeiz doch die entscheidende körperliche Krankheit bei den Patienten zu entdecken und sich damit den bisherigen Behandlern überlegen zu zeigen, tritt später bei vielen Ärzten eine Frustration und Verärgerung gegenüber den Patienten ein. Hinzu kommt der Aspekt, dass wiederholte aufwändige Diagnostik auch Nebenwirkungen haben kann und erhebliche Kosten verursacht.

Doppelte Behandlungskosten
Das ZDF-Magazin "Frontal21" berichtete kürzlich, dass "jeder fünfte Arztbesuch auf jemanden zurück gehe, der unter körperlichen Beschwerden leide, die organisch nicht nachweisbar seien. Schon bei Patienten mit 'einfachen Gesundheitsängsten' so Professor Dr. Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg steigen die jährlichen Arztkosten auf rund 6.000 Euro - das Doppelte der Behandlungskosten für einen Durchschnittspatienten.

Vermeiden Sie den Begriff "Hypochondrie"
Meist ist es nicht sinnvoll bei den Patienten mit dem durch seine Geschichte sehr vorurteilsbelasteten Begriff "Hypochondrie" die Behandlung mit der Nennung dieses Wortes einzuleiten. Die Beschreibung einer gesteigerten Aufmerksamkeit auf den Köper und vermehrter Gesundheitsängste ist die bessere und verständlichere Diagnose. Unzweifelhaft müssen in der Behandlung auch die bisherigen Symptome und medizinischen Befunde besprochen werden. Ein entsprechender Therapeut sollte medizinisch geschult sein und dem Patienten helfen, seine Symptome auch medizinisch verstehen zu können. Auch auslösende Stressoren und der Umgang damit, bedürfen der Beachtung in der Behandlung.

Muskelrelaxation oder andere Entspannungstechniken sind hilfreich, als alleinige Behandlung meist jedoch nicht ausreichend. Alternativmedizinische Behandlungen scheinen wenig sinnvoll. Diese können zwar – ähnlich wie die auf die körperlichen Symptome ausgerichteten sonstigen ärztlichen Behandlungen – eine kurzfristige Besserung bewirken, beinhalten aber wie letztere ein erhöhtes Risiko der Chronifizierung und des verstärkten Wiederauftretens der Symptome.

Kognitive Verhaltenstherapien haben sich als wirksam erwiesen. Auch ein Konfrontationstraining mit Vermeidung der sonst vorhandenen Beruhigungs-Rituale gilt als hilfreich und sinnvoll. Zu anderen Psychotherapieformen liegen noch keine kontrollierten Studien vor. Bestimmte Antidepressiva (SSRI) bewirken bei 70 bis 80 Prozent der Patienten eine Symptombesserung, sie sollten beim Ansprechen auf das Krankheitsbild aber mindestens ein Jahr gegeben werden.

Spezielles Behandlungskonzept an der Uni Mainz
An der Universität Mainz gibt es seit fünf Monaten ein spezielles Behandlungskonzept , das sich bereits bewährt habe, sagte die stellvertretende Leiterin der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie, Gaby Bleichhardt. Bei der Behandlung würde unter anderem versucht, die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren. In einer Verhaltenstherapie sollen die Patienten lernen, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, erklärte die Forscherin. Die ständige Selbstkontrolle des Körpers solle dabei nachlassen.

Autor: Karl C. Mayer

Quelle: freenet.de
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