Ihre Nase als Türsteher

21.10.2011 - 12:00 Uhr

Die Nase ist das reinste Bergwerk. Wenn Sie wüssten, würden Sie weniger bohren und viel mehr pflegen.

Dann wäre was da unter Tage so alles los ist, auch endlich Schluss mit Schnupfen. Man sieht sie morgens als erstes beim Zähneputzen und abends vorm Schlafen das letzte Mal. Sie gehört zu uns und ist immer da. Aber ist sie uns deshalb auch besonders nah, unsere Nase? Dr. Thomas Grundmann, Oberarzt am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf, schüttelt bedauernd den Kopf: „ Die Menschen pflegen doch alles Mögliche, bloß nicht ihr Riechorgan.“ Auch die internationale Forschergemeinde ließ die Nase lange links liegen.
Dabei ist sie ein Schwerstarbeiter unter den Organen, der immer im Verborgenen schuftet. Sie stiftet mehr Partnerschaften als alle Flirtshows zusammen, arbeitet als Luftbefeuchter, leitet die Hauptarbeit beim Schmecken. Sie entscheidet in letzter Konsequenz sogar über Leben oder Tod. Aber Männer sehen in Ihr immer nur einen Abstellplatz für ihre Brille oder eine Grube, in der man an der Ampel ein bisschen schürfen kann. Obwohl – das mit dem Bergwerk ist gar nicht so verkehrt …
Luftversorgung in der Grube
Die wichtigste Aufgabe der Nase ist, die Atemluft aufzunehmen. Dabei wird sie angefeuchtet und erwärmt. Wie wichtig das ist, zeigt sich darin, dass Mundatmer viel schneller und öfter erkältet sind. Ein Erwachsener pumpt auf diese Weise täglich mehr als 40000 Liter Luft durch sein Riechorgan – das entspricht dem Fassungsvermögen von 40 Einfamilien-Schlauchbooten mit einer Länge von je vier Metern.
Schachteinfahrtkontrolle
Die Nase übernimmt jedoch nicht nur die Aufgabe einer einfachen Klimaanlage. Sie bewacht auch den Eingang zur Lunge vor unerwünschten Eindringlingen. Dort soll schließlich nichts als die reine Luft landen. Die Nasenhaare filtern größere Brocken aus der Luft, und die Nasenschleimhaut schnappt sich das kleinere Gekröse. Sie organisiert die Verteidigung gegen Erreger wie Bakterien, die schnell erkannt und dann von der körpereigenen Breitband-Immunabwehr niedergewalzt werden. Auch die spezifische Abwehr mit Antikörpern wird von der Nase organisiert. Überreaktionen rufen jedoch Allergien hervor: Dann wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen.
Giftgaswarnung im Stollen
Als Geruchsorgan ist die Nase nichts anderes als „ein vorgelagertes Stück Gehirn“, erklärt Thomas Grundmann, „der Geruch geht direkt in die Zentrale. Der Vorgang ist kaum bewusst gesteuert.“ Und das ist gut so, besonders wenn gefährliche Gerüche wie giftige Gase oder etwa Brandgeruch blitzschnell erkannt werden sollen. Schon beim Säugling ist der Geruchssinn hoch entwickelt, während Sehen und Hören noch gelernt werden müssen.
Menschen haben zwar keine Supernasen wie Hunde, aber wenn man die reinen Zahlen betrachtet, sind die humanen Leistungen trotzdem fantastisch. Menschen erkennen 1/200 Millionstel Gramm Rosenöl und sogar 1/2000 Millionstel Gramm Moschustinktur. Den Veilchenduft Jonon erkennt der Homo sapiens bereits bei einer Verdünnung von 0,0000000003 Gramm pro Liter Luft. Da kann man nicht meckern. Die Riechabteilung liegt im oberen Bereich des Nasenraums und besteht aus zehn Millionen arbeitswütigen Zellen.
