Keks-Nascherei mit Folgen

Keks-Nascherei mit Folgen
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Keks-Nascherei mit Folgen

von Karl C. Mayer

Opa kann zu Weihnachten plötzlich nicht mehr pinkeln, die Mutter bekommt Schweißausbrüche und die Enkeltochter ist high. So könnte durchaus das Ergebnis übermäßigen Genusses würziger Weihnachtskekse sein. Der Übeltäter: Muskatnuss.

Zur Weihnachtszeit vor drei Jahren veröffentlichte die Schweizer Zeitschrift [LINK "http://www.medicalforum.ch" ]Swiss Medical Forum einen Artikel über eine Theologiestudentin, die an einem Adventsnachmittag nach dem Verzehr mehrerer selbstgebackener Kekse plötzlich von Schwächegefühl mit Schweißausbruch geplagt wurde und Todesangst bekam. Der herbeigerufene Notarzt musste allerdings nicht eingreifen, da die Symptome von alleine wieder abklangen. Er diagnostizierte aber eine leichte Vergiftung mit "Nervenplätzchen". Auslösender Übeltäter der Backmischung, die Hildegard von Bingen zugeschrieben wird: Muskatnuss.

Gefährliche Nascherei
Eine kleine Internetrecherche ergibt: Das Rezept für die Nervenkekse der Hildegard von Bingen ist weit verbreitet (etwa 200 Suchmaschineneinträge). Das Rezept enthält überwiegend 45 bis 50 Gramm Muskatnuss pro Kilogramm Teig. Bei dieser Menge ist ab 100 Gramm Keksen mit Vergiftungssymptomen zu rechnen. Etwa die Hälfte der Seiten enthält den Hinweis, dass man sich auf drei bis sechs Kekse beschränken sollte. Ein Grund wurde auf keiner der von mir besuchten Seiten genannt.

Vorsichtsmaßnahmen für Risikogruppen (entsprechend den Kontraindikationen für Arzneimitteln) finden sich auf keiner Seite. Oft zitiert wird dagegen Hildegard von Bingen, wonach die Muskatnuss das Herz des Menschen öffne, schädlichen Säfte vermindere, alle Bitterkeit dämpfe, gegen Behäbigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten helfe und überhaupt ein Frohmacher sei.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Schweizer Autoren berichteten, dass Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) die Muskatnuss selbst wohl nicht kosten konnte, da diese erst im 16. Jahrhundert im großen Umfang nach Europa gebracht wurde.

Die Frucht des Muskatbaums ist mit Vorsicht zu verbacken. Nach übermäßigem Muskatnusskonsum ist mit verschiedenen – medizinisch anticholinergen genannten – Nebenwirkungen zu rechnen.

Die Rauschwirkung der Nervenkekse ist ab etwa fünf Gramm Muskatnuss zu erwarten. Das entspricht circa 100 Gramm dieser Plätzchen. Zu rechnen ist mit Störungen der Bewegungskoordination, Ruhelosigkeit und Erregung bis hin zu Sinnestäuschungen. Die Fahrtüchtigkeit kann beeinträchtigt sein. Vegetative Nebenwirkungen wie Verschwommensehen, Pulsbeschleunigung, Pupillenerweiterung, heiße, trockene gerötete Haut, Fieber, Mundtrockenheit und Verstopfung sind häufig.

Starke Vergiftung kann zu Koma führen
Bei massiver Vergiftung kann sogar ein Delirium und Bewusstlosigkeit auftreten. Bei Männern mit Prostatavergrößerung kann es zu Harnverhaltung kommen, das heißt sie können trotz Harndrang nicht urinieren. Bei Menschen, die am grünen Star leiden, kann es zu einer Erhöhung des Augendruckes (Engwinkelglaukom) bis hin zum Glaukomanfall kommen.

Bei gesunden Menschen wird die leichte Vergiftung außer einem leichten Trunkenheitsgefühls wenig Schaden am Hirn anrichten. Bei beginnender Demenz kann das Resultat aber ein Verwirrtheitszustand sein. In den meisten Fällen werden sich – auch bei übermäßigem Konsum – die Symptome wie beschrieben von alleine wieder bessern. Bei Menschen mit Prostatavergrößerung, beginnender Demenz, erhöhtem Augendruck und bei Autofahrern sind aber auch schlimmere Folgen möglich.

Rezepte müssten eigentlich Beipackzettel haben
Viele Medikamente haben dieselben anticholinergen Nebenwirkungen wie Muskatnuss in größerer Menge. Bei Medikamenten finden sich auf dem Beipackzettel jeweils die oben genannten Hinweise auf die Risiken und Nebenwirkungen. Solche Medikamente sind verschreibungspflichtig, der verordnende Arzt weiß in der Regel, ob eine Prostatavergrößerung oder eine Erhöhung des Augendruckes vorliegt.

Bei esoterischen Rezepten aus dem Internet fehlen bedauerlicherweise regelmäßig entsprechende Hinweise. Die betäubende Wirkung von Nervenkeksen ist wegen der unangenehmen Begleitwirkungen im übrigen wenig attraktiv.

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