Sie ist direkt verbunden mit dem „Riechkolben“ (Bulbus olfactorius), eine zwiebelförmige Auftreibung, die die Nervenbahnen der Riechzellen enthält. Und die schießen die Information weiter in verschiedene Teile des Gehirns. Welche Teile in welcher Reihenfolge angesprochen werden, das ist noch nicht endgültig geklärt. „Die Nase ist eben untererforscht“, sagt Thomas Grundmann.
Streckenvortriebsmaschine
Die Zunge kann grundsätzlich nur vier Geschmacksrichtungen erkennen: süß, sauer, salzig und bitter. Okay, kürzlich haben die Forscher auch noch die Kategorie „Umami“ für das Schmecken von Glutamat entdeckt. Aber dann ist für die Zunge endgültig Schluss. Die ganze restliche Arbeit verrichtet das Geruchsorgan. Das Gehirn mixt dann die Nasen- und Zungenerkenntnisse zu einem gemeinsamen Geschmackserlebnis zusammen. Ohne Nase könnten wir uns Gewürze wie Pfeffer, Curry und die Bandbreite der Küchenkräuter getrost sparen.
Kontakt mit der Grubenwarte
Kommunikation per Geruch ist schon im Pflanzenreich nachgewiesen: So senden Bäume, deren Blätter angeknabbert werden, einen Angstgeruch aus. Nahe stehende Bäume derselben Art können diese Information verarbeiten und leiten Bitterstoffe in ihr Grünzeug. Und bei Schmetterlingen reicht ein Molekül ihrer spezifischen Pheromone (Sexual-Duftstoffe), um sich spontan zu verlieben. Beim Menschen stellen die Ausflüsse der Schweißdrüsen unter den Achseln den (unbewussten) Kontakt zum Gehirn anderer Menschen her – vor allem denen des anderen Geschlechts. Die ursprünglich unriechbaren Lockstoffe werden dort von Bakterien in moschusartige Düfte umgewandelt. Während der einwöchigen Reifungszeit der Eizelle geben Frauen verstärkt das Pheromon Androstenol ab. Es ist das „Jetzt kann’s losgehen“-Signal an alle potentiellen Begatter.
Weil sich der Mechanismus schon bei Reptilien, Mäusen und Pferden bewährt hat, wurde er auch beim Menschen eingebaut – lange, bevor die Ausbildung eines Kindes eine Viertelmillion Mark verschlang. Wer trotzdem unbedingt ein Kind möchte, braucht sich eigentlich nur auf seine eigene Nase zu verlassen und muss keine Tage abzählen. Das Androstenol wirkt gleich mehrfach. Die Menschenweibchen nehmen es zum Eisprung besonders stark wahr. Sie empfinden sogar die riechbaren Abbauprodukte als angenehm. Doch während der Menstruation und während
der Schwangerschaft wird es kaum noch erkannt – und nach einer operativen Entfernung der Eierstöcke gar nicht mehr. Für die Erkennung nicht riechbarer Substanzen wie etwa das
Androstenol ist das erst vor ungefähr zehn Jahren entdeckte Vomeronasale Organ (VNO) zuständig. Dieser sechste Sinn ist eine winzige Nase in der Nase. Lange Zeit hielt man das VNO für verkümmert, ein nutzloses Rudiment. Es mehren sich aber die Zeichen, dass auch wir von den nicht riechbaren Pheromonen gesteuert sind. Erst Ende August dieses Jahres veröffentlichte der US-Forscher Peter Mombaerts den Fund eines Gens in der Nasenschleimhaut, das bei den Mäusen als Pheromon-Rezeptor arbeitet. Er fand das V1RL1-Gen auch im Vomeronasalen Organ des Menschen.
Anbaggern 1
Verliert ein Hund den Geruchssinn, dann hat er auch keine Lust mehr auf läufige Hündinnen. Er legt sich in die Ecke, wartet auf sein Chappi, und schon wieder ist ein Tag vorbei. Beim Menschen ist es nicht ganz so extrem. Aber der Sex wird mehr durch die Nase gesteuert, als uns allen vielleicht lieb ist. Da kann man sich schon fragen: Wozu all die Wascherei? Denn Körpergerüche törnen an. Das hat die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld bei einer Umfrage unter mehr als 400 Personen festgestellt. In der Geruchsvorlieben-Topografie wird von „Hinter-dem-Ohr“ bis zur „ Gesäßspalte“ kein Quadratzentimeter Mensch ausgelassen. Nur den Fußgeruch empfand keiner als stimulierend.
Anbaggern 2
Bei einem Test sollten Frauen den Schweißgeruch von getragenen T-Shirts beurteilen. Und immer fanden sie den Geruchsträger am sympathischsten, dessen Immungene sich am meisten von denen der Schnieferin unterschieden. Je größer die Unterschiede, desto mehr Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich, wenn Mutti und Vati beim Kindermachen ihre Gene zusammenlegen. Damit wachsen die Chancen des Nachwuchses, mit der körpereigenen Abwehr Krankheiten niederzuringen. Sind Frauen jedoch schwanger, erschnüffeln sie lieber jemanden mit ähnlicher Immunabwehr – ein Verwandter wird sie eher bei der Brutpflege unterstützen, aber nicht ständig auf Sex aus sein.
Das Problem: Nimmt eine Frau die Antibabypille, befindet sie sich hormonell gesehen ständig in einer Art Scheinschwangerschaft. Die Folge ist, dass Pillen-Frauen sich, zumindest für die Fortpflanzung, falsche Partner aussuchen. Auf diese Weise unterminiert die Pille alle Vorkehrungen der Natur, für gesunde Nachkommenschaft zu sorgen. Denn erschwerend kommt hinzu, dass es bei Partnern mit ähnlichen Immungenen weitaus seltener zur Befruchtung der Eizelle kommt als im Normalfall. Und dass viele der Föten die ersten drei kritischen Monate im Mutterleib nicht überleben. Da entscheidet eine Nasenlänge mitunter über Leben oder Tod.
Glückauf!
Eine völlig unterschätzte Eigenschaft der Nase ist ihre Verwendung zur Kontaktaufnahme mit Naturvölkern. Ohne ihren Zinken kriegen Sie zum Beispiel garantiert keine Eskimo-Frau rum. Schon der Naturforscher Charles Darwin stellte im letzten Jahrhundert fest, dass die Ureinwohner der Arktis auf das Küssen verzichten. Stattdessen reiben sie die Nasen aneinander. Ähnlich ist es bei den Maori in Neuseeland, nur dass dort mehr gedrückt als gerieben wird.
Kumpel Johannes
„An der Nase eines Mannes erkennt man sein’ Johannes“, seinen besten Freund – also seinen Penis (für die Ahnungslosen). Was ist dran an diesem Spruch? Das wurde empirisch untersucht. Ergebnis: Mumpitz. Doch es sollen vage Zusammenhänge zwischen Schuhgröße und Penislänge festgestellt worden sein. Aber das ist eine andere Geschichte.
Pflege über Tage
1. Mitesser entfernen
Sie entstehen in verengten Talgdrüsenkanälen. „Blackheads“ sind offen und können durch leichten Druck geleert werden. Der schwarze Punkt ist kein Schmutz, sondern der Hautfarbstoff Melanin. „Whiteheads“ sind durch eine Verdickung der Hornschicht verschlossen, so dass der Talg nicht abfließen kann. Mit Reinigung gegensteuern, aber alkoholhaltige Wässer meiden. Es gibt seit längerer Zeit Strips mit Beschichtung, die angefeuchtet auf die Nase gepappt und nach zehn Minuten entfernt werden. So werden viele Mitesser aus der Haut gezogen.
2. Säufernase behandeln
Die Talgdrüsen beginnen mitunter zu wuchern – im schlimmsten Fall wächst so ein Rhinophym auf die gleiche Größe wie die Nase heran. Der Arzt schneidet die Wucherungen einfach weg, bald sieht die Nase wie neu aus. Bei Weintrinkern tritt das Rhinophym häufiger auf.

Quelle: 2011 Men’s Health – Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG
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